Eine Revolution
Hans W. Geissendörfer zur Filmmontage im Gespräch mit Daniel Bickermann

Sie haben sehr früh mit Schnittneulingen wie Wolfgang Hedinger zusammengearbeitet ....

Ja, und wir haben sicherlich sehr viel voneinander gelernt. Meine vorherigen Kurzfilme hatte ich noch selber geschnitten und das teilweise noch nicht einmal am professionellen Schneidetisch, sondern am Moviescope. Das war alles noch sehr pioniermäßig, für mich damals aber völlig normal. Böse Zungen sagen ja, Der Fall Lena Christ (1970) wäre der beste Film, den ich und Wolfgang gemacht haben, weil er seine Originalität aus der Naivität des Handwerks bezieht.

Gibt es einen Unterschied in der Arbeitsweise mit unterschiedlichen Editoren?

Naja, klar ist, daß die wunderbaren Kolleginnen Jutta Brandtstädter oder Helga Borsche nicht das von mir verlangt haben, was dann Peter Przygodda als erster verlangt hat, nämlich den Schneideraum zu verlassen. Jutta ist eine wunderbare Editorin, aber ich war, obwohl sie natürlich auch selbständig geschnitten hat, immer dabei. Selbst wenn ich nur danebengesessen und Zeitung gelesen habe, ich war immer im Schneideraum. Und das fanden diese Editorinnen auch ganz normal. Peters Arbeitsweise war für mich eine Revolution, und ich war natürlich auch sauer an den ersten Tagen »Komm bitte erst in zwei Tagen, die brauche ich, bis ich diese Sequenz so fertig habe, um sie vorführen zu können«, sagte er.

Durch die Arbeit mit Peter habe ich etwas sehr Wichtiges gelernt. Es ist wie mit einem Schauspieler: Wenn der Regisseur ihm zu genaue Anweisungen gibt, ist der Schauspieler machtlos. Dadurch nimmt man sich jede Chance, zu sehen, was er selbst sich bei der Szene gedacht hat. Wenn man erwachsen wird als Regisseur, dann kann man auch zu den Schauspielern sagen: »Ich bin jetzt mal nur euer Zuschauer. Flier ist der Text, da ist der Raum: Macht mal!« Und genauso läuft es bei mir jetzt im Schneideraum. Peter geht mit einer ungeheuren Gelassenheit an das, was ich da produziert habe. Und ich freue mich riesig, wenn er anruft und sagt: »Hans, es gibt wieder was zu sehen.«

Suchen Sie für bestimmte Stoffe auch ganz gezielt Editoren?

Nein, der Gedanke tauchte bei mir nie auf, daß das Ergebnis des Schnitts durch den Charakter des Editors beeinflußt sein könnte. Im übrigen war es in den letzten Jahren so: Wenn Peter Zeit hatte und zur Verfügung stand, dann habe ich mit ihm gearbeitet. Ein Editor hat ja auch das Drehbuch gelesen, er sieht, was man als Material bringt, und er erkennt, wo der Film hingehen soll. Die guten Editoren, wie auch die Kameraleute, machen die Geschichte, wenn sie sie lieben, zu ihrer eigenen.

Wie wählen Sie dann Ihre Editoren aus?

Man schaut auf das Handwerk und auf die Kreativität eines Schnittmeisters. Man lädt den Editor zum Gespräch ein, gibt ihm das Drehbuch und kommt dann irgendwann zu dem Schluß, ob man sich mag oder nicht. Aber es gibt auch die Leidenschaft von mir, eigene Leute auszubilden. Ich habe durch die Lindenstraße die Möglichkeit dazu, das wirklich intensiv zu tun. Man kann als junger Mensch das Fernsehen als Akademie nutzen. Man verliert die Angst vor dem Gewerbe und gewinnt eine gewisse Routine. Es ist alles ein Lernprozeß. Der junge Editor Oliver Grothoff, der bei Schneeland (2005) bei Peter als Assistent dabei war und beim neuen Film fast schon gleichberechtigt dabei ist. So wie Helga Bosche beim Zauberberg (1982). Es macht Spaß, Leute im eigenen Team auszubilden, sie reifen zu sehen und ihnen die Chance zu geben, ihren ersten großen Film zu machen.

Wie lange nehmen Sie sich bei Ihren Filmen Zeit für die Schnittphase?

Das ist bei mir von Projekt zu Projekt unterschiedlich. Irgendwann muß ich einfach den Film für beendet erklären, wenn er für mich stimmig ist. Schließlich geht auch irgendwann das Geld aus, oder man mag nicht mehr, man hat keine Geduld mehr und will den Film nicht mehr sehen. Irgendwann habe ich dieselbe Sequenz hundertzweiundzwanzigmal gesehen, also sage ich: »Peter, das lassen wir jetzt, das ist jetzt gut so.« Das ist ein Entschluß, das ist keine Überzeugung. Das sieht man auch wieder vor Publikum, bei der Premiere. Da raunt man sich dann zu: »Peter, hast du das da nicht gemerkt? Der Film hängt doch an der Stelle! Hörst du sie alle rascheln?« Das sind nicht die Taschentücher, weil sie weinen, sondern Bonbons und dergleichen, das Husten wird auffälliger. Und dann wird's auf einmal wieder ganz ruhig. Dann läuft der Film wieder.

Haben Sie schon einmal nach Testvorführungen oder Premieren umgeschnitten?

Nein. Dafür bin ich, das muß ich ganz ehrlich sagen, zu faul (lacht). Zur Premiere des einen Films arbeite ich bereits am nächsten oder ich schreibe ein Buch oder fahre in die Südsee oder bin mit meiner Familie zusammen. So ein Film belästigt einen sowieso das ganze Leben, weil man immer wieder daran erinnert wird. Das ist dann manchmal sehr schön, aber manchmal auch sehr schmerzhaft. Man muß einfach irgendwann einen Schlußstrich ziehen.

In: Schnitt, Nr. 54, 01.2009, S. 59