Die Vertreibung aus dem
Paradies
Volker Schlöndorff zur Filmmontage im Gespräch mit Daniel
Bickermann
Sie haben mit vielen verschiedenen Editoren zusammengearbeitet.
Wie treffen Sie ihre Auswahl, such Sie für einen bestimmten
Stoff einen Editor mit einer bestimmten Sensibilität?
So bewußt ist das nicht immer. Wenn ich mit jemandem sehr gut
auskomme, dann würde ich am liebsten jeden Film mit ihm machen.
Nur leider wissen wir ja nicht immer, wann der nächste Film
kommt, und wenn man es dann weiß, steht der Betreffende nicht
mehr zur Verfügung. Nach Die verlorene Ehre der Katharina
Blum (1975) wollte ich wieder mit Peter Przygodda arbeiten, aber
er war dann bei Wim Wenders beschäftigt. Man kann diese
Kontinuität einfach nicht wahren. Deshalb ist es dann umso
schöner, wenn man sich ab und zu wiederfindet. Das ist dann wie
eine Neufindung.
Ist oder war die Arbeit mit Editorinnen anders als mit
männlichen Kollegen?
Nun ja, es gibt immer solche Männer und solche Frauen. Als ich
jung war, hatte ich Angst vor Frauen im Schneideraum. Ich dachte, die
könnten mich überfahren oder möchten zu sehr ihre
eigene Agenda durchziehen. Ich suchte dort einen Komplizen, einen
männlichen Komplizen. Und da ich auch großen Respekt vor
handwerklichen Traditionen hatte, habe ich zu Beginn meiner Karriere
mit Claus von Boro drei oder vier Filme hintereinander weg gemacht.
Später dann war es gerade umgekehrt: Vor allem mit Suzanne Baron
habe ich so oft wie nur möglich zusammengearbeitet, weil ich
mich gerade auf ihre Intuition verlassen konnte. Ich finde es immer
gut, wenn man jemanden hat, der sehr stark und selbständig ist
und nicht so ein Befehlsempfänger. Ich mache gerne das
Ausmustern mit dem Editor, und bei der Gelegenheit spreche ich
über den Film und gehe erst wieder hin, wenn er eine erste
Fassung fertig hat. Damit ich den Abstand habe. Früher
hätten mich keine zehn Pferde aus dem Schneideraum gebracht. Da
wurde auch noch mit Aceton geklebt und mit einer Rasierklinge
abgeschabt. Und ich saß immer da drin, ganz egal wie lang das
gedauert hat, konnte mir gar nicht vorstellen, nicht dabei zu
sitzen.
Viele Regisseure lassen den Editor erst eine komplette
Schnittfassung erstellen, bevor sie sich ihr Material wieder ansehen.
Andere hingegen lassen schon während der noch laufenden
Dreharbeiten Rohschnitte erstellen. Wo verorten Sie sich in diesem
Spannungsfeld?
Das mit den Rohfassungen ist alles erst durch die Digitaltechnik
möglich geworden. Früher war es einfacher, in der ganz
alten Zeit war ja der Editor vorher der Regieassistent, zu
Stummfilmzeiten. Er wußte also von daher schon, wie es
zusammenkommen sollte. Ich habe es immer sehr genossen, am
Schneidetisch dabeizusitzen und mir jede Einstellung vor und
rückwärts anschauen zu können. Weil mir dabei auch die
Ideen kamen, was man machen könnte oder wie man eine Sequenz
anders erzählen könnte. Das braucht aber die Langsamkeit
des analogen Tisches. Heute kann man sich ja nicht mehr dazusetzen,
man wird ja ganz wirr im Kopf dort. Es fehlt mir heute dieses
Zeitgefühl, das man am analogen Tisch beim Vorwärts- und
Rückwärtslaufen hatte. Außer der Geschwindigkeit sehe
ich keinen Gewinn, aber unsere Sehgewohnheiten haben sich so stark
verändert, da kann man nicht zurückgehen. Wir sehen so
viele Bilder jeden Tag, daß ein einzelnes Bild einfach nicht
mehr den Wert und die Bedeutung hat, die es früher einmal
hatte.
Wie lange dauert bei Ihnen in der Regel die Schnittphase?
Ich kann nicht einmal sagen, in wieviel Wochen das geschieht. Aber es
dauert. Es ist ein langsames Herantasten, weil ich nicht nur nach
Sequenzen schneide, sondem oft auch die ganze Konstruktion des Films
umstelle, Sequenzen von einer Stelle zu einer anderen bewege, oder
indem ich eine Sequenz ganz auflöse und davon nur ein paar
Bruchteile bleiben, die über den Film verstreut werden. Die Zeit
im Schneideraum kostet ja auch nicht so viel, die nehme ich mir
gerne.
Wie beurteilen Sie die Möglichkeiten des digitalen Schnitts
gegenüber dem analogen?
Die Umstellung zum digitalen Schnitt bedeutet einen großen
Verlust. Es gibt im Grunde genommen keinen Schnitt mehr. Anything
goes. Weil alle Leute alles durcheinanderschneiden können,
zählt die Achse nicht mehr. Es ist egal, ob die Einstellung eine
Großaufnahme oder eine Totale ist, nichts hat mehr seinen
eigenen Stellenwert, die Syntax ist verlorengegangen. Über
hundert Jahre hatten die Zuschauer diese Sprachsyntax erlernt, und
inzwischen ist alles nur noch wie ein einziger kontinuierlicher
audiovisueller Bilderfluß, wie man ihn im Fernsehen von morgens
bis abends sieht. Darin hat sich der Film integriert, und das ist
sehr schade.
In: Schnitt, Nr. 54, 01.2009, S. 58