Editing Pictures, Designing
Sounds
Walter Murch im Gespräch mit Jan Schütte
Jan Schütte: Walter Murch, Sie sind einer der wenigen Cutter,
die über ihr Handwerk in Büchern Auskunft gegeben haben.
"In the Blink of an Eye" (1992) ist mittlerweile ein Klassiker, "The
Conversations" (2002), das auf Gesprächen zwischen Ihnen und dem
Schriftsteller Michael Ondaatje basiert, erscheint demnächst
auch auf Deutsch. Der Filmschnitt ist eigentlich die einzige
eigenständige künstlerische Erfindung des Films, die
für viele Zuschauer aber unsichtbar bleibt. Wie wurden Sie "film
editor"?
Walter Murch:. Die erste viel versprechende Berührung mit dem
"editing" hatte ich im Alter von zehn Jahren, als ich mich in ein
Magnettonband-Aufnahmegerät verliebte. Das war 1953, also vor
über fünfzig Jahren. Tonbandgeräte waren damals
relativ neu und erst seit kurzem im Handel erhältlich. Der Vater
eines Freundes besaß eines, das er für seine Arbeit
benötigte und das ich für mich als Spielzeug entdeckte. Ich
habe sehr schnell herausgefunden, daß es nichts gab, was man
damit nicht aufnehmen konnte. Man konnte ein Mikrofon
anschließen und ungewöhnliche Geräusche aufnehmen,
man konnte in das Mikrofon hineinblasen, es aus dem Fenster
hängen oder Wasser darüber laufen lassen, womit man es
natürlich ruinierte. Ich erkannte auch recht schnell, daß
das Tonband ein veränderbares Material war, das man auseinander
schneiden konnte und so die Reihenfolge der Töne, die man
aufgenommen hatte, ändern, sie rückwärts, invertiert
oder durch den Bassverstärker abspielen, um ihnen einen dumpfen
Klang zu geben. Ich weiß nicht, wie ich mir dieses Wissen
aneignete, es kam einfach das eine zum anderen.
Ein Interesse für Film entwickelte ich erst später, etwa
mit 20 Jahren. Das europäische und japanische Kino, Regisseure -
wie Ingmar Bergman, Jean-Luc Godard oder Akira Kurosawa hatten einen
immensen Einfluß auf mich, mein Interesse am amerikanischen
Film war weitaus geringer. Ich fand heraus, daß es so etwas wie
Filmhochschulen gab, wenn auch damals noch sehr wenige. Zwei befanden
sich in Los Angeles. Ich lebte zu der Zeit in New York, wo ich auch
aufgewachsen bin und hatte im Sommer 1965 gerade geheiratet. Ich fuhr
dann mit meiner Frau auf einem Motorrad quer durch die USA,
gewissermaßen ein "Easy-Rider-Trip", wir kamen in Los Angeles
an, gingen zu einer der beiden Filmhochschulen und mir wurde
augenblicklich klar, daß "film editing" das war, was ich als
Kind mit Tonbandaufnahmen gemacht hatte. Natürlich galt dieser
Disziplin, für die ich ein intuitives Verständnis
mitbrachte, sofort meine ganze Liebe. Woher diese Begeisterung
rührte, kann ich nicht genau sagen. Niemand in meiner Familie
war jemals in der Filmbranche tätig gewesen. Ich hatte dort
weder Freunde noch andere Kontakte. Ich sprang wirklich von
außen mitten hinein.
Ich gehörte einer Generation von Filmstudenten an, die wie von
unsichtbarer Hand geleitet Mitte der sechziger Jahre an die
Filmhochschule kam. Wie eine Flutwelle brachen die Studenten
plötzlich über die Schulem herein, weder wir noch unsere
Lehrer hatten eine Erklärung dafür. Sie waren an
Erstsemesterjahrgänge von etwa 25 Studenten gewöhnt, in
unserer Klasse waren es auf einmal 80, im Jahr darauf 120. Das
Problem war nun, daß die Lehrer genau wußten, daß
es für uns keine Jobs geben würde. Sie fragten sich also
verwundert, weshalb all diese jungen Leute ausgerechnet Filmemacher
werdenwollten, wo in der Filmbranche doch gerade ein dramatischer
Beschäftigungsrückgang stattfand.
"Trouble in Wonderland" ist zur Kennzeichnung der damaligen Situation
Hollywoods ein sehr treffender Titel. Hollywood befand sich 1967
tatsächlich in einer Talsohle voller Schwierigkeiten, weil die
alten Bosse immer noch die Kontrolle hatten, sich die Regeln im
Filmgeschäft jedoch dramatisch veränderten. Kinos gingen
reihenweise pleite, aus wirtschaftlicher Sicht verschlechterte sich
die Situation an allen Fronten. Auf der anderen Seite entstand eine
neue Art, Filme zu machen, so daß 1967 - als ich mein Studium
an der USC abschloß - eine ganze Reihe von Filmen auftauchten,
die zeigten, wie sich Hollywood abseits vom alten Studiosystem neu
erfinden konnte.
Jan Schütte: THE CONVERSATION ist der erste Film, bei dem Sie
sowohl für den Schnitt als auch für die Tongestaltung
verantwortlich waren. Es ist ein Film über jemanden, der
Töne sammelt. Er tut das illegal, zu verschiedenen Zwecken. Es
ist eine äußerst ambivalente Hauptfigur. Im Film gibt es
nur wenig Aktion, es ist ein sehr konzentrierter, dichter Film, in
dem an äußerer Handlung kaum etwas passiert. Wie sind Sie
bei der Montage mit den Bildern umgegangen, wie haben Sie mit dem Ton
gearbeitet? Es ist faszinierend, wie der Film geschnitten ist, weil
man als Zuschauer stets das Gefühl hat, der Held des Films
würde etwas verbergen. Man ist extrem nah an der Hauptfigur
dran, weiß aber nicht, warum. Ein höchst merkwürdiger
und nur schwer zu erzielender Effekt, der dazu beiträgt,
daß der Film emotional für den Zuschauer unglaublich
spannend und keine Sekunde langweilig ist.
Walter Murch: Ich glaube, das hat vor allem mit dem Drehbuch von
Coppola zu tun. Schon im Script ist Harry Caul, der von Gene Hackman
gespielt wird, bewußt als ambivalente Figur angelegt. Francis
gibt dem Zuschauer keine Alternative, der gesamte Film ist aus Harrys
Perspektive erzählt: Harry - Gene Hackman - ist in jeder
Einstellung zu sehen oder wir sehen etwas, was er gerade sieht.
Jan Schütte: Oder beides zusammen in einer einzigen Einstellung,
wenn wir zunächst etwas zu sehen bekommen, was Harry auch sieht,
und er sich dann aus dem Off in das Bild hineinbewegt, die Kamera
seine Bewegung aufnimmt und ihm in einern Schwenk oder einer Fahrt
folgt - so daß wir uns arn Ende in einer Bewegung mit ihm
befinden.
Walter Murch: Auf diese Weise haben wir versucht, die Nähe des
point of view mit der Distanz einer kritischen Reflexion über
diese Figur zu verbinden. Aber, wie gesagt, es gibt hier keine
Alternative. An keiner Stelle des Films ziehen wir uns mit zwei
anderen Figuren zurück, um über Harry oder sein Verhalten
zu reden. Am ehesten kommt man in die Nähe einer solchen
Situation, wenn man Zeuge jenes Gesprächs wird, das im
Mittelpunkt des Films steht, aber selbst dabei sind wir uns stets
bewußt, daß auch Harry alles über Kopfhörer mit
anhört. Entweder muß man den Film also ablehnen, wie es
einige Leute getan haben, weil einen die Hauptperson des Films nicht
interessiert; oder man folgt ihr durch den Film, etwas dazwischen
gibt es nicht. Es ist eine ganz spezielle Erzähltechnik
notwendig, um einen ambivalenten Charakter zur zentralen Figur zu
machen und das Publikum durch die Erzählperspektive dazu zu
zwingen, am Schicksal dieser Figur teilzuhaben, obwohl es sich
normalerweise nicht mit ihr identifizieren würde.
Ein anderer Film, an dem ich mitgearbeitet habe, THE TALENTED MR.
RIPLEY von Anthony Minghella, unterscheidet sich in vielerlei
Hinsicht von THE CONVERSATION, setzt aber auf ähnliche Weise
diese Technik der subjektiven Erzählperspektive einer
ambivalenten Hauptfigur ein. Tom Ripley, gespielt von Matt Damon, ist
ein Mörder, ein Lügner und ein Betrüger. Ripley
strahlt einen gewissen Charme aus, auf keinen Fall entspricht er
jedoch einern normalen positiven Helden, wie er oft im Mittelpunkt
einer Geschichte steht. Der Film ist aber so strukturiert, als
wäre er der Held der Geschichte, und läßt uns keine
Wahl, uns von ihm zu lösen oder auf irgendeine Weise im Verlauf
des Films zu ihm auf Distanz zu gehen. Wie gesagt, THE CONVERSATION
und THE TALENTED MR. RIPLEY sind zwei völlig unterschiedliche
Filme, dieses Muster weisen sie jedoch beide auf.
Ich kann mich gut erinnern, daß die Dreharbeiten für Gene
Hackman sehr frustrierend waren, weil er es als Schauspieler liebt,
sich fester und fester in sich zusammenzuziehen, um dann unvermittelt
in einer großen Actionszene zu explodieren. THE CONVERSATION
war für ihn so frustrierend, weil er keine Gelegenheit zur
Explosion bekam. Wenn ich mich recht erinnere, gibt es in diesem Film
lediglich eine Szene, in der er mit aller Macht eine Treppe hoch
rennen will, von einer anderen Figur am Ende aber daran gehindert
wird. Verglichen mit THE FRENCH CONNECTION oder anderen Filmen
Hackmans, ist das kaum der Rede wert. Ich weiß noch, wie die
Leute damals, als der Film noch nicht fertig war, dachten: "Na ja,
das ist ein Film von Francis Coppola, der gerade bei THE GODFATHER
Regie geführt hat, in der Hauptrolle Gene Hackman, den man eben
erst in THE FRENCH CONNECTION erleben konnte." Es geht um
elektronische Abhöranlagen, und der Watergate-Skandal um
Präsident Nixon war noch nicht lange her. -Also dachten die
Leute: "Großartig, das ist also GODFATHER meets FRENCH
CONNECTION meets Watergate."
Der Film entsprach dann nicht im Entferntesten diesen Erwartungen.
Wir waren uns dieses Dilemmas sehr früh bewußt,
spätestens als wir uns die ersten Fassungen ansahen. Wir
mußten die Leute dafür sensibilisieren, daß es sich
bei der Hauptperson des Films zwar um einen Privatdetektiv handelt,
allerdings um einen, dem der Gedanke, jemand könnte seinetwegen
zu Tode kommen, große Skrupel bereitet. Ich glaube, das war nur
ein Jahr, bevor der erste DIRTY HARRY-Film mit Clint Eastwood in die
Kinos kam, in dem viele Leute umgebracht werden, ohne daß man
groß darüber nachdenkt. Bei THE CONVERSATION hatte man es
dagegen mit einem Film zu tun, in dem allein der Gedanke, daß
jemand zu Tode kommen könnte, Unbehagen bereitete. Das schien
weder zur Welt von THE FRENCH CONNECTION zu gehören noch auch
nur entfernt dem opferreichen Universum von THE GODFATHER nahe zu
stehen. Die Leute forderten ständig, daß wir mehr Action
in den Film bringen, etwas passieren lassen sollten, es passierte
aber nichts. Wir steuerten in die entgegengesetzte Richtung und
verlangsamten den Film noch mehr. Wir folgten der Devise: Nehmt euch
Zeit, diese Figur ist eine außergewöhnliche Person,
versucht sie etwas besser kennenzulernen und euch in sie
hineinzuversetzen. In gewisser Weise lernte ich dadurch eine Lektion
sehr früh: Wenn das Publikum dir sagt, du sollst nach rechts
abbiegen, ist es manchmal angebracht, nach links abzubiegen. Das
Publikum wird das am Ende mehr zu schätzen wissen, als wenn du
immer das machst, was es von dir verlangt.
Jan Schütte: Als ich THE CONVERSATION jetzt noch einmal gesehen
habe, ist mir aufgefallen, wie viel in diesem Film geschnitten wird
und wie elliptisch die Schnitte oft gesetzt sind. Durch den Bild- und
Tonschnitt gewinnt der Film, der ansonsten leicht langweilig
hätte werden können, ein unheimliches Spannungsmoment. Zum
Beispiel sieht man Harry Caul in der Szene im Hotelzimmer
zunächst in einer Einstellung unter dem Waschbecken liegen, dann
gibt es einen Schnitt, und in der nächsten Einstellung sehen wir
ihn, wie er auf das Waschbecken blickt. Diesem Muster, das den
Eindruck erweckt, als würde er sich selbst bei seinen Handlungen
zusehen, begegnet man im Film sehr häufig. Auf einer anderen,
nämlich der Tonebene produziert der Film ein fast noch
schöneres Phänomen: Andauernd hört man diese
Unterhaltung zwischen dem jungen Liebespaar, die zu Beginn des Films
aufgezeichnet wurde. Am Anfang denkt man, es wäre ein
Gespräch völlig banalen Inhalts: zwei Verliebte, die
über passende Weihnachtsgeschenke diskutieren. Irgendwann kommt
einem dann aber der Gedanke, daß man es hier mit zwei Menschen
zu tun hat, die ein Mordkomplott schmieden. Dasselbe Gespräch
wandelt sich mit jedem Mal, wenn man es zu hören bekommt. Der
schönste Moment ist für mich in der Szene erreicht, in der
Harry das Band in seinem Arbeitsraum zusammen mit seinem Bekannten
und den beiden Frauen anhört, bevor er mit einer von ihnen die
Nacht verbringt. In Sachen Tongestaltung ist es eine der
schönsten Szenen überhaupt. War diese Szene bereits im
Drehbuch so konzipiert?
Walter Murch: Die Idee zu dieser Szene stammte aus dem Drehbuch.
Alles, was Sie eben gesagt haben, ist Teil von Coppolas Konzept. Er
selbst beschrieb es als umgekehrte RASHOMON-Logik. In Kurosawas Film
geht es um ein Ereignis, das aus jeder Perspektive anders erscheint.
Francis ging es um ein Ereignis, das immer das gleiche bleibt, egal
wie oft man es vorgeführt bekommt, bei dem man aber jedes Mal
andere Dinge wahrnimmt und über das man jedes Mal etwas anders
denkt, weil man in der Zwischenzeit mehr über den Zusammenhang
weiß, in dem es stattgefunden hat. Und natürlich spiegelt
sich darin auch das Drama der Hauptfigur, an deren Wahrnehmung wir
als Zuschauer stets gebunden sind. Das ist der Punkt, an dem wir und
dieser ungewöhnhche Harry Caul auf die gleiche Weise zu denken
beginnen.
Sie haben auch die elliptische Montage angesprochen. Da THE
CONVERSATION meine erste Schnittarbeit war, wollte ich alles richtig
machen und den Film auf ganz herkömmliche Weise schneiden, ich
hatte dann damit aber mehrere Probleme. Ein Problem bestand darin,
daß ich die herkömmhche Art, Filme zu schneiden,
überhaupt nicht mochte. Das andere Problem war schlicht,
daß THE CONVERSATION in seiner Rohfassung außerordentlich
lang war, ich glaube ungefähr viereinhalb Stunden. Das
Geheimnis, das ganze Material auf eine angemessene Länge
herunter zu schneiden, bestand schlicht darin, eine Einstellung nur
so lange laufen zu lassen, wie sie interessant ist, und zum
nächsten interessanten Punkt zu schneiden, sobald sie
uninteressant wird, egal was gerade in ihr vorgeht. Über die
Position, die der Schauspieler gerade im Raum einnimmt, soll man sich
dabei keine Gedanken machen, und auch nicht darüber, ob die
Handlungen exakt aneinander anschließen.
Die Sorge um korrekte Anschlüsse ist ein charakteristisches
Merkmal der herkömmlichen Art und Weise, Filme zu schneiden,
zumindest bezogen auf die klassische Filmpraxis in Hollywood.
Wenn man jetzt eine Nahaufnahme von mir machen würde, wie ich
ins Publikum blicke und mich anschließend erhebe, so würde
man nach der klassischen Konvetion warten, bis ich mich mitten in der
Bewegung befinde, und dann in eine andere, von einem weiter
entfernten Kamerastandpunkt aufgenommene Einstellung schneiden, in
der ich die gleiche Bewegung mache. In dieser Einstellung würde
der Cutter das dem anderen entsprechende Einzelbild ausfindig machen,
das mich auf halbem Wege in der Bewegung zeigt. Auf diese Weise
würde man zur nächsten Einstellung gelangen.
Ich habe das, wie gesagt, auch versucht. Technisch war das
natürlich kein Problem für mich, jedoch schien mir diese
Methode von Anfang an simpel und unbefriedigend. Meine spontane
Reaktion war, es einfach nicht so zu machen. Seither habe ich mich
immer wieder gefragt, warum das so ist, warum es mir
oberflächlich und nichtssagend erscheint, nach dieser Methode zu
arbeiten. Vielleicht liegt es daran, daß sie an Traditionen der
Filmemacher aus den dreißiger Jahren anknüpft, die
Existenz des Schnitts an sich zu leugnen. Sie wollten uns das
Gefühl geben, daß es nur eine kontinuierlich ablaufende
Einstellung gäbe. Der eigentliche Moment des Schnitts wurde
nicht anerkannt und in seiner Schönheit gefeiert. Vielmehr war
es so, als würde ein Nebelschleier über diesen Moment
gelegt.
Wenn man dann aber wirklich untersucht, was die Filmemacher damals
gemacht haben, erkennt man, und darauf kommt es mir hier an,
daß sie im Grunde doch die Aufmerksamkeit auf den Schnitt
lenkten. Wie das? Um bei meinem Beispiel zu bleiben: Stellen Sie sich
vor, ich wäre eine Figur in einem Film. Ich denke, ich werde
jetzt gleich aufstehen. Das Gespräch ist zu Ende, und ich werde
mich jetzt von meinem Stuhl erheben. Es gibt also einen Moment der
Entscheidung darüber, welche Bewegung ich im nächsten
Moment ausführen werde. Erst nach diesem Moment beginne ich mit
der Bewegung, wiederum fünf oder sechs Bildfelder danach erfolgt
der Schnitt. Der wichtige, der eigentliche Moment ist aber derjenige,
in dem ich meine Entscheidung zum Aufstehen treffe. Wenn man diesen
Moment verpaßt und erst fünf Bildfelder später
schneidet, stolpert man durch den Film, vergleichbar mit einem
Schlagzeuger, der den falschen Rhythmus spielt. Wenn ich heute auf
meine Arbeit zurückblicke und möglichst objektiv versuche,
sie in eine Tradition einzuordnen, so ist sie eher der russischen
Schule eines Sergej Eisenstein oder Wsewolod Pudowkin verpflichtet,
die den Filmschnitt in seiner ganzen dialektischen Kraft
zelebriert.
Jan Schütte: Was die russischen Filmemacher damals unter den
Begriff der "Montage" faßten.
Walter Murch: ja. Man denke an das klassische Experiment von
Kuleschow mit der Frau, die etwas anblickt, dann der Schnitt zu einem
leeren Suppenteller und zurück zum Gesicht der Frau. Hier
entsteht aus der Verschmelzung zweier Bilder ein Gedanke, eine Idee.
Die andere große Tradition der Schnitttechnik ist die
amerikanische, die sich ursprünglich etwas mehr an das Theater
anlehnte und daher dem Publikum den Eindruck eines sich
kontinuierlich vollziehenden Geschehens vermitteln wollte, das
organisch ineinander übergeht und von keinem Schnitt
unterbrochen wird. Vielleicht ist meine Arbeit doch irgendwo zwischen
diesen beiden Traditionen anzusiedeln. Ich würde mich selbst als
einen Cutter bezeichnen, der einzelne Einstellungen eher miteinander
"verknotet" als sie nur aneinander zu schneiden. Etwa in dem Sinne,
wie ein Baum sich plötzlich von einem Moment zum anderen
entscheidet, einen neuen Ast aus sich heraus zu treiben und dazu
einen neuen Knotenpunkt bildet.
Ich bin sicher, es gibt dafür auch eine äquivalente
Erscheinung in der Musik. Bei der Arbeit an THE CONVERSATION, vor
allem auch an der von Ihnen angesprochenen Szene, wurde mir mit einem
Mal klar, worum es eigentlich geht. Als ich diese Szene schnitt,
erkannte ich, daß es genau das war, was ich zu tun hatte: die
Knotenpunkte zu finden und in der Montage miteinander zu verbinden.
Wenn ich also vor der scheinbar so simplen Aufgabe stehe, den Vorgang
zu schneiden, daß sich jemand von einem Tisch erhebt, so nehme
ich die Nahaufnahme und schneide in dem Moment, in dem die Person im
Begriff ist, aufzustehen, aber noch bevor die Bewegung selbst
begonnen hat. Die Aktion selbst wird dann in der folgenden
Einstellung gezeigt. Das hat auch den ganz praktischen Vorzug,
daß das Neuschneiden von Szenen erleichtert wird, weil die
einzelnen Einstellungen bereits in kleinere Einheiten zerlegt sind.
Diese können nun wie Legoteile auf verschiedene Weise
miteinander kombiniert werden, -wobei immer etwas Interessantes
herauskommen wird. Wenn man dagegen versucht, etwas neu zu montieren,
was vorher auf Handlungs- und Bewegungsanschlüsse hin
geschnitten wurde, so wird es stets nur in einer ganz bestimmten
Kombination funktionieren. Auf diese Weise ist man gezwungen,
sämtliche Klebestellen erst vollständig aufzutrennen, bevor
man das Materialneu schneiden kann.
Jan Schütte: Und doch macht Ihre Montage einen unglaublich
eleganten und sanften Eindruck, man fühlt sie nicht, sie sieht
nicht spröde aus wie etwa Jump-Cuts oder Ähnliches, sondern
scheint lediglich auf die Handlung ausgerichtet. Auch in Ihren
Büchern beschreiben Sie diesen Unterschied zu den gängigen
Prinzipien des Filmschnitts. Ich habe versucht, ihn in den Filmen
auszumachen, konnte ihn aber nirgends wirklich erkennen. Ich
würde Sie daher gerne fragen, wie Sie ganz praktisch an die
Auflösung einer Szene herangehen? Ich frage das auch, weil ich
annehme, daß ein Regisseur wie Francis Ford Coppola viele
Einstellungen auf Anschlußmontagen hin dreht. Welche
Möglichkeiten bleiben Ihnen da? Auf ganz gewöhnliche
Hollywood-Art würde man eine Szene mit einem Master oder
Establishing Sbot beginnen und sie dann sukzessive in nähere
Einstellungen auflösen. Wie gehen Sie da vor?
Walter Murch: Das hängt immer davon ab, um was für eine
Szene es sich handelt, wer der Regisseur ist und wie die allgemeine
Herangehensweise aussieht. In gewisser Hinsicht ist meine Arbeit mit
der eines Pianisten vergleichbar, der ein Musikstück vor sich
hat. Es macht einen riesigen Unterschied, ob es von Berlioz, von Bach
oder Boulez stammt. jeden einzelnen Komponisten muß man anders
spielen. Das Wesentliche ist dabei, wie ich vorhin schon gesagt habe,
darauf zu achten, wann eine Einstellung uninteressant wird. Es gibt
keinen anderen Grund, eine Einstellung mit einem Schnitt zu beenden.
Ich sage immer, der Cutter trifft im Grunde 24 Entscheidungen in der
Sekunde. Damit meine ich, daß er beim Betrachten einer
Einstellung andauernd denkt: "Nein, nein, nein, nein, nein, nein ...
Ja" - wobei ja der Moment ist, an dem ein Schnitt angebracht ist. Was
ich beschreibe, ist eigentlich eine Serie von Gedanken, die man sich
beim Betrachten einer Einstellung macht. Es braucht Zeit, sich diese
Gedanken zu machen, und auch dem Publikum muß man Zeit geben,
diese Gedanken zu fassen. Wenn man das bei der Montage beachtet,
entwickelt man eine Intuition dafür, wann ein bestimmter Gedanke
reif ist, sich in etwas anderes zu verwandeln. Und das ist der Punkt,
an dem man den Schnitt setzt und zur nächsten Sache
übergeht. Was meine praktische Vorgehensweise betrifft, so mache
ich mir zuerst beim Ansehen der Muster und auch noch später
ausführliche Notizen über das vorhandene Material. Bevor
ich zu schneiden beginne, setze ich mich mit meinen ganzen Papieren
hin und markiere alles, was mir besonders gelungen erschien, mit
einem gelben Stift. Meine Arbeit besteht dann schlicht und einfach
darin, möglichst viele gelb markierte Dinge auf die Leinwand zu
bringen. Aber damit jetzt kein falscher Eindruck entsteht: Selbst das
war eine große Aufgabe, als ich mit dem Schneiden von Filmen
begann. Ich schnitt damals Lehrfilme und wollte wieder einmal nichts
falsch machen. Mir ging es vor allem darum, den richtigen Moment
für einen nahtlosen Übergang von einer Einstellung zur
nächsten zu erwischen. Heute mache ich mir darüber
überhaupt keine Gedanken mehr. Ich lasse mich von der
Gewißheit leiten, schon irgendwie einen interessanten
Übergang auszuarbeiten. Das Wichtigste ist, zwei Ideen -
Einstellung A und Einstellung B - zueinander zu bringen und dann
einen Weg zu finden, sie wie bei einer chemischen Reaktion sich
aneinander entzünden, miteinander interagieren zu lassen.
Manchmal passen sie wirklich nicht zusammen, dann muß man einen
neuen Weg finden, sie zusammenzuzwingen. Und genau so entstehen neue
Ideen: Indem man Dinge zusammenbringt, die ursprünglich nicht
füreinander geschaffen waren, und sie einfach miteinander
verschmilzt wie bei der Legierung von zwei unterschiedlichen Metallen
- aus Kupfer und Blech wird Bronze.
Jan Schütte: Ich fand Ihre Beschreibung, wie der richtige
Zeitpunkt für den Schnitt zu finden sei, äußerst
aufschlußreich. Sie sagten: "Nein, nein, nein, nein, ja." Die
meisten anderen würden sagen: "Ja, ja, ja, ja, nein." Das
scheint mir ein ganz anderer Ansatz zu sein. Ich möchte noch
einmal Ihre Arbeit in den Bereichen Tonschnitt und Tongestaltung
ansprechen. Der Terminus technicus, den Sie gemeinsam mit Coppola
für diesen Arbeitsbereich gefunden haben, lautet Sound Design.
Wie kam es zu dieser Bezeichnung?
Walter Murch: Sie entstand teils aus Zufall, teils aus Notwendigkeit.
Als ich anfing, an Spielfilmen zu arbeiten, gehörte ich keiner
Gilde oder Gewerkschaft an. Wir arbeiteten nicht zuletzt deshalb in
San Francisco, weil wir möglichst weit weg sein wollten von den
Gewerkschaftsleuten, die sagten, man könne keine Filme machen,
ohne Mitglied bei ihnen zu sein. Wir flohen also an einen Ort, an dem
die Vorschriften in dieser Hinsicht weniger restriktiv gehandhabt
wurden. Trotzdem wollte ich nicht unbedingt die Aufmerksamkeit der
Gewerkschaftskreise darauf lenken, was wir hier unten taten, und so
wurde mein Anteil an der Produktion in den Credits unter einer
Kategorie gefaßt, die wir Sound-Montage oder so ähnlich
nannten. Bei ihr handelte es sich nicht um eine der offiziellen
Kategorien, so daß ich hoffen konnte, daß sich niemand an
ihr stoßen und mich verklagen würde. Daraus entwickelte
sich dann der Begriff Sound Design. Er wurde speziell zur Bezeichnung
meiner Arbeit an APOCALYPSE NOW gewählt, wobei sich Design
konkret auf das damals neue 5. 1-Tonformat bezog. Ich war an der
Erfindung dieses Formats beteiligt, weil Francis wollte, daß
das Publikum vom Ton vollständig umgeben war, und der Ton sollte
auch unterhalb des hörbaren Spektrums in extrem tiefe Frequenzen
gehen. Wir erfanden also ein neues Tonsystem, um Francis kreativen
Ansprüchen zu genügen. Allerdings war es ursprünglich
ausschließlich für APOCALYPSE NOW vorgesehen, wir dachten
damals nicht daran, ein neues Standard-Tonsystem zu entwickeln.
Auslöser war die Idee von Francis, daß APOCALYPSE NOW
nicht in normalen Kinos gezeigt werden sollte, sondern
ausschließlich in einem eigens für diesen Film gebauten
Kino, das sich in Kansas, exakt in der Mitte der Vereinigten Staaten
befinden sollte.
Jan Schütte: Der Film sollte tatsächlich nur in einem
einzigen Kino gezeigt werden?
Walter Murch: Ja, das war die Idee. Es sollte den gleichen Status
haben wie die Freiheitsstatue, Mount Rushmore oder der Grand Canyon -
die Leute sollten aus dem ganze Land dorthin pilgern, ins Kino gehen,
sich drei Stunden des Films vor dem Abendessen ansehen, drei Stunden
nach dem Abendessen. APOCALYPSE NOW sollte ursprünglich
insgesamt sechs Stunden lang werden.
Jan Schütte: Das klingt wie eine Wallfahrtsstätte nach dem
Vorbild von Bayreuth.
Walter Murch: Ja, das trifft es genau. Ich glaube, daß in der
Tat ein Wagnerianischer Gedanke dahinter stand. jedenfalls wollte
Francis ein spezielles Tonsystem für dieses Kino, das so etwas
wie ein heutiges IMAX werden sollte, nur daß heute die Kinos
sehr viel größer sind als zu jener Zeit.
Jan Schütte: Nur zur Verdeutlichung: Sie sprechen hier von einer
Zeit, in der es lediglich Mono-Ton gab, kein Dolby, nichts. Es ist
aus heutiger Sicht kaum mehr vorstellbar, wie die Filme damals in den
Kinos geklungen haben.
Walter Murch: Dolby-Lichtton wurde 1976 eingeführt. Ein Jahr
später wurde STAR WARS mit Dolby-Magnetton auf 70 mm
natürlich ein Riesenerfolg. Wir nahmen die Struktur dieses
Systems auf und veränderten sie zu radikal anderen
ästhetischen Zwecken, unter anderem indem wir einen extrem
tiefen Frequenzkanal hinzufügten.
Wenn man bedenkt, daß ich 1974 THE CONVERSATION in einem Mono-
und nicht in einem Dolby-Tonformat abgemischt und nicht einmal
fünf Jahre später bei APOCALYPSE NOW mit einem Tonformat
gearbeitet habe, das praktisch identisch ist mit unserem heutigen,
dann wird einem klar, daß wir damals innerhalb weniger Jahre
den Schritt von der Vergangenheit in die Gegenwart machten. Es wird
aber auch klar, daß es seit APOCALYPSE NOW nur sehr wenig
Fortschritt auf dem Gebiet der Kino-Tontechnologie gegeben hat.
Textquelle:
Murch, Walter (2004) Editing Pictures, Designing Sounds. Walter Murch
im Gespräch mit Jan Schütte. Aus dem Englischen von Michael
Wedel. In: Filmgeschichte, Nr. 19, Sept 2004/6, S. 13-18.
Siehe auch:
Murch, Walter (2004) Ein Lidschlag. Ein Schnitt. - Über manuelle
und digitale Scbnittechnik im Film. Berlin: Alexander Verlag.