Mit Fettstift und Echtzeit
Gespräch zwischen Walter Murch und Michael
Ondaatje
U: Können Sie mir mehr darüber sagen, wie Sie einen Film in
Echtzeit schneiden?
M: Wenn Sie eine Szene zusammensetzen, müssen Sie drei
Schlüsselaspekte immer neu entscheiden: Welche Einstellung
verwende ich? Wo soll sie beginnen? Wo soll sie enden? Ein
durchschnittlicher Film hat vielleicht tausend Schnitte, also sind es
dreitausend Entscheidungen. Wenn Sie diese Fragen auf die
interessanteste, komplexeste, musikalischste Art beantworten, wird
der Film so lebendig wie möglich.
Für mich ist die für den Rhythmus wichtigste Entscheidung
die dritte: Wo beendet man die Einstellung? Man beendet sie in genau
dem Moment, in dem sie alles gezeigt hat, was sie zeigen kann, ohne
überreif zu wirken. Beendet man die Einstellung zu früh,
ist sie wie eine zu früh gepflückte Frucht. Ihr Potential
ist nicht völlig entwickelt. Hält man eine Einstellung aber
zu lange, neigen die Dinge zum Verrotten.
Für jede Einstellung gibt es einen passenden Schluß. Ein
bestimmtes Bild, und nicht das davor oder danach. Also ist die Frage:
Wie entscheidet man, welches Bild das ist?
Man kann in eine Falle tappen, wie ich es bei meinen sehr frühen
Jobs als Cutter für die Encyclopaedia-Britannica-Filme getan
habe: Man spult die Einstellung vor und zurück und sucht nach
dem Bild, wo sich zum Beispiel die Tür schließt. Man
markiert dieses Bild und schneidet danach. Es funktioniert, aber
nicht besonders gut, und es hilft dem Film nicht.
Sie sagten, daß Ihnen die Zeilenenden in meinen
Malaparte-Übersetzungen gefielen. Das ist eine ganz
ähnliche Entscheidung. Mit welchem Wort soll man in einem
Gedicht die Zeile beenden? Dieser Endpunkt hat wenig oder nichts mit
der Grammatik des Satzes zu tun. Die Zeile ist an diesem Punkt
einfach voll und gesättigt, voller Bedeutung und gesättigt
mit Rhythmus. Indem er da endet, wo er endet, konfrontiert der
Dichter das letzte Wort mit dem weißen Seitenrand und betont es
dadurch. Wenn er noch zwei Wörter hinzufügt, taucht er das
Wort in die Zeile ein und macht es weniger bedeutsam.
Im Film tun wir fast das gleiche. Das Ende einer Einstellung verleiht
dem letzten Bild eine zusätzliche Bedeutung, die wir uns zunutze
machen. Im Film konfrontiert man im Moment des Schnitts ein Bild mit
einem anderen; das ist das Gegenstück des Reims. So
funktionieren Reim und Alliteration in Gedichten, so konfrontieren
wir zwei Wörter oder zwei Bilder. Entweder wird das Thema
dadurch betont, oder es wird ihm etwas entgegengesetzt, das es
moduliert, wie ein unsichtbarer griechischer Tragödienchor. Das
Statement ist das eine. Aber indem wir zwei verschiedene Bilder im
Moment des Schnitts konfrontieren, und zwar so deutlich wie
möglich, können wir sagen: Ja, aber da passiert noch etwas
anderes.
Der Trick besteht darin, dieses Fließen organisch in den
Prozeß einzubeziehen. Schnitt ist Konstruktion, ein Mosaik in
drei Dimensionen, zwei räumliche und eine zeitliche. Es ist ein
Miniaturabbild des Vorgangs, wie Filme entstehen, nämlich
künstlich, und Schritt für Schritt. Um das letzte Bild
festzulegen, sehe ich mir die Einstellung intensiv an. Sie
läuft, und an einem bestimmten Punkt zucke ich zusammen es ist
ein fast unwillkürliches Zucken, wie ein Blinzeln. Dort, wo ich
zucke, lasse ich die Einstellung enden.
0: Und Sie drücken eine Taste. Oder benutzen Sie einen
Fettstift?
M: Am Anfang, als ich mit einem Moviola arbeitete, markierte ich das
Bild mit einem Fettstift. Beim Dialog drückte ich aber ein
Zählwerk auf o, dann wiederholte ich das Ganze. Ich ging zu
einem zufälligen Anfangspunkt zurück, ließ die
Einstellung noch mal ablaufen und zuckte wieder. Beim Avid
drücke ich heute eine Taste. Das war's. Cut.
0: Ihre Reaktion ist also: Genug! Wir wollen wegsehen.
M: Ja, genau. Jede Einstellung ist ein visuell ausfoormulierter
Gedanke oder eine Kette von Gedanken. Bevor ein Gedanke seine Kraft
verliert, schneidet man. Es soll der Moment sein, in dem der Impuls,
zur nächsten Einstellung überzugehen, am stärksten
ist, so daß der Zuschauer in sie hineingestoßen wird.
Dauert die Einstellung zu lange, stirbt der Impuls ab, und wenn dann
die nächste Einstellung kommt, fehlt ihr eine gewisse Energie.
Ich versuche immer, ein Gleichgewicht zwischen dem Reifen der inneren
Dynamik des Gedankens und dem Rhythmus der Einstellung zu finden.
Das bedeutet in der Praxis, daß ich es schaffen muß,
genau diesen Punkt mindestens zweimal hintereinander zu treffen. Ich
lasse also die Einstellung durchlaufen und markiere einen Punkt. Dann
spule ich zurück, schaue sie wieder an und zucke erneut. Jetzt
kann ich vergleichen, wo ich beim erstenmal unterbrochen habe und wo
beim zweitenmal. Habe ich beide Male genau dasselbe Bild getroffen,
beweist es, daß dieser Moment etwas organisch Wahres hat. Es
ist völlig unmöglich, das durch eine bewußte
Entscheidung zu erreichen. Stellen Sie sich vor: In jeder Sekunde
laufen vierundzwanzig Ziele vorbei, und Sie müssen mit Ihrem
Gewehr eines der vierundzwanzig in jeder Sekunde treffen.
0: Und das passiert.
M: Ja. Wenn es nicht passiert, schneide ich an diesem Punkt nicht.
Ich muß es schaffen, die Stelle zu treffen. Das beweist mir,
daß ich auf etwas jenseits meiner Kontrolle reagiere, das nur
mit Gedanken und Emotion zu tun hat, mit Rhythmus und
Musikalität.
0: Wenn Sie also erst bei Bild siebzehn zucken und dann bei Bild
neunzehn...
M: Dann schneide ich nicht. Es sagt mir, etwas stimmt nicht. Wenn ich
zuerst siebzehn treffe und dann neunzehn, ist etwas an meiner Methode
falsch. Ich denke nicht richtig über die Einstellung. Also frage
ich: Was stimmt nicht? Vielleicht brauchen wir mehr Zeit; ich
kalkuliere nicht genug Zeit dafür ein, daß die
Schauspielerin in der Szene den Mantel auszieht. Sie sagt etwas,
zieht aber auch den Mantel aus. Der Satz ist ein Gedanke, aber
»den Mantel ausziehen« auch.
Das Publikum braucht Zeit, um sowohl den Dialogsatz als auch das
Mantelausziehen zu verstehen und zu würdigen. Das muß ich
berücksichtigen. Ich merke, daß ich nur an den Satz
gedacht habe und nicht an den Mantel. Gut, dann denke ich an den Satz
und an den Mantel und schneide bei Bild sechsundzwanzig. Diesmal
passiert es hier. Gut. Ich versuch's noch mal. Aha, sechsundzwanzig,
okay, dann kommt hier der Schnitt. Und so geht es weiter.
Das ist der wichtigste Teil meiner Arbeit. Wenn ich ein Element
meiner Arbeit abstrahieren sollte, würde ich sagen, das ist eine
gute Sache, egal, wie man als Cutter arbeitet. Man kann ansonsten
völlig andere Methoden haben, aber das sollte man tun.
Der wunderbare Vorteil dabei ist - und für mich ist es wirklich
ein Wunder -, daß man rasch ein lehrreiches Feedback
entwickelt. Nicht nur über diese bestimmte Einstellung, sondern
über das eigene Talent als Cutter. Wenn ein Cutter einen
Schnittpunkt wählt, ist es, als ob er Violine spielt ... Es gibt
eine Bogentechnik, die man ent wickeln und beherrschen muß,
egal, welche Musik man spielt. Man braucht einen eigenen Ton.
Wenn ich erst Bild siebzehn und dann Bild neunzehn markiere, habe ich
bei jedem ein bestimmtes Gefühl. Wenn ich Bild neunzehn
markiere, spüre ich: Oh, diesmal war es etwas länger ich
kann es spüren. Dann sehe ich auf das Zählwerk und merke,
es war zwei Bilder später. In diesem Kontext entsprechen zwei
Bilder einer Zwölftelsekunde. Inzwischen spüre ich aber
instinktiv, wie lang eine Zwölftelsekunde bei diesen
Einstellungen in diesem Kontext ist, und daraus lerne ich etwas.
Während der ganzen Zeit arbeitet man mit den Rhythmen der
Schauspieler und den Rhythmen der Kamerabewegungen. Man verinnerlicht
alles das Sprechtempo der Schauspieler, die Art, wie sie sprechen,
wie sie sich im Raum bewegen, wie die Kamera sich im Raum bewegt oder
nicht bewegt. Man bezieht all das ein, und mit der Zeit assimiliert
man die besondere Sprache dieses Films. Was ist die rhythmische
Signatur dieser Szene? Und was die des ganzen Films?
Jedesmal, wenn Dirigenten ein Stück mit einem neuen Orchester
spielen, müssen sie die rhythmische Signatur festlegen. Ein
Cutter macht das mit dem Film.
0: Wenn Sie den Film in diesem Rhythmus geschnitten haben und dann
den Ton abmischen, ändert das dann nicht das Tempo der Szene?
Wenn Sie zum Beispiel Musik oder das Geräusch von Regen
hinzufügen?
M: Ja, und das ist eine der Besonderheiten meiner Arbeitsweise. Wenn
ich eine Szene zum erstenmal zusammenfüge, drehe ich den Ton
weg, auch wenn es eine Dialogszene ist. Ich schaue die Gesichter der
Personen an, stelle mir vor, was sie sagen, und lese ihre
Körpersprache. Durch diese Umhüllung aus Stille kann ich
mir den Ton so vorstellen, wie er schließIich sein wird. Ich
lasse von Anfang an Raum für diese Geräusche, auch wenn ich
nicht ganz sicher bin, welche es sein werden.
Ich finde diese Methode unverzichtbar, denn der einzige Ton, der beim
Drehen aufgenommen wird, ist der Dialog, und der ist manchmal noch
recht roh. Man kann von den Besonderheiten dieses Tons hypnotisiert
werden, was nicht geschieht, wenn alles gereinigt und mit Musik und
Geräuscheffekten verbunden ist. Beim ersten Zusammensetzen einer
Szene ist es für mich wichtig, mir das Zusammenwirken von Musik,
Geräuschen und Dialog in einer idealen dynamischen Form
vorzustellen.
0: Also geschieht diese Markierung des siebzehnten Bilds ohne
Ton?
M : Ich sehe es mir wie ein Stück Stummfilm an und stelle mir
Musik und Geräusche möglichst genau vor. Ich konstruiere
die ganze Szene ohne Ton, lasse sie ohne Ton zurücklaufen und
mache die Änderungen auch so. Funktioniert es? Ich drehe den Ton
an und stelle mich dem, was jetzt durch den Dialog hinzukommt.
Manchmal ist es genau so, wie ich es mir vorgestellt habe. Dann sind
wieder zufällige Dinge passiert, die viel interessanter sind als
alles, was ich bewußt hätte erreichen können, wenn
ich den Ton gehört hätte.
Natürlich kann es Fehler geben. Vielleicht wähle ich einen
visuell guten Take, ohne zu wissen, daß ich mir den Dialog von
einem anderen Take vorstelle, der besser ist. Also mache ich eine
Korrektur: Ich benutze den guten Ton des anderen Takes und kombiniere
ihn mit der visuell besseren Version. Wir sehen den Schauspieler also
etwas sagen, obwohl der Ton von einem anderen Take stammt, denn das
ist es, was ich vor meinem inneren Ohr gehört habe, als ich die
Szene zusammensetzte. Jean Renoir hätte mich auf dem
Scheiterhaufen verbrennen lassen! Ich versuche aber, diese
Gelegenheiten zu ergreifen, die manchmal zufällig kommen und
manchmal von einem Eindruck hervorgerufen werden, der, tiefer ist als
die sichtbare Wirklichkeit.
Diese Methode erlaubt es mir, die rhythmische Signatur des Films auf
Einstellungen zu übertragen, die keinerlei Eigendynamik besitzen
und nur eine bestimmte Länge haben müssen.
Zum Beispiel sitzt die Hauptfigur im Talentierten Mr. Ripley am
Strand und schaut aufs Meer hinaus. Es kommt eine Einstellung des
Meeres. Wie lange hält man sie? Man hält sie so lange, wie
die Gedanken Ripley beschäftigen, während wir zuschauen.
Während wir die Einstellung des Meeres sehen, nehmen wir Ripleys
Blickwinkel ein und denken, was er denkt. Wenn mir diese Gedanken
durch den Kopf gegangen sind, markiere ich das Bild. Dann wiederhole
ich es und hoffe, dasselbe Bild zu treffen. Es verblüfft mich
immer noch, daß es klappt, obwohl ich es schon seit
dreißig Jahren so mache. Weil die Gedanken aber eine interne
Dynamik besitzen, die seltsam unveränderlich ist, kann die
Einstellung fünfzehn Sekunden oder länger dauern
dreihundertsechzig Bilder und man trifft trotzdem mehrmals dasselbe
Bild, das dreihunderteinundsech-zigste.
0: Und diese Entscheidung ist dadurch vorbereitet, daß Sie
schon wissen, wie Ripley gedacht hat?
M: Ja. Ich habe die Rhythmen des Schauspielers und die des
Kameramanns verinnerlicht. Der Kameramann hat ebenfalls die Rhythmen
des Schauspielers verinnerlicht und dazu die Rhythmen, die der
Regisseur ihm vorgibt. So kommt alles zusammen, und jetzt nehme ich
das alles auf und komme zu dem Punkt, an dem ich diese Rhythmen sogar
auf Einstellungen ohne innere Dynamik übertragen kann ohne
Dialog, ohne Kamerabewegung, ohne Bewegung der Schauspieler.
0: Wie ein geübter Tontaubenschütze, der weiß, wie
lange das Ziel in der Luft sein muß, bevor er das Gewehr hebt
und zielt
M: Es hat viel Ähnlichkeit mit dem Schießen. Deshalb stehe
ich auch beim Schneiden ich setze den ganzen Körper ein. Es ist
nicht unmöglich, aber schwer vorstellbar, daß jemand
Tontauben im Sitzen schießt. Irgend etwas im rhythmischen
Einsatz des ganzen Körpers läßt einen die Tontaube
treffen.
0: Wie ist es mit der anderen entscheidenden Überlegung beim
Schnitt wo eine Einstellung beginnen soll?
M: Ich merkte sehr früh, während des Dialogs, daß ich
gegen eine bestimmte Art von Schnitt allergisch war: Man könnte
sie »übereinstimmende Bewegung« nennen. Das ist die
Standardform des Hollywoodschnitts, bei der man mitten in der
Bewegung einer Figur von einer Einstellung zu nächsten
schneidet. Als das erfunden wurde, hielt man es für wichtig,
weil es scheinbar den Moment des Schnitts verbarg. Irgendwie wollte
man dem Publikum vorgaukeln, alles sei eine durchgehende
Handlung.
Als ich anfing, versuchte ich brav in dieser Art zu arbeiten und
merkte, daß mir das nicht gefiel. Statt dessen suchte ich
Stellen, wo die Bewegung der folgenden Einstellung gerade begann, wie
eine sich öffnende Blüte. Also schneide ich im allgemeinen
nicht in der Mitte, sondern am Anfang einer Bewegung.
Ich bereite lieber die Bewegung der folgenden Einstellung vor. Ich
führe eine Einstellung bis zu dem Punkt, an dem eine Figur den
Kopf bewegen will, dann schneide ich und bereite dadurch diese
Bewegung in der nächsten Einstellung vor. Manchmal mache ich das
auch nicht, vor allem in Kampfund Actionszenen.
Meistens kalkuliere ich aber ein, wo die Augen des Publikums im
Moment des Schnitts sind, in welche Richtung sie sich bewegen, und
wie schnell. Der Cutter muß sich das Zentrum der Aufmerksamkeit
des Publikums während der Vorführung vorstellen und
vorhersagen können, wo neunundneunzig Prozent der Zuschauer in
einem bestimmten Moment hinschauen. Sie haben gesagt, Sie schauen
immer zu der Person, die tippt, der Stenotypistin in Gerichtsszenen.
Sie sind vielleicht die einzige Person, bei der ich es nicht
vorhersagen kann! Im großen und ganzen muß ich aber mit
einiger Sicherheit sagen können, daß in einem bestimmten
Moment neunundneunzig Prozent der Zuschauer auf diesen Punkt auf der
Leinwand schauen und im nächsten Moment dorthin. Das
heißt, ihre Augen bewegen sich zum Beispiel mit einer gewissen
Geschwindigkeit von links in die obere rechte Ecke der Leinwand. Wenn
ich an diesem Punkt bei Bild siebzehn schneide, weiß ich,
daß ihre Augen im Koordinatensystem der Leinwand dort oben
sind.
Das ist eine sehr wichtige Information. Wenn ich die nächste
Einstellung auswähle, suche ich ein Bild aus, auf dem genau
dort, wo die Augen der Zuschauer beim Schnitt gerade sind, etwas
Interessantes zu sehen ist, um ihre Aufmerksamkeit zu erregen und in
eine neue Richtung zu lenken. Jede Einstellung hat ihre eigene
Dynamik. Eine der Pflichten des Cutters ist es, den Brennpunkt der
Aufmerksamkeit des Publikums wie ein heiliges Gefäß zu
tragen und auf interessante Art über die Leinwand zu
bewegen.
In einer Kampfszene darf man aber die Erwartungen der Zuschauer
durchkreuzen. Man kann ihre Augen in eine Richtung lenken und dann
auf etwas schneiden, das in die völlig andere Richtung geht. Das
erzeugt beim Publikum ein Gefühl der visuellen Desorientierung,
wie sie in einem echten Kampf entsteht. Man weiß nicht, woher
der nächste Schlag kommt. Dieses Gefühl versuchen wir
visuell zu imitieren.
0: Und womöglich auch in einer Liebesszene.
M: Ja. In der Liebe gibt es keine Achsensprünge. In einer
leidenschaftIichen Liebesszene ist es sogar ein Vorteil, wenn man die
Bildachse möglichst oft überschreitet. Sieht man die
Tanzszene aus Ghost Nachricht von Sam an, nachdem Sam und Molly mit
Lehm gespielt und angefangen haben, zur Musik der Jukebox zu tanzen
... Sie steckt voller Schnitte, die die Bildachse überschreiten.
Wenn der Tanz leidenschaftlich wird, bringt jeder Schnitt die Figuren
auf die »falsche« Seite des Bilds.
Visuell gesehen, führe ich das Auge, das passiert rhythmisch und
sinnlich, aber Moment mal! Soll sie nicht links sein und er rechts?
Nein, es ist andersherum! Dadurch geraten wir in den Zustand, den wir
bei leidenschaftlicher Liebe erleben Desorientierung, Raumlosigkeit.
Wir sind körperliche Wesen, aber wir sind an einem Ort jenseits
des Raums. Indem ich die Grammatik des Films so fragmentiere,
suggeriere ich dem Publikum ein wenig von demselben Gefühl.
Würde ich es so schneiden, wie man es nach der klassischen
Filmgrammatik schneiden soll, wäre die Wirkung etwas plump:
Diese Menschen tun leidenschaftliche Dinge, und wir stehen bloß
daneben und sehen ihnen zu. Indem man die Regeln bricht, kann man das
Publikum diesem Wahn näherbringen, der die leidenschaftliche
Liebe ist.
In: Ondaatje, Michael (2002) Die Kunst des Filmschnitts.
Gespräche mit Walter Murch. S.265-275.