Avakian, Aram (1972) On The
Editor. In: Baker, Fred / Firestone, Ross (Hrsg.) (1972) Movie
People. New York: Douglas Book Corporation. S. 123-145. Und in:
Baker, Fred / Firestone, Ross (Hrsg.) (1973) Movie People. New
York: Lancer Books. S. 157-184. Übersetzung: Sophie
Repp
Ich bin auf Umwegen zum
Filmschnitt gekommen. Zuerst wollte ich Schriftsteller werden.
Doch schon immer, seit meinen Kindertagen, habe ich mich für
Filme interessiert. Mit acht Jahren machte ich die
Shirley-Temple-Phase durch, und mit etwa zwölf ging ich durch
die Lana-Turner-Phase.
Dazwischen entwickelte ich eine
Theorie über Filmkritik, die seitdem von wenigstens einer
berühmten Kritikerin gewissenhaft angewandt wird: "Kunst als
Schrott" oder "Film als Schrott" oder "Filmkritiker als
Schrotthalde" oder "Filmkritiker kann verschrotten, wird
wenigstens verbeulen". Kleiner Scherz.
Es dauerte noch einige Jahre -
bis ich volljährig war - bevor ich begann, Filme
ernstzunehmen .
1948 ging ich für
fünf Jahre nach Paris, wo es die Cinémathèque
gab und massenhaft Filmklubs. Es war die Zeit vor Cahiers du
Cinéma, und als solche hat sie die Zeitschrift auch
geprägt.
Der erste Regisseur, dem ich
meine Aufmerksamkeit widmete, war John Ford - Höllenfahrt
nach Santa Fé (Stagecoach), Faustrecht der Prärie (My
Darling Clementine), Früchte des Zorns (Grapes of Wrath). Ich
ging immer in die Cinémathèque und in ein
Filmtheater in Montparnasse und jagte Fords Filmen und denen der
alten Warner Brothers (Sam, Jack und - Dingsbums) nach, ganz
versunken in der Mythologie des Hollywoodfilms.
Es gab ein Kino in
Montparnasse, das fast nur Filme der Warner Bros. zeigte. Also
gingen ich und einige meiner literarischen Freunde dorthin und
sahen uns diese Filme an ohne uns dessen bewusst zu sei, dass Film
Kunst war, oder dass Pop irgendetwas war - Sie wissen schon - oder
dass Humphrey Bogart etwas anderes sein könnte als ein
Schauspieler in Filmen, die wir mochten. Und er hat Camus' Der
Fremde (L'Etranger) vorweggenommen. Das war auch das erste Buch,
das ich auf Französisch gelesen habe (1948). Terry Southern
überredete ich 1949 es zu lesen, und Jimmy Baldwin hat sich,
glaube ich, etwas später angeschlossen. William Styron las es
1953. Ernest Hemingway quäl dich in Havanna und Idaho.
Ich war zu der Zeit an der
Sorbonne. Damals herrschte dort die Art von Filminteresse wie
scheinbar jetzt in Amerika. Jeder an der Uni und im Gymnasium, der
Bücher las, ging ins Kino. Filme waren von ebensolchem
Interesse wie Literatur. Unter den Studenten in Frankreich war das
eine schon lang akzeptierte Tradition, genauso wie politische
Demonstrationen, eine andere kürzlich gemachte amerikanische
Entdeckung.
Ironischerweise geht meine
spätere Abneigung gegen den konventionellen Dialog aus
Schuss-Gegenschuss möglicherweise auf diese "konventionellen"
Warnerfilme im Cinéma Parnasse zurück, und mein
Interesse am subjektiveren Filmvokabular muss wohl von der
Klassikkost der Filmklubs und der Cinémathèque
kommen: Ein anadalusischer Hund (Chien d'Analou) und Das Goldene
Zeitalter (L'Age d'Or; Buñuel), A Propos de Nice und
Betragen ungenügend (Zéro de Conduite) (Vigo), Pilger
(The Pilgrim) (Chaplin), Storm Over Asia (Pudovkin), Sonderbarer
Fall (Drôle de Drame), Bizarre, Bizarre (Carné),
Panzerkreuzer Potemkin (Eisenstein), Zwischenspiel (Entre-acte)
(Clair), alle elementares Repertoirekino und im Kern sehr moderne
Filme.
Eigentlich waren es sogar zwei
Filme gewesen, die mich dabei beeinflusst hatten, nach Europa zu
gehen. Ich hatte sie im Thalia in New York City im Winter 1947/48
gesehen. Einer war Paisan - Rosselini. Der andere war ein Film,
den Bergman geschrieben hatte - Torment. Dass diese Filme so nah
am Leben der Leute waren, die sie machten, war meiner Meinung nach
das, was in Amerika fehlte.
Diese unmittelbare Relevanz vom
Leben für die Kunst sagte mir, dass Europa ein passender Ort
zum Leben sein, da ich zu der Zeit Romane schrieb.
In den USA war die einzige
soziokulturelle Beziehung, die wirklich eine sozio-/-kulturelle
Beziehung war, der Jazz. Ich kannte Jazzmusiker und lebte ein
wenig deren Untergrundexistenz. Nichts in der amerikanischen
Literatur oder im Kino aber schien die Unmittelbarkeit der
europäischen Filme zu haben. Trotz alledem war ich
gegenüber Filmen eher literarisch als filmisch orientiert,
und das Aufkommen irgendwelcher Gedanken an das Filmemachen hatte
noch mehrere Jahre Zeit. Ich versuchte, Schriftsteller zu sein.
Ich hatte nie etwas über Filmgeschichte oder irgendeine
Theorie gelesen, oder Filmtechnik gesehen, geschweige denn am
Filmemachen beteiligt gewesen zu sein.
Ich hatte Schwierigkeiten mit
dem Schreiben, sogar damit, mir selbst gegenüber die Illusion
aufrechtzuerhalten, ein Schriftsteller zu werden. Also hörte
ich damit auf. Ich konnte die Einsamkeit nicht ertragen. Man kann
wahnsinnig werden, wenn man jeden Tag den ganzen Tag lang allein
am Schreibtisch sitzt, und ein weißes Blatt Papier schaut
einen an. Ich wollte mehr mit Leuten machen. Als ich nach New York
zurückkam, fing ich an, über das Filmemachen
nachzudenken.
Auf der Heimreise 1953, nach
fünf Jahren Europa, warf ich meine kläglichen
Manuskripte von einem zweitklassigen britischen Passagierdampfer
in den Atlantischen Ozean.
Zurück in New York, in
Birdland, in der Basin Street, war Jazz der letzte Schrei und
Adlai Stevenson war ein Loser.
Eines Tages begann Paul
Desmond, der Altsaxophonist von Dave Brubeck, von einem Kurzfilm
zu erzählen, den er gesehen hatte, und den er großartig
fand. Er hieß Jammin' the Blues und war um 1945 von einem
Fotografen namens Gjon Mili gemacht worden. Ich kannte den Film
und mochte ihn genauso sehr wie Paul. Ich war dem Streifen durch
Paris gefolgt und hatte ihn insgesamt vielleicht fünfzehn
oder zwanzig mal in Filmclubs gesehen. Es ist ein
wunderschöner Film - ein kleiner zehnminütiger Klassiker
mit Lester Young. Paul und ich begannen dann, darüber zu
reden, unseren eigenen Jazzfilm mit dem Brubeck-Quartett zu
machen. Ich war immer ein großer Jazzfan gewesen. Eine der
ersten Unternehmungen in meinem Leben war der Kauf einer
Jazzplatte. Als ich ungefähr sechs Jahre alt war, habe ich
meine Mutter im Kaufhaus Macy's so lange genervt und mich auf dem
Boden hin- und hergerollt, bis sie mir die Platte Lulu's Back in
Town von Fats Waller gekauft hat. Tja, und da ich fand, dass Gjon
Mili ein großartiger Filmemacher war, rief ich ihn an und
fragte, ob er mitmachen würde. Am Ende hat er zugestimmt.
Drei von uns fingen mit dem
Film an: Mili, sein Assistent und ich - mehr als ein
Schnappschussfoto hatte ich bis dahin - es war 1954 - noch nie
gemacht. Wir holten damals Dave und Paul und die anderen beiden
Männer von der Band immer ab, wenn sie in der Basin Street
mit Spielen fertig waren, gingen zu Milis großem Loftstudio
in der East 23rd Street rüber und fingen morgens 3 Uhr mit
dem Drehen an. Ich machte solche Sachen wie mal eine
Auflösung, oder ich schob den Kamerawagen. Ich war der
Handlanger, aber habe sie alle irgendwie angetrieben. Als wir mit
dem Drehen fertig waren, war mir klar geworden, dass Mili
eigentlich gar kein Filmemacher im professionellen Sinn war.
Und dennoch war Gjon Mili ein
ausgezeichneter Filmemacher, ein naiver Meister - einfach und
wunderschön. Als wir mit dem Drehen fertig waren, schaute ich
mich um und sagte: "Tja, das sind ja alles sehr schöne
Einstellungen, aber was machen wir hier eigentlich? Wer soll denn
das Ganze schneiden?". Alle gingen einträglichen Berufen nach
mit beachtlichen Einkommen, also drehten sie sich um und schauten
mich an.
Am nächsten Tag kam eine
Moviola durch die Tür gerollt. Ich hatte noch nie eine
gesehen. Gjon sagte: "Das ist eine Moviola." Und ich sagte:
"Angenehm." Er sagte "An dieser Seite kommt das Bild hin, und hier
kommt der Ton hin. Und hier hast du einen Markierstift. Du
lässt den Film laufen, und wenn du die Stelle findest, wo du
schneiden möchtest, markierst du sie. Dann suchst du nach ein
paar anderen Einstellungen und markierst sie auch. Dann klebst du
alles zusammen." Ich hatte keine Ahnung, wie ich das Ganze
anstellen sollte, aber so fing ich an, und schnitt, wie ich es
eben konnte - auf diese Art und Weise, mit dieser Methode, mich
mit Filmmaterial vertraut zu machen, irgendwelches Material, jedes
Material, um mein Handwerk als Filmemacher zu lernen.
Während ich mich mit dem
Wenigen, das wir hatten, abmühte, war Gjon unterwegs nach
Hollywood um für das Life-Magazin Bilder von Sam Goldwyns
Dreharbeiten zu Porgy und Bess zu machen.
Wenig später zeigte mir
Debbie Ishlon, eine PR-Frau bei Columbia Records, die den fertigen
Brubeckfilm gesehen hatte, Filmmaterial und sagte: "Das hier kann
niemand vernünftig zusammenbringen. Es ist unmöglich.
Aber ich habe Ihre Arbeit gesehen, und vielleicht sollten Sie es
mal probieren".
Es handelte sich um Material
über Igor Stravinsky, das von ein paar Nachrichtenleuten und
Fotografen aufgenommen worden war, die einfach keine Ahnung
hatten. Sie hatten eine Menge über Stravinsky im
Aufnahmestudio gedreht - beim Dirigieren seiner Geschichte vom
Soldaten (Story of a Soldier). Das ist Musik, die fast kubistisch
ist, sperrig, mit enormen Tempowechseln von Takt zu Takt
(Taktwechsel?), schwierig zu verfolgen selbst mit den Noten vor
Augen. Scheinbar war für den Film aber ein Porträt des
Mannes verlangt und keine Aufnahmeanleitung für
Schallplatten. Also schmiss ich den ganzen mechanischen Kram raus
und folgte Stravinsky, egal, ob er nun eine Jacke trug oder nicht,
ob er saß, lief, stand oder dirigierte, redete, aktiv war
oder passiv. Ich schnitt all das zusammen und lies mich dabei von
dem leiten, was für mich das Eckige und Kubistische in der
Musik ausmachte.
Dabei ließ ich wohl den
Jumpcut oder zumindest den Missbrauch desselben das Licht der Welt
erblicken.
Das war 1955. Ich wusste nicht,
dass man Film so nicht schneiden sollte. Das Wesen Stravinskys und
seiner Musik schienen diese Art des Schneidens aber regelrecht
vorzuschreiben - diese phantastischen Zeitwechsel alle vier Takte.
So, wie ich den Film geschnitten hatte, spielte es keine Rolle, ob
Stravinsky seine Jacke in der einen Szene aus-, und in der
nächsten anhatte, und in der übernächsten ein
Handtuch um seinen Hals. Das Wichtige war, war dass es Stravinsky
war. Nach monatelanger Plackerei lieferte ich einen dreizehn
Minuten langen Film ab.
Gesehen habe ich Stravinsky das
erste Mal als er einen langen Korridor entlang in meine Richtung
zum Vorführraum lief und vor sich her eine winzige japanische
Plastikgeranie in einem roten Topf trug. Er war klein, etwa 1,65m,
und vor ihm gingen seine wesentlich größere Frau und
Robert Craft, seine rechte Hand, Assistent am Pult, Vertrauter und
Biograph.
Es ist dunkel. Stravinsky und
Craft sehen den fertigen Film zum ersten Mal. Sie sitzen zusammen
in der Mitte des Vorführraums. Ich sitze hinten. Ich sehe
eine Taschenlampe angehen, und die beiden kichern den ganzen Film
hindurch - sie verfolgen die Musik auf dem Papier! Sie sehen sich
Stravinsky auf der Leinwand an. Als der Film vorbei ist, und die
Lichter angehen, und Stravinsky aufsteht, halte ich den Atem an,
na ja, das ist schließlich Igor Stravinsky, oder? Nicht
gerade der Moment für Scherze. Er dreht sich um und sagt:
"Ein wunderbarer Film. Er ist genau wie ein Schnappschuss und ich
liebe Schnappschüsse. Natürlich war ich in dem und dem
Takt von dem und dem Satz einen Takt hinter dem Orchester, was
nicht so schön für den Komponisten ist, aber es ist sehr
schön für das grande publique."
Die
Großzügigkeit dieser Bemerkung und die Tatsache, dass
er nicht wusste, wie weit er damit eigentlich danebenlag - mit
anderen Worten, der Jumpcut wurde für mich eine
zulässige Technik. Wenn er für Igor Stravinsky brauchbar
war - mit seiner Billigung - war er, dachte ich, auch brauchbar
für mich oder für "le grande publique".
Das war 1955, aber
draußen lernte man den Jumpcut erst viel später kennen
und schätzen. Eigentlich 1960 mit Godards Außer Atem
(Breathless) - gespickt mit Jumpcuts. Der Film - ein modernes
Meisterwerk, gleich beim ersten Versuch. Er, Godard, benutzte den
Jumpcut mehr oder weniger aus dem gleichen Grund wie ich. Er
richtete sich nach dem Charakter der Personen, die Seberg und
Belmondo spielten, und nicht nach der exakten Kontinuität
ihrer Handlungen und Dialoge.
Als ich mit Stravinsky
kämpfte, wusste ich nicht, was ein Jumpcut ist. Ich wusste
nicht, ob es jemandem gefallen würde. Ich habe es so gemacht,
weil ich eine Vorstellung darüber hatte, wer Stravinsky war,
und ich habe versucht das zu übersetzen. Ich wusste, dass es
genau das war, was zu tun war. Heraus kam ein Porträt des
Mannes: Igor Stravinsky.
Um Cutter zu sein, muss man ein
paar grundlegende mechanische Dinge wissen. Filmschnitt kann jeder
in sechs Monaten lernen. Die wenigen notwendigen Prinzipien kann
man in ein paar Monaten lernen, wenn man das richtige Vorbild hat,
Talent, Energie, Leidenschaft und nächtliches
Durchhaltevermögen. Die Art und Weise, wie ich begonnen
hatte, war verrückt. Ich lag irgendwie so weit daneben. Ich
wollte Filme machen, aber ich kannte niemanden, der Filme machte.
Ich bin mit den falschen Leuten zusammengeraten, und irgendwie
waren es dann doch die richtigen Leute, weil es engagierte Leute
waren, die eine Meinung hatten. Ich lernte bei einem Mann, der
überhaupt kein Filmemacher war, und doch ein großer
naiver Filmemacher und ein hingebungsvoller Handwerker: Gjon Mili.
Also schnitt ich tagsüber
weiter Filme für so gut wie kein Geld und ging nachts in
europäische Filme in der 42nd Street (Bergman, Naked Night,
etc.) und fotografierte (um etwas über Filmmaterial,
Belichtungszeit und Brennweiten zu lernen).
So habe ich angefangen. Ich
wollte Regisseur sein, wurde aber erst Cutter und Fotograf. Und
alles, was ich über beides gelernt habe, habe ich gelernt,
indem ich es gemacht habe. Das "Geschäft" war nicht gerade
dort, wo ich wohnte - in der West 23rd Street in einem Loft
über dem Laden "The Waterproof Hat" (Der wasserdichte Hut).
Ich hatte schon vier Kurzfilme
geschnitten, bevor ich erfuhr, dass es bestimmte
Schneidegeräte gab. Eines Tages kam ich in einen
professionellen Schneideraum und sah zum ersten Mal einen
Synchronizer. Ich dachte: "Ach so macht man das." Unglaublich.
Unglaubhaft. Wenn man ein bisschen Ahnung vom Schneiden hat,
weiß man, dass ein Synchronizer unentbehrlich ist. So
richtig flott ging mir die Arbeit mit dem technischen Gerät
von der Hand, als ich Mili Lerner bei See It Now von Fred Friendly
und Edward Murrow traf, eine wirklich geniale Cutterin. Und es
kamen noch einige "Ach so macht man das", als ich ihr bei der
Arbeit zusah.
Ich stehe in der Schuld der
Leute von See It Now, die mein Talent erkannt haben und locker
genug waren, um meine Unbeholfenheit in den zwei Monaten, die ich
brauchte, um im Takt zu laufen, zu tolerieren, und mir eine Chance
als Cutter an vorderster Front gaben. Denn so war das dort,
wahrscheinlich sehr ähnlich wie im Lokalbüro einer
großen Zeitung. Wir lieferten alle vier Wochen einen
vollständig ausgearbeiteten einstündigen Dokumentarfilm
auf Termin, fest und unaufschiebbar. Ich habe mein Handwerk dort
gelernt, unter großem Druck, dort, wo man sehr oft gleich
beim ersten Mal das Richtige erwischen musste. Also das genaue
Gegenteil der Annahme einer Alternative im Schneideraum á
la - na ja, wenn ich es verbaue, kann ich es immer noch in Ordnung
bringen. Ein Teil unserer besten Arbeit wurde in zwei Wochen
durchgezogen: drehen, entwickeln, schneiden, kopieren, vier Cutter
zweiundsiebzig Stunden lang ohne Schlaf auf den Beinen: "Die
Glotze wartet auf niemanden."
Ich habe die Pflicht zur
entschiedenen Meinung gelernt: es beim ersten Mal richtig machen.
Das Grundprinzip des Kinos überhaupt: Aktion-Reaktion. Und
die Kunst der Gegenüberstellung: die an der Schnittstelle
entstehende Metapher. Es war einfach keine Zeit für einen
Moment auch nur geringsten Zweifels zwischen Gedanke und Tat. Man
macht es einfach. Und zwar schnell. Ich habe die Disziplin und die
Verantwortung, die ich dort gelernt habe, mitgenommen, als ich
wegging. Erst Jahre später trat ich in die Fallen der
Schludrigkeit, manchmal aus Ungeduld mit dem sauberen Pfad der
Tugend, auf dem Film großenteils mit der Zeit zu wandeln
beginnt.
Ich war zurück, wo ich
angefangen hatte, mit etwas Handwerkszeug in der Tasche, und Jean
Stein, Tochter von MCA, stellte mich Bert Stern vor. Berts Agent
hatte 10 000 Dollar aufgetrieben und ein Versprechen von Ansco,
eine beschränkte Menge experimentelles hochempfindliches
positiv-Umkehr 35mm Material kostenlos zur Verfügung zu
stellen. (Das Material ist immer noch nicht einwandfrei, und
Eastman Kodak verkaufen ihr eigenes ohne Garantie - ich habe es
benutzt, um Actionnahaufnahmen mit langer Brennweite und in
Zeitlupe für den Höhepunkt in Paper Lion zu drehen - ich
meine, wir reden über einen Zeitraum von 1958 (Jazz an einem
Sommerabend / Jazz on a Summer's Day) bis 1967 (Paper Lion).)
Jean Stein hatte Bert folgendes
vorgeschlagen: Warum drehst du nicht einen experimentellen
Kurzfilm über das Newport Jazzfestival. Ich habe eine
Freundin, Elaine Lorillard, die ganz vorn im Komitee sitzt, du
bist fabelhafter Fotograf (er hatte Smirnoff Wodka durch ein paar
Werbesachen mit wunderhübschen Farbimitationen
surrealistischer Inspirationen zu einem Namen verholfen), und
Avakian kennt sich mit Jazz, Fotografie und Film aus. Dank Berts
eigenem Eifer und dem seiner ganzen Entourage wurde das Projekt zu
einem Langdokumentarspielfilm, aber wir hatten nach wie vor nur 10
000 Dollar und kein Anscomaterial mehr, weil Ansco ausgestiegen
war. Am Ende ließen wir die Spielfilmidee nach ein paar
wenig überzeugenden Dreharbeiten fallen. Berts Agent trieb
mehr und mehr Geld auf, je größer unsere Rechnungen
wurden, und schließlich kam ein subjektiver Dokumentarfilm
über ein öffentliches Ereignis dabei heraus, was damals
in den Vereinigten Staaten ein neues Konzept war.
Der Film fiel zeitlich mit der
Nouvelle Vague in Frankreich zusammen. Irvin Shapiro, von Films
Around the World, kam mit Außer Atem nach New York und
steckte ein paar Dollar in Jazz um uns über einen zweiten
Schnitt hinwegzuhelfen.
Es gab damals keinen
amerikanischen Untergrundfilm, außer vielleicht Alfred
Leslie und Robert Franks Pull My Daisy, der etwa zur selben Zeit
gedreht wurde.
Obwohl Stern bis dahin eine
Menge Fotos gemacht hatte, war das seine erste Erfahrung mit Film.
Als wir Jazz in Newport
drehten, bin ich herumgerannt und habe eine Menge Material
gedreht, obwohl ich noch nie im Leben eine Filmkamera in der Hand
gehabt hatte. Irgendwie ist ziemlich viel das Richtige passiert.
Als Film hatte er viele originelle Sachen drin - er war visuell
sehr unmittelbar -, und er hatte großen Einfluss auf
späteres Filmemachen, interessanterweise bei Europäern.
Mit seinen dynamischen Jumpcuts und der subjektiven Beziehung
zwischen Musik und Bild: Tony Richards (Einsamkeit des
Langstreckenläufers/ Loneliness of the Long Distance Runner
und Tom Jones - Zwischen Bett und Galgen) und Richard Lester
(Yeah! Yeah! Yeah! / Hard Day's Night). Mit seinen langen
Brennweiten und gesättigten Farben: Claude Lelouch (Mann und
eine Frau / Man and a Woman) und Louis Malle (Zazi). Stern holte
aus jedem einzelnen Dreh heraus, was nur ging. Ich dirigierte die
Kameras über Sprechfunk. Manchmal liefen sieben Kameras
gleichzeitig (eine extravagante Menge in jener Zeit). Die
Schnittstruktur von Jazz an einem Sommerabend (Jazz on a Summer's
Day) zelebriert die Grundprinzipien von Aktion-Reaktion und
Metapher der Gegenüberstellung. Und abgesehen davon und einem
bisschen Ahnung von Farbsättigung glänzten wir durch
Unwissenheit, und doch gelang der Film dank unserer
Energie.
Dennoch war Jazz an einem
Sommerabend ein Fehlstart für diejenigen, die ihn gemacht
haben - trotz Richardson, Lester und Malle in anderen Ländern
- weil es seinerzeit in Amerika Film nicht unabhängig von was
man damals Die Studios nannte gab: keinen Pfennig für Filme
außerhalb.
Stern produzierte und
führte weiter Regie bei Clairol- und Coca-Cola-Werbespots.
Ich machte als Produzent-Regisseur von Dokumentarfilmen bankrott
und wurde von Warner Brothers als Regisseur eines Kinderfilms,
Mein bester Freund (Lad: A Dog), gefeuert. Ein paar andere machten
weiter mit Cinéma-Verité. Jahre später machte
Claude Lelouch weiter mit Man and a Woman (interessanterweise
ziemlich nah an den ursprünglichen Ideen für Jazz: der
anfängliche Arbeitstitel war Love and Jazz). Und wieder
andere machten weiter mit Filmen über Folkfestivals,
Höhepunkt war Woodstock.
Als Fußnote über
eine Zeitspanne von zehn Jahren amerikanischer Kultur,
Lebensweise, Wirtschaft und amerikanischen Kinos hat Jazz an einem
Sommerabend am Ende 200 000 Dollar gekostet und keinen Pfennig
eingebracht. Woodstock (1970) kostete eine Million Dollar und wird
ordentlich absahnen.
Die amerikanische New Wave,
jahrelang festgehalten in irgendeinem Toten Meer, kam
schließlich 1969 mit Easy Rider, Medium Cool und Putney
Swope, und 1970 mit End of the Road. Plötzlich - scheint man
einen glauben machen zu wollen - erschienen vier nagelneue
Spielfilmregisseure. Man schaue sich ihre Filmographie an.
Doch damals im Jahre 1960 nahm
ich meine unbezahlten Rechnungen und verdingte mich als
professioneller Cutter von Spielfilmen. "Also gut", sagte ich mir,
ich hatte irgendwo gelesen, dass David Lean, der als Cutter
begonnen hatte, gesagt hat, dass die beste Art Regisseur zu werden
über den Schneideraum geht. Auf Leans Einsicht folgten
für mich acht Jahre Schneiden ohne Regie zu führen.
Als Cutter von Spielfilmen kam
ich mit Arthur Penn bei Licht im Dunkel (The Miracle Worker) einem
Regisseur am nächsten. Ich kannte Arthur bevor ich den Film
machte nicht, und er hatte meine Arbeit nie gesehen. Das einzige,
was wichtig für ihn war, war, dass jemand seiner eigenen
Generation den Film schneiden sollte. Er hatte bei Fernsehspielen
Regie geführt, und vier oder fünf glatte Erfolge auf dem
Broadway abgefasst, mit Mike Nichols und Elaine May und mit einer
Bühnenversion von Licht im Dunkel.
Obwohl mich eine
Historienbiographie nicht reizte, ergriff ich diese erste
Gelegenheit, um mit erstklassigen Schauspielern, Anne Bancroft und
Patty Duke, sowie mit Penn, der weithin als Schauspielerregisseur
bekannt war, zu arbeiten.
Arthur hatte bis dahin bei
einem Film Regie geführt, der einige Narben hinterlassen
hatte - Left Handed Gun für Warner Brothers. Ich konnte mich
damit identifizieren, da ich ja gerade von Jack persönlich
als Regisseur vom Warnergelände geschmissen worden war - "Sei
kein Schwachkopf, mach's wie ich es sage." Als wir uns trafen,
tauschten Arthur und ich Geschichten über Jack Warner aus und
lachten uns schief: ein todsicherer Trick in
Filmgeschäftsbeziehungen.
Da ich mit Arthur noch nicht
gearbeitet hatte, kam ich gut vorbereitet mit dem Drehbuch an.
Schneiden kann frustrierend sein, wenn man den Regisseur nicht
kennt und keinen Grund zu der Annahme hat, dass man mit dem Chef
kommunizieren wird. Es gibt nicht viele Regisseure, die denken,
dass der Cutter außer der Technik noch etwas anderes zu
einem Film beitragen kann. Viele tun so, als ob sie zuhören.
Sehr wenige machen etwas mit dem, was man erzählt. Ich denke,
dass Arthur Penn wirklich zugehört hat. Wir schafften es,
eine funktionierende Arbeitsbeziehung während der Proben
aufzubauen, und ich war beim Drehen des Films sehr engagiert. Wenn
ich etwas zu sagen hatte, sagte ich es, und wenn er glaubte, dass
es sinnvoll war, benutzte er es. Trotzdem, wenn ich den Film heute
sehe, wünsche ich mir so sehr, ihn umschneiden zu
können.
Als Cutter war ich dem
Regisseur verpflichtet, und ich funktionierte am besten, wenn ich
eng an seiner Seite arbeitete. Während Licht im Dunkel galt
meine Aufmerksamkeit nicht Fred Coe, dem Filmproduzenten, ich
engagierte mich nicht für William Gibson, der das
Theaterstück geschrieben und die Kinobearbeitung gemacht
hatte. Ich hatte auch gar nichts mit den Schauspielern zu tun,
obwohl ich eine Menge über die dramatischen Beziehungen im
Film gelernt habe, indem ich Anne Bancroft bei der Arbeit zusah.
Ich folgte dem Zentrum ihrer Aufmerksamkeit, wo auch immer es
gerade war, ich versuchte sogar zu sehen, was sie sah, wenn sie
außerhalb des Bildes spielte - sie schien die Dinge aus der
Luft zu nehmen. Nichtsdestotrotz kommunizierte ich nur mit dem
Regisseur, Arthur Penn, dem Mann im Mittelpunkt, um den sich alles
drehte. Wie es auch sein soll. Jede Funktion beim Film - ob
Schauspieler, Cutter, Kameramann oder Autor - soll über den
Regisseur laufen. Wenn das bei einem Film nicht so ist, stimmt
etwas nicht.
Während der Proben half
ich Arthur bei der filmischen Auflösung, damit wir am Ende
des Drehs bestimmte Schnitte haben würden. Zu Beginn der
Dreharbeiten hielt ich mich in seiner Nähe auf und half, wo
ich konnte - mit einer Idee, einer Kameraposition -, eigentlich
aber, um herauszufinden, was ihn beschäftigte, was er wollte,
und um die Eigenschaften und Gedanken der Schauspieler in mich
aufzunehmen. Die Absicht war, diese Werte später beim
Schneiden der Szenen zu benutzen - bei der Auswahl der
Einstellungen, ihres Inhalts und des Rhythmus'. Nachdem ich diese
Dinge ganz unmittelbar mit den Schauspielern, live, vom ersten
Lesen über die Proben bis hin zum Spiel vor der Kamera
gefühlt hatte, konzentrierte ich mich, um die besten Werte in
meinen Gedanken aufzuzeichnen, um sie später, in den
einzelnen Szenen, wie sie gedreht waren, zu suchen, und dann: sie
erfolgversprechend zusammenzufügen.
Es gibt im wesentlichen zwei
Möglichkeiten für einen Cutter, mit einem Regisseur
zusammenzuarbeiten, und diese unterscheiden sich nicht grundlegend
von denen in der Beziehung Schauspieler-Regisseur.
1) Der Cutter kann das Drehbuch
lesen, sich die Tagesmuster ansehen und dann den Regisseur zu
spezifischen Vorhaben bezüglich Erzählung, Dialog,
Charakteren, Schauspielern oder Kamera innerhalb einer bestimmten
Szene oder eines bestimmten Abschnitts im Film befragen, um diese
dann möglichst getreu entsprechend spezifischen
Regieabsichten auszuführen, oder
2) Der Cutter kann um
ausgedehnten Umgang mit dem Material und den am Film beteiligten
Leute bitten und vorschlagen, dass er freie Hand erhält, um
selbst die Absicht des Regisseurs in den vielen Aufnahmen einer
Szene, der Erzählung im Zusammenspiel der Schauspieler und
der Kamerabilder zu finden.
Ich habe immer die zweite
Variante vorgezogen und habe generell angenommen, dass der
Regisseur gewähren lassen würde, wenn wir einander erst
einmal vertrauten. Arthur Penn gestand mir die zweite
Möglichkeit fast von Anfang an zu, vielleicht weil er mein
Engagement spürte, wie er darauf eingestellt war, es bei
Schauspielern zu spüren ... nämlich Patty Duke und Anne
Bancroft.
Wie funktioniert das nun in der
Wirklichkeit?
Als ich das Drehbuch per Post
bekam, las ich es. Die Geschichte von Helen Keller als Kind, von
Annie Sullivan zum ersten Durchbruch geführt, über ihr
Blind-Taub-Stumm-Leiden hinweg, zur Anerkennung des Wissens und
der Hoffnung auf die Artikulation von Gedanken in Worten.
Kommunikation. Gut - menschlich - emotional - eindringlich -
fesselnd. Die Form des Drehbuchs aber: Melodrama.
Auf Arthurs Vorschlag hin
schaute ich mir das Theaterstück an, das am Broadway immer
noch von einem Ersatzensemble gespielt wurde. Er hatte Bedenken
bezüglich der Inszenierung, wie sie damals stand, und er
drückte diese allgemein aus, doch drängte er, dass ein
Besuch einen nützlichen Vergleich liefern würde.
Okay, eine
Bühnenerzählung, das Melodram intakt, eine in mancher
Hinsicht hervorragende Inszenierung. Nach wie vor ein Melodram -
es gibt bestimmte Strecken in Rückblenden und Traum, die sich
für die Visualisierung und für Subjektivität
eignen, was bis zu einem gewissen Maße bei
derDrehbuchübertragung angedeutet ist, aber ansonsten ist es
dasselbe Skript.
Okay, professioneller Cutter:
analysieren!
Die Struktur des Melodrams kann
bleiben, wenn sie zur Strukturierung benutzt wird. Also - das
Melodramatische in den Hintergrund schieben, indem die Gebote des
formalen Theaters außen vor gelassen und geschickte
subjektive Elemente eingefügt werden...auf jeden Fall
möglich in den Rückblenden und Traumsequenzen, nur
skizziert oder angedeutet im Bühnenstück und im
Drehbuch.
Den Prolog weglassen, wo wir in
der Art des Melodrams erfahren (eine Gibsonszene aus dem
Bühnenstück), dass Helen, das Baby, weder sehen noch
hören kann. Genau bei der Titelsequenz anfangen
(wahrscheinlich eine Pennsequenz), wo wir in aufeinanderfolgenden
Szenen und Schnitten erfahren könnten, dass Helen-Kind nicht
sehen kann, nicht hören, nicht reden, ein Kind wider die
Natur, nicht ausgerüstet um zurechtzukommen.
In einem Film braucht man
keinen Vorhang vor dem ersten Akt.
Warum braucht Annie ein
48stündiges Ultimatum von Helens Vater - um das Publikum
durch die Pause zu bringen? Ist die Gleichgültigkeit oder
Hoffnungslosigkeit des Vaters nicht ausreichender Grund für
Annies letztendlichen Triumph?
Ein leerer Blick von Arthur,
keine Antwort, aber ich nehme an, das kommt von der Verpflichtung
gegenüber dem Autoren (nicht ungewöhnlich) und/oder der
Verpflichtung gegenüber dem Riesenerfolg am Broadway (noch
weniger ungewöhnlich).
Film kommt später.
Tja, um nicht aufzugeben, habe
ich mich den Rückblenden und Traumsequenzen zugewendet, von
denen ich wusste, dass sie Arthur am Herzen lagen, und ich hatte
ein paar geometrische Designs gemacht, um ihrer Ausführung
Vorschub zu leisten, alle inspiriert durch die Übergänge
und Montagen in Citizen Kane, den ich mindestens zehnmal gesehen
hatte, Bilder, die noch immer in den Furchen meines Gehirns
eingraviert waren.
Als ich beim Kino angefangen
hatte, hatte ich mir gesagt: "Wenn diese Kerle Schnitte
vorausplanen können - innerhalb von solchen
Überblendungen - Lichter an, Lichter aus, Bilder, die magisch
erscheinen, Metapher, die auf Metapher aufbaut, dann, verdammt
noch mal, werde ich das auch eines Tages tun."
Die Art, wie Robert Wise den
Film geschnitten hatte, im Alter von 26 Jahren, machte mich
glauben, dass er der größte Cutter aller Zeiten war.
Das war meine Chance. Rede mit Arthur! Er sagte: "Tja, weißt
du, ich habe so eine Idee, dass wir mit nem Bow-Up einen
pointillistischen Effekt erzielen könnten..." Ich sagte: "Ja,
wunderbar, verwende das. Aber weißt du, wenn wir dann die
Idee dazunehmen, die Leinwand zu teilen mit schwarzen und
weißen Rechtecken und Dreiecken, und das Erscheinen und
Verschwinden von Bildern..." Er wusste nicht, wovon ich redete.
Okay, wenn ein Cutter gutes
Material zur Verfügung hat, dann kann er sich darauf freuen,
in vielleicht vier wichtigen Szenen sein Ding zu machen, wo er
seine Künste darbieten kann, ohne von der Erzählung
abzulenken. Brillantes Schneiden ist genauso öffentliche
Vorstellung wie Schauspielen. In manchen
außergewöhnlichen Fällen kann ich mir einen Film
ansehen und weiß, wer ihn geschnitten hat. So einzigartig
ist es. Ego. Mein Ego fand seinen gebührlichen Platz mit dem
nächsten Schritt: Anne Bancrofts Lesen.
Schauspieler, die um einen
Tisch herum sitzen: Anne Bancroft und Patty Duke wiederholen die
Rollen, die sie am Broadway entwickelt hatten. Die anderen
Schauspieler sind neu in ihren Rollen. Patty, die damals 14 war,
wie Helen Keller, hat nur eine Dialogzeile: "Wa-wa...", aber sie
ist trotzdem da. Sie springt ein bei den Nebenrollen, von
älteren Leuten, manchmal in tiefem Dialekt, eine
großartige Imitatorin. Und zwischendurch liegt oder sitzt
sie auf dem Fußboden, geht unglaubliche Übungen durch.
Niemals untätig, beschäftigt sie sich mit schweren
körperlichen Aufgaben. Sie verdreht ihre Beine unter dem Po,
bindet ihre hohen Stiefel buchstäblich hinter dem Rücken
zu, ihre blinden Augen starren in eine schwarze Ecke. Während
sie all das bewerkstelligt, weichen ihr leerer Blick niemals von
der schwarzen Ecke. Unterdessen lesen die anderen - alle am Text
klebend, außer Anne Bancroft, die, da sie die Rolle schon
entwickelt und über ein Jahr lang gespielt hat, ohne Drehbuch
vor sich dasitzt und strickt und kaum hörbar und bestimmt als
Annie Sullivan artikuliert. Die anderen Schauspieler fragen,
wenden etwas ein. Arthur führt sie behutsam, während
Bancroft, die nichts außer ihren Zeilen sagt, die Geschichte
erzählt, die Erzählung mit all ihrem Humor, Gefühl
und ihrer Bedeutung entfaltet, das mit großer Klarheit. Am
Ende der Lesung: Tränen in meinen Augen.
Also, ich versteh schon. Mir
ist klar - wie es auch Arthur klar gewesen sein musste - dass wir,
wenn wir Annes Niveau von Gefühl und Verständnis und
Vollendung erreichen würden, die Sache im Kasten ist. Es war
mir von jenem Moment ab logisch - andere Vorbehalte mal beiseite -
dass Anne Bancrofts Darstellung als Leitfaden des Films dienen
würde, gepiekst, gestupst und gezwackt von Patty Duke.
Große Schauspielerinnen, beide.
Wenig später der
eigentliche Dreh: Szene aufbauen, dann rollt die Kamera rein. Ich
beobachte Arthur. Er bewegt die Kamera gerne, wenn er Platz an den
Seiten hat. Für kurze Augenblicke geht er nah ran. Alles zum
Besten - er hat einen Bildschirm in seinem Kopf. Fernsehen
funktioniert für ihn. Er entscheidet sich am ersten Tag nicht
für den langen Schwenk von einem Schauspieler zum
nächsten im Salon. "Sieh mal, Arthur, es ist eine klassische
Familienszene aus einem William-Wyler-Historienfilm. Es spielt
sogar im Süden!..." "Ich hasse seine Kameraarbeit." "Ja, aber
wenn du dein Zeug in der nächsten Szene machst, bringt der
Kontrast es dann raus ..." "Vergiss es..."
Aber irgendwie macht er ein
paar Wochen später in einer anderen Salonszene den langen
Schwenk, und ich kriege hin und wieder ein verschmitztes
Lächeln von ihm.
Okay. Es läuft. Wenig
Gerede, viel Film, wenn man das Melodram der Struktur
berücksichtigt... Das Wichtigste ist, das ich Arthurs
Rhythmus mitkriege, seine Energie, nicht unerheblich, und Annie
steht dort - immerfort - als Annie Sullivan.
Patty in ihrer schwarzen
kleinen Ecke kommt raus, um Annie zu pieksen und zu stupsen.
Wunderschön.
Die Muster werden jeden Abend
nach dem Dreh gezeigt. Anwesend sind Arthur, Ernest Caparros
(Kameramann), Fred Coe (Produzent), Harrison Starr
(Aufnahmeleiter), er hatte mich empfohlen), Hugh Robertson (mein
Assistent) und ich.
Schnell verbreitet sich ein
gewisser Optimismus, obwohl Penn oft schweigt und grübelt.
Ich nehme mir die Freiheit und rufe Robertson während der
Vorführung zu, welche Aufnahmen ich bevorzuge. Robertson
notiert das in einem Buch voller Tabellen (dem Skript, wo jede
Einstellungsnummer und jede Klappe (jeder Take) aufgelistet sind,
und in dem es eine Spalte für Kommentare gibt. Während
ich meine Bemerkungen mache, schneide ich die Szenen im Prinzip
nach dem Code, den Robertson und ich erarbeitet haben, damit er
mir die einzelnen Einstellungen in der Reihenfolge der
Szenenauflösung gemeinsam mit den Notizen geben kann, wenn
ich dazu komme, die Sequenz zu schneiden, manchmal erst Wochen
später.
Nach einigen Wochen
Mustervorführen wird Arthur gelöster und fängt an,
Robertson Bemerkungen zuzurufen, woraufhin der mich ansieht.
Also fangen wir eine zweite
Spalte an: "P" für Penn gegenüber "A" für Avakian.
Nach ein paar Tagen hört Arthur mit seinen Bemerkungen auf,
und wir gehen wieder zurück zu einer Spalte.
Der Film wächst vor
unseren Augen zusammen, und dadurch haben wir die erste
Schnittversion vier Wochen nach dem letzten Drehtag, und es gibt
nur noch etwa vier wichtige Probleme zu lösen. Wenige, sehr
wenige, aber wichtige. Dann beginnt die Quälerei:
umschneiden.
Zunächst ist da der
Rohschnitt an sich. Die Dreharbeiten hatten im Juni 1961 begonnen,
und die fertige Kopie wurde im Februar 1962 geliefert. Einmal
dabei, etwa in der dritten Woche, dreht Arthur, und ich schneide,
bin nur am Drehort, wenn das nötig ist, was immer seltener
passiert, dafür aber immer spezifischere Sachen betrifft, je
weiter die Produktion vorangeht. Wie Arthur vorangeht.
Jeder normale Regisseur
lässt den Cutter in Ruhe bis die erste Schnittversion fertig
ist. Die Idee, dass der Regisseur konstant mit dem Cutter beim
Schnitt zusammenarbeitet, ist ein Mythos. Das passiert nur, wenn
der Regisseur auch ein Cutter ist. Normalerweise ist der Regisseur
zur Vorführung da, wenn eine Schnittversion vorliegt, und
wenn er gebraucht wird, d.h. wenn etwas nicht in Ordnung ist.
Manche Regisseure kommen drei oder vier Tage in den
Vorführraum um sicherzustellen, dass der Cutter das
Grundkonzept mitträgt, und lassen ihn dann allein, um den
Film zu schneiden. Wenn der Regisseur findet, dass seinen
Vorstellungen in einer bestimmten Sequenz nicht oder nicht
genügend gefolgt wird, kommt er in den Schneideraum und geht
mit dem Cutter Schnitt für Schnitt durch das Material. Aber
es gibt lange Strecken im Film, bei denen der Regisseur einfach
sagt: "Mach."
Manchmal mussten wir beim Dreh
Auflösungen improvisieren, um genau die Einstellungen zu
bekommen, die wir wollten. Die Streitszene zwischen Anne und Patty
haben wir so gemacht. Um etwa zwölf Minuten auf der Leinwand
zu bekommen, hatten wir ursprünglich zweieinhalb Drehtage
veranschlagt, weil alle dachten, dass die Szene große
Schwierigkeiten bereiten würde. Weil wir aber mit zwei
Kameras drehten und beim Drehen mit der Kameraposition
improvisierten, schafften wir es in zwei halben Drehtagen.
Vielleicht lasse ich meine
Beziehung zu Arthur Penn harmonischer klingen, als sie eigentlich
war. Ich habe nie an einem Film gearbeitet, ohne mit dem Regisseur
über die Ausführung von irgendetwas uneins zu sein, und
Arthur und ich haben unseren Teil an der Diskussion abbekommen.
Wir hatten beispielsweise einen Riesenwortwechsel darüber,
wie die berühmte Streitszene zwischen Anne und Patty
geschnitten werden sollte. Arthur wollte es mit vielen Jumpcuts
machen, und ich war am Anfang ganz dagegen. Aber schließlich
hat er mich dazu gebracht, es doch zu tun.
Ich hatte Jumpcuts seit 1955
gemacht und war kein verzückter Neuling mehr in dieser
DarstellungstechnikI. ch fand, dass Jumpcuts dem klassischen
Charakter von Licht im Dunkel und der Zeit, in der der Film
spielte, nicht entsprachen. Aber Arthur bestand darauf "Dynamik,
Dynamik - mach Jumpcuts - mach's einfach". Also habe ich es
gemacht - ich habe geschnitten, was das Zeug hielt.
Als ich ungefähr drei
Minuten der Szene auf diese Art geschnitten hatte, beschloss ich,
das ganze Arthur lieber zu zeigen, um zu sehen, wie er es fand.
Wir gingen in den Vorführraum. Arthur setzte sich vorn hin,
und ich habe mich mit Absicht hinten hingesetzt, um seine Reaktion
beobachten zu können. Ich habe seinen Kopf über seiner
Stuhllehne beobachtet. Als zwei Minuten der Szene vergangen waren,
war er überhaupt nicht mehr zu sehen. Ich konnte gerade so
hören, wie er vor sich hin murmelte: "Der ist völlig
übergeschnappt." Ich fragte ihn, was er fand, und er sagte
laut: "Naja, du hast es vielleicht ein wenig übertrieben. Zu
viel Dynamik drin. Jumpcut. Jumpcut".
Also ließ ich die Muster
neu ziehen, schnitt eine alternative Version und schnitt dann die
Endversion aus Teilen von beiden.
Obwohl es eine unvergessliche
Sequenz ist, finde ich jetzt, dass Arthur von Anfang an recht
hatte. Jumpcut, Jumpcut, ein taubstummblindes Kind, das geschlagen
wird, immer wieder, aus dieser schwarzen Ecke heraus.
Einmal, beim Feinschnitt, gab
es ein Problem mit einer fehlenden Stufe in der psychologischen
Entwicklung der Annie-Sullivan-Figur, welche in einer
Rückblende gipfelte, wo sie erfährt, dass ihr Bruder tot
auf einem Tisch in der Anstalt liegt. Es gab einen beachtlichen
Wortwechsel zwischen Penn und Coe darüber, was fehlte, unter
anderem: "Erinnerst du dich an die Probeaufführung in Boston,
wo wir Szene x rausgelassen haben? Das ist das Ergebnis. Es hat
uns nicht auf der Bühne gefehlt. Es fehlt uns auf Film!" Na
das hat mich ja umgeworfen, wie ich da saß und mir uralten
Geschichten über irgendwelche Probeaufführungen
anhören musste, wenn alles, womit wir arbeiten konnten, das
Material vor unserer Nase war, und ich konnte schon sehen, wie
Fred Coe seine Scheine auspackte, um einen Nachdreh zu
finanzieren, und ich sagte immer und immer wieder: "He Jungs,
hört doch mal zu. Ich hab's. Ich weiß, was wir machen
können." Und die gucken einfach an mir vorbei zurück zu
der großartigen Broadwayromanze einer Probeaufführung
in Boston, damals, bevor sie überhaupt wussten, dass sie
einen Hit hatten. Letztendlich hörte Arthur mich und sagte:
"Was ist denn?" Ich sagte: "Na ja, es ist eine Trickaufnahme. Ich
muss es drehen, damit ihr es sehen könnt." "Wie viel kostet
das?" "Keine Ahnung. Hundertfünfzig Eier?" "Na ja, das ist
wesentlich billiger als ein Nachdreh." Also wurden Freds Augen ein
bisschen weniger glasig, und Arthur sagte: "Okay, versuch's". Das
habe ich gemacht.
Eine Überblendung mit
Doppelbelichtung schien das nötige Gefühl
rüberzubringen, die Bilder würden im Schwenk
vorüberschwimmen, Helen und Annies Seelen würden ihre
schlafenden Körper verlassen, miteinander verschmelzen und
von dannen scheiden. (Übertragung (Nochmal nachgucken)).
Es klingt lächerlich, wenn
ich es so beschreibe. Man kann sich also leicht vorstellen, warum
ich es nicht zwei knallharten Profis von der Bostoner
Probevorstellung beschrieben habe.
Die Sequenz führt mit
eleganten schwarzen, grauen und weißen vor-und-zurück
Jumpcuts von Annie als Kind, wie sie umherrennt und durch
Türen plautzt, zu der pointillistischen Rückblende des
Todes des Bruders. Tja, es war einfach wunderschön,
vielsagend und bewegend. Arthur stand drauf, und wir arbeiteten
zusammen am Ton, um die Brücke fertigzustellen: eine
visuelle, filmische Übertragung von Annies Gefühlen
für ihren toten Bruder auf Helen Keller.
Die Traumsequenzen und
Rückblenden, die für mich neben der hervorragenden
Leistung von Bancroft und Duke nach wie vor das Großartige
an dem Film sind, wurden ziemlich genau so gelöst.
Statt der vorbereiteten
Diagramme, die ich, inspiriert durch Citizen Kane, versucht hatte
unterzubringen, wühlte ich mich durch den Film, und da ich
den Vorteil hatte, die Kadrierungen in den pointillistischen
Blow-Ups änderungen zu können, fand ich die vollkommene
Einheit, das magische Kommen und Gehen über den Schnitt.
Erst einige Jahre später,
als ich gelangweilt war von einer anscheinend schlechten
Strähne schlechter Filme, saß ich zu Hause mit einem
16mm-Projektor und einer Kopie von Citizen Kane. Und nachdem ich
den Film zweimal ganz normal gesehen hatte, schaute ich ihn mir
mit 16 Bildern pro Sekunde an (langsam), stumm, vorwärts und
rückwärts. Und ich stellte fest, dass das, was meiner
Meinung nach von Welles, Kameramann Greg Toland und Cutter Robert
Wise vorausgeplant war, eigentlich mit Spezialeffekten gemacht
worden war - als das Kind schon in den Brunnen gepurzelt war.
Ohne jemanden für meine
eigene Unschuld vorzuwerfen, sah ich endlich die ganzen
Matteeffekte, die Doppelbelichtungen: der Pfau, der sein Rad
schlägt, wenn Wells durch die Tür platzt -
Doppelbelichtung; die Lichter, die an- und ausgehen in magischen
Überblendungen geometrischer Figuren - Matte, die lange
Einstellung des Medizinglases im Vordergrund, schweres Atmen und
Klopfen an der Tür, bevor es aufspringt - Standbild mit
Toneffekten. Na, ich bin eigentlich ganz froh, dass ich das nicht
alles vorher gewusst habe, da die Disziplin, zu der ich durch die
Inspiration von unschuldiger Bewunderung für Kane gelangt
bin, hat mich zu vielen Entdeckungen des Filmemachens gebracht.
Die Ironie der Geschichte ist,
dass, wenn Penn von Anfang an gewusst hätte, worüber ich
redete - wie das heute der Fall ist, da er Kane inzwischen selbst
gesehen und selbst noch mehrere Filme gemacht hat -, hätten
wir uns wahrscheinlich die Schädel eingeschlagen, um uns mit
den Effekten von Citizen Kane messen zu können, und wir
hätten wahrscheinlich in Licht im Dunkel weniger erreicht als
uns gelungen ist.
Nun, Licht im Dunkel wurde
schließlich fertig, was in Ordnung war, da ich damals
dachte, dass es für einen Cutter der erste Schritt in einer
Reihe von niveauvollen Nachfolgern wäre.
Und Anne Bancroft und Patty
Duke bekamen ihre selten so verdienten Oscars unter den fünf
Nominierungen, die der Film erhielt.
Alles, was ich heute über
Schauspielen und Regie führen weiß, habe ich gelernt
durch die Beobachtung von Penn, Bancroft und Duke, durch die
zwölfjährige Ehe mit Dorothy Tristan, durch eine kurze
sechsmonatige Ausbildung bei Paul Mann und durch die Betrachtung
der gesamten Kunst von Marcello Mastroianni, Dirk Bogarde, Ralph
Richardson, Michael Redgrave, Trevor Howard, Vittorio Gassman,
Akim Tamiroff and Gregoire Aslan - auf der Leinwand und auf der
Bühne.
Was ich damals noch nicht
wusste, war, dass es - außer ein paar pre-pop
Comedysequenzen in der Serie F.D.R., zwei wunderschönen
klassischen lyrischen Sequenzen in Mickey One und der Reproduktion
von von "à la Avakian" mit "à la Tony Gibbs" durch
einen jungen Profi in Big Boy, jetzt wirst du ein Mann (You're a
Big Boy Now) - mit dem Schneiden nach Licht im Dunkel nur noch
bergab gehen würde.
Manche Cutter wahrer
Größe können sich ein starkes Ego, das Teil ihres
Talents ist, erhalten, weil sie dadurch, dass sie
mittelmäßige Filme schneiden, schließlich die
Stars dieser Filme sind. Ganz egal, ob sie nicht anerkannt werden,
oder ob Andrew Sarris denkt, dass es ein prima Film ist weil Angie
Dickenson mitspielt, oder ob der Film von Pauline Kael als
Genre-ergo-Trash, ergo cooler Film, erkannt wird, weil er endlos
platte Schuss-Gegenschuss-Dialogszenen enthält, die nicht
sonderlich stören, wenn sie oben auf dem Rang in die Arme von
Clark Gables Geist fällt, oder ja, John Simon kann ruhen in
Frieden und es als unübertroffener Kunstkenner doch noch in
die Columbia Desk Encyclopedia schaffen. Joe Morgan.
Die Schauspieler können
geradeso ok sein. Die Story kann gerade so ok sein. Die Kamera im
Film ist vielleicht öde - dann kann der Cutter so richtig
loslegen. Er kann vier Stückchen Film nehmen. Das gibt ihm
vier Wörter. Und mit diesen vier Wörtern kann er einen
Satz machen. Niemand außer Pudovkins Geist weiß
vielleicht, was er tut.
Das hat schon seinen Reiz, aber
nicht für ewig, und das Hollywoodklischee ist, dass die Bars
voll sind mit anerkanntem Cuttertalent, das tief im Glas nach
einem Film sucht.
In England hatte Tony Gibbs -
der Modmeister - Tony Richardson und Dick Lester. In Italien
hatten Leo Catozzo und Ruggiero Mastroianni - klassische und
zeitgenössische Meister - Federico Fellini. Wenn ich
Italiener wäre und Fellini hätte, würde ich
vielleicht noch schneiden.
Nachdem ich die Schneiderei
aufgegeben hatte, wurde mir ironischerweise der Schnitt von Bonnie
und Clyde und von Asphalt Cowboy (Midnight Cowboy) angeboten, die
ich ablehnte. Bessere Filme als mir in zehn Jahren
Spielfilmschnitt angeboten wurden.
Bonnie und Clyde verhalf Dede
Allens schon lange bestehendem bemerkenswertem Talent zu
allgemeiner Anerkennung. Mein früherer Assistent, Hugh
Robertson, bekam eine Oskarnominierung für Cowboy, seinem
ersten eigenen Spielfilmschnitt.
Als ich anfing zu schneiden,
hat es mich fasziniert, weil ich beim Schneiden sah, wie die Dinge
auf der Leinwand passieren. Die ganzen modernen Sachen fingen
für mich 1954-55 auf einer Moviola an. Es war eine
konventionelle Zeit für das Kino, und es gab keine Third
Avenue, keinen Godard, keinen Resnais, keinen Antonioni.
Bestenfalls gab es Forty-Second Street, wo man - ironischerweise -
einen frühen Bergman auflesen konnte. Oder das Thalia, wo man
einen alten Rossellini finden konnte. Also wurde der
Dokumentarfilm mein Zuhause.
Dokumentarisches Material,
willkürlich gedreht, Überreste anderer Filme, manchmal
hat man nur Foundfootagematerial aus dem Archiv, man wählt
selber aus, man ist sein eigener Kameramann, Drehbuchautor,
Regisseur, und in diesen Funktionen nur eingeschränkt durch
eigenes Talent und eigene Wahl. Man konnte also große
Entdeckungen machen, und wir hatten einen großen Meister
hier: Sidney Meyers.
Was mich betrifft, hab ich mich
nach Lust und Laune ausgetobt, entwickelte die Technik so nach und
nach, mit ein bisschen Hitchcock, ein bisschen Eisenstein, ein
bisschen Pudovkin. Es war ein Abenteuer.
Und in New York gab es keine
"Industrie", man nahm sein Kino, wie es gerade kam.
Ich bin zum Schneiden gekommen,
weil es einfach das Gebiet war, wo man in New York Talente
brauchte, was vorrangig dem Fernsehen zuzuschreiben war. Ich kam
zufällig dazu, weil ich ein Naturtalent war mit spezieller
Begabung zum Auseinandernehmen und Zusammenbauen. Wenn ich mich
nicht mit Filmmaterial beschäftigen würde, würde
ich Collagen machen. Ein Bild von Faye Emerson und einem
männlichen Model, die aus den filigranen Toren der 21
herauskommen - ein Foto aus der Vogue - zerschneiden und wieder
zusammenbasteln als Collage, dabei Schnipsel vom Gitter und der
Filigranarbeit nehmen, eine männliche Hand und eine weibliche
Hand, um die Wirkung von den Protagonisten aus der West Side Story
zu erzielen, alles in einem Foto. Filmschnitt, Filmemachen in der
einfachsten und pursten Form.
Wenn man aber einmal im
Mainstream steckt, egal wie gut man ist, muss man sich doch immer
mit der Psychologie des Cutterseins auseinandersetzen. Um gut zu
sein, muss man dienen. Man muss sich mit der Tatsache anfreunden,
dass man eindeutig in einer sekundären Position ist.
Man ist kein Autor oder
Schauspieler. Man ist weniger. Und wenn man keine
ungewöhnlich starke Beziehung zu einem Regisseur hat, hat man
sehr wenig Kontrolle darüber, was letztendlich in den eigenen
Händen landet. Man hat nie direkte Macht. Also muss man sich
psychologisch darauf einstellen, indem man sich sagt, dass man
nicht einer anderen Person dient, sondern dass sowohl man selbst
als auch der Regisseur und auch jeder andere einer Sache dienen:
dem Film.
Die Fähigkeit, sich das
anzunehmen, macht Teil eines guten Cutters aus.
Einige Cutter haben dieses
Kunststück vollbracht, sie haben es sich angenommen. Ich
konnte das nicht, weil die Arbeit beim Schnitt in den letzten zehn
Jahren so komplex geworden, die Ansprüche an Geist, Seele und
Vorstellungskraft so gewachsen waren.
Wenn man einen alten
Max-Ophuls-Film sieht, wo die ganze Zeit Kamerafahrten auf dem
Wagen gemacht werden, weiß man als Cutter, dass das Ophuls'
Stil und Blickwinkel waren. Da hat man nicht dran herumgebastelt.
Glanz des Hauses Amberson (The
Magnificent Ambersons) und Citizen Kane, Welles' zwei große
Filme, haben durchlaufende Totalen, die einfach vier Minuten lang
dauern. Es gibt kein anderes Material für die jeweilige
Szene.
Im klassischen Film gab es
Stilkontinuität. Die gibt es immer noch, aber niemand benutzt
sie. Das bedeutet, dass der Anspruch an den Cutter wesentlich
höher wird.
Filme sind strukturell
komplexer geworden, und hier kommt die Ironie: Drehen ist weniger
formorientiert, als es einmal war.
Vor zwanzig Jahren wurde bei
einem Film eines gewissen Niveaus bis zur letzten Einstellung
vorgeprobt. Heutzutage wird viel mehr improvisiert. Da ihre Zeit
so teuer ist, haben Schauspieler, Autoren und Kameramänner
viel mehr darüber zu sagen, wie eine Szene gemacht werden
muss. Und sie sind mehr als bereit, es zu sagen.
Sie sind bereit, so weit zu
gehen, sich und der Welt zu sagen: Ich bin bereit (heute)
aufzutauchen und zu arbeiten... Szenen werden oft mit vielen
Einstellungen gedreht, in isolierten Bruchstücken. All das
produziert mehr Arbeit für den Cutter, und der zieht den
Schwarzen Peter.
Viele der jungen Cutter halten
nicht durch, also sie hören auf. Die Arbeit ist härter
als früher. Die Probleme sind schwierig. Die Belastung ist
groß. Doch die Nachfrage nach talentierten Cuttern ist noch
genau so groß oder größer.
Wenn man sich weiterentwickelt,
und das Material nicht anspruchsvoller wird, reicht es einem
nicht, und die Ungeduld wächst. Man geht. Ich bin gegangen.
Sofortiger Entzug, ohne Aussicht darauf, Regie zu führen.
Also, wie stand es mit meinen
Nicht-Aussichten im Jahr des Entzuges 1967?
Referenzen, Erfahrung: fing
1961 die Regie eines Spielfilms an: Mein bester Freund (Lad: A
Do)g, ein Kinderfilm für Warner (Jack) Brothers. Wurde
gefeuert, weil sie mein Material nicht mochten.
Ich habe zwei Rollen davon
geschnitten gesehen und fand es ganz ordentlich.
Als ich mit der Arbeit am
Drehbuch begann, dachte ich: "William Wellman hat einen Hundefilm
gemacht, warum nicht ich?"
Während der
Beschäftigung mit dem Buch fing ich an, pop-camp Gags in dem
Ding zu sehen, also habe ich in die Richtung weitergemacht.
Der Typ von der Requisite, ein
altes Schlachtross namens Limey Plews, lief mir immer mit
Requisiten für visuelle Gags hinterher, von denen wir mehr
und mehr einbauten.
Limey war der einzige, der
verstanden hatte. Die anderen Leute ließen die Sache
schleifen, und Jack Warner hat es letztendlich abgeblasen: Gags in
einem Hundefilm haben alle außer Limey irritiert. Niemand
außer ihm und mir begriff oder kümmerte sich auch nur
drum- trotz aller Erklärungen und es gab jede Menge
Erklärungen.
Jahre später erzählte
mir ein anderer Requisitenmann, der bei Plews in die Lehre
gegangen war, dass Limey in den Zwanzigern und Dreißigern
Regisseur von Einakter-Komödien war.
Nun, die Überlegung bei
meiner Anstellung für Mein bester Freund war folgende: Ich
hatte Girl of the Night, einen low-budget Spielfilm für
Rosenberg und Warners (Jack), so schnell geschnitten, dass der
Film am Ende unter Budget ging. Also haben die sich gedacht, wenn
ich das schaffe, dann kann ich auch einen unbedeutenden Hundefilm
für genau so wenig drehen, da Cutter ja nur drehen, was sie
benutzen werden - einer der unglaublichen Trugschlüsse im
Denken von höherem Management.
"Außerdem", spekulierte
Jack Warner, "ist Avakian Armenier und Kazan ist Armenier
(wohlgemerkt.: ist er nicht, er ist Grieche). Und Kazan ist ein
Genie, also ist Avakian vielleicht auch ein Genie."
Als ich Warner (Jack) im Studio
vorgestellt wurde, empfing er mich mit dem schnellen Zweizeiler:
"Hallo, ich habe Ihr Foto in Harper's Bazaar gesehen. Wie geht das
Teppichgeschäft?" Rassismus verkleidet als Chauvinismus.
Warners engster Leibwächter, jahrelang in dunkle
Geschäfte verwickelt, war bis zu seinem Tod (ein wichtiges
Hollywoodbegräbnis) ein armenischer Kraftmeier gewesen.
Also, Mein bester Freund, eine
saubere kleine Rakete ganz nach oben sollte es werden, mit
Potential für Fernsehserienwiederholungsgagen (Konkurrenz zu
Lassie) für alle Beteiligten außer mir.
Und ich musste versuchen, einen
lustigen, menschlichen Film zu machen, der für die Eltern,
die mit ihren Kindern ins Kino gingen, eine nicht allzu
große Tortur sein sollte.
1961 wurde ich bei Mein bester
Freund rausgeschmissen, weil ich noch nicht trocken hinter den
Ohren sei. Ich wurde durch Leslie H. Martinson ersetzt, der
später Lewis Milestone auf John F. Kennedys PT-109 ersetzt
hat.
Lewis Milestone war der
Regisseur von Im Westen nichts Neues (All Quiet on the Western
Front; 1932).
Später, 1967, ergab sich
Paper Lion, der auf dem poetischen Journalismus des Buches von
George Plimpton basierte. Ich wurde angestellt, denn "da er ein
Cutter ist, und Cutter nur drehen, was sie brauchen..."
Ich hatte Jack-Oakie-Gags
(dreißiger Jahre) und eine unhaltbare Produktionsstruktur am
Hals für etwas, das eine "einzigartige Mischung aus realer
und unrealer Fantasie und Humor" hätte sein sollen. Ich
drehte die Actionszenen in den Footballspielen und ging.
Währenddessen beendete ich
die Regie für One Night Stands - die amerikanischen
Spielfelder für Paper Lion habe ich an den freien Tagen
gedreht - , einem Fernsehdokumentarfilm für die ABC, wovon
die Hälfte schön und lustig und ein
rechtmäßiger Erbe für Jazz an einem Sommerabend
war (One Night Stands - gedreht 1967, Jazz an einem Sommerabend -
gedreht 1958).
Der ganze Tumult und die
Aufregung, für die diese Ereignisse in einem Leben stehen,
erscheinen eigenartig im Zusammenhang mit einem Film über
einen Hund, einem Film über Fußballspieler, eigenartig
sogar für denjenigen, der dieses Leben lebt, wenn sich die
Geschichte so ausspinnt. Der Gedanke, dass sogar in jenen Welten
eine bestimmte Qualität angestrebt werden könnte, dass
etwas Menschliches, Wirkliches und Lustiges entstehen könnte.
Und mit diesem Gedanken bleiben
für jeden Filmemacher die Filme seiner Zeit. Orson Welles:
Kane, Ambersons, Shanghai, Othello und Im Zeichen des Bösen
(Touch of Evil); Federico Fellini: Der weiße Scheich,
Vitelloni, Das süße Leben, 8 1/2; Akira Kurosawa:
Sieben Samurai, Yojimbo-Die Leibwache; Ingmar Bergman: Naked
Night, Das Lächeln einer Sommernacht (Smiles of a Summer
Night); Michelangelo Antonioni: L'Aventura, Blow Up; Alain
Resnais: Hiroshima, Mon Amour, und auch die besten Teile von Mondo
Cane.
Wenn der Filmemacher auch nur
irgendetwas mit sich herumträgt, dann sind es diese Filme
oder ihre Nachfolger, die er vor zur vordersten Front trägt,
wenn er auf dem Weg dahin ist, oder noch am Anfang dieses Weges.
Also drehte ich nach dreizehn
Jahren im Geschäft, 1968, wie es sich bei allen Männern
ergibt, die bei ihrem Handwerk bleiben, ihre Kämpfe
kämpfen und bei anderen den Eindruck entstehen lassen, dass
sie nützlich sein können, einen ganz neuen Film: Weg in
den Abgrund (End of the Road). Er basierte auf John Barths Roman
The End of the Road (Der Weg in den Abgrund), meine
Taschenbuchausgabe, die von Avon Books mit Copyright von 1958
herausgegeben wurde, hieß End of the Road). Wir haben den
Titel meiner Ausgabe gewählt. Er war weniger anmaßend.
Der Film wurde 1968 von Dennis
McGuire, Terry Southern und Aram Avakian geschrieben, von Max L.
Raab finanziert, von Terry Southern und Stephen F. Kesten
produziert, Gordon Willis war an der Kamera, Stacy Keach, Harris
Yulin, Dorothy Tristan und James Earl Jones spielten, Robert Q.
Lovett machte den Schnitt. Er wurde unabhängig von
irgendwelchen Studio- oder Verleihgeldern gemacht und blieb frei
und unbehelligt von irgendeiner Institution oder Autorität,
bis er 1969 fertig war und allen wichtigen Verleihen gezeigt
wurde, als die nordamerikanischen Rechte von Allied Artists, dem
Verleih von Hits wie Last Summer und Mann und eine Frau, gekauft
wurden.
Weg in den Abgrund hatte in New
York City im Februar 1970 Premiere.
Avakian, Aram (1972) On The
Editor. In: Baker, Fred / Firestone, Ross (Hrsg.) (1972) Movie
People. New York: Douglas Book Corporation. S. 123-145. Und in:
Baker, Fred / Firestone, Ross (Hrsg.) (1973) Movie People. New
York: Lancer Books. S. 157-184. HFF-SIGN.: A 651. Dtsch.
Übersetzung von Sophie Repp. Typoskript HFF-Potsdam - SG
Schnitt/Montage.
Aram Avakian
Geboren am 23. April 1926 in New
York City / Gestorben 17.Januar 1987
Ausbildung:
Yale-Universität , Sorbonne
Film- und Fotografielehre bei
Gjon Mili
Schauspieler-Workshop bei Paul
Mann
Montagearbeit
1956-1957 See It Now
(CBS-Fernsehserie. Gemeinsam mit den Cuttern Mili Lerner, Bucky
O'Neiland, William Thompson. Produktion: Edward R. Murrow und Fred
Friendly)
1960 Jazz an einem Sommerabend
(Jazz on a Summer's Day. Regie: Bert Stern und Aram Avakian)
1960 Girl of the Night (Regie:
Joseph Cates)
1961 Winston Churchill
(ABC-Fernsehserie. Gemeinsam mit Sidney Meyers, Jean Oser, Larry
Silk und Walter Hess)
1962 Licht im Dunkel (The
Miracle Worker. Regie: Arthur Penn)
1963 F.D.R. (ABC-Fernsehserie.
Gemeinsam mit Sidney Meyers, Paul Falkenberg, Jean Oser, Larry
Silk und Walter Hess)
1964 Lilith (Regie: Robert
Rossen)
1964 Andy (gemeinsam mit Hugh
A. Robertson. Regie: Richard Sarafian)
1965 Mickey One (Regie: Arthur
Penn)
1966 Big Boy, jetzt wirst du
ein Mann (You're a Big Boy Now) Regie: Francis Ford Coppola)
Regiearbeit
1960 Jazz an einem Sommerabend
(Jazz on a Summer's Day.) Gemeinsam mit Bert Stern)
1962 Mein bester Freund (Lad: A
Dog. Gemeinsam mit Leslie H. Martinson)
1970 Weg in den Abgrund (End of
the Road)
Drehbucharbeit
1970 Weg in den Abgrund (End of
the Road. Gemeinsam mit Dennis McGuire und Terry Southern)
1970 Many Slippery Errors
Textautor
Avakian, Aram (1972) On The
Editor. In: Baker, Fred / Firestone, Ross (Hrsg.) (1972) Movie
People. New York: Douglas Book Corporation. S. 123-145. Und in:
Baker, Fred / Firestone, Ross (Hrsg.) (1973) Movie People. New
York: Lancer Books. S. 157-184.