Textfundstücke,
Zitate
Filme entstehen am Schneidetisch. Beim
Drehen entsteht nur das Rohmaterial
Mike Leigh
SPIEGEL: Was ist neben der guten
Geschichte das Wichtigste beim Filmen?
KUBRICK: Das Schneiden. Es ist der
einzige Vorgang, bei dem der Film keine Anleihen bei anderen
Künsten macht. Man kann doch sagen, dass das Drehbuchschreiben
eine Anlehnung an die Literatur darstellt, das Proben vor der Kamera
dem Theater entliehen ist, das Drehen eine Anwendung der Photographie
bedeutet. Nur beim Schneiden ist der Film ganz bei sich, er hat etwas,
was keine andere Kunstform aufweisen kann.
SPIEGEL: Ein Film entscheidet sich
also am Schneidetisch?
KUBRICK: Ja. (Quelle: SPIEGEL 1987,
Ausgabe 41, S. 224 ff)
Montage ist die einzige neue
Kunstform, die das 20. Jahrhundert hervorgebracht hat
Alfred Hitchcock
Der Schnittplatz, ein Laboratorium
des Kinos. Der Schneideraum ist der Ort der Filmuntersuchung; in ihm
wird eine Einstellung genauestens gewogen und bewertet. Um
herauszufinden, welche Stelle eine Bildfolge in einer Montage einnehmen
kann, muss untersucht werden, was sie für sich aussagt und im
Zusammenhang mit anderen Einstellungen aussagen kann. Diese Arbeit der
Kritik gibt es in Schneideräumen, seit es den Film gibt. (Antje
Ehmann, Harun Farocki in: Antje Ehmann, Harun Farocki, (Hg.), Kino wie
noch nie. Cinema like never before, Verlag der Buchhandlung Walter
König, 2006
In gewisser Hinsicht bin ich
ein Betrachter dessen, was sich zwischen den Bildern abspielt; ich
entdecke die Möglichkeiten, die Richtungen, die es in den Bildern
gibt, und meine Rolle in der Montage besteht darin, den Bildern beim
Finden ihrer Richtung behilflich zu sein. In einem bestimmten Moment
kommen die Bilder in ihrem eigenen Zeitstrom zurecht, und ich denke,
daß die Arbeit des Filmemachers darin besteht, den Versuch zu
machen, das was wirklich geschieht, zu erkennen und diese innere
Tendenz der Bilder soweit wie möglich zu erhalten. Im Prinzip
müssen daher alle Entscheidungen in der Montage unter dem Aspekt
getroffen werden, das Wesentliche an den Bildern zu erkennen.
Johan van der Keuken
Das Arbeiten am Schneidetisch macht
aus der Umgangssprache Schriftsprache. Am Schneidetisch wird aus
Gestammel Rhetorik.
Farocki, Harun (1980) Was ein
Schneideraum ist. In: Filmkritik 24, 1, pp. 2-4.
Am Schneidetisch wird ein zweites
Drehbuch erstellt, das bezieht sich auf das Tatsächliche und nicht
auf die Absichten. Am Schneidetisch, wenn das Bild vor- und
zurückläuft, erfährt man die Eigenständigkeit des
Bildlichen. So wie die Zeitlupen beim Fußballübertragen
unseren Blick geschult haben für die versteckten Fouls und
vorgetäuschten Fouls, lernt man am Schneidetisch die Fouls und
vorgetäuschten Fouls einer Inszenierung sehen.
Harun Farocki
Eine Montage muß mit
unsichtbaren Kräften die Dinge zusammenhalten, die sonst
durcheinanderkollern.
Harun Farocki
Mein Film wird geboren ein erstes Mal in meinem Kopf, stirbt auf
Papier; wird wiedererweckt durch die lebenden Personen und die
wirklichen Gegenstände, die ich verwende, die getötet werden
auf Filmmaterial, aber die, in eine bestimmte Ordnung gestellt und auf
eine Leinwand projiziert, wieder aufleben wie Blumen im Wasser.
Robert Bresson
Die Franzosen lieben die
Intellektualität an der Kunst und Montage ist in ihrem
Verständlich ein intellektueller Prozess. Es ist das Bauen des
ganzen Films, von Grund auf. Und das geschieht durch ein endloses
Beurteilen von kleinen Details bis zu größeren
Zusammenhängen.
Mathilde Bonnefoy
Die Idee, dass man im Voraus den
Film im Kopf haben kann, stimmt nur bedingt. Man kann sich
natürlich vorstellen, wie Einstellungen zusammenpassen werden, was
ja sehr hilfreich ist, um den Film zu drehen. Aber ab dem Moment, wo
man im Schneideraum sitzt und das Material anschaut, fängt man von
Null an. (...) Das heißt, mit den ganzen Einstellungen, die
gedreht wurden, entstehen unendliche Möglichkeiten. Diese zu
kombinieren ist das, was man im Schnitt macht. Das heißt, man
trifft ständig Entscheidungen zum Verlauf der Geschichte, auch
wenn die Geschichte schon geplant ist. (...)
Mathilde Bonnefoy in einem
Interview (2008) mit Thomas Kniebe für http://www.vierundzwanzig.de
Bei "Lola rennt" habe ich das
Drehbuch nicht im Voraus gelesen. Ich habe den Film im Schneideraum
entdeckt &endash; mit Tom Tykwer zusammen. (...) Wir haben das
ganze Material in der Reihenfolge der Geschichte &endash; Take
für Take, Wiederholung für Wiederholung &endash; von vorn
bis hinten gesichtet. So habe ich die Vision des Filmes entwickeln
können. (...) Das heißt, wir haben wochenlang erst einmal
nur geguckt und geredet. Und im Grunde haben wir weiterhin sehr, sehr
viel geredet und ein bisschen geschnitten. (...)
Mathilde Bonnefoy in einem
Interview (2008) mit Thomas Kniebe für http://www.vierundzwanzig.de
Ich würde sagen, dass bei
allen künstlerischen Aktivitäten dieselben Qualitäten
gefordert sind. Es gibt nichts, was man als Cutter mehr braucht als ein
anderer Künstler. Das Wichtigste ist, dass man in der Lage ist
oder immer mehr dahin kommt, auf die Gefühle zu hören, die
man empfindet, was auch immer man macht. Das heißt, dass man in
Verbindung mit den Wahrnehmungen steht, die man hat. Auch wenn diese
sehr klein erscheinen oder sehr subtil, kaum zu greifen. Man muss im
Grunde diese Beziehung zu sich selbst entwickeln können
&endash; oder schon haben und pflegen. Dass man hinhört und
dass man Konsequenzen daraus zieht &endash; das ist das Wichtigste.
(...)
Mathilde Bonnefoy in einem
Interview (2008) mit Thomas Kniebe für http://www.vierundzwanzig.de
Im Schneideraum schreibt man die
letzte Fassung des Filmes, und insofern hat man sehr viel zu tun mit
dem Beruf des Drehbuchautors, wie auch mit dem des Regisseurs. Weil man
nicht nur schreibt, sondern an allen endgültigen Entscheidungen,
die den Film betreffen, beteiligt ist. Man hat mit diesen beiden
Berufen eine starke Verbindung. (...)
Mathilde Bonnefoy in einem
Interview (2008) mit Thomas Kniebe für http://www.vierundzwanzig.de
(Bei der Filmherstellung gilt:) Die
Vollendung gehört dem Schnitt. Das ist eine enorme Verantwortung.
Jede kleinste Entscheidung verändert den Kurs, sogar den Kurs der
Geschichte. Und das ist ein gewaltiger Prozess &endash; sehr
schön.
Mathilde Bonnefoy
When a film arrives at post
production, it has reached the magic moment. (...) There are no rules,
only conventions which are constantly changing.
Sidsel Mundal
Der Schnitt ist einer der
emotionalsten Momente des Filmemachens. Es ist ungemein aufregend zu
sehen, wie der Film zu atmen beginnt.
Federico Fellini, 1959
Der Film steht hier vor einer
Herausforderung: sein Material bleibt immer Anschauung; die Montage
erlaubt aber, Begriffe zu bilden. (...)
Alexander Kluge
Es scheint für das Gelingen
eines Films entscheidend zu sein, daß diejenigen, die ihn machen,
das Werk nicht zu sehr wollen, nicht zu sehr den Mittelpunkt ihrer
gedanklichen Absichten fixieren. Es geht darum, daß man die
Randaufmerksamkeit behält. Wille, Willenlosigkeit,
Loslassenkönnen, die Dinge schleifen lassen können, in der
Lage sein, das, was man tut, als Nebenwerk zu empfinden: Nicht der
Wille, nicht die Anstrengung macht uns fähig, etwas zu leisten,
sondern unser Können. (...)
Anstrengung macht blind,
Konzentration auf einen bestimmten gewollten Inhalt macht blind
für die Ästhetik der Nebensachen. Es ist auffällig,
daß Bilder, in denen kein Sinn enthalten ist, von großer
Schönheit sind. (...) Die neue Hauptsache ermöglicht neue
Nebensachen. Das könnte eine Dramaturgie werden. Edgar Reitz
(1984), Aus dem Produktionstagebuch zu "Heimat", in: Edgar Reitz: Liebe
zum Kino, Köln 1098, S. 137-140
Der Schnitt ist das Schönste
am Film. Man hat die Bilder im Kasten und ganz in Ruhe erzählt
einem der Film, wie er aussehen will. Nicht ich schneide, sondern es
schneidet &endash; das ist das Geheimnis, die Überraschung,
die so viel Spass macht &endash; wie wird der Film werden, was wird
er für eine Aussage haben, keine Ahnung, ganz am Ende werde ich es
wissen, und dieses Ende erwarte ich fiebernd.
Rosa von Praunheim, Regisseur
Die Montage ist ein Prozeß
der Intelligenz und der Assoziation. Das macht das Denken fruchtbar. Da
bekommt man eine Sympathie für das eigene Gehirn. Für die
Fähigkeit, denken zu können. Die Montage ist etwas sehr
Fruchtbares für die Intelligenz. Und insofern auch etwas sehr
Angenehmes, Glückvolles eigentlich.
Dindo, Richard (1996) Alles ist
Erinnerung. In: Voss, Gabriele (Hg.)(1996) Dokumentarisch arbeiten.
Jürgen Böttcher, Richard Dindo, Herz Frank, Johan van der
Keuken, Volker Koepp, Peter Nestler, Klaus Wildenhahn im Gespräch
mit Christoph Hübner. Berlin: Vorwerk 8. S. 49.
Aus welchem Grund begeistert man
sich für den Beruf des Schnittmeisters? Aus einer Mischung von
Kindheitstraum und dem Traum eines Erwachsenen. Denn Schnittmeister
sein bedeutet immerhin, die Welt neu gestalten. Wir sind es, die den
endgültigen Punkt hinter eine Sache setzen. Die Montage ist das
letzte Stadium der Schrift.
Dédet, Yann (1995) Die
großen Regisseure sind Diebe. Eine Unterhaltung von Jacques
Kermabon mit Yann Dédet. Übersetzung von Tina Hillmann.
Original: Entretien avec Yann Dédet. In: 24 Images, Nr. 77,
Sommer 1995. Canada: Montreal. S. 6-11.
Beim Hinundherfahren des Films am Schneidetisch lernt man den Film sehr
genau kennen. Kinder, die noch nicht sprechen können, merken
sofort, wenn in der Küche ein Löffel am falschen Haken
hängt. Diese Vertrautheit: der Film wird ein Raum, in dem man
wohnt und zu Haus ist. Nach drei Wochen weiß der Cutter, wo die
Kamera ruckt, wo ein Blubser auf der Tonspur ist, oder wo ein
Schauspieler eine Intonation macht, die eine Idiotie ist. Ein
Regisseur, der auch selbst schneidet, sagte mir, er kann nicht
verstehen, wie man einen Text übersetzen kann, den man nicht
auswendig weiß. Das ist die Arbeit am Schneidetisch: das Material
so gut kennen, daß die Entscheidungen, wo man schneidet, welche
Version einer Einstellung man nimmt, wo eine Musik einsetzt, sich von
selbst treffen.
Farocki, Harun (1980) Was ein Schneideraum ist. In: Filmkritik 24, 1,
pp. 2-4.
Am Schneidetisch erlebt man, wie wenig man mit Planungen und Absichten
Bilder erzeugen kann. Alles, was man geplant hat, geht nicht auf. So,
wie man in Erinnerung hat, ein Baum stünde vor einem Haus, und
sein Wipfel schlüge im Wind gegen die Brüstung des Balkons -
man kommt hin, und der Baum steht weit weg vom Haus, und beim Sprung
gibt es einen Absturz mit Blicken. Beim Drehen legt man Schnitte an,
man inszeniert eine Bewegung, damit es einen Umschnitt geben kann, und
am Schneidetisch wird man sehen, daß das Bild eine ganz andere
Bewegung hat, der man folgen müßte.
Farocki, Harun (1980) Was ein Schneideraum ist. In: Filmkritik 24, 1,
pp. 2-4.
Die Montage ist die Kritik am Gedrehten,
so wie das Drehen die Kritik am Drehbuch ist.
Francois Truffaut
Der Schnitt ist einer der
emotionalsten Aspekte des Filmemachens.
Es ist ungemein aufregend zu sehen,
wie der Film zu atmen beginnt.
Federico Fellini 1959
Film ist alles Mögliche, nur
nie Routine.
Michel Deville, frz. Regisseur
Wenn Inszenieren ein Blick ist,
dann ist Schneiden ein Herzschlag. Voraussicht gehört zu beiden,
aber was jenes im Raum vorauszusehen versucht, sucht dieses in der Zeit.
Godard
Bei jedem neuen Film mache ich in
den ersten vier Tagen die gleichen Schnitte, wie beim vorausgehenden,
erst später fange ich dann an, mich zu gewöhnen. Ich meine,
daß die einzige Haltung, die sich (für die Filmmontage)
empfiehlt, darin besteht, zu versuchen, nicht "professionell" zu sein
und den Film eher wie ein Zuschauer zu beurteilen und sich ganz und gar
auf die emotionelle Wahrnehmung zu stützen. Es ist doch so,
daß alles, was einem "professionell" erscheint, nur die Tricks
und Kunstgriffe des Kinos sind, und je mehr man montiert hat, desto
mehr hat man den Eindruck einer gewissen Anzahl von Lösungen
für eine gewisse Anzahl von Problemen gefunden zu haben. Man endet
damit, die Probleme in Kategorien zu unterteilen, wo man doch gerade
versuchen sollte, die Montage nicht zu sehr zu gramatikalisieren,
sondern vielmehr die kleinen oder großen Unterschiede der
Regisseure mit denen man arbeitet zu verstehen: den Stil eines jeden zu
identifizieren und sich dem anzupassen.
Dédet, Yann (1995) Die
großen Regisseure sind Diebe. Eine Unterhaltung von Jacques
Kermabon mit Yann Dédet. Übersetzung von Tina Hillmann.
Original: Entretien avec Yann Dédet. In: 24 Images, Nr. 77,
Sommer 1995. Canada: Montreal. S. 6-11.
Ich muß ganz ehrlich sagen,
ich bin nicht der Meinung, daß diese Materialien, die nicht in
den Film kommen, schlechter sind. Sie sind lediglich nicht in diesem
90-Minuten-Zusammenhang enthalten, der in meinen Augen ein
Willkür-Zusammenhang bleibt. Und wenn ich die Form frei
wählen könne, ..., dann würd ich Muster-Filme machen,
also Filme, die aus ungeschnittenen "Mustern" bestehen. Ich würde
das Material "rein" darbieten.
Alexander Kluge In: Ulrich Gregor
(1976) Interview mit Alexander Kluge. In: Gregor u.a. (1976) Herzog /
Kluge / Straub. Reihe Film 9. München: Carl Hanser Verlag. S. 157.
Der Film vermag die menschliche
Gedankenbewegung nachzuahmen; gleichzeitig ist im Film nichts
unmittelbare Natur, sondern alles durch den Apparat vermittelt. Gerade
weil man (mit Hilfe des Apparats) im Film alles machen kann, kann man
mit ihm auch die Wahrheit sagen; Der Versuch von Joyce in Finnegans
Wake oder von Hans G. Helms, die Worte in ihre assoziativen
Bestandteile zu zerlegen und neu zu- sammenzusetzen, würde im Film
nicht am Verständnisproblem scheitern; er ist ohnehin darauf
angewiesen, in jedem Moment neue Sinneinheiten aus Anschauung und ihrer
Montage herzustellen.
Alexander Kluge
Montage: Diese Arbeit ist deswegen
die schwierigste, weil da ein Vermittlungsprozeß notwendig ist,
den ich eigentlich nicht vollkommen billige. Ich sagte ja vorhin schon:
ich bin der Überzeugung, daß ein locker gedrehtes Material
keine Übergänge braucht und sich selbst erzählt. Das,
was ich sozusagen irrtümlich mache, enthält mehr Vernunft als
das, was ich plane.
Alexander Kluge In: Ulrich Gregor
(1976) Interview mit Alexander Kluge. In: Gregor u.a. (1976) Herzog /
Kluge / Straub. Reihe Film 9. München: Carl Hanser Verlag. S. 161.
Sobald ich mit den Dreharbeiten
fertig bin, habe ich das Gefühl, als ob ich nichts aufgenommen
hätte ...
Wenn ich dann mein Material
betrachte, scheint es ein anderer gedreht zu haben. Ich sehe es aus
großer Entfernung und beginne mit dem Schneiden.
Michelangelo Antonioni (Filmmakers
Newsletter, July 1975, S.26 / Zit.nach Blümlinger, Christa (1990)
Sprung im Spiegel. Filmisches Wahrnehmen zwischen Fiktion und
Wirklichkeit. Wien: Sonderzahl. S.93-94.