- Grafische Filmrecalls: Storyboard |
Storybild | Storydiagramm
- anhand des Videoclips "Cloudbusting"
von Kate Bush
Gerhard Schumm
Zuvor
Eine Theorie der Filmrezeption orientiert sich an den Prozessen
auf der Zuschauerseite.
Eine Wirkungstheorie des Films ist produktorientiert im Werk
verankert.
Eine Theorie der Filmpraxis hätte den Entstehungsprozessen,
an deren Ende der fertige Film steht, nachzugehen.
Drei Perspektiven auf die selbe Sache, drei Aspekte derselben
Sache: so verschieden sind sie nicht. Das würde man gern
zusammenführen können, wenigstens ausschnittartig,
zumindest exemplarisch und explorativ.
Im folgenden möchte ich vorschlagen, in die
Untersuchungsarbeit an und mit Filmen auch "visuelle Recalls",
also Formen der visuellen Rückbesinnung, einzubeziehen. Dabei
soll ein Aspekt besonders herausgestellt werden, der mit anderen -
zum Beispiel verbalen - Nachfragemethoden nur schwer zu ermitteln
ist: es geht darum, wie sich "eindeutig ausgerichtete filmische
Continuity", hier kurzum als "Richtungsdynamik" bezeichnet, in
diesen Kritzelein, Skizzen und Zeichnungen nach Filmvorgaben
niederschlägt. ANM 1)
Querbeziehungen zum filmischen Produktionsprozeß, zugleich
zum produktiven Aspekt der Filmwahrnehmung können nur
angedeutet werden. Ebenso knapp wird dieser Text
abschließend mit den Ergebnissen einer am Werk orientierten
Analyse der Richtunsdynamik konfrontiert, die an anderer Stelle
versucht wurde. ANM 2)
Ein Zusammenschließen der beiden Texte, eine Vermittlung der
Perspektiven vom Werk aus und von der Filmwahrnehmung aus, habe
ich gescheut: es schiene mir vorschnell und wäre zum jetzigen
Zeitpunkt kurzschlüssig. Ich würde mir wünschen,
daß andere meine Anregungen aufgreifen, kritisieren und
weiterentwickeln. Sollten meine Vorschläge an anderen Filmen
sich bewähren, wird man sie später bündeln
können.
Veräußerte Filmerinnerungen, veranschaulichte
Vorstellungen
Was bleibt von einem Film im Kopf des Zuschauers? Zuschauer,
aus dem Kino kommend, erzählen es sich. Aber sie
erzählen urteilend und wertend und vor allem: sie
erzählen. Auch die außer- und vorsprachliche Erinnerung
wird transponiert ins Medium der Sprache. Selbst im freien
Nacherzählen kürzt die alltägliche Sprache die
filmischen Eindrücke um die Anteile, die sie so schlecht
transportieren kann: die anschaulichen, die sinnlichen Momente der
Bildreste, die der Geräusche, der Musik, die Momente des
zusammenfassenden Gefühls, des Überlicks, die Momente
des Gleichzeitigen der Bewegungen, die der Stimmungen, des
rhythmischen Bewegtseins, die des Fragmentarischen. Die Sprache
mit ihrem medienspezifischen Hang zur Abfolge, zur
Linearität, zu kausaler eindimensionaler Abfolge
begünstigt Plot-Schilderungen und Handlungsabrisse als
Ausdruck. Der emotionale Bildprozeß - indvidual- und
menschheitsgeschichtlich älter als die Sprache - der
Primärprozeß, wie es bei Freud heißt - der
sinnliche Eindruck findet nur schwer mit Worten nach draußen
und dann nur allzu gefaßt. Deshalb sind Besinnung und
Nachsinnen so oft mit Schweigen verbunden.
Man müßte einen Film in der Erinnerung an einen Film
drehen können, ein individuelles Re-Make. Aber das
müßte ohne die Mühen der Dreharbeiten, ohne Kosten
und schweren Apparate geschehen, so aufwandslos, so leicht, wie es
nachts sich träumt. Aber das geht nun einmal nicht. Es
entstände nur ein Dokument des Filmübens.
Doch Kritzeleien, Skizzen, Zeichnungen können den
schriftlichen oder mündlichen Recalls sozusagen als "visuelle
Recalls" gleichberechtigt zur Seite gestellt werden. Durch deren
Medienspezifik werden überhaupt erst Aspekte der
Bildhaftigkeit, des Überblicks, des Simultanen in der
Sukzession, des Fragmentarischen, des Graduellen methodisch
explorierbar.
Blickstenogramme als Visuelle Recalls: Stimulierung,
Instruktion
Von Eisenstein, dem Filmregisseur, der auch ein Zeichner war
und sein ganzes Leben hindurch Filme vor ihrer Entstehung
skizzierte und sich nach ihrer Fertigstellung grafisch auf sie
besann, stammt der Begriff des "Blickstenogramms". ANM 3)
Was erhält man, wenn man Zuschauer, nachdem sie einen Film
gesehen haben, zu dieser offenen Form des grafischen
Filmstenogramms anregt? Was hält man anschließend
in Händen, wenn man möglichst ungerichtet,
möglichst weit und offen fragt: "Lassen Sie sich bitte den
Film nocheinmal durch den Kopf gehen. Zeichen, krizzeln,
skizzieren Sie etwas zu diesem Film. Mit Bleistift auf einer
Din-A-4-Seite. Irgendetwas. Zeichnen Sie ohne Zögern."
Manchmal wird nachgefragt, mit Blick auf Abgrenzungen und
verunsichert durch die unpräzise Aufgabenstellung: "Soll es
ein Storyboard sein? Soll es mit dem Film übereinstimmen,
soll es ein möglichst genaues Filmprotokoll sein?" Ich
antworte: "Das kann es, muß es aber nicht sein. Jeder Film
wird im Prozeß des Wahrnehmens, der produktiv und
reproduktiv zugleich ist, zu einem sehr eigenen, oft eigenwilligen
Film. Darum geht es."
Ich stelle meine Fragen an einer Hochschule. Auch dort sind
Studierende schulisch verbogen. Sie erwarten die
einschränkenden Vorgaben, mit denen sie beständig
traktiert werden. Ich habe aber den Eindruck, daß das Feld
grafischer Ausdrucksmöglichkeiten gegenüber Film
angenehm wenig konventionalisiert ist. Das merkt man am
längeren Zögern vor dem Skizzieren. Der grafische Typus,
mit dem die Erinnerungen zeichnerisch umgesetzt werden
könnten, muß hier wohl jeweils aufgefunden oder gar
erfunden werden.
Außer den Storyboards, deren Typ durch Comicstrips weite
Verbreitung gefunden hat und abseits der Strukturdiagramme, die
aus der wissenschaftlichen Literatur übernommen werden,
fehlen vorgegebene Muster der grafischen Aufbereitung von
Filmen. ANM 4)
Da wirkt sich bei Studierenden auf angenehm unvorbelastete Weise
der - ansonsten so ärgerliche calvinistisch bilderfreier
Zustand deutscher Filmliteratur aus, die abseits ihrer Buchstaben
Storyboards, Montagepläne, Drehpläne, Raumpläne,
Skizzen von Situationsauflösungen usw. kaum kennt.
- Was kommt raus? Man erhält
ganz verschiedene weitgehend spontan entwickelte "visuelle
Filmstenogramme". Und nach einer Weile des Sammelns - in meinem
Fall handelt es sich um 35o an der Universität entstandene
Skizzen zum Videoclip "Cloudbusting" - entdeckt man
Darstellungs-Typen der Veranschaulichung, der
Vergegenständlichung, der Veräußerung filmischer
Erinnerungen und Vorstellungen. ANM 5)
-
- Timeline
Cloudbusting

- Timeline
größer
-
- Da sind zum einen, dem
filmischen Ausgangsmaterial eng verhaftet, Storyboard,
Storyboard-Konspekte und -Extrakte zu finden. Auf der anderen
Seite stehen - von der Oberfläche der filmischen Realisation
durch Abstraktion weit entfernt - Story-Diagramme:
Story-Soziogramme, Story-Partituren, Fluß- und
Blockdiagramme, Richtungsdiagramme. Und zwischen diesen beiden
Polen entwickeln sich eher maßgeschneiderte,
unkonventionelle grafische Ausdrucksformen. Sie möchte ich
Story-Bilder nennen. Mit den konventionellen Ausdrucksformen
möchte ich beginnen.
Darstellungstypen visueller Recalls: Storyboard, Storybild,
Storydiagramm
-
- Storyboard,
Storyboard-Konspekt, -Extrakt, Richtungsdynamik-Board
Nach der Anregung zum Zeichnen hält man unter anderem spontan
entstandene Storyboards in Händen, die von ihrer Form
ganz so aussehen, wie sie als Aufnahmekonzept kurz vor Drehbeginn
dieses Clips ausgesehen haben dürften: für jede
Einstellung ist ein Bild vorgesehen. Die Rekonstruktion des Films
in der Erinnerung ähnelt hier sehr stark den letzten
präzisierenden Arbeitsschritten der Filmvorbereitung, bei der
schrittweisen Konstruktion des Films aus der Phantasie. Sie denkt
präzise und feinmaschig in Kamerabildern und Perspektiven.
Sie versenkt sich in die Oberfläche der filmischen
Realisation. Die Erinnerung versucht sich gleichsam an einem
Vorstellungsmodus vom Typ "Abteilung Inneres Kopierwerk"
und gerät dabei schnell an eigene Grenzen. Denn selbst ein so
kurzer Clip besteht aus mehr als 100 Einstellungen und
übertrifft darin den Umfang der üblichen
Comic-Strip-Geschichten. Die Zeichnenden brechen meist nach dem
ersten Duzend Bildfeldern ab. Das Vorhaben gerät allzu sehr
zur Arbeit.
.
- ABB 1 "Storyboard"
Deshalb sind Storyboard-Variationen als Darstellungstypus
häufiger. Sie aktivieren metaphorisch ausgedrückt die
"Abteilung inneres Treatment und Drehbuch". Die Aneignung
erfolgt nicht allein reproduktiv, sondern umgestaltend, neu
gestaltend. Die Bezüge zur Filmpraxis, mit denen die Aspekte
der produktiven Veränderungen in den visuellen Recalls
(Tilgungen, Einfügungen, Verdichtungen usw.) interpretiert
werden können, wären auf der Ebene der Drehbuchfertigung
zu suchen. Denn auch ein Drehbuch hält sich in der Regel
nicht an den einzelnen Einstellungen fest. Es setzt sich - wie der
Fachausdruck der Filmpraktiker heißt - aus "Bildern"
zusammen. In ihnen aber sind die späteren Einstellungsfolgen
einer gemeinsamen Filmsituation noch unausgeführt
zusammengefaßt.
Da wird in den Skizzen der innere Film z.B. auf eine Weise
vergegenständlicht, die man Plot-Storyboard oder
Storyboard-Konspekt nennen könnte: aus der Menge der
Einstellungen werden wie zum Überblick nur die Wichtigsten
extrahiert.

Abb. 2 "Storyboard-Konspekt"
Interessant für mich ist dabei, herauszufinden, was
verkürzt und was ausgearbeitet wird, weil offensichtlich nur
die zentralen Stützpfeiler des Plots hier ihren Niederschlag
finden.
Als Storyboard-Extrakte oder Storyboard-Abstracts
könnte man jene Skizzen bezeichnen, die Storyboardfelder
benutzen, darin jedoch nichts Bildhaftes unterbringen, sondern
abstrakte gestalterische und erzählerische Merkmale
skizzieren.
So habe ich viele durch "Cloudbusting" angeregte Zeichnungen, bei
denen sich in den Bildrahmen nur Pfeile, Kringel und Kreuze
befinden: spontan wird in ihnen die Richtungsdynamik
einzelner Handlungsstränge (mit eindeutiger filmischer
Continuity) isoliert, verglichen, generalisiert und jeweils in
einem Storyboardfeld eingetragen. Die Abstraktion erfolgt in
diesen Richtungsdynamik-Storyboards allein unter dem Aspekt
der Richtungsorganisation. Mit "Richtungsdynamik" soll also jener
Aspekt innerhalb der filmischen Continuity gefaßt werden,
der über mehrere Einstellungen hinweg eine visuelle und
eindeutige Ausrichtung der filmischen Bewegungsabbildung
beinhaltet. ANM 6)

Abb. 3 "Storyboard-Abstract"
Mit dem Moment der Richtungsdynamik wird ein sehr
filmspezifischer - für Videoclips insbesondere - typischer
Aspekt akzentuiert. Verbalen Beschreibungen entzieht er sich
weitgehend. Um ihn zu erkunden, scheint man mit visuellen - aber
auch gestischen - Mitteln arbeiten zu müssen. Nach meinen
bisherigen Erfahrungen gehören Richtungsdynamik-Storyboards
zu den einzigen Darstellungsformen, in denen die Richtungsdynamik
spontan, direkt und unverborgen sich auszudrücken vermag.
Die durch die säuberlich getrennten Fenster bestimmte
Struktur des Storyboard-Darstellungsmusters fördert jedoch
isolierende Aufgliederung. Die Bildfelder - selbst wenn sie nicht
ausgezeichnet werden, sondern nur als virtuelle
Formatierungsmuster wie bei einem unlinierten Blatt, das
beschrieben werden soll, gedacht werden - zwingen zur
Parzellierung. Ein in den Minuten vor dem Skizzieren vorab
gewähltes Darstellungsmuster formiert zugleich ein Programm
des Zeichnens. Man wählt sozusagen vorweg ein die
Einzeichnungen programmierendes Datenblatt, eine Formularvorgabe
aus. ANM 7)
Die Anwahl des Formulars "Richtungsdynamik-Storyboard" verhindert
unglücklicherweise grundsätzlich die Darstellung des
dynamischen Zusammenhangs, der den Gesamtfilm prägt. Der
wäre aber das Interessante. Er gäbe Auskunft, wie die
filmische Erzählung durch Richtungsdynamik gestützt und
zusammengehalten wird.
Dazu kommt: weil in Richtungsdynamik-Storyboards allein die
Bewegungsausrichtung verzeichnet wird, kann man nicht mehr auf
ihren spezifischen Anteil, ihre Bedeutung am filmischen Gesamt
schließen. Der Vergleich zur Wahrnehmung der anderen
filmischen Komponenten (der gegenständlichen Abbildung, der
Verlaufs-, Konflikt-und Personenstruktur, der Symbolik) ist
verwehrt. Sie sind nicht dargestellt, weil nicht darstellbar.
Story-Diagramm
Wenn dieser am Storyboard orientierter Darstellungstyp den einen
Pol des grafischen Ausdrucks der "visuellen Recalls" bilden,
stehen am entgegengesetzten Pol schematische Darstellungen. Sie
will ich als spontan entstandene Story-Diagramme
bezeichnen. ANM 8)
Hier treten die anschaulichen Momente der sequentielle
Gliederung des Films als grafisches Element zurück. Sie waren
die Grundlage der Storyboards, dessen viereckige leere Rahmen
Rückbesinnung auf Sequentiell-Bildhaftes forderten. Nun
werden Bezüge des Orts und der Abbildung (Berg, Weg usw.)
weitgehend getilgt. Die filmische Oberfläche, z.B. deren
Einstellungsgliederung, wird nicht und kann nicht dargestellt
werden. Der Film wird auf seine strukturellen Merkmale
abstrahiert: auf dem Zeichenblatt findet sich eine einzige,
zusammenhängende Strukturskizze. Um am Film selbst
erarbeitete Neuschöpfungen des Darstellungstyps wird es sich
nicht handeln, eher um die Anwendung bereits vorhandener Schemata.
Dafür gibt es - zumal für Studierende - in
wissenschaftlicher Literatur zu viele vorfindliche
konventionalisierte Diagramm-Vorgaben.
Die Rückerinnerung beim Skizzierens ist wenig besinnlich: sie
nimmt das sinnliche Material als Rohstoff, produziert damit
weiter, treibt den im Film angelegten Abstraktionsprozeß
voran und enthält darin ihre produktiven Momente. Sie
nähert sich so dem Ausgangspunkt des Filmschaffens wieder an,
greift auf Vorstufen der Drehbuchentwicklung, sozusagen auf die
"Abteilung Innere Plot- und Exposeeentwicklung", ja, auf
die Stufen der reinen Ideenfindung zurück.
Da gibt es Story-Diagramme vom Tristram-Shandy-Typ, mit
denen emotionale Höhepunkte, Täler und Wüsten
charakterisiert werden. Eine Weile vor Erfindung all der
physiologischen Meßgeräte findet sich in Sterne's
Tristram Shandy das Grundmuster dieser durch Introspektion und im
Nachhinein verfertigten EKG-ähnlichen-Linienverläufe von
Aufregung und Entspannung.
ANM 9)

Abb. 4 "Story-Diagramm Tristram-Shandy-Typ"
Ich messe diesen spontanen Rekonstruktionen der wechselnden
unspezifischen Gefühlslagen keinen sonderlichen Aussagewert
zu, solange man sich mit ihnen isoliert befaßt. Ich habe
solche Skizzen bisher beiseite gelegt. Möglicherweise - aber,
um das zu erproben, fehlen mir die Mittel - wäre eine
Konfrontation mit physiologischen Daten, die zeitgleich mit der
Filmsichtung erhoben werden, aufschlußreich. Die Differenz
zwischen organismischer Reaktion und introspektiv gewonnener
Rekonstruktion könnte geortet und ausgelotet werden.
Im Bündel der Skizzen sind darüberhinaus
Diagramm-Darstellungen der Protagonisten-Konstellationen zu
finden, sozusagen Story-Soziogramme. Kreise, Vierecke, die
für die jeweiligen Akteure einstehen, werden in der
Fläche gruppiert. Pfeile, Linien zwischen ihnen
charakterisieren ihre Beziehungen. Manchmal sind auch die
verschiedenen Distanzen von Bedeutung. Von der üblichen Form
der Soziogramme unterscheiden sie sich, indem erzählerische
Momente in die schematische Darstellung mit eingehen. In den
Story-Soziogrammen zu "Cloudbusting" finden sich immer auch
Spuren, in denen sich die Erzählabfolge niederschlägt.
"Cloudbusting

Abb. 5 "Story-Soziogramm"
An musikalische Notierung und Konventionen aus
Dramaturgie-Lehrbüchern scheinen sich Story-Diagramme vom
Partitur-Typ anzulehnen. Sie weisen über die anderen
Darstellungsformen insofern hinaus, als sie einen Ablauf
mehrschichtig, mehrgleisig und damit auch Verborgenes aufzuzeigen
vermögen. Mit ihnen kann der komplexe Bilderstrom des Films,
die nichtsichtbare, jedoch im Sichtbaren vorstellbare Schicht des
Films anschaulich zurückgeholt werden: simultan laufen in der
Grafik Handlungsstränge nebeneinander her und decken etwas am
Film auf, was der tatsächlich vorgeführte Film - wegen
seiner linear-sukzessiven Oberfläche - nur im Nacheinander
zeigen konnte.

Abb. 6 "Story-Partitur"
Und zur Freude der Anhängerinnen und Anhänger der
kognitven Psychologie finden sich auch spontan entstandene
Story-Diagramme vom Causal-Chain-Typ. Die Darstellungsform
stammt wohl weniger aus modernen Psychologielehrbüchern,
ergibt sich vielmehr als Übernahme der heute durch
Computer-Lektüre verbreiteten Muster der Flußdiagramme.
Ähnliches gilt für Story-Blockdiagramme.

Abb. 7 "Story-Diagramm Causal-Chain-Typ"
Versuche, Richtungsdynamik-Diagramme zu erstellen, habe ich
bisher nicht angetroffen. Auf keinem einzigen Blatt fand sich der
Versuch, im Überblick den Gesamtverlauf der
Bewegungsausrichtung zusammengefaßt darzustellen. In keiner
der Diagramm-Skizzen findet sich ein für die Darstellung der
Richtungsdynamik typisches Indiz: das wäre z.B. eine
Notierung der Bewegungsumkehr. Für den Clip "Cloudbusting"
müßte beispielsweise die prägnante Stelle "Tochter
eilt den Berg runter, verständigt sich mit dem im Auto
sitzenden Vater, rennt dann den Berg wieder hoch" in irgendeiner
Form grafisch umgesetzt worden sein, da sie einen Wendepunkt der
Richtungsdynamik darstellt. Das Ausbleiben jedes diagrammatischen
Darstellungsversuchs der Richtungsdynamik verblüfft, zumal es
im Kontrast zur Vielzahl der spontanen
Richtungsdynamik-Storyboards steht.
Daß dieses sehr filmspezifische, in diesem Videoclip
besonders hervorstechende, eindrucksvolle Moment keinen Ausdruck
findet, erklärt sich für mich durch die große
"Abstraktionsstrecke", die für solche Diagramme durchmessen
werden müßte: die Abbildungsoberfläche des Films
müßte in der Erinnerung noch einmal nahezu
einstellungsgetreu vergegenwärtigt, die gegliederte Struktur
zusammenhängender Handlungsabläufe dabei mitbedacht und
vorgestellt werden. Die Wegstrecke zwischen der unabdingbar
notwendigen Oberflächenpräzision zu Beginn und dem
Abstraktionsgrad des Ziels ist weit.
Sobald die mit verschiedener Bewegungsausrichtung dargestellten
Passagen des Films in ein zusammenfassendes Diagramm
überführt werden sollen, entstehen darüberhinaus
Probleme der Darstellung: die Richtungsdynamik zeichnet sich
dadurch aus, daß sie Wende- und Drehpunkte kennt. Insofern
verbietet sich eine lineare, in einer Richtung fortschreitende
Darstellungsform. Es entsteht daraus ein zentrales
Darstellungsdilemma: einerseits möchte man im Diagramm den
Handlungsfortgang in einer einzigen linear fortschreitenden
Ausbreitungsrichtung abtragen, andererseits müssen die nach
links und nach rechts, vorn und hinten, die vor- und
zurückstrebenden Bewegungsausrichtungen in der Grafik
berücksichtigt werden.
Um die Wahrnehmung der Bewegungsausrichtung mit visuellen Recalls
zu erkunden, scheinen mir Diagramme ein wenig geeigneter, weil
überfordernder Grafiktyp zu sein. Man wird sich an jene
Darstellungsformen halten müssen, die dem Anschaulichen des
Films näher stehen.
Ein Hinweis noch auf ein Störungsexperiment, die Sache
abschließend: Filmvorführungen, bei denen der Film
lediglich im Schnell-Lauf, vorgeführt wurde, ergeben in der
Rückbesinnung auf diesen Fast-Forward-Test einen
Überhang an solchen schematischen, diagrammatischen
Darstellungsformen. Die Aneignung der anschaulichen
Oberfläche des Films wird offensichtlich nahezu
überschlagen; notgedrungen beim besinnungslosen Schnell-Lauf.
Die perzeptiven Strukturen bilden auf diese Weise offensichtlich
kein eigenständiges, kein rekonstruierbares Sediment aus. Sie
dienen hautpseitig als flüchtiges Durchgangsmedium zur
Abstraktion der Story. Das Rezipieren wird in den Dienst des
Exzerpierens gestellt; eines durch Zeitdruck bedingten
Exzerpierens - so könnte man an das von Peter Wuss
vorgeschlagene Modell anschließen -, das "konzeptuell
fundierten Oberflächenstrukturen" überbetont und
perzeptive Aneignungs- und Lernstufen abschattet. ANM 10)
Storybild
Zwischen dem Pol des im Storyboard angelegten mentalen Kopierwerks
und jenem entgegengesetzten Pol, der auf die filmische Grundidee
im Story-Diagramm verweist, erstreckt sich ein weites
Zwischenfeld: unkonventionelle, oft unbeholfene Skizzen, die nicht
einfach zu ordnen sind, finden sich hier. Ich möchte die
Darstellungsweise dieses Zwischenbereichs Storybilder
nennen. Denn sie haben eine Gemeinsamkeit: die besteht im Versuch,
den gesamten Film in einem einzigen Bild auszudrücken.
Notwendigerweise entsteht eine Art der Simultandarstellung, wird
doch die Story in diesem einem Bild verdichtet und muß
deshalb Bildelemente im Nebeneinander zeigen, die
unterschiedlichen Handlungszeitpunkten zuzuordnen sind. Man
könnte mit Hermann Kalkofen von "narrativem Bild" sprechen.
Er hat unter dem Stichwort "Dyschronismus" - also
Ungleichzeitigkeiten des Dargestellten - auf die
kunstgeschichtliche Tradition dieses Darstellungstyps, des
"diskursiven Ikons", aufmerksam gemacht und dazu angeregt, dessen
Nähe zur filmischen Ausdrucksweise zu bedenken. ANM 11)

Abb. 8 "Storybild"
Was ist das Typische am Storybild? Es ist in erster
Annäherung: die ins Topologische umgesetzte
Chronologie. Die erzählerische Abfolge wird zeichnerisch
in Anordnung gewandelt. Die Zeit wird in Fläche und
perspektivischen Raum umgeschrieben. Der Zeitablauf wird
bildnerisch verräumlicht.
Was aber Storybilder zur Erkundung der Filmwahrnehmung so
interessant macht, ist jene schon auf den ersten Blick in den
Zeichnungen erkennbare Anstrengung, die Besonderheiten des Films
nicht zu unterschlagen, ist der Versuch, die grafischen
Darstellungsmethoden dem Gegenstand anzumessen und die
Bemühung, durch anschaulichen Momente das Abstrakte zum
Ausdruck zu bringen. Wer Auskunft über den bei Filmzuschauern
filmspezifschen Niederschlag erhalten will, sollte gerade diesen
Bereich der Darstellungen methodisch erkunden.
Die Form der Rekonstruktion des Films aus der Erinnerung
nähert sich - indem sie das Ganze anschaulich zu fasssen
versucht - der filmischen Methode selber an. Auch sie ist weder
rein registrierend noch nur abstrahierend. Die Erinnerungsarbeit
mit Storybildern wird zur Filmarbeit auf dem Papier, gerade indem
sie keine Filme aufs Papier zu bannen versucht und ohne
protokollartige Storyboards auskommt, indem sie zugleich des
anschaulichen Charakters nicht vollständig enträt.
Weil sich die Zeichnenden um eine medienspezifische Umsetzung, um
eine Transponierung des Filmspezifischen ins grafische Medium
bemühen, sind die Zeichnungen tastend. Sie suchen im Abseits
sicherer Darstellungskonventionen.
Und da sie - so die Arbeitshypothese - in diesem
Erkundungsprozeß die Differenz der filmischen und grafischen
Medienspezifik erfahren und sich an ihr reiben, läßt
sich aus diesen Zeichnungen am meisten über die
medienspezifischen Wirkungen des Films schöpfen; allerdings -
und das ist wichtig - nur in gebrochener Form. Was das meint,
darauf will dieser Text am Ende mit einer Antwort aufwarten.
Die Anzahl an "Storybildern" als spontaner grafischer Ausdruck der
Filmerinnerung ist enorm groß, sobald kurze erzählende
Videoclips wie "Cloudbusting" vorgeführt werden. Das ist
nicht verwunderlich: die Vorlage stellt in ihrer Kompress-Form
selbst ein "filmisches Storybild" dar. Sie regt als Komprimat, als
Filmminiatur eines denkbaren Lang-Spielfilms zu solcher
Darstellungsform an. Die Produktion von "Storybildern"
läßt sich darüberhinaus stimulieren, indem in der
Instruktion sozusagen der obere und untere Rand abgeschnitten
wird. So verfahre ich, wenn ich mit dieser eingeschränkten,
direktiven Instruktion die Zuschauer um Skizzen bitte: "Versuchen
Sie bitte den Film in einem einzigen Bild zu erfassen: kein
comicartiges Storyboard und bitte kein an Wissenschaft erinnerndes
Diagramm."
Storybilder auf der Grundlage von "Cloudbusting"
Was ist den von "Cloudbusting" angeregten Storybildern zu
entnehmen? Sie stellen ein Amalgam aus
gegenständlich-abbildenden Momenten, Momenten in den
Bedeutungshierarchien, Wichtigkeiten verschlüsselt werden,
Momenten, mit denen die Erzählabfolge und Handlungsknoten
fixiert werden und solchen, in denen sich die Konstellationen der
Akteure vergegenständlichen.
Alle "Cloudbusting-Storybilder" tendieren von der Anlage ihrer
Gesamtkomposition zu (teilweise polyperspektivischen)
Landschaftszeichungen aus der Sichtweise des Überblicks,
obschon der Film auch Innenräume (Labor, Treppenhaus,
Autoinneres) anbietet. Die Zeichnenden verarbeiten offensichtlich
auf diese Weise die im Film vorgegebene schweifende, dynamische
Blickwarte. Sie greifen die durch die flagranten
Kamerastandorte angezeigten virtuellen Blickpositionen auf und
verdichten sie zu einer unbehausten Grundsicht des
Überblicks. Denn nur sporadisch bietet der Film feste
situative Blickanker an. ANM 12)
Die meisten Zeichnungen enthalten vier Bildelemente: den
Berg, die Maschine, den Weg, ein Haus. Manchmal kommen Skizzen von
Vater und Tochter (bzw. Sohn) dazu. Immer ist in den Zeichnungen
der Berg abgebildet. Sie werden durchgängig mit ihm in der
linken Bildhälfte eröffnet. Die Handlung wird grafisch
ganz offensichtlich in Millieus, in Stationen verankert.
Dieses Umschreibung, Umformung der Handlung zur Grafik ihrer
Handlungsstationen scheint die ortsgebundenen,
stationären Teile der Handlung fassen zu können, andere
nicht. Passagere Handlungsknoten - wie z.B. die Verständigung
zwischen der heraneilenden Tochter mit dem im Auto sitzenden Vater
- fehlen dementsprechend in den Skizzen. Sie sind so nicht
darstellbar.
- Was soll das brave
Bausparkassen- und Lebkuchenhäuschen in manchen Zeichnungen,
das der Film gar nicht zeigt? Die Zeichnenden haben sich mit
Eintritt ins Skizzieren festgelegt: sie haben einen Berg gemalt.
Jetzt müßten sie, um die Laborszene
gegenstandsadäquat abbilden zu können - wie in
mittelalterlichen Zeichnungen z.B. Krippendarstellungen
üblich - ein Interieur in eine Exterieur integrieren
können. Das ist kompositorisch schwierig. Deshalb ersetzt
jenes Haus das Labor.

Abb. 9 und Abb.10 "Storybilder mit Berg und Haus"
Der Berg: an diesem beständigen Bildelement läßt
sich wohl am leichtesten zeigen, welche Momente ineinander
verschlungen sind und daß sie sich auch entwirren
lassen:
Der Berg ist Abbildung. Er ist im Film zu sehen und er ist
auf den Skizzen zu sehen.
Er ist Station, d.h. stationärer und nicht passagerer
Handlungsort. Die Maschine auf der Bergspitze in vielen
Skizzen deutet das zusätzlich an. Die Handlung wird im
Storybild nur als Handlungsstation angedeutet.
Der Berg nimmt eine Position in der Abfolge der
Erzählung ein: mit ihm beginnt der Film, mit ihm tritt man in
die Skizzen ein. Die Geschichte endet jedoch auch - sich rundend -
mit ihm. Da haben die Skizzen ein Darstellungsproblem. Sie
müßten die Rückbewegung der Tochter wieder auf den
Berg zurück darstellen können. Der Berg in seiner
Bedeutung als erzählerische Abfolge wird besonders deutlich
in denjenigen Skizzen, die zwei Berge malen: der linke steht
für den Beginn, der rechte als Wiederaufnahme für den
Abschluß.
Der Berg auf den Zeichnungen stellt eine symbolische Form
dar. Das schließt ein, daß er auch als
dramaturgische Kurve einzustehen hat. Im zweiten Drittel
des Films verständigen sich Tochter und Vater im Tal: die
Tochter begegnet dem Auto. Die Situation der beiden ist an einem
Tiefpunkt. Dann gehts wieder aufwärts: Tochter den Berg hoch,
Vater fährt in ferne Höhen, die zugleich Abgründe
sind. Aus dem Auto seiner Verhafter heraus winkt der Vater der
Tochter zu, während sie die Maschine betreibt.
Und schließlich wäre das Moment der vom Film in die
Grafik übernommenen Richtungsdynamik zu nennen. In
seiner Umrißlinie stellt der Berg zugleich eine
Bewegungslinie dar. Die Attraktivität der filmischen Bewegung
wird bereits von Arnheim hervorgehoben und verallgemeinert
begründet: "Jede Bewegung in der Umwelt zieht automatisch
Aufmerksamkeit auf sich, weil Bewegung eine Veränderung in
den Verhältnissen bedeutet, die eine Reaktion erforderlich
machen könnte." ANM 13)
Es ist folgenreich, daß der Berg auf den meisten Zeichnungen
zugleich für die Bewegungen, die Wege über über den
Berg einzustehen hat. Durch diese Fusion entsteht Konfusion: das
Zurückgehen ist so nicht mehr darstellbar. Man
müßte eigentlich - wollte man das entwirren - direkt
neben der Umrißlinie des Bergs die verschiedenen
Bewegungslinien einzeichnen. Sie würden hoch, herunter und
als Rückbewegung wieder hoch verlaufen. Eine solche
Isolierung dieses Moments findet sich merkwürdigerweise auf
keiner Zeichnung. Die Richtungsdynamik ist auf keinem Storybild
gesondert ausgewiesen, sondern jeweils unter der
Darstellungsoberfläche verborgen.
Ich entnehme diesem Umstand, daß die Richtungsdynamik
besonders leicht mit dem bildhaften-anschaulichen Moment
verschmilzt, ihr im Skizzieren zugeschlagen wird und
anschließend schwer davon zu trennen ist. Aber in dieser
Vermengung ist sie virulent.
Und wie geht es dann rechts vom Berg weiter? Wie stehen die
Bildelemente in Beziehung?
- Am Bergfuß rechts
befindet sich in allen Storybildern eine Art grafischer Knoten: es
knäulen sich dort der Weg und das Labor. Die zeichnerische
Ausgestaltung ist verschieden ausgestaltet, aber die Anordnung,
die Positionierung entspricht sich: Berg links - Weg Mitte - Labor
rechts.
In den abstrakteren Storybildern wird das deutlicher: da ist oft
anstelle des Laborhäuschens lediglich ein Knoten zu sehen,
eine Art Explosionsort, von dem aus strahlenförmige Linien
ausgehen.

Abb. 11 "Abstraktes Storybild"
Was steuert diese grafische Beziehung? Welchen gemeinsamen
Grundstrukturen ruhen sie auf? Warum deckt sich in fast allen
Skizzen der Wegverlauf, obschon er im Film nicht räumlich dem
Labor zugeordnet gezeigt wird? Warum steht das Labor rechts neben
dem Berg, wo der Film doch Haus und Berg nie im Zusammenhang
zeigt?
Ich meine, die Bildelemente der Storybilder dieses Clips setzen
sich aus Handlungsstationen zusammen. Ihre Anordnung aber bedarf
zusammenhangsstiftender Momente. Und das ist nicht die
erzählerische Abfolge allein, auch nicht die symbolische
Form, nicht der Ausdruck der Personenkonstellation.
Das allen diesen Skizzen gemeinsame, zusammenhangsstiftende Moment
ist das der Richtungsdynamik dieses Videoclips. Ihre Bedeutung als
Gerüst für die Story ist enorm und ihr Niederschlag
sorgt für die Gruppierung der Bildelemente.
Meine These: in den Storybildern dieses Clips sind die
(ansonsten als isolierte Darstellungen ausgebliebenen)
Richtungsdynamik-Diagramme verborgen, allerdings wie eingangs
gesagt: in gebrochener Form. Verschmolzen mit anderen
Momenten.
Was ist das Typische am Storybild? Es ist in Ergänzung der
zuvor beschreibenen ersten Annäherung nicht allein die ins
Topologische umgesetzte chronologische Erzählabfolge, sondern
darüber hinaus der grafische Niederschlag der
Richtungsdynamik.
Die Richtungsorganisation des Films wirkt aus dem Verborgenen an
der Gestaltung der Storybilder weitgehend unmerklich, jedoch
strukturbildend mit. Der Anteil der Richtungsdynamik in diesem
Film ist groß. Sie stützt die Story sozusagen
subdominant.
Ich werde keinen Beweis, sondern vorläufig nur einen
eher Aufweis, der auf Evidenz setzt, dafür erbringen
können. Mein Vorgehen, das ich als Vorschlag, als Anregung
verstehe: gegen diese in den Storybildern verborgen sich
ausdrückende Richtungsdynamik, sind zum Vergleich explizite
Richtungsdiagramme zu halten. Die visuellen Gemeinsamkeiten sind
frappant.
Werkanalyse: Richtungs-Diagramm von Cloudbusting
Deshalb gilt es, zum Abschluß nachzuliefern, was bisher
fehlt: ein Destillat der Richtungsdynamik des Clips
"Cloudbusting". Da die Recalls spontan und intuitiv entstandene
Richtungsdynamik-Diagramm nicht erbrachten, müssen sie
analytisch erstellt werden, will man die Querbeziehungen zu den
Storybildern ermitteln.
Die Perspektive muß also gedreht werden: weg von den
Zeichnungen, weg von der Filmwirkung, hin zu einer
Werkanalyse.
Das folgende Richtungsdynamik-Diagramm entstand, indem
auffällige, zwischenzeitlich stabile Bewegungsrichtungen
einzelner Einstellungen ausgelesen wurden und in einem
Rücksortierdurchgang - sozusagen einer Re-Montage
gegenüber der De-Montage mit der "Cloudbusting" arbeitet - zu
Passagen zusammengefaßt wurden. Einstellungen, die
weitgehend stationäres Geschehen zeigten, oder in denen
lediglich gestische Ausrichtungen (z.B. Zeige- und Blickgesten) zu
finden waren, wurden in einem reduktiven Zwischenschritt getilgt.
In einer abschließenden grafischen Aufbereitungsphase
erfolgt die Anordnung der in diesem Film von einander gut
trennbaren Passagenelemente. Das Verfahren ist an anderer Stelle
im einzelnen dargestellt worden. ANM 14)
Beim Blick auf das Richtungsdynamik-Diagramm von Cloudbusting
muß man sich davon freimachen, das für ein Storybild zu
halten, so groß ist die Ähnlichkeit. Es handelt sich
wohlgemerkt im Prinzip um ein abstraktes Schema der
Richtungsdynamik, nicht um eine gegenständliche
Abbildung.
Die abbildenden Momente setzen sich jedoch unter der Hand durch:
das Gegenständliche ragt hinein, indem zum Beispiel die Fahrt
auf einem Weg auch den Weg abbildet, der Weg über einen Berg
den Berg.
Visuell auffällig ist der explosive Knotenpunkt rechts vom
Berg: zentrifugal und zentripetal stoßen die
Handlungsrichtungen aufeinander.
Es ist derselbe Knoten, der sich in so vielen Storybildern
fand.
Das Richtungsdiagramm präpariert heraus, was in ihnen
vermischt und in gebrocher Form bereits zu erkennen war.

Abb. 12 "Analytisches Richtungsdiagramm"
Anmerkungen
- 1) An anderer Stelle habe ich
am selben Beispiel des Videoclips "Coudbusting" Möglichkeiten
offener nichtdirektiver Recalls und Nachfragen dargestellt:
Schumm, Gerhard (1989) Filme nachgefragt. Methoden verbaler
Recalls und nichtdirektiven Fragens. Erkundungen am Videoclip
"Cloudbusting" von Kate Bush. Typoskript eines Vortrags an der HdK
Kassel am 17. Okt. 1989.
2) Gerhard Schumm (1991) Ein Methodenvorschlag zur Werkanalyse:
Richtungsdiagramm. Am Beispiel des Videoclips "Cloudbusting" von
Kate Bush. Vortragstyposkript.
3)Vgl. Herlinghaus / Baumert / Georgi (1960), S. 12,
391.
- 4) entfällt
- 5)Zum Film "Cloudbusting" von
Kate Bush:
6) Vgl. Wulff, Hans Jürgen (1990), S. 23 ff..
7) Zur Formatierung des Materials als In-Formation des Materials
vgl. Schumm, Gerhard, (1989) Der Film verliert sein Handwerk. S.
27-29.
8)Zum Begriff des Diagramms als ikonischem Zeichen und dessen
Bezug auf die Werkananalyse von Filmen siehe Möller,
Karl-Dietmar (1979), S. 76-91.
9) Sterne, Laurence (1750-1757) 6. Buch, 40. Kapitel.
- 10) Vgl. Wuss, Peter (1990), S.
9-24
11) Kalkofen, Hermann (1990) Dyschronismus
12) entfällt
- 13)Arnheim, Rudolf (1974). S.
124.
14)Schumm, Gerhard (1991)
Literatur
- Arnheim, Rudolf (1974) Film als
Kunst. München: Hanser.
- Arnheim, Rudolf (1972)
Anschauliches Denken. Köln: M. DuMont Schauberg.
- Arnheim, Rudolf (1965) Kunst
und Sehen. Berlin: de Gruyter.
- Fuchs, Wilhelm (1923)
Experimentelle Untersuchungen über das simultane
Hintereinandersehen auf derselben Sehrichtung. Zeitschrift
für Psychologie 1923, Bd. 91, S.145-235.
Hausmann, Gottfried (1935) Zur Aktualgenese räumlicher
Gestalten. Archiv für die gesamte Psychologie 1935, Bd. 93,
S. 289-334.
- Herlinghaus, Hermann / Baumert,
Heinz / Georgi, Renate (1960) Sergeij Eisenstein. Künstler
der Revolution. Materialien der Berliner Eisenstein-Konferenz
10.-18. April 1959. Berlin: Henschelverlag.
- Kalkofen, Hermann (1990)
Dyschronismus. Unveröffentlichtes Manuskript des Vortrags auf
der Tagung "Film und Kognition II: Probleme der Segmentierung."
26.-28. November 1990. Freie Universität Berlin.
- Koffka, Kurt (1912) Zur Analyse
der Vorstellungen und ihrer Gesetze. Leipzig: Quelle und
Meyer.
- Koffka, Kurt (1923) Über
die Untersuchungen an den sogenannten optischen
Anschauungsbildern. Psychologische Forschung 1923, Bd. 3, S.
124-167.
- Messer, August (1920)
Psychologie. Stuttgart und Berlin: Deutsche
Verlagsanstalt.
- Möller, Karl-Dietmar
(1979) Diagrammatische Syntagmen und einfache Formen.
Münster: Papmaks 8. S. 70-117.
- Schumm, Gerhard, (1989) Der
Film verliert sein Handwerk. Montagetechnik und Filmsprache auf
dem Weg von der Filmmontage zur elektronischen Postproduction.
Münster: MAkS. 397 Seiten.
- Schumm, Gerhard (1989) Filme
nachgefragt. Methoden verbaler Recalls und nichtdirektiven
Fragens. Erkundungen am Videoclip "Cloudbusting" von Kate Bush.
Unveröffentlichtes Manuskript eines Vortrags an der HdK
Kassel am 17. Okt. 1989.
- Schumm, Gerhard (1990)
Situationsauflösung und virtueller Blickanker am Beispiel
einer Szene aus Hitchcocks "Psycho". Unveröffentlichtes
Manuskript des Vortrags auf der Tagung "Film und Kognition II:
Probleme der Segmentierung." 26.-28. November 1990. Freie
Universität Berlin.
- Schumm, Gerhard (1990)
Feinschnitt, Bildanschlüsse und filmisches Erzählen. In:
Schweinitz, Jörg (Hrsg.) (1990): Erzählen in Literatur
und Film. Materialien eines Symposiums der Forschungsgruppe Film
vom 5. bis 7. Dezember 1989. Arbeitsheft 42. Akademie der
Künste der DDR. Berlin (DDR).
- Schumm, Gerhard (1991) Ein
Methodenvorschlag zur Werkanalyse: Richtungsdiagramm. Am Beispiel
des Videoclips "Cloudbusting" von Kate Bush. Der Text basiert auf
einem Vortrag, der auf dem Symposium "Videoclips und
Populärkultur" (Berlin, 7.-9. Januar 1991) gehalten
wurde.
- Sterne, Laurence (1750-1757)
Das Leben und die Ansichten Tristram Shandys. 6. Buch, 40.
Kapitel.
- Wuss, Peter (1990) Modellierung
dreier Stufen kognitiver Invariantenbildung bei der Filmrezeption
als möglicher Zugang für psychologische Forschungen. In:
Wulff, Hans J. (Hrsg.) (1990) Zweiter Film- und
Fernsehwissenschaftliches Kolloquium / Berlin '89. MAkS:
Münster. S. 9-29.
- Wulff, Hans Jürgen (1990)
Experimente zum Kuleshov-Effekt: Ein Bericht. In: Schumm, Gerhard
/ Wulff, Hans J. (Hrsg) (1990) Film und Psychologie I. Kognition -
Rezeption - Perzeption. MAkS: Münster. S. 13-40.