Gespräch mit der Schnittmeisterin Szilvia Ruszev
Interview: Alexander Scholz

Den Förderpreis von film+, dem Forum für Filmschnitt und Montagekunst, erhielt 2009 Szilvia Ruszev für "Wagah".

Der Film "Wagah" betrachtet den schwelenden Konflikt zwischen Indien und Pakistan aus einem ungewohnten Blick Jeden Abend vollzieht sich auf beiden Seiten des einzigen Grenzübergangs eine pompöse Flaggenparade, um sich gegenseitig die Kampfbereitschaft zu demonstrieren. Tausende beobachten das Ritual und drängen anschließend an die Gitter, um ihre früheren Nachbarn zu sehen. Erzählt wird aus der Sicht von drei Jungen, die DVDs von der Parade verkaufen und von dem Irrsinn unbeeindruckt bleiben.

"Wagah" thematisiert das Überschreiten von Grenzen. Mit der Parallelmontage benutzen Sie ein bildlich vordergründig trennendes Stilmittel, um die Absurdität des Gezeigten herauszustellen. Wie kam es zu dieser Entscheidung?
Es war eigentlich keine formale Entscheidung, die Parallelmontage zu verwenden. Weil wir unterschiedlich viel Material von beiden Seiten hatten - der Regisseur ist Inder und durfte nicht nach Pakistan reisen - war es wichtig so zu schneiden, daß keine Seite vernachlässigt wurde. Gerade weil am Anfang die indischen Kinder vorgestellt werden, mußten wir darauf achten, nicht nur diese Seite zu zeigen. Das hätte dem Thema nicht entsprochen. Es war wichtig, beide zu zeigen, auch wenn man nach einiger Zeit vielleicht die Orientierung verliert. Es ist ja offensichtlich, daß die Paraden abgesprochen sind. Ich habe versucht darauf zu achten, daß zu Beginn ganz klar zu erkennen ist, welche Seite welche ist. Wenn es einmal Klarheit gab, ist es auch erlaubt, zu mischen und Verwirrung zu stiften. Denn genau darum ging es: Eigentlich machen beide Parteien das Gleiche und haben ähnliche Gefühle. Die Bedeutung des Stilmittels ist es also, zu zeigen, daß trotz der Trennung letztlich Gleichheit besteht.

Der Film orientiert sich ja am Tagesablauf der indischen Jungen. Auf deren erzählerischen Kommentar wird während des Spektakels fast gänzlich verzichtet. Warum werden sie in die Rolle von Beobachtern versetzt?
Daß die Kinder eine wichtige Rolle haben sollten, war von Anfang an klar - das hat mich an dem Film besonders gereizt. Für mich war interessant, daß die Kinder auch später nicht nur beobachtet werden, sondern eine starke erzählerische Perspektive darstellen, die das Ganze nochmal ironisch wendet. Der Film erhält seinen Humor ja durch die Kinder. Sonst gäbe es "nur" diese Parade. Obwohl der Anfang, wenn die Kinder vorgestellt werden, relativ schnell geworden ist, bestand die editorische Schwierigkeit darin, von den Kindern auf die Parade überzuleiten. Ihre Präsenz durfte nicht verlorengehen. Der Film würde weniger organisch wirken, wenn der Erzählbogen mit den Kindern nicht hätte durchgehalten werden können. Das aber war sehr wichtig. Die Interviews mit den Besuchern des Spektakels waren ein anderes wichtiges Element zur Rhythmisierung des Ablaufs der Parade.

Gab es die Überlegung, den Gang der Parade noch viel stärker zu unterbrechen, beispielsweise durch mehr O- Töne, zugunsten einer politischen Kontextualisierung?
Einen konkreten Hinweis auf die politische Relevanz des Gezeigten gab es in dem Material kaum. Den Rahmen für die Situation geben ja desw egen auch ganz bewußt die Kinder mit ihren Erklärungen vor. Eine präzisere Einordnung hätte dem Film eher geschadet. Er möchte ja nichts erklären. Wer die historischen Ereignisse nicht kennt, versteht den Film auch. Man muß einfach gucken! Der Ausgangspunkt, auf den sich der Film bezieht, ist natürlich politisch. Aber was wir sehen, ist sehr symbolisch. Der Film zeigt in diesem Sinne viel, was wir auch in Deutschland erleben.

Der Film verläuft dramaturgisch ähnlich wie die Paraden: Im Stile einer Klimax türmt sich alles bis zum Schluß auf. Wie würden Sie den dokumentarischen Charakter des Werks beschreiben?
Das ist eine Mischung. Der Film fängt anders an, als er zu Ende geht. Der Schnitt während des Spektakels war eher ein Action-Schnitt. Zusätzlich mußte eine halbstündige Choreografie auf wenige Minuten verdichtet werden. Das war für mich eine Herausforderung. Was den Action-Schnitt angeht, mußte ein Rhythmus geschaffen werden, der nicht zu gleichmäßig sein durfte, weil einem der Film sonst schnell entgleitet. Dabei halfen besonders die Interviews und die Kinder, um kurze Ruhepunkte einzubauen.

Sie erwähnten, daß dieser Film für den Regisseur eine recht persönliche Angelegenheit war. War es von Anfang an Anspruch, beide Seiten gleich zu zeigen?
Es war von Anfang an klar, daß beide Seiten gleich präsent sein müssen und daß der Filmeacher keine Zugehörigkeit zeigen darf. Ich sehe schon einen krassen Unterschied der beiden Seiten: während auf der indischen Seite getanzt wird, dominieren auf der pakistanischen Seite religiöse Bekenntnisse und eine größere Disziplin und Ordnung. Trotz dieser Unterscheidung und unserem Anspruch, die Interviews mit den Passanten immer zuordenbar zu halten, dominiert nicht die Differenz.

Die Montagearbeit wird oft als intuitive Kunst beschrieben. Sie haben zunächst Filmtheorie studiert. Dominiert Intuition dennoch auch Ihr persönliches Handwerk?
Während meiner Arbeit ist es eher intuitiv. Danach - wenn ich den Film nochmal mit anderen Leuten gemeinsam im Kino sehe oder mich selbst analysiere - benutze ich aber die Werkzeuge der Theorie. Zuerst ist es für mich aber wichtig, eine Struktur für das zu finden, was erzählt werden soll. Dabei spielt das Erzählen von Emotionen eine besonders wichtige Rolle. Gerade das zu schaffen, ist für mich eher eine intuitive Leistung.

Der Filmwissenschaftler Gerhard Schumm sagt, er verstehe das Montieren von Filmen ähnlich wie das Arbeiten an Texten als "Lesen mit fremden Augen". Sie haben auch Literaturwissenschaften studiert. Wie sehen Sie seine These?
Gerhard Schumm ist mein liebster Lehrmeister. "Lesen mit fremden Augen" trifft es auch schon ganz gut. Man muß viel Material aussortieren, um im fertigen Film syntagmatische Beziehungen herzustellen. Für mich es es deswegen auch die Aufgabe der Montage, durch Einstellungsverbindungen zu neuen Inhalten zu gelangen. Wenn man so will, ist das mein theoretisches Ziel: mit einer verständlichen Filmsprache Inhalte vermitteln. Der Film verläuft dramaturgisch ähnlich wie das Spektakel, das er zeigt.

Bestand für Sie - einmal abgesehen von der Absurdität des Ganzen - jemals die Gefahr durch diese Inszenierung den Paraden zuzuspielen, ihnen anheim zu fallen?
Weil ich in dem Sinne nicht viel mit Indien und Pakistan zu tun habe , fiel es mir nicht besonders schwer, die Distanz zu wahren. Es war für den Regisseur, der aus Indien kommt und in der zweiten Generation Flüchtling ist, ganz gut, daß der Film eine europäische Produktionsfirma und eine europäische Editorin hatte. Der Film hat mit diesem europäischen Blick auch sehr an Humor gewonnen: "Lesen mit fremden Augen" paßt wirklich gut.

Interview: Alexander Scholz


Wagah
BRD 2009. 12 min
R+B: Supriyo Sen
K: Ranu Ghosh, Najaf Bilgrami
S: Szilvia Ruszev