Tsyviane,
Youri
(aka.
Tsivian,
Yuri)
(1980)
| Der Mann mit der Kamera von Dsiga Vertov als Text. Constructiviste.
Revue
du
cinŽma,
No. 351 (June 1980), S.
129-125.
TSYVIANE, Youri. L'Homme ˆ la CamŽra
de Dziga Vertov en Tant que Texte. Constructiviste. La RŽvue
Du CinŽma. Image et Son, n. 351, p. 109-125, juin 1980
Der Mann mit der
Kamera, (1929) von D.
Vertov, M. Kaufman und E. Svilova ist ein in vielfacher Hinsicht
ungewšhnlicher Film. Erstens richtet er sich nicht nur an den
Zuschauer, sondern an das Kino an sich und auch an sich selbst als
Film. "Wir haben es als unsere Aufgabe angesehen, Filme zu produzieren,
die Filme produzieren, (denn es war unser Ziel,) die Grammatik der
kinematographischen Mittel allgemein bekannt zu machen". Zweitens ist
beachtenswert, wie der Film sich auf andere Texte beruft (Filme und literarische Debatten
der 20er Jahre): "Der Film Der
Mann mit der Kamera ist nicht
nur eine praktische Realisation, sondern gleichzeitig auch eine
theoretische Manifestation auf der Leinwand."
Aufgrund dieser beiden
Besonderheiten wurde der Film entweder nur ungenau oder garnicht
verstanden. Er bekam sowohl positive als auch negative Kritiken wegen
seiner intendiert schwerverstŠndlichen Sprache - einer Sprache, die als
filmische Rekonstruktion des chaotischen stŠdtischen Lebens gedeutet
wurde oder aber als AnhŠufung zusammenhangloser Bilder. Einig aber
waren sich alle, da§ der Film keine erkennbare Botschaft habe. Eine
solche AnnŠherung an den Filmtext - auch wenn sie sich auf seine
besondere semantische Struktur bezieht - entsprach nicht der
eigentlichen Absicht und Haltung seiner Autoren. Der Film stŸtzt sich
derart auf seine eigene Logik, da§ diese Logik selbst dem Zuschauer
entgeht. Das wiederum hŠngt mit der besonderen Aufgabe zusammen, die
sich seine Autoren gestellt hatten. Vertov hatte sich vorgenommen,
einen Film ohne erklŠrende Zwischentitel zu machen, ohne ein einziges
"gespieltes" Element und ohne lineare Handlung, sondern mittels der
"totalen Loslšsung der Filmsprache von der Sprache des Theaters und der
Literatur". Dazu war es nštig, entweder den Sinn des Films extrem zu
vereinfachen, oder aber einen Weg zu finden, die fehlenden
Zwischentitel mithilfe der Montagetechnik zu kompensieren. Au§erdem
stellte die Idee, einen Film zu machen, der gleichzeitig ein Handbuch
und ein theoretisches Manifest sein sollte, den Filmemacher vor
Probleme, welche selbst der Stummfilm damals nicht zu lšsen vermochte,
der ja Wšrter, d.h. Zwischentitel verwendete. Vertov wollte also mit
diesem Film die Grundlagen einer neuen Filmsprache schaffen - die cinŽcriture - womit er zwar die beiden vorgenannten
Probleme lšste, dem Zuschauer jedoch ein VerstŠndnis des Films fast
unmšglich machte. Die Autoren setzten alles daran, die Zwischentitel in
ein figuratives System zu Ÿbersetzen. Das hie§ gleichzeitig, den
filmischen Raum durch die Montage maximal semantisch zu nutzen. Die
semantischen BezŸge der einzelnen Filmelemente vervielfŠltigten und
komplizierten sich soweit, da§ sie dem Zuschauer fŸr unorganisiert
vorkamen. Der Film schlo§ in sich selbst kurz, er vermochte nur dadurch
zu kommuniziere , da§ er sich auf andere Texte bezog. Man kann sogar sagen, da§ ein
VerstŠndnis des Films nur mšglich war durch die Dekodierungsarbeit am
Schneidetisch.
Das mag paradox erscheinen, aber in
der konstruktivistischen Welt der 20er Jahre strebte man eine
grš§tmšgliche semantische SŠttigung der Sprache und des Materials in
einer kŸnstlerischen Produktion an. Indem man sich - zum Nachteil des
pragmatischen Aspekts - auf die Textsemantik eines Films konzentrierte,
war seine Projektion auf die Leinwand nicht mehr das einzige oder gar
wesentliche Mittel, ihn zu lesen. Man vergleiche dazu die Bemerkung
Vertovs, nach welcher ein Film drei Leben hat: 1. das Leben als solches auf der Leinwand, 2. das Leben als solches auf dem Film(streifen) und 3. ganz
einfach das Leben als solches.1 Wie wichtig die von der Leinwand
unabhŠngige RealitŠt des Films ist, wird stŠndig im Film selbst
hervorgehoben. So beginnt Teil III mit einem Regal, in dem, thematisch
geordnet und beschriftet, Filmrollen stehen: "der Markt", "die Fabrik",
"der Stadtverkehr" etc. Wir sehen eine Filmrolle in der Hand der
Cutterin und nehmen daran teil, wie der Film eingelegt wird. Dann fŠllt
die erste Einstellung mit der Leinwand zusammen, die Bilder setzen sich
eines nach dem anderen in Bewegung, und wir sehen die Sequenz, die
soeben eingelegt wurde, so da§ sowohl der autonome Charakter des Films
augenfŠllig wird wie die Šsthetische Gleichheit zwischen seinen
verschiedenen Ebenen.2 Es
ist beachtenswert, da§ genau an dieser Stelle eine Einstellung gezeigt
wird, deren umfassender Sinn dem Betrachter der Leinwand verschlossen
bleibt. Parallel zu der Sequenz des Filmeinlegens erscheint mehrmals
diese Einstellung, die die linke Spule des Schneidetischs zeigt, auf
welcher sich der Film aufrollt. Nur auf dem Schneidetisch bemerkt man,
da§ der Filmstreifen jedesmal dann auf der linken Seite aufgespult ist,
wenn dasselbe auf der Leinwand dargestellt wird. Eine solche
Autodeskription des Films kann als verborgene Anspielung auf jene
Bedeutungsschicht verstanden werden, die nur demjenigen zugŠnglich ist,
der die Filmrolle in HŠnden hŠlt. Das den Bildern HinzugefŸgte, auf der
Leinwand nicht Sichtbare, etwa die Fettstift-Markierungen und solche
Schnitte, die zu subtil sind, um bei der VorfŸhrung bemerkt zu werden,
erweisen sich bei einer solchen Herangehensweise tatsŠchlich als eine
besondere Schicht von Signifikanten.
Andererseits fŸhrte dieser Wille,
den Sinn zu verdichten, in ein reiches System von Referenzen. So kann
die UnverstŠndlichkeit des Films vielleicht teilweise aufgehoben werden
durch eine Untersuchung der kulturellen Situation der damaligen Zeit.
Oft stellt sich diese oder jene Sequenz als Paraphrase eines bestimmten
Satzes heraus, der zu einem filmrelevantem Thema geŠu§ert wurde. Eine
solche Einstellungsfolge ersetzt damit den unzulŠssigen Zwischentitel.
So mu§ in diesem Zusammenhang auch die Ÿblicherweise als "enigmatisch"
bezeichnete Einstellung in Teil VI gewertet werden, in der eine
Frontalamsicht des Bolschoi Theaters entzwei geht und in sich
zusammenfŠllt. Und doch ist es nicht schwierig, ihre Bedeutung zu
rekonstruieren. Man erinnere sich, da§ fŸr die Mitarbeiter der
Zeitschrift Lef, unter ihnen auch Vertov, "Bolschoi
Theater" der gŠngige Ausdruck fŸr die konservative Kunstrichtung war:
"É mit einem Wort, Bolschoi-Theater!" Solchen Stichwšrtern kommt
besondere Bedeutung zu in einem Film, dessen Parole war: "die Sprache
des Theaters und der Literatur wird abgelehnt". ZunŠchst aber ist diese
Szene ein direktes Zitat von O.M. Brik aus der Versammlung des Lef zum Thema Kino im Jahr 1927: "Wir sagen
seit zehn Jahren, da§ man das Bolschoi Theater schlie§en soll, und in
diesem Jahr hat man es sogar renoviert!" Es ist bezeichnend, da§ die Lef-Mitglieder den polemischen Angriff, der
sich darin zeigte, sehr wohl verstanden haben. Davon zeugt der Abdruck
in der zehnten Ausgabe von Novy
Lef von 1928, d.h. noch vor
Beendigung des Films.3
So hŠngt die korrekte Dekodierung
des Films also ab von der Aufdeckung seiner internen und externen
signifikanten BezŸge. Wir geben nicht vor, die Aufgabe lšsen zu kšnnen,
haben aber die Absicht, in diesem Artikel einige Beispiele fŸr eine
bestimmte Vorgehensweise zu geben, die uns fŸr eine AnnŠherung an Der Mann mit der Kamera notwendig scheint. Wegen der Dichte und
Kompliziertheit der Bedeutungen lЧt diese Interpretationsarbeit an
eines jener Suchbilder denken, in dem ein Kind kopfŸber in den €sten
einer Winterlandschaft versteckt ist: man mu§ es auf den Kopf stellen.
Beispiele fŸr filminterne BezŸge sind im ersten Teil des Artikels
zusammengestellt, solche fŸr Zitate und filmexterne BezŸge im zweiten.
I
Das Konzept des "lokalen Vorgehens"
ist einer der wichtigsten SchlŸssel zum VerstŠndnis dessen, wie die
Sequenzen des Films konzipiert sind. Dieser Begriff bezeichnete fŸr die
Konstruktivisten das Prinzip, in der Struktur ihrer Sprache sowohl das
System (d.h. die Bauart) zu beschreiben, als auch die Eigenschaften des
beschriebenen Subjekts zu wiederholen. Die Form eines Kunstwerkes hŠngt
zwingend von seinem Objekt ab. Die Sprache erfindet sich in jedem Falle
neu, sie trachtet fšrmlich danach, mit dem Objekt zu verschmelzen und
wird ein Teil der Konstruktion. Vertov war so begeistert von diesem
Prinzip, das ihn dem Konstruktivismus nahegebracht hatte, da§ er es
allgemein und Šu§erst produktiv anwandte: eine Sprache nahm Form an,
war zwar nicht die ausdruckstŠrkste Sprache, aber eine, die den
betrachteten Ort am besten beschreiben konnte; keine in sich identische
Sprache, sondern eine, die sich immer an das gegebene Objekt anpa§te.
Betrachten wir zum Beispiel die
Montagesequenz aus der Mitte des vierten Filmteils. In dieser langen
Sequenz (Einstellung 66-110) findet man im Ganzen nur vier verschiedene
Kameraeinstellungen (genau gesagt fŸnf, aber die fŸnfte taucht nur ein
einziges Mal auf und hat eine Botschaft anderer Ordnung, auf die wir
spŠter noch kommen werden). Zwei der Einstellungen zeigen eine
Arbeiterin, die Zigaretten der Marke "Parol" vepackt, die beiden
anderen die Arbeit der Telefonistinnen in der stŠdtischen
Telefonzentrale. Auf dem Packtisch vor der Arbeiterin liegt eine
rechtwinklige Metallschiene, die ihr als Richtma§ fŸr die Pakete dient.
Die eine Einstellung zeigt in Nahaufnahme die HŠnde der Packerin, die
ein Blatt festes Papier um die Schiene legen, die hinteren Ecken Ÿber
ein Brett knicken und das Ganze mit einer Handbewegung nach rechts
wieder zurŸckschieben. Die andere Einstellung zeigt das Gesicht der
Packerin, das mit den Augen die Handgriffe verfolgt; zu sehen ist auch
ein Teil des Flie§bandes mit den nach rechts vorbeiziehenden Paketen.
Die beiden anderen Einstellungen
zeigen mehrere PlŠtze am Steckfeld in der Telefonzentrale und die
beschŠftigten HŠnde der Telefonistinnen, und , parallel dazu, ihre
Gesichter.
Ein Filmabschnitt von mehr als
vierzig Einstellungen ist aus verschiedenen Kombinationen dieser vier
Motive zusammengesetzt. Deshalb erscheint es nur natŸrlich, die
Botschaft dieser Sequenz in der Logik ihrer Kombinationen zu suchen,
oder genauer gesagt in der Frage: welche Logik arbeitet Vertov aus dem
Inhalt der Bilder mittels ihrer Kombination heraus? - Mit dem Wissen,
da§ au§erhalb des Kontextes die Botschaft der Bilder sich beschrŠnkt
auf die professionelle Geschicklichkeit und Geschwindigkeit, mit der
Telefonistinnen Stšpsel handhaben und Anrufer bedienen, mit der eine
Packerin Zigarettenpakete packt.
Die Anordnung der Einstellungen
dieser Sequenz ist folgende:
1. die HŠnde der Packerin arbeiten
2. das Gesicht der Packerin
3. die HŠnde
4. das Gesicht
5. die HŠndeÉ (der Wechsel der
Einstellungen findet in immer schnellerem Rhythmus statt)
6. das Gesicht der Packerin
7. BlŠtter festen Papiers mit der
Aufschrift "Parol" kommen aus der Druckerei
8. das Gesicht der Packerin, sie
lŠchelt
9. die HŠnde von Telefonistinnen
bei der Arbeit
10. Gesichter von Telefonistinnen
11. ihre HŠnde
12. ihre Gesichter
13. die HŠnde der Packerin bei der
Arbeit
14. das Gesicht einer Telefonistin
15. die HŠnde der Packerin
16. das Gesicht einer Telefonistin
17. die HŠnde der Packerin (etc.,
der Rhythmus wird immer schneller, bis die Bilder, nur noch blitzartig,
sich zu Ÿberlagern scheinen)
Dies ist das allgemeine
syntagmatische Schema dieser Sequenz. Wenn man vorŸbergehend
Einstellung 7 au§er acht lЧt, fŠllt einem die RegelmЧigkeit des
Vokabulars auf: sŠmtliche Einstellungen der Sequenz
lassen sich unterscheiden in Gesicht oder HŠnde und sind abhŠngig von
der Frage: Wem gehšren jeweils die HŠnde oder das Gesicht? Unter diesem
Gesichtspunkt kann man leicht drei Teile in dieser Szenenfolge
unterscheiden: die Szenen 1-9 zeigen abwechselnd HŠnde und Gesicht der
Packerin, 9-12 zeigen abwechselnd HŠnde und Gesichter der
Telefonistinnen, und 12-17 wechseln ab zwischen den HŠnden der Packerin
und den Gesichtern der Telefonistinnen, wŠhrend sich die Dauer der
Einstellungen mehr und mehr reduziert bis sich am Ende der Effekt einer
†berlagerung der Bilder einstellt.
Da in dieser Sequenz (wie auch
sonst im Film) keine Einstellung auftaucht, die gleichzeitig HŠnde und
Gesicht der Packerin zeigt, oder einer Telefonistin, bestŠtigen die
beiden ersten Teile dieser Folge (alles andere sei im Moment
unberŸcksichtigt) ihre Zugehšrigkeit zur korrespondierenden RealitŠt,
die au§erhalb des Textes liegt:

Diese Beziehungen, die einfach
erscheinen mšgen, nehmen eine besondere Bedeutung an in einem Film Ÿber
Filmsprache, denn es wird eine Tradition der Montage angegriffen, die
bereits Ende der 20er Jahre Form angenommen hatte. Die Frage des
Erschaffens einer Person aus mehreren Teilen hatte nach dem Auftauchen
des "lebenden Menschen" im Kino eine
besondere AktualitŠt gewonnen.. Dies eršffnete ein reiches
Assoziationsfeld, angefangen von Kuleschovs Experiment "Der Tanz"4, Ÿber das Manifest "Kinoki-Revolution" von Vertov selbst, bis zur Debatte Ÿber
das Problem des "pars pro toto" , die man in der umfangreichen
zeitgenšssischen Literatur Ÿber Montage-Theorie findet. In den Grenzen
des Genres "Handbuch der Sprache, die in Der Mann mit der Kamera verwendet wird", scheinen diese
Montagebeispiele die Ontologie der Folge von Szenen zu illustrieren. Im
dritten Teil der Sequenz wird diese Folge jedoch auch zur Einleitung
von etwas, das sich als "magisches KunststŸck" beschreiben lie§e: das
Zusammensetzen eines Ganzen aus seinen verschiedenen Elementen wird zur
Konstruktion eines neuen Ganzen, das aus diesen Elementen
hervorgegangen ist - ein Ganzes, das von Kouleschov in einem anderen
Experiment" Der geschaffene
Mensch" genannt wurde, und
von Vertov in seinem Manifest"
Der perfekte Mensch" .
Der Wechsel zwischen den HŠnden der
Packerin und dem Gesicht einer Telefonistin ersetzt die Formel: "HŠnde
+ Gesicht > Mensch", die wir im ersten Schema vorgeschlagen haben,
durch die jeweils ursprŸngliche Bedeutung:

mittels Montage geschaffene
Person(en)
So erklŠrt die Montage in dieser
Sequenz die Mšglichkeiten der Montage als Sprache. Dennoch wird dadurch
die Botschaft der Sequenz nicht Šrmer. Diese "Filmtheorie im Film"
hŠngt mit anderen Themen des Films zusammen. Abgesehen von der
SelbstreflexivitŠt besitzt die Struktur dieser Sequenz eine ganz
genaue, den Inhalt der Bildausschnitte betreffende semantische Funktion.
Um ihren Sinn aufzuklŠren, mu§ man
die Sequenz im Kontext der anderen Sequenzen des vierten Teils
betrachten. Dieser Teil wiederum ist eine von sechs
Kompositionseinheiten im Film - die sechs Teile, die nummeriert sind.
Jeder Teil besitzt ein bestimmtes Hauptthema, das eine Art kŸnstliche
BedeutungsoberflŠche bildet, die in den meisten FŠllen dem jeweiligen
tieferen Sinn nicht entspricht. Als Hauptthemen werden im allgemeinen
deutlich erkannt: I.: die schlafende Stadt am frŸhen Morgen, II.: das
Erwachen der Stadt, III.: die Betriebsamkeit der Stadt, IV.: die
Arbeit, V.: Mu§e und Sport, VI.: VergnŸgungen.
In jedem Teil unterschiedet man
eindeutig Einstellungsgruppen, die wir hier Sequenzen nennen wollen.
Zwischen ihnen sind die Schnitte am deutlichsten. Die Einheit einer
Sequenz kann sowohl im Thema als auch in der Montage liegen. In
bestimmten Teilen (zum Beispiel in Teil V), lassen sich die Sequenzen
ziemlich sicher unterscheiden; auf der Konstruktionsebene wird der
gesamte Teil von ein- und demselben Prinzip beherrscht. In anderen
Teilen ist die Struktur jeder einzelnen Sequenz das Wichtige und der
Sinn ist in der Verschiedenartigkeit der Montage-Konstruktionen
verborgen. Dies ist in Teil IV der Fall.
Die Sequenz mit den Telefonistinnen
und der Packerin ist die dritte Sequenz dieses Teils. Sie hat, wie die
anderen, eine Handlung, als das offensichtliche Thema dieses Teils:
Arbeit. Die Folge der Sequenzen ermšglicht eine eindeutige Aussage zu
diesem Thema - in der Sprache des Films. Der allgemeine Kontext dieser
Sequenzen ist hier von entscheidender Bedeutung, und es gilt diesen
Kontext aufzuklŠren, will man die Sequenz, von der wir sprechen,
verstehen.
DafŸr mu§ man auf folgende Fragen
eine Antwort finden: Hat es eine Bedeutung, da§ es Gesichter und HŠnde
von Arbeiterinnen sind, die ausgewŠhlt wurden als "Elemente", aus denen
ein "Ganzes" werden soll? Ist es Zufall, da§ es mehrere Telefonistinnen
und nur eine Packerin gibt? Warum zeigen die wechselnden Bilder am
Schlu§ die HŠnde der Packerin und ein Gesicht der Telefonistinnen, und
nicht umgekehrt?
Um auf diese Fragen zu antworten,
werden wir die unmittelbar vorangehende Sequenz von 20 Einstellungen
untersuchen, (Teil IV, Bild 40-60). Ihre Struktur unterscheidet sich
betrŠchtlich von der nachfolgenden. Es handelt sich um die zweite
Sequenz dieses Teils. Sie enthŠlt: zwei NŠherinnen, die erste nŠht von
Hand, die zweite mit der Maschine; zwei Zuschneiderinnen in einer
Textilfabrik; eine Cutterin bei der Arbeit; eine Kamera. Die Sequenz
beginnt mit dem Bild einer NŠherin, die auf einem Stuhl sitzt:
1. sie fŠdelt einen Faden in eine
Nadel
2. ihr Gesicht
3. sie ordnet die Falten eines
Stoffes auf ihren Knien
4. ihr Gesicht
5. die HŠnde nŠhen
Die drei folgenden Bilder zeigen
die Kamera in extremer Nahaufnahme:
6. das Objektiv, das uns ansieht
7. eine Hand dreht die Handkurbel
der Kamera
8. das Objektiv
Die Bilder 6 und 8 (sie sind
identisch) sind eine sehr hŠufig im Film vorkommende Einstellung. Sie
erscheint zum ersten Mal in der letzten Sequenz des ersten Teils
(Bild105). Beschreiben wir schnell den Inhalt dieser kurzen Sequenz.
Sie enthŠlt: ein Fenster mit einer Holzjalousie, deren Lamellen sich
bewegen; eine junge Frau5; ein
Fliederzweig; das Objektiv der Kamera, durch dessen Linse man die
Lamellen der Irisblende sieht. Diese Sequenz wird eingefŸhrt durch
sechs Bilder, die abwechselnd die Morgentoilette der Frau und Bilder
von der Stra§enreinigung zeigen: die Frau tritt an das Waschbecken -
ein Wasserstrahl aus einem Schlauch peitscht den Fu§ einer
Stra§enlaterne - die Frau wŠscht sich das Gesicht - der Wasserstrahl
trifft einen Abfalleimer - die Frau trocknet sich das Gesicht mit einem
Handtuch ab - eine Putzfrau wischt von au§en Ÿber den Rahmen eines
Fensters. Dieser Wechsel stellt auf ganz offensichtliche Weise eine
Entsprechung her, die spŠter eines der Hauptthemen des Films werden
wird: die Gleichheit des Makro- und des Mikrokosmos in Komposition und
Organisation, die Analogie der Formen zwischen dem Menschen und der
Stadt, die €quivalenz ihrer Funktionen. Die darauffolgende Sequenz
entwickelt und variiert dieses Motiv. Alle Einstellungen sind
Nahaufnahmen:

(etc.: der Rhythmus des Wechsels
wird immer schneller bis zum Eindruck des "Bilder-Blitz'")
So arbeiten diese Szenen bereits
sehr detailliert das Motiv der Analogie der Formen von Mensch und Stadt
heraus (die Fenster sind die Augen der Stadt, die VorhŠnge die Lider
der Fenster etc.). Die Metapher des Fensters als Gesicht oder Augen der
Stadt taucht im Film immer wieder auf; andere Kšrperteile sind
Gegenstand einer Šhnlichen Projektion auf den Raum der Stadt (in Teil
III). Die beiden rechten Spalten (im Schema) fŸhren ein neues
semantisches Element in diesen Zusammenhang ein: das Kameraobjektiv,
das in der Idee des Films gleichzeitig die Rolle des Fensters und des
Auges spielt. Das Beispiel mit dem Fliederzweig, dessen Bild nach und
nach scharfgestellt wird, erklŠrt uns, da§ das Objektiv einem Auge
gleicht, dank seiner FŠhigkeit zu sehen und da§ der Mechanismus der
Linse identisch ist mit den beweglichen Lamellen einer Jalousie (die
…ffnung verŠndernd, reguliert man die TiefenschŠrfe und die
Lichtmenge). So scheint die Kamera die Merkmale eines biologischen und
eines mechanischen Systems anzunehmen und so den Gegensatz zwischen
belebter und unbelebter Welt aufzuheben. Das Kameraobjektiv wird zum
Mittler zwischen zwei Welten - der Welt des Menschen und der Welt der
Stadt. Von der ersten hat es den Geist der Initiative und die
MobilitŠt, von der zweiten (der Welt der Maschinen) hat es seine
zahlreichen Eigenschaften und seine Ÿbermenschliche Macht zu sehen. Die
Tatsache, diesen unterschiedlichen Welten anzugehšren, macht aus der
Kamera einen exzellenten DoppelgŠnger des Frankensteinmonsters, und aus
der Sicht des Film-Gegenstands spielt sie eine wesentliche Rolle im
Film.
All das hilft, die Bedeutung der
drei Nahaufnahmen zu erklŠren, die in der von uns untersuchten Sequenz
(in Teil IV) zu sehen sind (das Objektiv, die gedrehte Handkurbel, das
Objektiv). Wenn die Analogie zwischen der Stadt und dem Menschen
begrenzt ist, dann ist die Kamera, dank ihrer Beschaffenheit, eine
Imitation des Menschen. Der anthropomorphe Charakter der Kamera wird in
der Sequenz benutzt, um eine Parallele zu ziehen zwischen ihr und der
NŠherin, deren Gesicht und HŠnde in den ersten Szenen abwechseln. (Ohne
diese Besonderheit hier interpretieren zu wollen, merken wir an, da§
die Kameraeinstellungen von Gesicht und HŠnden den ganzen vierten Teil
hindurch verwendet werden - erinnern wir uns an die Sequenz mit den
Telefonistinnen und der Packerin der Zigarettenfabrik.) Die
Einstellungen: Gesichter - HŠnde - Gesichter- HŠnde der NŠherin bei der
Arbeit werden konfrontiert mit den Einstellungen: Gesicht - Hand -
Gesicht der Kamera, die sie filmt. Die eigentliche Botschaft findet
sich hier jedoch nicht in einem neuerlichen Beweis des anthropomorphen
Charakters der Kamera, sondern in einer der wesentlichen Ideen dieses
gesamten vierten Teils: der Behauptung, da§ die Kamera ein Arbeiter ist
wie jeder. Hier ist es notwendig anzumerken, da§ - neben der poetischen
Mystifizierung des Kamerabildes - die Entmystifizierung ihrer sozialen
Rolle fŸr Vertovs Weltsicht charakteristisch ist. Diese
Entmystifizierung hŠngt mit einem fŸr die linke Kunst der Zeit
wesentlichen Aspekt zusammen: mit der Umwandlung des "Kunst-Schšpfers"
in einen Bilder-Schaffenden. Dieses Vorhaben schimmert nicht nur in den
damaligen Filmen und Artikeln der Filmschaffenden durch, sondern auch
in ihrem Verhalten als KŸnstler (es ist dies, genau gesagt, eine in
anderen Texten gerne gestellte Benimm-Frage). So kommt Vertov dazu - in
einem seiner šffentlichen Auftritte - einen traditionellen Gegensatz
umzusto§en (was damals eine verbreitete Angewohnheit war): "Wir sind
die Schuster des Films und wir sind nicht bereit, KŸnstler zu werden!"
Einstellung 28 in Teil IV - eine Kamera, die uns durch einen Holzbogen
anschaut, auf dem "professioneller Pariser Schuhputzer" steht - kann
als Anspielung auf diese Situation verstanden werden.
Genau unter dem Zeichen dieses
semantischen Prinzips lŠuft anschlie§end die Sequenz aus dem vierten
Teil ab (siehe den Anfang Seite ...)
9. die andere NŠherin nŠht mit der
Maschine
10. ihre Hand legt den Stoff unter
das F٤chen
11. die andere Hand beschleunigt
leicht das Schwungrad
12. sie legt den Stoff zurecht
13. sie nŠht und lŠchelt
14. unter den HŠnden der NŠherin
gleitet der Stoff durch die Maschine
15. ein Filmstreifen gleitet durch
die HŠnde der Cutterin
16. die NŠherin versetzt das
Schwungrad in Bewegung
17. die Cutterin nimmt eine
Filmrolle vom Regal Ÿber dem Schneidetisch
18. ihre Hand schreibt auf ein
StŸck Papier: "Nr. 23"
19. eine Weberin nimmt vom Rahmen
ihres Webstuhls eine Fadenrolle, sie lacht
20. die Cutterin befestigt den
Zettel "Nr. 23" an der Filmrolle.
Die Sequenz ist insofern
bemerkenswert, weil sich in ihrer Struktur die stŠndige Suche nach
Beziehungen zwischen Verfahrensweisen der Filmproduktion einerseits und
denen der industriellen Fertigung erkennen lЧt - nicht nur auf
Šsthetischer Ebene (vom Typ 14=15 oder auch 17=19 etc.), sondern auch
auf der viel grundsŠtzlicheren Ebene lexikographischer Beziehungen, die
fŸr das Werk Vertovs sehr charakteristisch sind.
Das Problem, welche Mittel der
Stummfilmsprache zur VerfŸgung stehen, wird au§erordentlich brisant,
wenn es sich um Filme ohne Zwischentitel handelt - also Texte, die damals wahrgenommen wurden als
"intellektuelles Kino" oder "kinematographische Sprache pur".
Normalerweise wurden solche Experimente/Experimentalfilme von ihren
Autoren kommentiert als Versuch, eine "internationale Sprache" zu
schaffen, ein Mittel, die linguistischen Grenzen zu Ÿberwinden.
Die meisten dieser ErklŠrungen sind
wenig vertrauenswŸrdig. Praktisch jede dieser Konstruktionen, die auf
der Montage-Ebene mit einer "intellektuellen" Konzeption realisiert
wurden, entpuppen sich als Kryptogramme eines in einer natŸrlichen
Sprache geŠu§erten Satzes oder Wortes; und noch genauer, als ein
kinematographisches BilderrŠtsel, in dem die Dinge zur Ausdrucksebene
werden, und in dem die Inhaltsebene zur ideomatischen Wendung wird,
einem Wortspiel, einem Zitat oder irgendeiner anderen Figur, die zu den
Hindernissen der zwischensprachlichen Kommunikation gehšren. Im Werk
Vertovs kommt dem eine besondere Bedeutung zu, auch wenn der
Filmemacher selbst dies Ÿberhaupt nicht anerkannte. Der Mann mit der Kamera lЧt ein verbales System
durchschimmern, gleich sichtbaren alten Lettern auf den Balken eines
Hauses. Die Inschriften sind nicht verschwunden, sie haben sich in das
Unterbewu§te des Films verflŸchtigt und geben dabei weiterhin seiner
Konstruktion einen Rhythmus und eine Logik.
So ist es wichtig, im Fragment der
zu untersuchenden Sequenz das unsichtbare System lexikalischer
Assoziationen zu identifizieren, wichtiger noch als den materiellen
Aspekt des Arbeitsvorganges (wie zum Beispiel den, da§ die Arbeit der
NŠherin und die der Cutterin sitzend ausgefŸhrt werden und einen von
den FŸ§en bedienten Mechanismus haben). Das semantische Feld der Wšrter
"strotchit (nŠhen, schreiben), strocka (Naht, Schriftlinie)", das
direkt mit der fŸr Vertov Šu§erst wichtigen Welt der Poesie und des
Schreibens verbunden ist, erstreckt sich, dank der Idee der
"cinŽcriture", ebenso auf den Proze§ der Montage .
In der Sequenz spielt Vertov mit
der Bedeutung dieses Begriffs, der sich zunŠchst auf die Schneiderei
bezieht; damit wird ein Ort poetisch-etymologischer Ordnung geschaffen
zwischen der Montage des Films einerseits und dem Proze§ industrieller
wie poetischer Produktion andererseits- was sehr gut mit Vertovs
Ansichten zum Thema Film korrespondiert. Deshalb erscheint der Begriff
"montajnaia strotchka" ("Montage-Satz") besonders passend zur
Beschreibung von Vertovs Filmen, vorausgesetzt, er bewahrt die
Bedeutungsunterschiede, die wir aufgezeigt haben.
Szene 19 fŸhrt ein neues Wortspiel
ein: die Terminologie des Webens, auf die sich ja zahlreiche, in vielen
Sprachen verwendete, nichttechnische Begriffsetymologien beziehen. So
wird die letzte Sequenz vorbereitet, die eine der ungewšhnlichsten des
Films ist.
21: Blick auf die Weberin an ihrem
Webstuhl, (Schwenk der Weitwinkelkamera nach rechts), eine andere
Weberin bei der Arbeit, (Schwenk der Kamera nach links).
Die erste Weberin (Schwenk nach
rechts), die zweite Weberin (Schwenk nach links), das wiederholt sich
eine ganze Zeit lang. Die Raffung, der Charakter und der Rhythmus
dieser wiederholten Totale lassen die Kamera zum Schiffchen werden, sie
stellt die Weberinnen nach dem Modell des Schiffchens dar. So wird die
Tatsache, da§ die Arbeit des Filmemachens identisch sein soll mit jeder
anderen Arbeit (eine IdentitŠt, die als semantischer Leitfaden fŸr die
Montage der gesamten Sequenz dient) - diese Tatsache findet sich auf
Šsthetischer Ebene bestŠtigt durch den Inhalt der letzten Einstellung
selbst: die Herstellung des Textes
wird empfunden wie die
Fabrikation eines textilen Stoffes.
So weist die Sequenz "die
NŠherinnen und Weberinnen" eine Progression auf, die fŸr den Sinn des
gesamten Filmteils bedeutend ist: die Steigerung der Arbeitsebene von
der mechanisierten zur industriellen Fertigung - Handarbeit, Produktion
an der individuellen NŠhmaschine, Produktion an der FabriknŠhmaschine.
Der gesamte vierte, dem Thema Arbeit gewidmete Teil ist derart in
mehreren Sequenzen organisiert, da§ er Ÿber politisch-škonomische
Themen prŠzise Aussagen macht. Die mehr oder weniger vollstŠndige
†bermittlung dieser Ideen ist von vorwiegend technischen
Schwierigkeiten abhŠngig. Aber der Film ist so konzipiert, da§ man die
wesentliche Botschaft eines jeden Filmteils auch dann verbalisieren
kann, wenn man den Inhalt der Sequenzen nur in Kurzfassung kennt.
Erinnern wir uns, da§ die Sequenz "die NŠherinnen und Weberinnen" an
zweiter Stelle steht, und gefolgt wird von der Sequenz "die Packerin
und die Telefonistinnen". SpŠter kommt ein wichtiger Satz vor(phrase, strotchka, Szene 110-144), der fast nur
Nahaufnahmen von HŠnden zeigt, die verschiedene Arbeiten ausfŸhren: die
HŠnde einer Stenotypistin, eines Arbeiters, einer Pianistin, einer
Kassiererin, eines Friseurs, eines Kameramanns, einer Cutterin etc. Wie
alles in diesem Films ist auch die Auswahl der "HŠnde in Bewegung"
nicht zufŠllig (und ihre Anordnung nicht chaotisch), aber sie
entwickelt und kommentiert scharfsinnig ein Thema, das die LŠnge dieses
Artikels nicht auszuschšpfen erlaubt.
Dennoch lЧt allein schon die
Komposition der Sequenz ("die HŠnde"), d.h. die Art, wie die drei uns
bekannten SŠtze aufeinanderfolgen, eine prŠzise Logik
erkennen. Wie wir gesehen haben, sind "die Telefonistinnen und die
Packerin" angeordnet nach einem wŠhrend des Schneidens realisierten
Arrangement - sie wechseln Gesicht und HŠnde. Nun hat die vorausgehende
Sequenz ("die NŠherinnen und die Weberinnen") Gesicht und HŠnde als
Texteinheiten definiert, was der folgenden Sequenz ("die
Telefonistinnen und die Packerin") jeden Sinn raubt, der sich auf eine
Zusammengehšrigkeit von HŠnden und Gesicht beruft. Und was die nŠchste
Sequenz anbelangt, so funktioniert sie ganz ohne ein Gesicht und stellt
eine prŠzise These auf.
Die folgende Ordnung ist ebenfalls
keine zufŠllige: zuerst werden einige Gesichter und einige Paar HŠnde
gezeigt; dann nehmen bestimmte Gesichter (die Telefonistinnen) die
HŠnde der Packerin an; schlie§lich sehen wir nur noch die HŠnde. So wie
die Syntagmatik des Satzes "NŠherinnen und Weberinnen"
interpretiert werden kann als der Fortschritt, der sich Šu§ert in
zunehmender Mechanisierung der Arbeit, so behauptet - auf einer
semantischen Ebene - die Logik der Sequenzenfolge, da§ der soziale
Charakter der Arbeit stŠrker wird. NatŸrlich unterstreicht diese Art
der Analyse die poetische Seite der getroffenen Aussagen; dank dieser
Seite ist der ikonische (bildhafte) Ausdruck der škonomischen RealitŠt
nicht der einzig mšgliche Ma§stab. Um sich davon zu Ÿberzeugen genŸgt
es, die erste Sequenz (Teil IV) zu betrachten: die vielleicht
interessanteste unter dem Gesichtspunkt, mit welcher Methode eine
Botschaft kodifiziert wird.
Die Sequenz umfa§t 35 Szenen
(4-39). Wir werden sie zusammenfassend beschreiben, um das Prinzip der
Montage hervorzuheben - ohne auf Wiederholungen oder Szenenvarianten
RŸcksicht zu nehmen.
1. in einem Schšnheitssalon wird
das Gesicht einer Frau eingecremt
2. eine Arbeiterin streicht grob
einen Kohleofen an
3. eine Frau bekommt die Haare
gewaschen
4. WŠsche wird gewaschen in einem
Zuber
5. ein Mann wird rasiert
6. eine Axt wird geschŠrft
7. einer Frau werden die NŠgel
lackiert
8. eine Hand, die einen Film
zusammenklebt
In dieser Sequenz werden die
Einstellungen (oder Einstellungsgruppen, wenn man die nicht
zusammengefa§te Version bedenkt), semantisch unterschieden, paarweise
zusammengefasst: 1 und 2 "die Handlung des Anstreichens"; 3 und 4 "das
Waschen"; 5 und 6 "die scharfe, metallische Schneide"; 7 und 8 "Finger,
die etwas tun". (Im letzten Fall kann man annehmen, da§ der Geruch ein
ziemlich starkes Assoziationskriterium ist: die Aceton-Basis des
Nagellacks und des Filmklebstoffs kann fŸr Vertov ein ernstzunehmender
Grund gewesen sein, die beiden Handlungen zusammenzustellen.) Aber
diese offensichtlichen Unterscheidungen transportieren als solche noch
keine besondere Botschaft. Hier steckt der Sinn nicht in der
€hnlichkeit von jeweils zwei Elementen, sondern in ihrem Unterschied.
Das Gemeinsame aller vier Szenenpaare ist der Gegensatz zwischen den
jeweiligen Objekten - ein Gegensatz, der auf der Unterscheidung
"belebt/unbelebt" beruht. In der Tat ist in jeder ungeraden Szene ein
Mensch Objekt der Handlung, und in jeder geraden Szene ist es eine
Sache. (Die jeweilige Handlung ist, gemЧ den von uns herausgefundenen
Kriterien, identisch mit der des korrespondierenden Bildes.)

(Aus syntagmatischer Sicht liest
man das Tableau von links nach rechts, aus paradigmatischer Sicht -
d.h. mit dem Ziel, die Botschaft zu entziffern - liest man das Tableau,
indem man die Reihen einander gegenŸberstellt.)
So besteht die in der Sequenz
versteckte "These" also in der Aufhebung des Gegensatzes zwischen dem
Mensch und den Dingen, dem Handelnden und dem Werkzeug, dem Subjekt und
dem Objekt der Handlung (mittels einer Behauptung des Typs: "das vom
Menschen auf die Dinge AusgeŸbte wird ebenso von den Dingen auf den
Menschen ausgeŸbt"). Hier handelt es sich um ein bereits bekanntes
Motiv, das, abgesehen von der IdentitŠt zwischen Belebtem und
Unbelebtem, die Idee vom Gegensatz "Gesicht" und "HŠnde" in ihrer
Eigenschaft als Zeichen weiterentwickelt, entsprechend den GegensŠtzen
"Individuum" und "Kollektiv", "nicht Bezeichnendem" und
"Bezeichnendem", "VergnŸgen" und "Arbeit", etc. Im Unterschied zur
rechten Reihe und allen folgenden Sequenzen, "dienen" in der linken
Reihe "die HŠnde dem Gesicht". Die negative Interpretation der linken
Reihe beruht auch auf der Tatsache, da§ alle Handlungen "Šsthetischer"
Natur sind; und es ist auch nicht zufŠllig, da§ Bild 8 in der rechten
Reihe steht, der Reihe der "Arbeit".
So sind in der ersten Sequenz des
vierten Teils praktisch alle Ideen bereits enthalten, die in diesem
Teil ausgefŸhrt werden. Bleibt, eine der Ideen zu eršrtern: die der
Gleichheit zwischen Mensch und Dingen, so wie sie in der ersten Sequenz
entworfen wurde. Es handelt sich hierbei nicht nur um eine Utopie der
Arbeit, sondern auch um eine Utopie des Menschen und dessen Streben,
sich mit der Maschine zusammenzutun. In der zweiten Sequenz handelt es
sich um die Perfektionierung der Weberei, die, dank dem Blickwinkel der
letzten Szene, die Arbeiterinnen betrifft6 . Hier ist die Maschine dem Menschen
gleich. Und in der dritten Sequenz wird durch die Art, wie die Montage
den Menschen "ausschneidet", um ihn neu "zusammenzusetzen", das
menschliche Wesen an die Maschine angepa§t. In diese Optik fŸgt sich
eine Szene (auf S. É : Nr. 7), der wir in unserer ersten Analyse der
dritten Sequenz (Teil IV, Szene 66-110) keine Aufmerksamkeit geschenkt
haben. In der zwischen Gesicht und HŠnden der Packerin abwechselnden
Szenenfolge befindet sich der mechanische Arm der Druckmaschine, so wie
er in der Montage verwendet wird, an Stelle der "Hand".
Die semantische Linie des
"perfekten elektrischen Menschen" findet ihren logischen Schlu§ am Ende
des vierten Teils, in einer Sequenz (Bilder 182-206), die in wachsender
Zahl auftauchende, mechanische Teile in Bewegung zeigt. Die Grammatik
dieser Linie, in der Sequenz mit den "HŠnden", basiert auf der
Aneinanderreihung zahlreicher Begriffe: Pleuelstangen, Kurbelwellen,
GetrieberŠder, exzentrische Antriebe, Kolben und eine Kamerakurbel, die
sich von selbst dreht. GemЧ Vertovs "Kybernetik" werden im
Arbeitsproze§ die HŠnde von der Maschine ebenso ersetzt, wie die
Gesichter von den HŠnden ersetzt wurden. Zusammenfassend kann die
semantische Bewegung, die in in den fŸnf Sequenzen dieses Teils
ablŠuft, folgenderma§en notiert werden:

Andererseits sollte man nicht au§er
acht lassen, da§ parallel zur Semantik eines jeden Filmteils stŠndig
auch das PhŠnomen der SelbstreflexivitŠt eine Rolle spielt. So ist der
vierte Teil von Der Mann mit
der Kamera deshalb
bemerkenswert, weil er vollstŠndig nach dem Prinzip der Metonymie
aufgebaut ist. Das erklŠrte Thema "Arbeit" wird begleitet vom Thema
"Teilnahme" das dem Bauprinzip der Filmsprache selbst eingeschrieben
ist: der Teil steht fŸr das Ganze. Das macht das "lokale Vorgehen"
wesentlich aus. Im vierten Teil wird kein Ding durch ein anderes
bezeichnet, die GegensŠtze werden einander nicht angenŠhert, nirgendwo
wird auf Metaphern zurŸckgegriffen. Die mathematisch strenge Sprache
dieses Teils entwirft eine Maschine (ein Werkzeug), und sie imitiert
dank der Montagetechnik diese Maschine und nimmt an ihrer Arbeit teil.
Die Kommunikation lŠuft von Sequenz zu Sequenz ein Flie§band entlang.
Diese Sprache absorbiert die Semantik und die Teilnahme wie die
Maschine eines Drehers den Stiel seines Hammers. Die anderen Teile des
Films sind anders konstruiert.
So ist beispielsweise der dritte
Teil vollstŠndig auf einer Metapher aufgebaut. Er lebt von der
€hnlichkeit von Mensch und Stadt; und die Idee der "belebten Stadt"
(wegen des utopischen Charakters der Stadt und ihrer Tendenz, Belebtes
und Unbelebtes zu mischen) hŠngt eng mit dem Hauptthema des vierten
Teils zusammen. Die Vorgehensweise der Analyse ist ganz anders: ein
bi§chen so, als ob man einen anatomischen Atlas auf einen Stadtplan
gelegt hŠtte. Es ist das Prinzip des †bereinanderlegens, das zum
Prinzip der Sprache wird, und jede Szene ist entweder die Allegorie
einer Sache oder ihr Original. Die SchlŸsselfigur des Films ist
ebenfalls metaphorisch zu verstehen: "die Kamera-Kanone richtet ihre
MŸndung auf die Stadt (É) Der Apparat streicht Ÿber die Stadt wie der
>Erzene Ritter<".
Vertovs Idealmodell der Stadt ist
rigoros zentralisiert. In der Mitte gibt es den Platz, der eine
Grundfigur der Montage ist, und auch der Dreh- und Angelpunkt des
Stra§enbahn- und Autoverkehrs. In der Mitte des Platzes steht die
Person, die am hŠufigsten in der Montage zu sehen ist: der
Verkehrspolizist, der von Hand eine auf der ChaussŽe installierte Ampel
bedient. Die anderen signifikanten Orte der Stadt sind: die Fabrik und
der Markt, der Club und das Restaurant, das Entbindungsheim, das
Standesamt, das Stadion, der Friedhof, der Strand und das Kino. in der
Montage ist das Leben dieser urbanen Zentren stŠndig der Ampel und der
Beobachtung durch das Kameraauge unterworfen. Die Kommunikation mit dem
Zentrum ist in der Stadt Vertovs durch das Telefon gewŠhrleistet. Zum
Beispiel (Teil III, Sequenz 2):
39: der Platz der Stadt in
Gro§aufnahme
40. eine Frau nimmt einen
Telefonhšrer ab
41. der Verkehrspolizist nimmt den
Handgriff der Ampel
42. die Frau wŠhlt eine
Telefonverbindung
43. der Polizist beobachtet den
Platz
44. Totale des Platzes und des
Viertels
45. Nahaufnahme: die Ampel schaltet
um
46. das Kameraobjektiv auf einem
hohen GebŠude "spaziert Ÿber die Stadt"
47. Brautleute nŠhern sich dem
Standesamt
48. Nahaufnahme: ein Dokument wird
ausgefŸllt
49. der Standesbeamte schreibt
50. die Kamera auf dem Dach fa§t
etwas ins Auge
51. die Braut unterzeichnet die
Urkunde
52. die Kamera auf dem Dach
53. die Braut unterschreibt
54. die Ampel ist grŸn, eine
Stra§enbahn fŠhrt durch
55. das Paar die Heiratsurkunde,
bedankt sich und lŠchelt
56. die Ampel schaltet um
57. die Brautleute gehen weg
Die in der Montage um die
Hauptszenen gruppierten Bilder (eine fŸr das ErzŠhlkino
charakteristische Verteilungsstruktur) passen sich dem Ganzen auf
metaphorische Weise, und bilden dabei ein rigoros hierarchisches
Tableau eines ganz und gar reglementierten sozialen Lebens. Was
ebenfalls auffŠllt ist die Tatsache, da§ die Bilder, die "in flagranti"
und ohne Beziehung untereinander aufgenommen wurden, eine kohŠrente und
irreale Situation schaffen. Die Scheidungsszene setzt die hier
betrachteten Sequenz fort. Sie spielt sich im selben BŸro des
Standesamts ab, und verwendet das gleiche metaphorische Material: die
Verkehrsregeln. Das Interessante dieser Szene beruht auf der fŸr Vertov
sehr charakteristischen Vorgehensweise, ein soziales Ereignis in den
Begriffen des Stadtraums zu reproduzieren. Die Szene wird eingefŸhrt
durch eine brŸske Bewegung der Kamera auf dem Dach; sie wird
unterbrochen von plastischen Metaphern wie der Darstellung zweier
Stra§enbahnen, die in verschiedene Richtungen auseinanderfahren, oder
dem Bild eines Rades, das an seiner Achse zerbrochen ist, etc.
Das Prinzip, kraft dessen die Stadt
in die semantische Struktur der sozialen Ereignisse miteinbezogen wird,
nimmt einen extremen Ausdruck an kurz nach der berŸhmten Sequenz mit
den Szenen von BegrŠbnissen, Geburtsschmerz und
Hochzeitsfeierlichkeiten. Die Sequenz endet mit den Bildern eines
Trauerzuges und einer Niederkunft (90,91), die absolut identisch sind,
was die Komposition anbelangt: in jeder der beiden Szenen tauchen die
"Helden" im Hintergrund auf und kommen "auf uns" zu (der Sarg wird
durch eine waldige Allee begleitet). Dann, in Szene 92, wird dieser
Szenenaufbau kŸnstlich wiederhergestellt mittels der komplexen Technik
eines dreifachen Eindrucks: die Umrisse der waldigen Allee und der
Brust der jungen Mutter wiederholen sich - ganz im Geist des Films -
als Perspektive von nach hinten gelehnten GebŠuden, und der Platz des
Neugeborenen und des Toten ist der des Mannes mit der Kamera. Danach
geht die Sequenz mit dem folgenden Satz weiter: in beinahe zwanzig Szenen nimmt
man in verschiedener Form am Eintreten in einen dunklen, schmalen,
geschlossenen Raum teil; man nimmt auch wieder am Verlassen des Raumes
teil. Es handelt sich um einen Aufzug (Szene 99, 103 etc.), eine
Telefonzelle (101), die TŸr zu einem Treppenhaus (105, 108, 110 etc.).
Und die Aufnahmen von Innen und Au§en wechseln sich stŠndig ab.
So laufen Geburt und Tod wie ein
stummes Echo durch den Kšrper der Stadt. Die Stadt Vertovs hat die Form
eines Menschen; sie ist das "Film-Auge" ("cinŽ-oeil"); sie ist organisiert. Das
Konstruktionsprinzip des "lokalen Modells", aufgrund dessen die Sprache
des vierten Teils die Maschine anfeuert, manifestiert sich im dritten
Teil als Mimesis der Stadt gegenŸber dem Menschen: hier macht die
Metapher die Stadt lebendig - dank der Montage -, wŠhrend im vierten
Teil der Mensch aus mehreren Teilen zusammengesetzt wird. Man kann
sagen, da§ die Autoren von Der
Mann mit der Kamera ohne
Bedenken zweierlei Montagetechniken verwendeten. Die erste ist
zentripetal (d.h. sie fŸhrt zum Zentrum des Textes), und die zweite ist
zentrifugal (d.h. sie verteilt den Sinn weit vom Zentrum Ÿber den
gesamten Text). Um den Sinn zu suchen, mu§ man von einem System zum
andern gehen, was davon bestimmt wird, ob der erste oder der zweite
Montagemechanismus in Gang gesetzt ist.
1 Vertov. In dem
Interview "Wurde Ihr Film in Berlin verstanden?", Zitat aus dem Buch
"Dziga Vertov" von Abramov
2 Wie Fedorov-Davydov
scharfsinnig (aber auch bissig) bemerkte: "Die Grundlagen der
Montagetheorie, das spezifisch Eigene der Montage betreffend,
bekrŠftigen, da§ ein Kunstwerk nicht die Handlung, noch das
dargestellte Verfahren ist, sondern der Filmstreifen selbst
(Besonderheit des CinŽkonstruktivismus)"//
Das Fundament der Montagetheorie, das spezifisch Eigene der Montage
betreffend, enthŠlt die Behauptung, ein Kunstwerk bestehe weder aus
seiner Wirkung, noch aus dem abgebildeten Geschehen, sondern aus dem
Film selbst (Besonderheit des CinŽkonstructivismus).
Fedorov-Davydov, Art russe et sovietique, 1975.
Siehe auch die Idee von Roland Barthes Ÿber die autonome Bedeutung der
€sthetik der "Einzelbilder" ("Photogrammes") im Artikel "Le troisime
sens", Cahiers du CinŽma No. 222, 1970.
3 Novy Lef
No. 11/12, S. 70, 1927. Die besagte Einstellung wurde aufgenommen
wŠhrend der moskowiter Periode des "CinŽ-oeil" ("Film-Auge"),
d.h. bevor Vertov mit Lef brach. Zum Bruch kam es durch die
Ÿbersteigerte Reaktion Vertovs auf einen kritischen Artikel von Brik in
Novy Lef No. 4, 1928. Seine Reaktion war umso schlimmer, als
Brik auf Vertov im Bereich der Theorie gro§en Einflu§ gehabt hatte. Die
Antwort Vertovs auf den Artikel ist veršffentlicht von Fevralski in Isskoustvo
Kino No. 12, S. 70-71, 1965.
4 Der von einem
einzigen Punkt aus aufgenommene Tanz wurde einem Tanz
gegenŸbergestellt, der in mehreren Einstellungen gefilmt wurde.
Letzteres ergab ein sehr viel besseres (cinematografischeres) Ergebnis
als eine einzige Totale (Koulachov, Khokhova, 50 AnnŽes du CinŽma,
1975, S. 78)
5 Vorgreifend
wollen wir anmerken, da§ die junge Frau (die in diesem Teil immer
anwesend ist) eine parodistische Figur ist, eine (Zitat-)Rolle, die der
Sequenz einen ganz eigenen Sinn gibt.
6 franz.
regarder: ansehen und betreffen
7 "Novy Lef"
Nr.2, 1927, S.27. Es ist bezeichnend, da§ Brik, und vermutlich auch
Vertov, diesen Film nie gesehen haben. Er wurde 1923 von dem berŸhmten
Regisseur Dupont in Deutschland gedreht und war 1925 in der UdSSR zu
sehen. Er handelte von vom Leben einiger Franzosen, die gegen die
Polizei einen Aufstand anzettelten, und verdankte also seinen Erfolg
einzig seinem Titel.
8 "Les
Ambulants" (die Herumziehenden): Gruppe von Malern in Ru§land im 19.
und 20. Jh.