DER GOLDENE SCHNITT

Ein Regisseur hat eine Idee. Eine Kamerafrau den richtigen Blick. Aber erst ein guter Cütter macht aus vlelen, unsortierten Bildern einen Film. Das Porträt eines unterschätzten Berufes.

von Stefanie Henschel



Bilder sind Halinas Wörter. Wenn sie eine Geschichte erzählen will, muss sie sich überlegen, wie sie die Bilder aneinander reiht, damit sie einen Sinn ergeben. Mehrere Bilder ergeben einen Satz. Noch einen. Kein Bild steht zufällig da, wo es steht, alles hat seinen Platz. Eine Bildererzählerin wie Halina wählt jedes Wort mit Bedacht.

"Jeder Film hat grammatikalische Strukturen. Wie ein Buch", sagt Halina. Und wenn man den Rhythmus eines Filmes verstehen will, muss man einfach bei jedem Schnitt mitklopfen. Halina gibt diesen Rhythmus vor, sie ist eine Cutterin, sie schneidet Filme. Gerade arbeitet sie an einem Kurzfilm über eine Boxerin, den sie zusammen mit einer Regie- und einer Kamera-Studentin an der HFF Konrad Wolf, der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam-Babelsberg, produziert.

Halina Daugird ist 25 Jahre alt und studiert an der HFF. Den Studiengang "Montage" mit Abschluss als "Diplom-Schnittmeisterin" gibt es sonst nirgends in Deutschland. Cutter machen meistens ein Volontariat bei einem Fernsehsender, oder sie werden drei Jahre lang in Firmen ausgebildet.

"Das Tolle hier an der HFF ist, dass du als Cutterin die Filme mitbestimmst", sagt Halina. Sonst steht oft ein Regisseur hinter dem Cutter und sagt, wo der nächste Schnitt gemacht werden muss - "da bist du nur noch Ausführender". Im Moment hat Halina aber genauso viel zu sagen wie die Regisseurin und die Kamerafrau. Zu dritt sind sie vor einigen Tagen nach Hamburg gefahren, um Tatjana zu treffen, eine Boxerin, die regelmäßig in der legendären "Ritze" trainiert, einem Club auf der Reeperbahn. Jetzt sitzt Halina im Schneideraum und sichtet das Filmmaterial. Noch ist alles in der Reihenfolge, in der die Kamerafrau es aufgenommen hat. Vor Halina liegt die "Bildhauer-Arbeit": aus Tonnen von Material eine Geschichte meißeln. Als Meißel benutzt sie eine "Klebelade". Eine Mini-Guillotine, in die der Filmstreifen eingelegt wird, und dann: Zack! Schnitt! Noch ein Schnitt! Dann die neuen Enden wieder zusammenkleben. Unendliche Fummelarbeit.

Normalerweise wird digital am Computer geschnitten, aber der Analog-Schnitt gehört zur Ausbildung. Halina hackt einen Filmstreifen am Schneidetisch in Schnipsel. "Man muss gut organisiert sein. Wenn ein Schnipsel weg ist, ist er weg. Dabei lernst du, wie viel ein Bild bedeutet."

Die Bilder von Tatjana, der Boxerin, wollen Halina und ihre Kommilitoninnen unkommentiert montieren. Trotzdem sagt jedes Bild etwas über Tatjana: konzentriert bei Liegestützen, hart beim Schattenboxen, dann lugt plötzlich ein sehr weicher Blick unter dem Handtuch hervor. Aus dem Off wollen sie die Boxerin ihre Geschichte erzählen lassen, "und die ist heftig!"

Nach dem Abi hat Halina erst Film- und Theaterwissenschaft studiert. Bei einem Videoprojekt an der Uni hatte sie zum ersten Mal mit Schnitt zu tun. "Auf den Beruf ", sagt sie, "kommst du ja sonst nicht ohne Weiteres." Auf die HFF auch nicht: Zweihundert Leute bewerben sich jedes Jahr für das Fach, für Halinas Jahrgang wurden zehn Bewerber genommen.Bisher hat sie Dokumentarfilme gemacht, jetzt ist Halina ganz wild auf ihren ersten Spielfilm." Action würde ich gerne machen", sagt sie grinsend: "Was Schnelles."

Text: Stefanie Henschel
Fotos: Peter Langer

Informationen zum Beruf des Cutters:
www.hff-potsdam.de
www.bfs-cutter.de

Entnommen:
jetzt #15. Magazin der Süddeutschen Zeitung. S. 12.