Der Editor Tom Rolf hat von Martin Scorseses Taxi Driver bis zu Pakulas The Pelican Brief und Michael Manns Heat knapp 50 Filme in Hollywood geschnitten. Gerhard Elfers traf den gebürtigen Schweden auf dem Frankfurter Filmmakers Festival eDIT zum Gespräch.

Den Beruf kannte ich gar nicht
Interview mit Tom Rolf von Gerhard Elfers



Sie sind seit vierzig Jahren als Editor tätig und haben viele Entwicklungen miterlebt. Welche war die bedeutsamste?
Die Umstellung vom analogen zum digitalen Schneiden hat gewiß am meisten verändert. Alle bisherigen Regeln verloren ihre Gültigkeit. So ist es immer mit zukunftsträchtigen Veränderungen. Eine Rückkehr ist nicht möglich. Die einstigen Bastelarbeiten mit Schere, Kleber und Handschuhen kommen nie wieder. Das ist großartig.
Ich habe den Wechsel zum digitalen Schnitt vollzogen, als ich mit dem Regisseur Alan J. Pakula an The Pelican Brief arbeitete. Wir hatten wenig Zeit für die Postproduktion, daher fragte er mich, ob ich bereit sei, den Film digital zu schneiden. Ich hatte keinerlei Erfahrung mit der Technik. Also bot er mir an, meine gesamte Ausrüstung, vom Steenbeck bis zum Kleber, mitzunehmen nach New Orleans. So hätte ich zur Sicherheit auf meine alte Arbeitsweise zurückgreifen können. Am zweiten oder dritten Drehtag kam ein Typ mit einer Light Works zu mir. Als ich ihm sagte, welche Bildreihenfolge ich haben wollte, drückte er einfach zwei Tasten. Es war unglaublich. Zwei Tage später hatte ich meine Sachen zurückgeschickt und mich vollkommen auf den digitalen Schnitt umgestellt. Nachdem ich den Computer einmal verstanden hatte, war es wirklich sehr einfach. Er hat mich vollkommen überzeugt. Nie wieder würde ich anders schneiden wollen &endash; es sei denn, ökonomische Gründe zwingen mich.

Vermissen Sie das Kleben kein bißchen?
Natürlich hatte man damals ein anderes Gefühl für das Material des Films. Ich hatte Filmstreifen um den Hals, im Mund, in jeder Hosentasche. Dieses kreative Element fehlt heute. Ein paar Tasten drücken kann jeder, der Computer bringt immer irgendetwas hervor. Früher konnte nicht jedermann hergehen, einen Film zerschneiden und ihn an der richtigen Stelle wieder zusammensetzen. Ich erinnere mich noch gut an diese Zeiten, und damals fielen mir während der Vorbereitung Möglichkeiten für den Schnitt ein. Es war eine lockere Art des Arbeitens, aber nicht unbedingt besser. Auf der Ebene hat die neue Technik große Vorzüge.

Würde Taxi Driver anders aussehen, wenn Sie damals die heutigen technischen Möglichkeiten gehabt hätten?
Gute Frage. Ich denke schon, denn der digitale Schnitt bietet viel mehr Freiraum, Dinge auszuprobieren. Früher entschied man sich einmal und mußte dabei bleiben. Die Szene, in der Robert de Niro sich der Kamera zuwendet und sagt »You’re talking to me? You’re talking to me?«, hat sich nie verändert. Sie blieb in der allerersten Fassung stehen. Ich vermute, daß Taxi Driver im digitalen Schnitt nicht ganz so blutig geworden wäre.

Gibt es einen Film, auf den Sie besonders stolz sind?
Ja, ich liebe Jacob‘s Ladder sehr. Viele finden den Film furchtbar, aber ich halte den Schnitt für wirklich gelungen. Ed Meyer und Adrian Lyne sind an dem Film gescheitert. Ich denke, er wurde falsch vermarktet. Es war kein Horrorfilm, aber er wurde als solcher ausgegeben. Es ist ein psychologischer Thriller, bis zum Ende wissen wir nicht, was passieren wird. Hätte man ihn als Psychothriller vermarktet, wäre er vielleicht erfolgreicher gewesen. Aber es hat sich eine erhebliche Subkultur entwickelt, die an Filmen wie Jacob‘s Ladder interessiert ist.
Der Film ist leider nicht in seiner ursprünglichen Form. Drei Wochen vor dem Start schlug einer der Produzenten vor, ihn zu kürzen. Dieser Produzent war eher Geschäftsmann als Filmliebhaber, und er genoß nicht unseren größten Respekt. Er fragte uns, ob die Geschichte noch verständlich sei, wenn man einen bestimmten Teil des Films herausnähme. Wir hielten ihn alle für übergeschnappt. Aber Adrian sagte: Er ist der Produzent, laß es uns ausprobieren. Und es funktionierte. Wir kürzten den Film um 22 Minuten. Einige Szenen in diesen 22 Minuten lagen mir wirklich am Herzen. Es hatte Monate gedauert, sie zu schneiden, ich hatte viele komplizierte Schnittmuster eingebaut. Niemand hat sie je zu Gesicht bekommen. Nur eine dieser Szenen ist auf der DVD unter »Extras« erschienen. Aber so etwas passiert nun mal.

Was würden Sie jemandem empfehlen, der Editor werden möchte?
Daß er klein anfangen soll. Erledige alle Arbeiten, die man dir aufträgt, bevor du dich selbst ans Schneiden wagst. Als ich anfing, war es üblich, acht Jahre als Praktikant oder Assistent zu arbeiten, bevor eine Bewerbung auf einen Job überhaupt Sinn machte. Nach dieser Zeit wurde man nach bisherigen Arbeiten gefragt, und man hatte zwar acht Jahre Erfahrung, aber nichts Eigenes vorzuweisen. Das war damals sehr schwierig. Heute ist es anders, jeder, der einen Job hat, nennt sich Editor. Aber man sollte sich auf eine lange Zeit des Lernens einstellen. Und es ist besser, mit Dokumentationen anzufangen. Niemand kann von Beginn an einen Spielfilm schneiden. Und niemals aufgeben! Wer dabei bleibt, wird es irgendwann auch schaffen. Nur das Fernsehen &endash; das ist keine Lösung. Es hat ein anderes Format und andere Dinge, die zu beachten sind, wie Werbung zum Beispiel. Es ist ein ebenso vielfältiges Medium wie Film.

Warum sind Sie Editor geworden? Wie war Ihr Werdegang?
Mein Stiefvater war in den 40er und 50er Jahren Direktor bei MGM. Ich habe nach meinem Wehrdienst drei Jahre bei der Marine verbracht und wußte nicht, was ich machen wollte. Als ich zurückkam nach Los Angeles, sah ich sein Haus und sein schönes Auto, und überlegte, ob ich nicht in seine Fußstapfen treten sollte. Er sagte, wenn er noch mal wählen dürfte, würde er Editor werden wollen. Den Beruf kannte ich gar nicht. Er erklärte mir, daß jeder nach dem bestmöglichen Film strebt, mit den Ressourcen, die zur Verfügung stehen. Also verpflichtet man den besten Autor, den besten Kameramann, den besten Schauspieler. Und wer darf den Film als erstes sehen? Der Filmemacher. Er kann entscheiden, was gut ist. Das gefiel mir, und da ich keine andere Idee hatte, bemühte ich mich um eine Stelle als Praktikant. Es hat mich anderthalb Jahre gekostet, einen solchen Job zu finden, und ich bin über sechs Jahre dabei geblieben. Ich ging nach Europa, um an einem Film zu arbeiten, und war in Mexiko. Für diese Jobs war die Gewerkschaft nicht zuständig, sie hatten keinen Zugriff auf mich.
Nach meiner Rückkehr arbeitete ich als Editor für eine Fernsehserie. Sie dauerte jeweils eine Stunde und hieß The Big Valley. Barbara Stanwyck war der größte weibliche Star. In Mexiko hatte ich auch den Schnitt verantwortet, und ich machte den Schnitt für einen weiteren Film, mit Elvis Presley. So entwickelte es sich langsam, ich hatte plötzlich mit anderen Budgets und anderen Menschen zu tun. Den Wunsch, Regie zu führen, hatte ich aufgegeben. Mir war klar geworden, daß es Menschen gibt, die eine Geschichte schreiben, sie produzieren oder sie drehen. Aber im Schneideraum wird man erst wirklich mit der Realität konfrontiert. Hier fällt dem Regisseur auf, was er vergessen hat. Hier sieht er, was wundervoll geworden ist und was in die Hose ging. Der Film wird im Schneideraum geformt und geboren. Deshalb wollte ich Filme schneiden. Und es macht mir immer noch Freude. Ich komme nicht davon los. Anderthalb Jahre an einem Film zu arbeiten, kann ich mir heute nicht mehr vorstellen. Schließlich kann ich in meinem Alter meine Zeit auch genüßlich am Strand verbringen. Aber ich möchte auch heute noch Teil dessen sein. Ich möchte die Verfeinerungsarbeit leisten: Ich gehe hinein in den Schneideraum, arbeite mit dem, was ich vorfinde, und helfe, wo ich kann.

Quelle: Rolf, Tom (2005) Den Beruf kannte ich gar nicht. Gespräch mit Tom Rolf von Gerhard Elfers. In: Schnitt, Nr. 40, 4/2005, S. 24-26.