- Avid und Goliath
Jörg Hauschild - Editor
Zur Montage von "Halbe Treppe",
BRD, 2002, Regie: Andreas Dresen /Schnitt: Jörg
Hauschild
- Hauschild, Jörg (2002)
Avid und Goliath. In: Schnitt, Nr. 28, Herbst 02, S.22-25.
- Interviewer: Nikolaj Nikitin
und Oliver Baumgarten
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- Inwieweit warst Du an der
Entwicklung der Story und den Dreharbeiten (von "Halbe Treppe",
G.S.) beteiligt? Wie sahst Du da Deine Rolle?
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- Beim Drehen war ich nicht oft
dabei, die meiste Zeit bin ich im Hotel gewesen und habe das, was
am Tag vorher gedreht wurde, aufbereitet. Es gab trotzdem
Situationen, wo es notwendig war, am Set zu sein: weil man noch
einen zusätzlichen Mann brauchte wegen irgendwelcher
organisatorischer Sachen, z.B. jemanden mal vom Hotel in eine der
beiden Spielwohnungen zu fahren usw. Aber normalerweise konnte ich
mir das zeitlich einfach nicht erlauben. Wichtiger als beim Drehen
war es für mich, bei den Buchbesprechungen dabei zu sein.
Sich bei der Stoffentwicklung irgendeine Szene auszudenken, aus
dem Nichts etwas zu erschaffen, das hat mir Spaß gemacht.
Und dann ohne den Zwischenschritt des Produzierens sozusagen das
Endergebnis mitzukriegen, also zu sehen, daß etwas dann
vielleicht anders geworden ist als man es sich dachte &endash; das
fand ich extrem spannend. Ich war zwar nicht direkt eine
Kontrollinstanz, aber doch der erste unvoreingenommene Zuschauer,
und diese Rolle wollte ich mir und der Gruppe einfach auch
bewahren.
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- Was für einen
Einfluß hatten die besonderen Produktionsbedingungen auf
Deine Arbeit?
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- Einen nicht so großen.
Ich mache ja meistens Dokumentarfilme oder Reportagen für's
Fernsehen, also eine Art von Film, wo der eigentliche
Filmfluß erst im Schnitt entsteht. Anders als beim
klassischen Spielfilm also, wo man eine Drehbuchvorlage hat, an
die man sich dann mehr oder weniger hält. Insofern war bei
diesem Projekt für mich die reine Cutterarbeit das, was ich
eigentlich immer mache. Daß man sich also wirklich erst im
Schnitt überlegen kann, a) nehme ich die Szene überhaupt
und b), wenn ich sie nehme, in welche Richtung soll sie gehen, was
soll damit ausgesagt werden. Zudem kann man noch einmal
darüber nachdenken, ob man nicht vielleicht die gedachte
Reihenfolge total vertauscht oder ähnliches. Diese
Möglichkeiten, dramaturgisch solchen Einfluß zu nehmen,
finde ich als das wirklich Faszinierende beim Schnitt, deswegen
mache ich das auch so gerne, und deswegen hat mich die Arbeit
für Halbe Treppe auch so interessiert.
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- Ihr hattet Material in einer
Gesamtspiellänge von 75 Stunden gegenüber 40 oder 20
Stunden bei einem "normalen" Spielfilm. Bei einer solchen Menge
den Film zu suchen ist doch schon eine größere Aufgabe,
als es vielleicht sonst der Fall wäre, und die ganze
Postproduktionsphase damit umso wichtiger. Wie bist Du beim
Sichten, Überspielen und Archivieren vorgegangen?
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- In der Postproduktionsphase den
Film zu finden war nicht so schwierig, da es ja nun den in der
Drehzeit entwickelten Szenenfahrplan gab. Außerdem waren es
ja nicht 75 gänzlich verschiedene Stunden Material, sondern
lediglich ein durch das Improvisieren wahnsinnig hohes
Drehverhältnis. Trotzdem mußte dieser Berg von Material
verwaltet werden. Während der Drehzeit gab es auch noch
mehrere Anforderungen zu erfüllen: Erstens mußte ich
das Material für den Schnitt aufbereiten, zweitens war
wichtig, daß Sicherheitsduplikate angefertigt werden, und
drittens wollte die Produktion, daß VHS-Kopien im
Gemeinschaftsraum zum Mustersichten bereitlagen. Letzteres haben
wir dann irgendwann gelassen, weil dafür überhaupt gar
keine Zeit mehr war. Wer etwas sehen wollte, ist eben hoch in den
Schnittraum gekommen, sehr locker auf Zuruf. Vom technologischen
Ablauf habe ich beim Anfertigen der Sicherheitsduplikate im Laptop
durch einen von mir entwickelten Timecodeleser die
Zeitinformationen erfaßt, wo welche Szene beginnt und endet,
und Bemerkungen dazugeschrieben, was in der Szene jetzt so
besonders ist &endash; die einzelnen Einstellungen unterscheiden
sich ja auch sehr stark voneinander. Dieses Skript war für
mich das grundlegende Archiv, in dem ich nach Stichworten,
Kassettennummern und Datumsangaben relativ schnell alles gedrehte
Material durchsuchen konnte. Wiederum durch ein spezielles
Programm wurde es kassettenweise in Dateien umgewandelt, die das
Avid-Schnittsystem lesen konnte. Das Einspielen in den
Schnittcomputer konnte dann mehr oder weniger automatisch
erfolgen. Der Avid verfügt über eine Art Datenbank, in
der man das Material irgendwie sinnvoll ablegen sollte, damit man
es später auch mal wiederfindet.
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- Wie seid Ihr da mit dem Ton
verfahren?
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- Wir hatten eine separate
Tonaufzeichnung mit DAT. Meine Aufgabe war es also auch, die
Tonbänder einzudigitalisieren und mit dem Bild
zusammenzubringen: also die Toneinstellungen zu den entsprechenden
Bildeinstellungen raussuchen und beide synchron
zusammenfügen.
- Für die gesamte
Materialaufbereitung ist also schon ein erheblicher Zeitaufwand
nötig. Für eine Stunde gedrehtes Material hat man bei
den beschriebenen Arbeitsschritten vier bis fünf Stunden zu
tun. Der ursprüngliche Plan, schon parallel zum Drehen zu
schneiden, mußte im wesentlichen aufgegeben werden.
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- Hast Du beim Erstellen der
Liste, als Du Dir zu den einzelnen Takes Bemerkungen notiert hast,
schon eine Art Vorauswahl getroffen?
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- Ich habe praktisch nur die ganz
krassen Abbrecher ausgesondert. Ansonsten habe ich wirklich
hundert Prozent des szenischen Materials eindigitalisiert und
alles katalogisiert. Es ist ja auch so, daß man im Schnitt
zu der einen oder anderen Szene wirklich noch mal alles
durchsucht, manchmal nur nach irgendeinem blöden Blick, den
man für irgendwas braucht, und da waren wir mit dieser
Methode dann auf der sicheren Seite, da der Zugriff auf das schon
eingespielte Material viel schneller ist als von Kassette.
Inhaltlich konnte ich im Vorfeld schwer beurteilen, ob diese Szene
gut ist oder jene schlechter, das stellte sich dann letztlich erst
beim Schnitt heraus. Ich hatte natürlich schon meine
persönlichen Favoriten, aber eine Szene, die meinetwegen zehn
oder zwölf Improvisationen hat, besitzt ja auch mehrere
Möglichkeiten, wie man sie zeigen kann. Und das konnte ich
natürlich noch nicht entscheiden, das wußte
wahrscheinlich nicht einmal Andreas in diesem frühen
Stadium.
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- Wie habt Ihr bei diesem
Variantenreichtum einen Faden gefunden? Seid Ihr chronologisch
vorgegangen?
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- Es gab ja verschiedene Phasen.
Zunächst haben wir den Dreh für eine Woche unterbrochen,
um in der Zeit schon mal die ersten dreißig Minuten
provisorisch zu schneiden. Das fand ich psychologisch total
wichtig, es gab allen die Sicherheit, daß aus dem Material
ein Film werden könnte. Da hatten wir natürlich alles so
zusammengeschnitten, wie der Szenenfahrplan es vorschrieb, ohne
größere strukturelle Überlegungen dabei
anzustellen. Nach dem Dreh gab es zwei oder drei Wochen Zeit, in
denen wir so weit kommen wollten wie möglich, und danach eine
Vorführung mit dem Team. Auch da haben wir gesagt, wir machen
keine großen Spielereien, wir erfüllen erst mal den
Szenenfahrplan und streichen nichts raus, außer es geht
überhaupt gar nicht anders.
- Wir haben die Szenen auch in
chronologischer Reihenfolge abgearbeitet. Das lief meistens so ab,
daß wir uns alle Varianten zu einer Szene angesehen haben
und dabei jeder für sich Notizen gemacht hat. Dann gab es
einen Gedankenaustausch, welche Variante als Basistake dienen und
welche "Highlights" verwendet werden sollten. Dem folgte
schließlich der Versuch, das Besprochene umzusetzen oder zu
verwerfen und neu nachzudenken.
- Bis der Film komplett war,
verging noch ungefähr ein Monat, und erst dann haben wir
begonnen, auch größere Umstellungen zu machen. Bis
dahin orientierte sich im Prinzip alles nach dem, wie es in den
Buchbesprechungen formuliert worden war.
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- War es Teil des
Montagekonzepts, relativ wenige Schnitte zu verwenden?
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- Das kann man so nicht sagen. Es
stimmt zwar, daß die Schnittfrequenz vielleicht etwas
langsamer ist als bei einem klassisch gedrehten Film, aber immer
noch wesentlich höher als man gemeinhin denkt. Viele
Sequenzen sind nämlich so geschnitten, daß man die
Schnitte nicht sieht und diese Teile als durchgehenden Block
wahrnimmt. Es gab eigentlich kein Schnittkonzept in dem Sinne,
daß wir gesagt hätten, "also, wir haben jetzt hier den
Haufen Material und versuchen nun, das mal in der und der Art
zusammenzuschneiden". Wir haben Szene für Szene genommen mit
klarer Priorität auf den inhaltlichen Bezug, also darauf, was
die Leute sagen und was wir davon hören wollen. Wichtig war,
daß der emotionale Bogen der Figuren erhalten blieb. Da gab
es dann vielleicht auch mal Schnitte, die nicht so unbedingt
schulbuchmäßig sind, aber wir haben jetzt nicht auf
Teufel komm raus mit wilden Cuts herumexperimentiert, nur, damit
es in dieser Hinsicht interessanter wird. Das Interessanteste und
das Wichtigste sollte im Film sein, und unser Ziel war, es so zu
montieren, daß man es sich irgendwie ansehen kann und vom
Schnitt nicht allzu verwirrt ist.
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- Kannst Du das mit den
versteckten Schnitten noch weiter ausführen ?
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- Wir haben oft, wenn die Kamera
eine wildere Schwenkbewegung machte und man eh nichts im Bild
erkennen konnte, einfach in den Reißschwenk geschnitten und
daran einen ähnlichen Schwenk von der nächsten
Einstellung montiert. Das sieht man im Endergebnis dann nicht
mehr. Es ist einfach die Frage, was man will. Klar kann ich den
Reißschwenk auch herausrausnehmen und einfach so schneiden,
aber dann wird der Schnitt sichtbar. Überhaupt denke ich,
daß die dynamischen Bilder der Handkamera Schnitte weniger
auffällig erscheinen lassen. Es ist eine besondere Wirkung,
wenn man den Eindruck einer nicht geschnittenen Szene bekommt.
Eine andere Variante ist selbstverständlich, im klassischen
Schnitt-Gegenschnitt-Verfahren zu arbeiten. Das ist eine
Sehgewohnheit, die sich seit vielen Jahren etabliert hat, und das
kriegt man eigentlich auch nicht mehr so als Schnitt mit, aber
diese besondere Wirkung entwickelt sich dabei nicht.
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- Wie stehst Du zu den
Interviews, zu denen es ja durchaus kontroverse Meinungen gibt?
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- Eigentlich ist das für
mich in der jetzigen Fassung eher so eine halbe Sache. Wenn es nur
nach mir gegangen wäre, hätte es mehr und vor allem
längere Interviews gegeben, weil ich der Meinung bin,
daß man den Leuten sehr gut zuhören kann. Ich
könnte davon viel mehr ertragen &endash; was heißt
"ertragen": Es ist einfach total interessant, was die Leute sagen.
Und nicht nur aus einem dramaturgischen Interesse heraus als eine
Art Reibungspunkt, sondern das, was die Interviews transportieren,
ist oftmals auch für das Verständnis der Figuren
wichtig. Wir sind am Anfang auch immer der Meinung gewesen,
daß wir nicht alles drehen können, was wir im Kopf
haben, daß es vielleicht Geschichten gibt, die zu aufwendig
sind. Da dachten wir dann so etwas wie: "Na und, dann erzählt
er halt im Interview, was gewesen ist." Diese Interviews waren
also auch immer eine Brücke, die uns erlaubte, in
Sprüngen zu erzählen, ohne Geschichten auszulassen. Dazu
ist es dann nicht gekommen, weil die Geschichte, die wir hatten,
letzten Endes doch ziemlich komplett als Szenenablauf bestand. Ich
fände es auch spannend, wenn beispielsweise zwei
Interviewpartner zu ein und derselben Situation ganz
unterschiedliche Erinnerungen zum besten gegeben hätten. Oder
ich hätte mir z.B. auch gut vorstellen können, daß
die Interviews vielleicht gar nicht unbedingt von den Spielfiguren
gegeben werden, sondern von den Schauspielern selbst. Oder aus
einer anderen Zeitperspektive &endash; drei Tage danach oder drei
Tage davor. Das wäre ja auch mal was gewesen.
- Es gibt in dem Film eine Reihe
ruhiger, sehr lyrischer Momente, die die Geschichte für kurze
Augenblicke zum Stillstand bringen, also z.B., wenn Gabi Schmeide
in einer Szene auf dem Parkplatz im Schnee spazierengeht. Das ist
nicht unbedingt etwas, was Andreas' Stil entspricht, der ja
normalerweise jede Szene nutzen will, um die Geschichte
voranzutreiben. Kam das mehr von Dir, solche Ruhepunkte
drinzulassen?
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- Insgesamt versucht man
natürlich immer, jede Szene zum Höhepunkt zu bringen.
Aber ich würde, glaube ich, jetzt auch nicht behaupten,
daß Andreas unbedingt ein Typ ist, der dazu neigt, alles
irgendwie vollzupacken. Er ist schon eher einer, der sich solche
Freiräume auch läßt. Was jetzt diese
Parkplatzszene betrifft, war es auch er, der sie im Film haben
wollte. Allerdings sollte man sie auch nicht nur als ruhige
Einzelszene sehen. Ich bin der Überzeugung, daß so eine
Szene nur dann richtig wirken kann, wenn sie vorher emotional
"aufgepumpt" worden ist &endash; in diesem Fall durch das
unmittelbar davorstehende Interview von Katrin. So kommt die
Geschichte zwar kurz zum Stillstand, nicht aber die Gedanken, die
man sich darüber macht.
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- Du warst zusammen mit Andreas
im Schneideraum. Hast Du das als Vorteil oder als Nachteil
empfunden? Hättest Du den Film lieber alleine
geschnitten?
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- Nein, das ist auch gar nicht
möglich bei so einem Projekt. Mit einem Drehbuch kann man das
schon machen, aber in dem Fall gab es so viele Möglichkeiten,
das war so eine Gefühlsfrage, da hätte man sich
dermaßen in den anderen hineinversetzen müssen,
daß man gleich mit ihm zusammenarbeiten kann. Ich war auch
durch diese Flut von Angeboten teilweise so erschlagen, daß
ich froh war, jemanden neben mir zu haben, der manchmal einfach
schon von sich aus sagte, "das ist alles Mist, laß uns das
mal so machen" und anders herum auch. Ich werkel zwar auch gerne
für mich alleine herum, aber sich mit jemandem auszutauschen,
sich zusammen was anzugucken, über irgendwas zu lachen und
gemeinsam froh zu sein über das, was man zusammen fabriziert
hat, ist schon ein tolles Gefühl. Wir hatten auch
während der ganzen Schnittzeit nicht ein einziges Mal
Streß miteinander, das war absolut harmonisch, auch wenn
alle zwei Minuten einer anrief und fragte: "Na, vertragt ihr euch
noch?" Das war echt eine tolle Zeit.
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