Die Aufgabe des Schnittmeisters:
Ökonomie
 
Gespräch mit Peter Przygodda
von Harun Farocki
 
 
 
Ich habe in Westdeutschland, bei Frankfurt, auf dem Bau gearbeitet. Einer, der heute Kunstamtsleiter im Rathaus Charlottenburg ist, hat mich da zum Glück weggeholt, bei einem Hertha-Spiel. Er hat mich nach Frankreich mitgenommen. Ich habe die Bilder verkauft, die er gemalt hat. Ich hing dann auf der Szene um den „Leierkasten" rum. Ich habe Kohle gebraucht und bin im Schneideraum gelandet.
 
Ich habe bei der CCC gearbeitet - kurz bevor Atze Brauner seine Firma aufgegeben hat wegen des Tegeler Flughafens, oder wars wegen der Häuser am Kurfürstendamm?
 
Da hab ich also bei Meister Srp angefangen, der früher die Sissy-Filme geschnitten hat. Ich war zweiter Assistent und habe numeriert. Dort habe ich alles gelernt.
 
Numerieren - das ist das Organisationsschema im Schneideraum. Du hast eine Einstellung, am Anfang ist eine Klappe drauf. Die Klappe wird mit einem Kreuz eingetragen. Alle zwanzig Felder schreibst du fortlaufende Nummern auf den Bildstreifen und parallel dazu auf den Tonstreifen. Bei jeder geraden Zahl muß noch die Einstellungsnummer dazugeschrieben werden. Heute gibt es eine Maschine dafür. Wenn eine Einstellung lang ist und ein paar Mal unterschnitten wird, hast du jedes Mal Ausschnitte. Nach vierzehn Tagen Schneidearbeit willst du vielleicht etwas ändern und mußt aus den Ausschnitten den entsprechenden Teil raussuchen. Um zu wissen, welches Stück Bild zu welchem Stück Ton gehört und zu welcher Einstellung beide Stücke gehören, brauchst du dann die Nummern.
 
Ich hab eine verhältnismäßig kurze Lehrzeit gehabt. Nach einem Jahr hat mich Roger Fritz nach Italien mitgenommen.

Bist du jemand, der Bücher über Schnitt studiert hat?

 
Nein. Ich hab auch nicht die Filme der Filmgeschichte systematisch durchgesehen.
 
Gibt es jemanden, den du als Cutter zum Vorbild hast?
 
Die Arbeit eines Schnittmeisters ist von der Ästhetik her nicht so durchsichtig. Wie groß der Anteil eines Schnittmeisters, einer Schnittmeisterin am Film ist, das ist weitaus weniger durchsichtig als bei einem Kameramann. Ich wehre mich auch dagegen, wenn man, sagt: Du hast den Film gut geschnitten: weil man ja nie das Ausgangsmaterial kennt. Was ich davon weggeschnitten habe, das hat den Film zu dem gemacht, wie er ist.
 
Wenn ich jemanden zum Vorbild nehme, dann Verena Fields, die "Jaws" (Der weiße Hai) geschnitten hat. Sie hat einen Oscar dafür gekriegt. Seit ich im Fernsehen gesehen habe, wie sie den Oscar entgegengenommen hat, und seit ich etwas über sie gelesen habe, bewundere ich sie.
 
Man kann über den Schnitt schlecht urteilen, weil die Aufnahmeverfahren beim Film sehr verschieden sind. Man kann, wie Hitchcock sagt, einen Film in der Kamera schneiden, also nur aufnehmen, was man für eine schon vorgestellte Endfassung brauchen wird - oder man kann alles aus allen Winkeln mehrfach aufnehmen und dann am Schneidetisch entscheiden, wie es montiert wird.
 
Das ist das Tolle beim Film: wie eine elektrische Eisenbahn, wo du die Weichen stellen kannst; es gibt unendlich viele Weisen, einen Film zu machen.
 
Für mich ist das Handwerk des Schneidens von jedem vernünftigen Typ oder Mädchen innerhalb von drei Wochen zu erlernen. Die Handgriffe, die Übung nicht so schnell, aber die ist auch nicht die Kunst. Der kreative Anteil des Schnittmeisters an einem Film, das ist die Ökonomie, die er herstellt. Mit Ökonomie meine ich: dramaturgische Abläufe - wie lang, wie kurz, wie kurz, wie lang.
 
Warst du bei manchen Filmen am Drehort?
 
Ja, aber das mache ich nicht so gern. Ich werde ja dafür bezahlt, daß ich den Leuten die Fixierung nehme, die Fixierung auf das Material. Ich muß auch sagen, daß ich ziemlich wenig Drehbücher lese. Entweder erklärt die Geschichte sich mir durch das gedrehte Material, oder sie ist nicht zu sehen. Ich kann impulsiv sagen: Für mich läuft die Geschichte so und so, weil ich sie zum ersten Mal sehe.
 
Ich habs oft genug erlebt, daß ein Regisseur einen Darsteller nicht leiden konnte. Und das ist eine Fixierung, die ich ihm nehmen muß. Ich muß sagen: Das ist von damals und hat mit dem Film nichts zu tun. Kann sein, daß ich über eine Szene weinen muß, und das will ich für später erhalten, wenn ich schon selbst meinen Fixierungen aus der Schneidearbeit erliege. Ich beziehe mich dann immer auf den ersten Eindruck der Muster.
 
Ein Film, den ich schneide - klingt vielleicht übertrieben -, ist dann richtig, wenn er sich wieder meinen ersten Gefühlen annähert. Dann bin ich auf dem richtigen Weg.
 
Bei "Im Laufe der Zeit" hat Wenders alles aus jeder möglichen Richtung aufgenommen, zuerst im mastershot und dann noch jeden Teilnehmer eines Gesprächs oder eine Handlung in verschiedenen Einstellungsgrößen. Der Schnitt hat aber dann nicht alles verwendet, sondern die Szene vielleicht sogar nur von einer einzigen Kameraeinstellung aus erzählt.
 
Manchmal entscheidest du dich so. Das Timing zweier Darsteller ist zum Beispiel wunderbar, durch einen Schnitt würdest du den Rhythmus brechen. Also läßt du es einfach laufen, ohne Schnitt.Ich finde den Luxus, den der Wim sich erlaubt, ganz toll: aus sieben, acht Kopierern, die ziemlich lang sind, wählen wir manchmal nur ein Lächeln aus und setzen eine verdichtete Stimmung zusammen. Wir kopieren immer sehr viel Material und mustern auch sehr lange aus und greifen auch später sehr oft wieder zurück. Das kostet halt Zeit und Geld.
 
In "Der amerikanische Freund" ist Dennis [Hopper] oft von Einstellung zu Einstellung sehr unterschiedlich gewesen. Wenn ein Satz nicht gut war, haben wir ihn aus einer anderen Einstellung nehmen müssen. So haben wir den Dennis manchmal aus vielen Stücken wie eine synthetische Figur zusammengesetzt.
 
Ich habe mir mal überlegt, was der Unterschied von Montage und Schnitt ist. Montage merkt man, und Schnitt merkt man nicht. Die Montage ist eine ideenhalte Verbindung von Bildern, der Schnitt ist das, worüber du vorhin gesprochen hast: einen Fluß herstellen, einen Rhythmus finden. Dann gibt es noch etwas, wofür es im Deutschen wohl kein Wort gibt: das Wort „editing" im Englischen.
 
Das ist vollkommen richtig: eine Geschichte herausgeben. Eine Geschichte erzählen - eine Geschichte herausgeben. Zum Beispiel: "The Lady Vanishes" von Hitchcock, den hab ich mir dreimal am Schneidetisch angeguckt - das ist eine systematische Lernarbeit, die ich doch ab und zu mache. Es gibt da keine schönen Schnitte. Es wird ab- und angeschnitten. Anschlüsse stimmen überhaupt nicht - fürchterlich. Da hat man manchmal Zeit und Geld aufgewendet, um Anschlüsse herzustellen - und dann interessieren sie niemanden mehr. Wenn du die tollen Anschlüsse merkst, ist der Film mies.
 
Das ist die generelle Aufgabe des Schnittmeisters: Ökonomie; die Geschichte, die erzählt wird, so herauszufiltern, wie sie sein muß. Deshalb ist editor ein weitaus präziserer Ausdruck.
 
Ich kann das auch auf eine dokumentarische Sache beziehen, die ich jetzt gerade fertig gemacht habe. Der Film ist so entstanden: der Müller, der Schäfer und zwei brasilianische Freunde und ich, wir sind mit der Kamera herumgelaufen und haben aufgenommen, was uns Spaß machte, ohne Konzept. Wir sind in den Puff gegangen, haben vor allem Lastwagen gefilmt - ist manchmal fetischistisch geworden, macht ja nichts - und anschließend mußte ich eine Geschichte daraus machen, auch wenns keine herkömmliche ist, und die Bilder verbinden, so daß auf emotionale Weise ein Zug durch das Ganze geht. An einigen Stellen habe ich die Einstellungen fünf- oder sechsmal in eine neue Reihenfolge gebracht und dann, weil ich damit nicht zufrieden war, alles wieder aufgelöst und die Bilder in genau die Reihenfolge gebracht, in der wir sie aufgenommen hatten. Und so stimmte es! Ich habe sogar die Blitzer dringelassen.
 
Zum Beispiel, wenn du nach dem tödlichen Unfall die Fahrer im Bordell beim Tanzen und Trinken zeigst.
 
Daran gab es nichts mehr zu arbeiten. Das war gut und das blieb gut. Wenn man einen toten Lastwagenfahrer in einem Trümmerhaufen sieht, und seis noch so unscharf, dann muß man hinterher Luft holen. Und wenn eine beknackte, halbamerikanische Radiomusik drunterliegt, dann ist das wie Luftholen. Aber jetzt fang ich schon wieder an zu argumentieren.
 
Ich habe gedacht, wenn einer mit Wenders gearbeitet hat und er kommt mit der Kamera nach Südamerika und sitzt in einem Lastwagen, würde er die Kamera erst einmal zwei Stunden laufen lassen. Draußen die schönsten Savannen und Dschungel - und ihr zeigt so kurze Bilder.
 
Wenn wir mehr Material gehabt hätten, hätten wir länger gedreht. Ich habe am Schneidetisch alles hin und her geschoben, und dann habe ich gemerkt, daß Chronologie das Beste ist. Im Film ist alles in der Reihenfolge zu sehen, in der ich es aufgenommen habe.
 
Ich will jetzt ein Beispiel konstruieren: Ein Mann und eine Barfrau; er sagt: „Das ist mein letzter Whisky", und sie lächelt; dann sieht man eine Nahaufnahme von ihr, und sie lächelt immer noch. Dieser Schnitt sagt: ,Und sie gab ihm einen Whisky', aber auch: ,Mit einem besonderen Lächeln schenkte sie ihm ein.' Es gibt die Chronologie, aber sie wird auch kommentiert.
 
 Ja, das ist bei allen Filmen so. Man muß nicht nur dem logischen Strang folgen, den dramaturgischen Weg aufs knappste oder längste gehen, sondern jedes Bild auch noch anders mit dem vorigen verbinden. Darauf muß man gefühlsmäßig achten, daß ein neues Bild ein Kommentar des vorhergehenden ist.
 
Meine Theorie ist, daß es nur im amerikanischen Studiosystem Leute gab, die einen Ransprung drehen konnten. Sie konnten es, ohne eine große Bewegung zu inszenieren, die das Auge ablenkt, so daß man nicht merkt, daß die Bilder nicht zusammenpassen.
 
Das liegt auch daran, daß die Funktion des Autors in Hollywood eine andere war. Wenn da ein Drehbuch fertig war, war auch jede Einstellung geplant. Da konnte man sich auf das Skript stützen und wußte, welches Bild wohin gehörte. Solch eine Autorenkultur gibt es bei uns nicht.
 
Oder Planungskultur! Darum, glaube ich, funktionieren Schnitte bei uns nur, wenn ein Bild mit dem Bild von etwas anderem abwechselt - und das ist meistens dann das gegenüberliegende: der Gegenschuß.
 
Es gibt da Gesetzmäßigkeiten, ich hab darüber mal etwas gelesen. Zum Beispiel: bei Schuß-Gegenschuß darf man nie das Objektiv wechseln, auch die grafische Wertigkeit der Bilder muß gleich bleiben, die Tiefenschärfe, die Auflösung des Hintergrundes. Jeder, der das macht, sollte sich das an die Wand nageln. Wenn bei einem Ransprung der Kopf in der ersten Einstellung mehr rechts ist, in der zweiten mehr links, dann siehst du den Schnitt und kannst am Schneidetisch nichts mehr machen. Das haben die Amerikaner glänzend beherrscht.
 
Auch der Ton behauptet die Kontinuität eines Raumes oder Vorgangs. Seit es den Tonfilm gibt, funktionierenSchnitte, die stumm nie funktioniert hätten.
 
Das mache ich auch: wenn beim Schuß-Gegenschuß die Ausschnittgrößen und -verhältnisse nicht optimal sind, lasse ich den Dialog überlappen. Ich ziehe auch den Ton von einer kommenden Szene manchmal ein, zwei Sekunden in die laufende Szene vor, damit es schneller weitergeht. Ich mache das ganz impulsiv. Ich arbeite solange dran, bis es mir gefällt.
 
Hast du schon einmal richtigen Mist geschnitten?
 
Klar, zum Beispiel einen Brummer-Film, der "Pornografie illegal" hieß. Und das war heiß. Da habe ich nur den Bildschnitt gemacht, in sieben Tagen, glaube ich. Auch beim "Lüsternen Türken". In dem haben Arnold Marquis und Ingrid Steeger mitgespielt.
 
Beim Brummer wars so: er hat irgendein C- oder D-Picture aus Amerika gekauft für billiges Geld, und dann hat irgendwer in Hamburg irgendwas mit irgendwelchen Weibern nachgedreht. Ich sollte die Synchronisation machen, aber das habe ich mir dann weniger zugetraut.
 
Beim "Lüsternen Türken" fragten sie mich: Wollen Sie mit Ihrem Namen in den Abspann oder lieber mit Pseudonym? Was lächerlich ist; wenn ich einen Film schneide, kann auch mein Name drunterstehen. Interessant ist das für deren Selbstverständnis.
 
Farocki, Harun (1979) Die Aufgabe des Schnittmeisters: Ökonomie. Gespräch mit Peter Przygodda. In: Filmkritik 23,10, pp. 487-492.