Für ihr Buch »Schnitte in
Raum und Zeit«, das Gabriele Voss im November
veröffentlichen wird, hat sie unter anderem deutschsprachige
Editoren zu ihrer Arbeitsweise befragt und das Material nach
Arbeitsschritten montiert. Im folgenden ein Vorabdruck zum Thema
»Exposition«.
Das Versprechen am
Anfang
Gabriele Voss
Material zusammenstellen, das
Finden eines Ablaufs, die ersten Einstellungen, womit fängt man
an? Mit der Frage nach dem Anfang kommt auch der Zuschauer ins Spiel.
Über die Erzählweise des Films schon am Anfang mit dem
Zuschauer eine Verständigung herstellen &endash; das Versprechen
für das Folgende. Der Zuschauer weiß am Anfang nichts und
im Laufe des Films nur das bis dahin Gesehene. Er kennt keine Namen,
Schauplätze sind für ihn fremd, er weiß nicht, was
sonst noch gedreht wurde, was ein Protagonist an anderer Stelle
erzählt hat, die nicht im Film sein wird. Man kommt nicht umhin,
am Anfang eine Setzung zu machen, man etabliert die Haltung, mit der
im Film erzählt werden wird. Gibt es allgemeine Kriterien eines
guten Anfangs und einer guten Exposition?
Elfi Kreiter:
Ich fange beim Anfang an, der
ist sehr wichtig. Man muß den Zuschauer interessieren, egal
wie. Es gibt doch so ein kleines Büchlein: Romananfänge. So
viele- Romananfänge es gibt, so viele Film-anfänge gibt es
auch. Den richtigen Einstieg zu finden, ist oft nicht leicht. Man
merkt aber sofort, wenn etwas nicht stimmt. Wir sagten dann: Der Film
sträubt sich. Da muß man aufpassen und die ersten -Minuten
sehr kritisch betrachten. Man muß so einsteigen, daß es
den Zuschauer sofort interessiert. Man verspricht etwas am Anfang,
und das muß man dann im Laufe des Films auch einlösen. Der
Anfang muß die weitere Entwicklung ermöglichen.
Wolfgang Widerhofer:
Ich habe eine erste
Einstellung, die die Geschichte etabliert, und dann gehe ich ganz wie
ein Zuschauer vor. Ich montiere ein zweites Bild, und mit dem dritten
beginnt dann die kompliziertere Kombinationsaufgabe. Wenn ich
Glück habe, weiß ich schon, was die letzte Einstellung
ist, und dann baue ich dazwischen die Bewegung. Ich habe ein
Grundgefühl und eine Liste, wie es ungefähr funktionieren
könnte.
Beate
Mainka-Jellinghaus:
Anita G. sitzt zum Beispiel bei
dem Film Abschied von Gestern mit Lockenwicklern in der
Küche und ißt. Wer kommt auf die Idee, so etwas an den
Anfang zu stellen? Man lernt dadurch die Person kennen. Man schaut
sie an, wie sie ißt, wie sie ausschaut, da kann man sich schon
auf die Person einstellen. Mir geht es wenigstens so. Es sind
Kleinigkeiten, die man erkennen und dann auch ins Bild stellen
muß. Das Gefühl dafür muß man in sich haben.
Ich finde Perfektion etwas unglaublich Langweiliges. Und wenn man
jetzt das ganze Material im Regal hat und es anschaut, dann kann das
Wetter eine Rolle spielen, und man fängt damit an. Der Anfang
ist entscheidend, dann läuft der Film. Es muß nur gehen,
es muß gut ausschauen, und der Zuschauer muß mitmachen.
Und es muß überraschend sein. Ich darf nicht langweilen,
und ich darf nicht überfordern. Dann kann ich alles nehmen, dann
kann ich alles machen.
Peter Przygodda:
Das Schwierigste ist der
Anfang. Wenn man den Anfang hat, ergeben sich die folgenden Szenen
meistens sehr folgerichtig. Es kann aber passieren, daß man
hinterher feststellt: Das ist ein völlig falscher Trip. So ist
es. Es bleibt offen, und man muß immer wieder versuchen sich zu
korrigieren. Der spielerische Umgang mit dem Material macht mir auch
Spaß, bei allem inhaltlichen Ernst und trotz aller Umwege, die
man manchmal macht. Man fühlt doch im Bauch, was
zusammenpaßt.
Wolfgang Widerhofer:
Ich finde die Anfänge von
Filmen immer viel spannender als die Enden. Enden sind furchtbar,
entweder gibt man zuviel, dann hat man es zu sehr geschlossen, oder
man gibt zuwenig, dann sind die Leute frustriert. Beim Anfang kann
man dagegen auslegen. Man betritt einen Raum zum ersten Mal, den man
noch nie vorher betreten hat. Deswegen finde ich die Anfänge von
Filmen meistens viel spannender. Wenn ich den Anfang kenne,
weiß ich, wie der Film läuft und meistens auch schon, wie
er enden wird.
Bettina Böhler:
Sowie man die ersten zwei
Bausteine hat, findet sich manchmal auch eine bestimmte Logik, bei
der sich das eine aus dem anderen entwickelt und man dann Stein auf
Stein zusammensetzt. Ich arbeite auch schon mit
Einstellungsgrößen und überlege, in welchem Moment
ich eine Totale nehme, in welchem Moment ich näher ranschneide
oder einen Rücksprung mache. Das sind Entscheidungen, die im
Moment getroffen werden. Wenn man erstmal zwei Einstellungen
hintereinander hat, merkt man schon, was die Szene verlangt und wie
es weitergehen soll. Oft ist es spannender, mit näheren
Einstellungen anzufangen. Im Fernsehen sieht man oft einen
sogenannten Establisher, damit sagt man: Hier sind wir, da sitzen die
Figuren. Dann geht man näher heran. Ich finde das ziemlich
langweilig. Unter Umständen ist es spannender, mit näheren
Einstellungen anzufangen und dann für den Zuschauer den Raum zu
erschließen. Dafür gibt es aber keine Regeln. Es
hängt davon ab, was erzählt werden soll, und natürlich
auch davon, was für ein Material gedreht worden ist. Wenn viel
mit bewegter Kamera gedreht worden ist, dann ist es eine ganz andere
Arbeit. Da muß man dann gucken, wie es fließt. Es ist
wirklich ein sehr großer Unterschied, ob mit fester Kamera oder
beweglicher Kamera gedreht wurde. Manchmal wird auch beides
kombiniert. Es gibt heute auch Leute, die die Kamera ständig ein
bißchen bewegen. Es wird immer mehr mit Handkamera gedreht,
obwohl sich theoretisch nicht unbedingt etwas bewegen muß in
der Einstellung. Aber man hat durch die Bewegung ein schwebendes
Gefühl. Manchmal finde ich das übertrieben und gerade auch
für den Schnitt störend. Man ist dann abhängig von
diesen minimalen Bewegungen der Kamera. Man muß an einer
bestimmten Stelle schneiden, weil noch eine kleine Bewegung kommt,
die für den Schnitt total störend ist. Manchmal wäre
es inhaltlich oder auch stilistisch besser, die Kamera auf ein Stativ
zu stellen. Das sind Entscheidungen der Regisseure und Kameraleute,
aber das sind Probleme, mit denen wir auch zu tun haben.
Wolfgang Widerhofer:
Den sogenannten Establishing
Shot würde ich erst viel später bringen, wenn
überhaupt. Die erste Einstellung ist dennoch ungeheuer wichtig.
Ich verstelle am Anfang auch gern den Raum und baue ihn dann im
nachhinein. Ich halte mich nicht daran, daß man zuerst den Raum
etabliert, dann die Person und dann den Konflikt. Für mich kann
sich das völlig umdrehen. In der China-Episode des Films
Elsewhere sieht man in der ersten Einstellung nur eine alte
Frau, und man hört Kinderstimmen und Tiere aus dem Off. Der
Gegensatz von Eingeschlossen-Sein in einem dunklen Raum und Stimmen
von draußen erzeugt Neugier darauf, wie es draußen
ausschaut. Damit ist auch das Generationen-Thema angestimmt: die
Großmutter, die man drinnen sieht, und die Stimme des
Enkelkindes aus dem Off. Die Frage der Generationen wird später
wieder auftauchen, inhaltlich wird das Thema aber schon mit dem
ersten Bild etabliert. Und auch die formale Seite wird mit der ersten
Einstellung etabliert, das Ganze wird eher kubistisch
aufgeblättert, Stück für Stück werden die
Perspektiven ausgelotet. Diesen Einstieg mag ich gern, das ist eine
meiner Lieblingspassagen geworden.
Brigitte Kirsche:
Anfänge und Enden zu
finden, ist wahnsinnig schwer. Ich mochte immer gerne Interviews. Ich
habe sehr gerne zugehört und fand interessant, was die Leute
erzählten. Also habe ich die Einleitung bei dem Film Nachrede
auf Klara Heydebreck folgendermaßen geschnitten: Die Leute
in dem Haus, in dem Klara Heydebreck sich umgebracht hat, haben sie
nicht gekannt. Der Arzt, der nach ihr schauen sollte, hat sich nicht
richtig um sie gekümmert. Ihr Neffe wohnte zwar in der
Nähe, aber er hat auch nur gesagt: »Tante, so kann das
nicht weitergehen mit dir, du kannst hier nicht bleiben, du schaffst
gar nicht mehr die Treppen.« Dann kam Eberhard Fechner, und ich
habe gesagt: »Guck es dir mal an.« Er hat sich das
angesehen und gesagt: »Ja, das können wir so machen.«
Von da aus erzählen wir das Leben, und am Schluß wissen
wir vielleicht, warum sich Klara Heydebreck umgebracht hat.
Dokumentarisches Material ist oft spröde. Bei dem Film Die
Comedian Harmonists war es mit dem Anfang relativ leicht, da
hatten wir die Musik zur Hilfe. Eberhard Fechner hatte eine
Schallplatte und einen Plattenspieler von hier mitgenommen. Damit
fuhr er zu den einzelnen Mitgliedern der ehemaligen Truppe und legte
eine ihrer Platten auf. Die haben das gehört und sofort
angefangen zu erzählen. Solche Aufnahmen wurden mit allen
gemacht. Am Anfang des Films sieht man eine Frau in einem
Hotelzimmer, und man hört einen Schlager aus den 20er Jahren,
sentimental, wunderschön gesungen. Die Frau sitzt da, ihr laufen
die Tränen, und sie hört sich das an. Dann schneide ich
hart auf Robert Biberti, das war der Baß der Truppe, der sagt:
»Das traf die Leute völlig unerwartet und brachte uns sehr,
sehr große Erfolge ein.« Damit fängt der Film an.
Dann wird gesagt: »Dieser Musikstil erforderte ein gewisses
Können von der Stimme her, vom Geschmack her, vom Arrangement
her, von der Bewegung und der Erscheinung auf der Bühne her.
Alles mußte stimmen.« »Und in dem Sinne waren wir,
darf ich sagen, recht erfolgreich«, sagt dann Roman Cycowski in
Amerika, »weil das Wichtigste waren die Comedian Harmonists,
nicht Biberti, nicht Cycowski, nicht Frommermann, die Comedian
Harmonists, und das haben alle eingesehen, und deshalb haben wir
harmoniert als Menschen, und wir haben gut zusammen gelebt.« Am
Anfang erzählen fünf verschiedene Leute, die nicht die
Frage gestellt bekommen haben, wie ist es eigentlich dazu gekommen?
Sie erzählen einfach aus der Erinnerung. Die einzelnen
Anschlüsse mußte ich im Material suchen, die waren nicht
in chronologischer Reihenfolge vorhanden, das ist klar. Aber dadurch,
daß ich danach
suchte, fügte sich plötzlich auch eine Chronologie. Das ist
natürlich auch die Kunst der Kamera, die sich auf die Gesichter
konzentriert und den Raum tötet. Dann kann der Eindruck
entstehen, daß alle an einem Tisch sitzen und miteinander
sprechen. Und wenn es klappt, hat man auch die Zuschauer auf seiner
Seite.
Barbara Hennings:
Man kann auch Fehler machen
oder Möglichkeiten übersehen. Es geht nicht um Fehler im
herkömmlichen Sinn. Wenn die Montage einer Szene oder einer
Sequenz nicht gelungen ist, dann muß man einfach nochmal anders
herangehen, anders gucken, andere Aspekte herausarbeiten. Das
heißt zu sehen, was man besser machen kann. Das ist dann oft
der zweite Blick auf das Material oder auch der dritte oder vierte.
Durch Kleinigkeiten kann man Gewichte verschieben. Das ist eine
spannende Sache. Und das sind die Möglichkeiten des
Schnitts.
Brigitte Kirsche:
Wir sehen heute andauernd
Bilder, und dabei nehmen wir unwillkürlich auf, was man machen
muß, wenn man Bilder zeigen will. Was ich sehen will, will der
Zuschauer auch sehen. Das heißt aber nicht: Was ich kenne,
kennt der Zuschauer auch, ich brauche es nicht zu zeigen! Was
muß der Zuschauer sehen? Darüber muß man nachdenken.
Muß er etwas Bestimmtes sehen, um sich an einem Schauplatz
zurechtzufinden? Der Zuschauer braucht immer ein bißchen mehr
als man selbst. Man hat es schon gesehen, der Zuschauer aber nicht.
Er sieht immer nur den Ausschnitt, den die Kamera zeigt. Das wird oft
vergessen.
Bettina Böhler:
Letztendlich nehmen wir die
Position des Zuschauers ein. Das, was ich aus einer Szene mache,
muß ein Zuschauer nachvollziehen können. Es muß
nicht unbedingt jeder Idiot verstehen, wenn man das so sagen darf,
aber es ist klar, was ich damit meine. Man versetzt sich als Editor
immer in die Position des Zuschauers. Das ist beim Dokumentarfilm
unter Umständen noch extremer als beim Spielfilm, weil
Zusammenhänge, die erzählt werden, oft komplexer sind und
für den Zuschauer schwerer zu verstehen. Man ist als Editor auch
für den Regisseur derjenige, der fragt: Was haben die Dinge
für einen Zusammenhang? Der Dialog darüber ist sehr
wichtig, denn der Regisseur, der sich mit dem Thema des Films schon
sehr lange beschäftigt hat, weiß sehr viel, aber er
muß sich immer vorstellen, daß die Zuschauer das nicht
wissen. Und der Editor weiß es eben auch nicht, darum ist man
als Editor ein Korrektiv.
Sehr wichtig ist aber auch die Perspektive. Heute gibt es oft
Unklarheiten in der Erzählweise. Man bleibt an der Geschichte
oder an den Figuren, wenn die Erzählperspektive klar ist, wie
man so schön sagt. Als Zuschauer läßt man sich auf
eine bestimmte Perspektive ein, und wenn dann willkürlich die
Perspektive wechselt, weil die Kamera plötzlich woanders
hinspringt, ist man als Zuschauer unbewußt irritiert. Die
Respektierung der Perspektive ist sehr wichtig. Wenn im Vordergrund
irgend etwas ist, und der Protagonist oder das, worum es gerade geht,
ist halb verdeckt, dann frage ich mich: Geht es um den Menschen, den
ich sehe, oder geht es um den, der beobachtet? Dann stelle ich fest:
Der Unterschied ist gar nicht gemeint, die Einstellung ist nur so
gedreht, damit das Bild interessanter aussieht. Ich finde das albern,
ehrlich gesagt. Und nicht nur albern, denn dadurch entsteht oft ein
Mangel an Emotion den Figuren gegenüber. Emotion ist sowieso das
Stichwort, denn darum geht es beim Film. Filme werden gemacht, um
Emotionen zu erzeugen und dadurch eine Geschichte nahezubringen.
Dafür ist der Schnitt enorm wichtig, denn durch die Kombination
der Bilder kann man völlig andere Emotionen erzeugen, als die
Bilder an sich schon ausdrücken. Das ist ein Kernpunkt bei
dieser Arbeit.
Beate Mainka-Jellinghaus:
Wichtig ist, daß der
Zuschauer mitgeht. Wie ein Film montiert ist, ob der Schnitt stimmt,
ob ein Bild springt oder so etwas, das spielt überhaupt keine
Rolle. Es geht immer um die Sache. In der Montage geht es immer
darum, halte ich das Interesse am Film aufrecht oder nicht.
Voss, Gabriele (2005) Das Versprechen am Anfang. In: Schnitt, Nr. 40,
4/2005, S. 18-21. Textauszüge aus: Voss, Gabriele (HG.) (2005)
Schnitte in Raum und Zeit. Gespräche und Notizen zur Filmmontage
und -dramaturgie. Berlin: Vorwerk 8.