Der französische Editor Hervé Schneid ist seit Delicatessen bis heute künstlerischer Weggefährte von Jean-Pierre Jeunet. Nikolaj Nikitin und Oliver Baumgarten sprachen mit ihm über die Form ihrer Zusammenarbeit und Hervé Schneids Montagemuster.

Dienst am Film
Interview mit Hervé Schneid von Nikolaj Nikitin und Oliver Baumgarten


Dein Nachname spiegelt im Deutschen Deinen Beruf passend wider, wußtest Du das?
Das geht zurück auf meine Großeltern, die damals in Polen als Schneider tätig waren. Demnach paßte der Nachname auch zu ihrem Beruf. Ich führe diese Tradition also irgendwie fort, wir alle schneiden, nur arbeiten wir eben mit anderen Materialien.

Wie kamst Du zum Filmschnitt?
Da mein Vater aufgrund des Krieges sein Medizinstudium abbrechen mußte, war es eine Art stillschweigende Übereinkunft, daß ich den Weg einschlug, den er verlassen mußte. Ich studierte also Medizin, fühlte mich aber von Beginn an nicht wohl in meiner Haut. Ich beschloß, mich der Fotographie zuzuwenden, denn das war eine Sache, die mich schon lange interessiert hatte. Nachdem ich mich an den entsprechenden Schulen umgeschaut hatte, mit den ganzen Prüfungen und so weiter, versuchte ich mein Glück beim Sohn eines Bekannten meines Vaters, der als Fotograph und Editor arbeitete. Er steckte zu dieser Zeit in den Vorbereitungen für einen Spielfilm und hatte keinen Lehrjungen. Als ich ihn anrief, meinte er nur: »Warum nicht? Du bist willkommen!«. Als er mich zwei Wochen später vom Flughafen abholte, fuhren wir direkt zum Schneideraum, der für die nächsten sechs Monate mein Zuhause sein sollte. Dort arbeitete ich sieben Tage die Woche, nahezu ununterbrochen. Eine wirklich einschneidende Erfahrung!

Wie würdest Du die Zusammenarbeit mit Jean-Pierre Jeunet beschreiben?
Die Dynamik zwischen Jean-Pierre und mir ist einmalig. Wenn wir zusammen im Schneideraum sitzen, dann überkommt uns im selben Moment das gleiche Gefühl. Jedes Mal, wenn wir einen Schnitt setzen, tun wir es bei exakt dem gleichen Frame. Wir suchen nicht nach der Stelle, die allen am meisten zusagt. Es ist, als befänden wir uns im gleichen Kopf, sobald wir den Schneideraum betreten. Das ist wunderbar! Das geschieht alles, ohne viele Worte zu verlieren. Hier und da müssen wir lachen, gesprochen wird hingegen eher wenig.

Die ersten fünf Minuten in Amélie sind wirklich beeindruckend. Sie erzählen die Erlebnisse von Amélie als kleinem Kind und von ihrer Mutter und das alles in kurzen geschlossenen Episoden. Das Timing ist großartig, und es ist witzig. War das eine Idee von Dir oder stand es im Skript?
Der fertige Film ist nahezu identisch mit dem Storyboard. Natürlich wurden ein paar kleine Veränderungen vorgenommen, Szenen vertauscht oder herausgeschnitten, damit alles so funktionierte, wie es funktionieren sollte. Aber Jean-Pierre ist ein wirklich gründlicher Mensch, er arbeitet eine Menge, bevor er sich ans Drehen macht. Er weiß sehr genau, was er machen will und wann er es machen will. Dann setzt er es im Film um. Wenn man sich z. B. Pas de repos pour Billy Brakko anschaut, findet man genau die Art von Szenen, die am Anfang von Amélie verwendet wurden. Oder etwa Amélies Träume und Ängste: sehr kurze Einstellungen, sehr schnelle Schnitte. Alles spielt sich blitzartig ab und hat diesen treibenden Rhythmus. Es hat den Anschein, als wären die Aufnahmen vor 15 Jahren gemacht worden und Jean-Pierre weiß genau um die entsprechende Wirkung. Das ist alles letztendlich eine Essenz aus den Filmen, die er selbst geschnitten hat.

Hattest Du jemals mit einem Regisseur zu tun, der Material vorbeibrachte und sagte: »Okay, schneide es, dann komme ich wieder!«. Du also gänzlich ohne fremde Einmischung arbeiten konntest?
Ich persönlich ziehe es vor, die Sache gemeinsam mit dem Regisseur zu diskutieren. Denn das Interessanteste ist für mich nicht der Schnitt an sich, sondern sich neuen Dingen zu öffnen und sich durch die Arbeit am Film weiterzuentwickeln. Wenn man also völlig eigenständig arbeitet, findet man nicht den Schlüssel zur Erschließung neuer Möglichkeiten. Es ist natürlich einfacher, alleine zu arbeiten, weil man nicht auf die Einwände einer zweiten Person eingehen, geschweige denn diese verstehen muß, sich also nicht in den Kopf des anderen zu versetzen braucht. Aber es ist auch um einiges uninteressanter.

Du hast zu Beginn Deiner Karriere Videoclips geschnitten &endash; hat Dich das irgendwie in Deiner Arbeit geprägt?
Das ist sehr lange her. Für Regisseure kann das durchaus spannend sein. Sie können herumtüfteln und innovativ sein. Für einen Cutter bleibt es hingegen bei den zwei, drei Locations, zwischen denen er hin- und herschneidet, sie mischt und mit immer kürzeren Schnitten verbindet. Ich persönlich denke, daß es total langweilig ist, deshalb nehme ich solche Aufträge heute nicht mehr an. Und rein ästhetisch finde ich es schrecklich, wenn Filme wie ein Musikvideo-Klon aussehen. Innerhalb eines Schnitts muß etwas liegen, eine Aussage oder ein Reiz, der die Geschichte vorantreibt und die Zuschauer fesselt. Videoclips sind bloß Bilder, die sich gegenseitig ablösen.

Wie stehst Du zur Theorie eines persönlichen Stils von Editoren?
Ich persönlich denke, daß es unmöglich ist, einen persönlichen Stil zu definieren, weil sich dieser mit jedem Film verändert. Als Cutter arbeitet man für einen Film und einen Regisseur, aber primär für den Film. Der Regisseur ist ohne Frage die entscheidende Instanz, es ist sein Universum, seine Vision. Dies mußt du mit deinen Mitteln ausdrücken. Das Wichtigste ist dabei, eben keine Spuren eines eigenen Stils zu hinterlassen, du mußt dem Film dienen. Trotzdem oder gerade deswegen ist das Entdecken neuer Ausdrucksmöglichkeiten und das Erweitern des persönlichen Horizonts eine der interessantesten Seiten des Filmschnitts.

Quelle: Schneid, Hervé (2005) Dienst am Film. Gespräch mit Hervé Schneid von Nikolaj Nikitin und Oliver Baumgarten. In: Schnitt, Nr. 40, 4/2005, S. 28-30.