Der Schneideraum im Kopf
Filmische Konjunktoren und Disjunktoren im Rahmen einer
produktionsorientierten Wahrnehmungspsychologie des Films
Gerhard Schumm
Lichtjahre entfernt
Film wird nun bald hundert Jahre alt. Er kam, wenn man allein an
Muybridge' Film-Foto-Folgen voll Anmut und PrŠzision denkt, gar
nicht so isoliert von wissenschaftlichen Fragestellungen ans
Projektions-Licht der Welt.
Aber Wahrnehmungspsychologie und Film tun sich - so scheint es - noch
schwer, so recht zueinander zu kommen. Dabei haben sie eine
natŸrliche Verwandtschaft: die liegt in der ihnen gemeinsamen
experimentellen, praktischen Erkundung des Sichtbaren und der des
Sehens.
In den langen Jahren, seit sich Menschen am Zappeln der Filmbilder
vergnŸgen, hielt sich die wahrnehmungspsychologische Forschung
dem Film gegenŸber merkwŸrdig auf Distanz.
Bei Durchsicht der Literatur, die einen BrŸckenschlag zwischen
beiden Bereichen zu unternehmen versucht, gerŠt man ans
GrŸbeln. Seit Wertheimer im Jahr 1912 fŸr die
Wahrnehmungspsychologie den Film noch einmal mit Pappschieber und
Stroboskop hat neu erfinden mŸssen, um das, was lŠngst in
den Kinos am anderen Ende der Stadt einem Arbeiterpublikum
tŠglich mit damals sparsamen 18 Bildern vor Augen flimmerte, als
phi-PhŠnomen kategorisieren zu kšnnen, zieht sich eine oft
karge - brav isolierende, reichlich reduktionistische -
filmexperimentelle Traditionslinie durch die
Wahrnehmungspsychologie.
Von kŸnstlerischer Warte her gesehen wird hier mit
Film-Konstrukten gearbeitet, die der Erfindung einer eigenen
"minimalart" auf dem Gebiet des Films gleichkommen. Abseits des
Filmschaffens der Neuen Sachlichkeit eines Oskar Fischinger, eines
Viking Eggeling, eines Hans Richter fŸhren die
wahrnehmungspsychologischen filmischen Testvorlagen mit ihren
rotierenden Spiralen, ihren blanken Viereckchen, den sich munter
bewegenden Kreisen ihr filmhistorisch unerkanntes Eigenleben.
Die herzig unbeholfenen Zeichnungen der Reizvorlagen und die
verwendete tachistoskopische, stroboskopische Testtechnologie scheint
zuweilen aus den Kinderzimmern des 19. Jahrhunderts zu stammen, aus
einer Zeit, als die VorlŠufer der Kinoapparatur noch zum Spielen
da waren.
Der Film hat ohne die Assistenz der Wahrnehmungspsychologie gelernt,
da§ er 25 Bilder zum Laufen benštigt. Die Cutterinnen
haben entdeckt, wie sie Bilder, die einander fremd sind, im
Schneideraum amalgamieren kšnnen. Die Filmkameras haben - von
findigen Bastlern ersonnen - ihr Malteserkreuz gefunden, die
Videokameras ihren Shutter. Die Filmautoren lernten, wie sie sich
einem Publikum verstŠndlich machen und dabei zugleich-
vielleicht noch wichtiger als optimal vermittelte Information - das
Verborgene, das notwendig UnverstŠndliche bewahren konnten.
Das Defizit sehe ich auf der anderen Seite. Die
Wahrnehmungspsychologie kšnnte mehr Ÿber unser Sehen und
Vorstellen wissen, wenn die wahrnehmungspsychologische
AnnŠherung an den Film praktischer, robuster - und wie ich
zeigen will - produktionsorientierter, also unter Einschlu§ des
eindrucksvollen Erfahrungsreichtums praktischer Filmarbeit geleistet
wŸrde.
FŸr einen produktionsorientierten Ansatz filmischer
Perzeptionsforschung, den ich hier vertrete, welcher die
Perzeptionsbedingungen und deren intuitive Vorausplanungen bei der
filmischen Produktion mit berŸcksichtigt, ist es unabdingbar,
sich nicht nur auf abgeschlossene Filmwerke, auf - fŸr
Laborbedingungen abgestellte - filmische Testkonstrukte zu beziehen,
sondern auch die Niederungen des zugleich produktiven wie konsumtiven
Arbeitsprozesses von Wahrnehmung am Drehort,im Schneideraum, im
Tonstudio, im Kino, im Fernsehsessel zu berŸcksichtigen.
Vielleicht kommt man so dem Reichtum, den FŠhigkeiten und auch
dem Geheimnis unseres Sehens ein wenig auf die Spur.
Geheime Verwandtschaft
Es spricht viel dafŸr, da§ derjenige Teilbereich der
Filmmontage, der beim Film Feinschnitt genannt wird,
perzeptionspsychologischen Fragestellungen und Antworten in
besonderer Weise zugŠnglich ist, da§ Gegenstand und
Wissenschaft einander angemessen sind.
Der Bereich des Feinschnitts ist kein zu komplexer wissenschaftlicher
Gegenstand, bei dem die Gefahr bestŠnde, da§
TrennschŠrfe und Auflšsungsvermšgen verschwimmen. Und
er lЧt sich - an den Ÿblichen filmischen
Produktionsproze§ angeschmiegt - ohne allzu gro§e, die
Sache selber entstellende, Ÿberisolierende, reduktive Verzerrung
isolieren. TrennschŠrfe und Zusammenhang sind Ÿberschaubar
stabil. FŸr Forschung, die erst am Anfang steht, kann das nur
gut sein.
Feinschnitt, erste AnnŠherung: abschlie§ende
Arbeitsphase
Feinschnitt: so nennen Cutterinnen und Cutter den letzten
Arbeitsabschnitt des "produktiven", in einzelnen Arbeitsabschnitten
erfolgenden Filmschnitts. Danach folgen vor allem reproduktive
Arbeiten wie Filmabziehen, Kopieren usw.
Die Organisation des Materials - den Kern der Montage bildend - ist
schon mit dem Rohschnitt abgeschlossen. VerstŠndlich ist der
Film jetzt.
Aber anschaulich - doppelt gemeint: im Sinne von Anschauung und
Anmutung - das mu§ er deshalb noch gar nicht sein. Dazu
mu§ man ganz zum Schlu§ noch einmal an's Material 'ran
und wie einer, dem Material fremd ist, "gaffen und glotzen", als
wŠr's das erste Mal. Zu kognitiv darf's nicht zugehen. Nur
denkend verstehen wollen, hie§e hier: zuviel
Ÿbersehen.
Der Feinschnitt ist die abschlie§ende, verdeutlichende
Reinschrift des Films. Hier werden die beim Drehen vorbereiteten
EinstellungsanschlŸsse zu filmischen Konjunktoren und
Disjunktoren umgeformt. Sie werden also verfugt und poliert,
gesŠubert und entgratet. Den Feinschnitt kšnnte man so als
abschlie§endes Setzen, Editieren, Redigieren und Formatieren
des filmischen Textes begreifen.
Feinschnitt, zweite AnnŠherung: PrŠzisierung,
Modulierung
Im Rohschnitt wird - durch Auswahl und Anordnung - das Material
isoliert, erkundet, positioniert, variiert, fixiert. Der Inhalt wird
erstellt. Aus takes werden im Verlauf dieses Arbeitsprozesses auf dem
jeweiligen Niveau isolierte, positionierte, variierte, fixierte
Einstellungen.
Aber dabei wird er noch nicht (semantisch) prŠzisiert und noch
nicht (rhythmisch) moduliert. Das bleibt dem Feinschnitt vorbehalten,
an dessen Ende prŠzisierte und modulierte Einstellungen
stehen.
Die Bilder werden im Feld des Anschaulichen nŠher miteinander
verbunden. Sie werden visuell verschmolzen, verlštet,
verdrahtet. Das Instrumentarium hierzu liefern "filmische
Konjunktoren". Sie stiften auf piktoraler Ebene die
BildanschlŸsse. Solche "weichen Schnitte" kšnnen
fusionieren. Dann handelt es sich um starke Konjunktoren: der
Zuschauer wird sich der Schnittstellen nicht gewahr. Schwache
Konjunktoren fŸhren flŸssig, irritationslos Ÿber die
Schnittstellen, ohne da§ diese maskiert wŠren. Oder man
versucht mit den Mitteln des Feinschnitts, die Bilder visuell
voneinander zu trennen. Die Einstellungsverbindungen werden sozusagen
auseinandergebogen. Sie werden voneinander abgesetzt. Die Mittel
hierfŸr kšnnte man entsprechend "filmische Disjunktoren"
nennen. Der Feinschnitt arbeitet dann in die visuellen Bildfolgen
AbsŠtze ein, setzt Punkte, schafft Atempausen, liefert
Leerzeilen. Distanzschaffende Schwarzfelder, Ablenden, visuell leere
Bildfelder als Leerstellen bilden eine Mšglichkeit filmischer
Disjunktion. Aber diese Mittel, sicherlich die auffŠlligsten,
sind nicht die einzigen. (Selbst von ihrem Bildinhalt eng verbundene,
direkt aufeinander folgende Bildfelder kšnnen visuell - im
Medium der Anschauung - disjunkt ausgeformt werden.)
Der tatsŠchliche Abstand der Bilder, die materiale Distanz der
einzelnen Bildfelder bleibt natŸrlich immer gleich: auf dem
Filmstreifen liegen die Bildfelder getrennt, jedoch dicht bei dicht
getrennt-verbunden. Die rŠumliche Distanz rechnet in
Zehntelmillimeter, die zeitliche der Projektion in Millisekunden, die
der Wahrnehmung ist jeweils weniger als ein Augenblick. Das seriell
so dicht Beieinanderliegende kann oder soll von seiner Bedeutung her
Welten auseinanderliegen. Der Feinschnitt hŠlt - wo nštig -
die so benachbarten Bilder auf Distanz, oder er verdeutlicht ihre
inhaltliche NŠhe mit visuellen Mitteln.
Der Feinschnitt erfolgt unterhalb der Ebene der Narration. Was in
welcher Abfolge erzŠhlt, schšn der Reihe nach erzŠhlt
werden soll, steht nach dem Rohschnitt fest. Wie es erzŠhlt
wird, das ist damit noch nicht raus.
Die Kamera und die Filmregie interpretieren analytisch die
Situationen vor der Kamera, indem sie durch Begrenzung der
FilmstreifenlŠnge Interpunktionen und Phrasierungen in den
Flu§ der Handlungen einbauen. Auch sie arbeiten mit den Mitteln
des Feinschnitts: das ist Montage am Drehort. Die dort vorgeplanten
TrennungszusammenhŠnge an den Schnittstellen werden im
Schneideraum nachtrŠglich Ÿberformt, werden verstŠrkt
oder abgeschwŠcht.
Feinschnitt, dritte AnnŠherung: Arbeitsfeld en gros und en
detail
Beim Feinschnitt arbeitet man im unmittelbaren Bereich der
Schnittstelle. Man arbeitet detailbesessen. Doch nicht das letzte und
das erste Photogramm bilden das Arbeitsfeld; auch nicht die gesamte
erste und die daran angrenzende Folgeeinstellung. Was hei§t
dann: im unmittelbaren Bereich der Schnittstelle?
Eine Cutterin, ein Cutter wŸrde antworten: beim Feinschnitt, im
unmittelbaren Umfeld der Schnittstelle sind fŸr mich nur zwei
Handspannen Film interessant, also etwa 6-12 frames. An diesen
Photogrammen erfolgt durch VerkŸrzen und VerlŠngern die
Polierarbeit. Das Auge nimmt jedes falsche Bildfeld Ÿbel.
Kooperieren Cutterin und Cutter mit dem visuellen Cortex des
Zuschauers - und das ist zuerst ihr eigener, weil sie die ersten
Filmzuschauer sind -, arbeiten sie im intuitiven, erprobenden, oft
listigen Verbund mit den visuellen Automatismen der menschlichen
Wahrnehmung, werden die Schnittstellen anschaulich: sie werden sowohl
ansehbar - sie enthalten Anmutung und keine Zumutung - als auch
anschaulich, indem der filmische Gedanke rekonkretisiert wird.
Diese Arbeit am Detail erfordert den †berblick Ÿber's
Ganze: Rhythmus und Geschmeidigkeit der partikularen Schnittstelle
kšnnen nur vor dem Horizont des bereits stabilisierten
Gesamtfilms beurteilt werden. Es wirkt paradox, aber man mu§
das Ganze kennen und sich dessen sicher sein, gerade um davon
detailbezogen absehen zu kšnnen.
Feinschnitt, vierte AnnŠherung: Arbeitsfeld in Zentimetern
und Zehntelsekunden
Jedes Bildfeld ist beim Feinschnitt entscheidend. Ein frame weniger -
das macht viel aus. Mit geheimnisvoller Exaktheit stolpern unsere
Augen Ÿber jedes falsche Bildfeld.
Der Wahrnehmungspsychologe rechnet die 6 bis 12 frames aus den
Angaben der Cutterin, des Cutters nach und wŸrde sagen: das
bewegt sich ganz offensichtlich im Grš§enbereich des
visuellen Reizspeichers. Es scheint sich um ein intuitives Ma§
fŸr ca. 1, 2 Ladungen des sensorischen Speichers, also 6-12
frames zu handeln.
Die Rechnung sieht auf Seiten des Filmmaterials so aus: Die
Grundeinheit, die kleinste Me§grš§e, mit der beim
Film gearbeitet werden kann, ist das einzelne Bildfeld:
1 frame = 40 msec = 25 Hz
1 Filmframe = 32 msec Exposition und 8msec Dunkelphase
1 TV-frame = 2 x 20msec Halbbilder
Die Gegenrechnung auf Seiten unseres eigentlich unberechenbaren Hirns
- die Zeitma§e sind natŸrlich weniger strikt: Die
menschliche "visuelle Auffassungsspanne" liegt im Bereich von etwa
100 bis 150 msec. In dieser kurzen Expositionszeit ist bereits eine
hinreichende Globalerfassung gewŠhrleistet. Sie ermšglicht
einen flŸchtigen, aber orientierenden †berblick.
Ein wenig technischer ausgedrŸckt: Unsere menschliche
Wahrnehmungskamera arbeitet mit ca. 6 Bildern pro Sekunde. Das wirkt
auf's erste natŸrlich gemŸtlich gegenŸber den 25
Filmbildern pro Sekunde. Aber es handelt sich ja auch um eine
Bilderkennungskamera. Sie hat die Bilder nicht nur festzuhalten, sie
hat sie auch zu identifizieren und zu interpretieren.
Etwa sechs sehr verschiedene Einzelreize kšnnen von uns pro
Sekunde global erfa§t werden. Entnimmt der Film 25 Bildfelder
pro Sekunde dem Sichtbaren als Stichprobe, so unsere Augen nur sechs.
Unser menschliches Photogramm, der von uns erfa§bare
Augenblick, dauert so lang wie zweieinhalb Filmbildfelder.
Experimentalfilmer und Trickfilmer wissen mehr als andere
Filmmenschen um diese 2,5 frames menschlicher Verschlu§zeit.
Die Trickfilmer sparen mit diesem Geheimwissen Geld: sie mŸssen
nicht 25 Bewegungsphasen pro Sekunde den 25 Filmbildfeldern
entsprechend zeichnen, sie kommen mit bedeutend weniger Zeichnungen
aus. Jede Bewegungsphase kann ruhig 2,3 Bildfelder stehen bleiben.
Experimentalfilmer wissen, so sie die Einzelbildschaltung der
Bolex-Kamera lieben, da§ sie BewegungsablŠufe herunter auf
bis zu 2 Bildfeldern zerhacken und sezieren kšnnen, ohne
da§ der Filmzuschauer bzw. seine Wahrnehmung vollstŠndig
zusammenbricht. (J.M. Straub sagt, er habe das untersucht: Der
Filmaugenblick habe 4-6 Felder.)
Man probiert das am besten selber aus und klebt zwei Bildfelder
zwischen Schwarzfilm: das Ergebnis ist Erkennbarkeit.
Der erste Satz dieses Abschnitts hie§: Jedes Bildfeld ist beim
Feinschnitt entscheidend. Ein frame weniger, ein Photogramm mehr, das
macht schon was aus. Wir wissen jetzt warum.
Es geht noch eine Spur kŸrzer: Die minimale Verschlu§zeit
der menschlichen Kamera kann auch mit 60 msec angesetzt werden. Aber
dann wird unsere Auffassung doch sehr trŸb: was wir sahen,
wissen wir dann nicht mehr, sondern nur noch, da§ wir was
sahen.
Mit 60 msec bewegen wir uns schon an der Verschmelzungsgrenze: noch
kŸrzere Belichtungszeiten hat die Evolution fŸr uns nicht
vorgesehen. Aber die Fliegen, die haben eine Verschlu§zeit von
5 msec: ihr Wahrnehmungsapparat, eine typische highspeed-Kamera,
filmt mit 200 Bildern pro Sekunde.
Das "Material", auf dem wir unsere Wahrnehmungen fŸr's erste
aufzeichnen, ist von einer merkwŸrdigen Beschaffenheit: unser
sensorischer Speicher ist extrem instabil, besitzt aber im Gegensatz
zu dieser schnell verblassenden Persistenz vermutlich eine
unglaublich gro§e KapazitŠt.
Man sieht schon, die technischen Analogien reichen nicht weit: es
gibt nicht dieses gro§formatige, hochauflšsende 70mm
Filmmaterial, das, ist es einmal belichtet, nur eine Viertelsekunde
lang fixiert und dann ausbleicht. Nur 6 Bildfelder wŠren auf
diesem Material sichtbar. Die Bilder davor wŠren noch nicht
belichtet; die dahinter schon wieder verschwunden.
Freud wagt einmal fŸr unser GedŠchtnis den Vergleich mit
den Wachstafeln, mit denen die Kinder spielen: sie lšschen das
aus, was sie eben noch geschrieben haben. (Freud interessierte sich
dabei natŸrlich vor allem fŸr die verborgenen,
Ÿberlagerten und nicht mehr sichtbaren Spuren, die im Wachs
zurŸckbleiben.) Aber das mŸssen schon sehr nervšse
Kinder sein: 4 mal in der Sekunde m٤ten sie an der Tafel
herumziehen (vgl. Freud 1925, 3-7).
Jedenfalls wird der Zerfallsproze§ unseres sensorischen
Reizspeichers von einem Taktgeber gesteuert, der eine Ladung nur
fŸr die Zeitspanne von 6, 7 Bildframes zulЧt. Dann
wird der Knopf "Clear" gedrŸckt und der innere Monitor
gelšscht.
Der zweite Gedanke eingangs hie§: Es scheint sich beim
Arbeitsfeld des Feinschnitts, diesen 6-12 frames, um ein Ma§
fŸr ca. 1, 2 Ladungen des sensorischen Speichers zu handeln.
Das psychophysiologische Arbeitsfeld des Feinschnitts ist die
"visuelle Auffassungsspanne", die im Bereich von 100 bis 3oo msec
liegt. Ich glaube, man ist nicht vorschnell und liegt nicht falsch
mit der Behauptung, da§ der Feinschnitt es mit Zeitdimensionen
des sensorischen Speichers zu tun hat.
Die Cutterin arbeitet beim Feinschnitt an der Konfrontationsstelle
zwischen dem Ende einer Einstellung und dem Anfang einer neuen. Sie
bearbeitet fŸr den Filmzuschauer im wesentlichen die letzte alte
Ladung und die erste neue seines sensorischen Speichers. Cutterinnen
arbeiten dabei als praktische Wahrnehmungstheoretikerinnen.
Feinschnitt, das ist erkundendes, experimentelles Arbeiten. Der
Schneidetisch dient als alltŠgliches tachistoskopisches,
stroboskopisches Erforschungsinstrument. Sie arbeiten intuitiv. Aber
viele Schnittstellen erfordern ein kontraintuitives, berufliches
Spezialwissen.
Feinschnitt, fŸnfte AnnŠherung: Freiheit und
Regel
Die Offenheit des Rohschnitts: Kilometer von Film werden da
herausgeworfen. Immer neu verblŸfft einen das Material beim
Erproben von Anordnungen, mit welcher Freiheit umgestellt,
weggelassen und hinzugefŸgt werden kann.
Die bildfeldgenaue PrŠzision des Feinschnitts hingegen: Auf
jedes frame kommt es an. Unser Auge fordert sein Recht. Unser Denken
und Vorstellen ist gro§zŸgig und weitgespannt. Unser Auge
unbarmherzig kleinkariert, preu§isch-prŠzise und
nachtragend. Zwischen regelgebundener Sturheit und ungebundener
Freiheit und Beliebigkeit gibt es Abstufungen. Um die geht es.
Die Arbeitsmethodik des Rohschnitts grŸndet nicht auf einem
beliebigen "trial-and-error"-Verfahren. Aber die Montage besteht auch
nicht in der Umsetzung vorgegebener, konventioneller syntaktischer
Regeln. Wohl gibt es konventionelle Filmgenres. Das geschlossene
Regelsystem einer allgemeinen, genreunabhŠngigen Filmsprache
kann man noch lange suchen: es gibt keins.
Mit anderen, geschraubteren modernen Worten: der Rohschnitt gehorcht
so wenig einem systematischen Algorithmus wie einem stochastischen
Versuchs- und Irrtumsverfahren. Man erarbeitet mit Auswahl- und
Anordnungsprozeduren einen Film in der Rohschnittphase heuristisch
und hermeneutisch: das hei§t nach offenen PlŠnen. Man hat
Hinweise und Vorbilder, jedoch keine Vorschriften und Anweisungen im
Kopf.
Anders verhŠlt es sich beim Feinschnitt: Hier geht es
tatsŠchlich um das Erkunden der komplexen Algorithmen des
Sehens, die biologisch verankerten Verarbeitungsprozessen der
Wahrnehmung aufruhen. Die regelhafte Struktur der Feinschnitte findet
sein Pendant in den Automatismen der Wahrnehmung. Das sind
beschrŠnkt wenige, regelhafte Sedimente unserer Jahrmillionen
alten, im Verlauf der Evolution gewonnenen Erfahrung. Der Rohschnitt
kooperiert vielmehr - im Zeitrahmen der Evolution gesehen - mit
ungleich moderneren Wahrnehmungsmustern.
Ich bin mir einigerma§en sicher: spŠtere
Videoschnittcomputer werden - so es den Produktionsaufwand bei der
geringen StŸckzahl lohnt - Feinschnitte automatisieren
kšnnen. (Auf den Tasten kšnnte stehen: Bewegungs-, Heran-,
Bildkantenschnitt.) Deshalb lassen sich
Feinschnitt-EinstellungsanschlŸsse so schšn stur und
durchaus erschšpfend systematisieren, ohne da§ man ihnen
Gewalt antut.
FŸr die ErzŠhlweisen, die dem Rohschnitt unterliegen,
wŸrde ich das nicht versuchen wollen.
Buchstaben: Hochberg/Brooks
Zu den avancierten Texten, die den BrŸckenschlag zwischen
Wahrnehmungstheorie und Film leisten, gehšren die von Julian
Hochberg und Virginia Brooks. In brutaler VerkŸrzung kšnnte
man die Argumentationslinie ihres Aufsatzes "The Perception of Motion
Pictures" (1978a) so skizzieren: "Nicht Ÿberlappende" werden von
"Ÿberlappenden" Einstellungsverbindungen getrennt. "Overlapping
cut": in englischsprachigen LŠndern ein Fachausdruck, ein
VerstŠndigungsbegriff aus der praktischen Filmarbeit am Drehort
und im Schneideraum; bei uns fehlt ein entsprechend treffsicherer
terminus technicus fŸr diese spezielle Art filmischer
Konjunktion. (Die Filmpraxis hat in unserem Sprachraum
merkwŸrdigerweise wenig differenzierende, prŠzisierende und
damit theorieanbahnende Fachbegriffe aus ihrer doch differenzierten
und prŠzisen Arbeit heraus entwickelt.)
†berlappende Schnitte knŸpfen in der neuen Einstellung an
die vorherige Einstellung an, indem sie Bildelemente zitierend
aufgreifen. Diesem filmischen Konjunktor entspricht eine "Montage mit
der Kamera" oder genauer eine "Feinschnittmontage bereits beim
Drehen": die Handlung vor der Kamera mu§ fŸr die
Anschlu§takes "Ÿberlappend" wiederholt und
"Ÿberlappend" - auf verschiedene Einstellungen verteilt -
gefilmt werden. In die Filmstreifen wird sozusagen ein "breiter Saum"
eingearbeitet. Und erst am Schneidetisch, wenn die Bilder "Sto§
auf Sto§", "Kante auf Kante" angeschlossen werden sollen,
kŸrzt und schneidet man ihn zu.
Um es gleich vorwegzunehmen: die Trennung scheint mir eher
theoriebedingt. Vor allem schlŠgt die gro§e Anlehnung und
NŠhe zur Tranformationstheorie Gibsonscher Provenienz durch. Die
den Einstellungen gemeinsamen, nicht nur vorstellbaren, sondern
sichtbaren TeilidentitŠten, d.h. das BestŠndige im Wechsel,
ermšglichen es, sich auf eine Wahrnehmungstheorie zu beziehen,
die von kontinuierlichen Transformationen im Wahrnehmungsfeld
ausgeht. Unsere Augen montieren - metaphorisch ausgedrŸckt -
verschiedene Bildausschnitte aneinander, wenn sie beim Erkunden des
Sichtbaren (eruierendes Scanning durch Blickdynamik) von einer Stelle
zur anderen springen. Dabei enthalten die neu angesprungenen
Bild"ausschnitte" hŠufig Teile dessen, was zuvor angesehen
wurde. Der neue Blick wird durch invariante, wiederaufgegriffene
Elemente des zuvor Fixierten abgestŸtzt.
Das Erstaunliche des Schneideraums im Kopf besteht in dem perzeptiven
Proze§ "innerer Feinmontage", der unsere Einzelblicke so
integriert, da§ die sich Ÿberlappenden, oft nur wenig
versetzt wahrgenommenen "Bilder" - die Perzepte - sich nicht
wechselseitig stšren, kurzum, da§ die Blicke von unserem
Hirn auf wundersame Weise montiert werden und nicht irritierend - wie
schlecht geschnittene Filme - zucken und springen.
Hochberg/Brooks argumentieren, Ÿberlappende
Einstellungsverbindungen seien diesen kleinen BlicksprŸngen
nicht nur von ihren Reizgegebenheiten Šhnlich, vielmehr
verarbeite der Filmzuschauer BildanschlŸsse nach eben diesem
Wahrnehmungsmuster des visuellen Systems. Die sich wiederholenden,
invarianten Bildteile sollen bei der Filmwahrnehmung die
VerknŸpfung der Bildfelder getrennter Einstellungen
gewŠhrleisten - sie wŠren somit das Spezifikum filmischer
Konjunktoren. Die von einer Einstellung in die nŠchste
weitergereichten †berlappungen gŠben den Anhalt fŸr
die Integration der Einzelbilder zu einer konsistenten
Gesamtwahrnehmung ab, so wie unser Hirn die einzelnen
BlicksprŸnge zu einem Gesamtbild integriert.
An einem fŸr Filmschaffende nun leider staunenswert abwegigem
Beispiel - das fŸr den Gesamtbereich Ÿberlappender Schnitte
einzustehen hat - wird das dann raumgreifend eršrtert: Die
"Kamera" filmt von derselben Stelle aus weiter und variiert nur
minimal den Ausschnitt: der ist im Folgebild ein wenig parallel, zur
Seite hin versetzt. Das "Kameraauge" filmt einen translatorischen
Blicksprung. AlltŠglicher Blick, Kamerablick und
Filmzuschauerblick fallen im Beispiel zusammen. Die vollstŠndige
SingularitŠt des Konstrukts wird von den Autoren nicht
herausgestellt. Das zurechtgestutzte Beispiel verwischt recht
beilŠufig filmspezifische Besonderheiten: die Differenzen
zwischen au§erfilmischer, filmischer Wahrnehmung und filmischer
Darstellung werden ausgeblendet statt analytisch genutzt.
Man erkennt schnell: da wird der Theorie halber auf Papier und in
Gedanken eine Sakkade "verfilmt". Aber dadurch wird noch kein
Filmschnitt untersucht. Solche Bildschnitte wird man bestenfalls in
Experimentalfilmen wiederfinden. Aus normalen Filmen kenne ich sie
nicht. Das Beispiel kommt einer artifiziellen Nachahmung des
Blicksprungs beim Sehen gleich. Filmenswert wŠre das: die
Verfilmung des Sehens. Film ist's nicht.
KamerasprŸnge stellen nŠmlich im Gegensatz zu den kleinen,
Ÿberlappenden Sakkaden in der Regel keine blo§en
Bildversetzungen vom selben Standort aus dar. Sie sind keine
translatorischen BlickŠnderungen der Kamera, sondern sprunghafte
StandortverŠnderungen, also zirkulatorische, rotatorische
BlickverŠnderungen mit Hilfe der Kamera.
Was die Kamera vermag, haben wiederum wir Menschen nicht auf Lager:
wir springen zum Sehen nicht wie KŠnguruhs um die Dinge
herum.
Zudem erweisen sich gerade EinstellungsanschlŸsse zwischen
einander sehr Šhnlichen Einstellungen entgegen dieser "Theorie
der †berlappungen" und auch dem gesunden Menschenverstand
widersprechend beim Feinschnitt als hochgradig fragil.
VerblŸffenderweise entstehen gerade bei zu gro§er
€hnlichkeit der piktoralen Elemente zweier Einstellungen
irritierende Disjunktoren. Filmische Konjunktoren funktionieren eben
nicht nach dem Prinzip: je Šhnlicher, desto stŠrker
fusioniert.
Das Gegenteil ist der Fall: bildlich einander všllig fremde
Einstellungen lassen sich am einfachsten miteinander verknŸpfen.
Solche Konjunktoren sind zwar schwach, nicht fusionierend, die
Schnittstelle bleibt deutlich wahrnehmbar; sie sind aber auch robust,
unproblematisch, irritationslos. Man spŸrt den Druck der
wahrnehmungspsychologischen Theorie, an die sich eine solche Theorie
der Filmschnitte und ihrer Wahrnehmung anlehnt. Die Gibsonsche
Theorie ist mit ihrer analytischen StŠrke und SensibilitŠt
gegenŸber dem tatsŠchlich Sichtbaren und den Feinheiten der
datengesteuerten Wahrnehmung auf †berlappungen, auf Invarianzen
im Variierten abgestellt. Auch Hochberg/Brooks weisen darauf hin,
da§ selbst bei den Ÿberlappenden Einstellungsverbindungen
nach Gibsons Theorie irritierende Schnitte, "bad cuts", nicht
erklŠrbar sind. Schnittverbindungen mŸ§ten - ginge
das Sehen nach der Theorie vonstatten - alle wohlgeformt erscheinen
(Hochberg & Brooks 1978a, 282).
Gibson ist - filmisch ausgedrŸckt - ein Theoretiker der
†berblendung, der kontinuierlichen Kamerafahrten und
Zoombewegungen, der Kameraschwenks, vielleicht auch der
natŸrlichen Wischblende und der Ÿberlappenden Filmschnitte.
DafŸr mag seine Theorie klŠrend wirken. Er hat in seinen
frŸhen Jahren seine Theorie im Bereich der Flugsimulation
entwickelt: da mŸssen Flugzeuge weich und kontinuierlich
anlanden, wenn es nicht zu Bruchlandungen kommen sollen. FŸr
einen wahrnehmungstheoretischen Ansatz, auf den sich eine Theorie des
Filmschnitts beziehen kšnnte, hŠtte er sich eher mit der
Erforschung der Wahrnehmung von FlugzeugabstŸrzen
beschŠftigen mŸssen. Nur im Nebensatz gibt es bei Gibson
das, was bei ihm "topologische BrŸche" hei§t und woraus
Filmmontage besteht: DiskontinuitŠten im sichtbaren Feld (Gibson
1973, 248).
Der Fehlen einer Filmtheorie, die dem filmischen Arbeitsproze§
eng verbunden ist, wird deutlich. Immer wieder sind es die zwei
BŸcher von Reisz/Millar (1968) und Vorkapich (1972, 182-195),
auf die Wahrnehmungspsychologen ihr Filmwissen grŸnden. Die in
den SchneiderŠumen weitergereichte - schriftlich bisher nicht
beschriebene - komplexe Praxis des Filmschnitts lЧt sich
aus diesen Textquellen nicht erfassen.
Die Wahrnehmungspsychologen werden nicht umhin kommen, noch einmal
oder zum ersten Mal in die SchneiderŠume zu gehen.
Neuer Anlauf: Ordnung schaffen
Mir kommt das alles ein wenig vorschnell gerneralisiert vor. Ich
glaube, die flŸchtigen Filmbilder werden zu flŸchtig
behandelt. Das Filmhandwerkliche wird zu wenig bedacht. Ich schlage
einen erneuten, produktionsorientierten Anlauf vor. Man mu§ am
Schneidetisch versuchen, die Bilder Schicht fŸr Schicht
auszulesen und dabei herauszufinden: was sieht man?
Und man mu§ wohl auch erst noch einmal hinter die - auch von
vielen anderen Autoren schnell herangezogene - Sakkadenanalogie
zurŸckgehen. Solange sie nicht prŠziser bestimmt wird,
bleibt sie metaphorisch. Ihre TragfŠhigkeit scheint mir
ŸberschŠtzt. Zu fragen wŠre, ob die Wahrnehmung der
Ÿberlappenden und nicht-Ÿberlappenden Schnitte
tatsŠchlich auf so grundverschiedene Wahrnehmungsmuster
grŸndet oder ob die von Hochberg/Brooks vorgeschlagene Trennung
nicht - theorieimmanent - an den Gegenstand herangetragen wird. Im
Schneideraum jedenfalls - auf phŠnomenologischer Ebene also -
macht es beim Feinschnitt keinen wesentlichen Unterschied, ob man
sich um BildanschlŸsse bei Ÿberlappenden oder
nicht-Ÿberlappenden Einstellungen bemŸht.
Ausgangspunkt
Ich schlage - zumindest als analytische Zwischenstufe - vor, die
au§engesteuerte, unmittelbar durch's piktorale Muster bedingte
"Datenverarbeitung" an Schnittstellen von den konzeptgebundenen
Wahrnehmungsprozessen zu isolieren.
Die dabei zentralen Fragen wŠren:
(a) Detektion sukzessiver, piktoraler Reizmuster: Bei welchen
Einstellungsverbindungen springt der Blick des Filmzuschauers im
Proze§ der Filmwahrnehmung tatsŠchlich? Wo sakkadiert er
nicht? Was bewirken solche durch Filmbilder ausgelšsten
BlicksprŸnge? Die Frage hebt auf die sichtbare OberflŠche
der Bilder mit ihren auffŠlligen "landmarks", nicht den
komplexen Bildinhalt ab. Der Psychologe wŸrde das als Frage nach
der globalen Detektion sukzessiver Reizmuster und der damit
verbundenen erkundenden Blickmusterdynamik bezeichnen, die an der
Grenzzone zwischen zwei montierten Einstellungen entsteht (Hochberg
& Brooks 1978a, 279, 287).
(b) Identifizierung, Lokalisierung, viso-spatiale Orientierung: Wie
springt (darŸber hinaus) die Kamera von Einstellung zu
Einstellung und wie werden uns dadurch Ÿber Schnittstellen
hinweg RŠume, Dinge, Entfernungen, Personen,
HandlungsablŠufe vermittelt? Diese Frage zielt auf das Innere
der Bilder, auf den Anhalt, den sie der vorstellenden Orientierung,
dem Wiedererkennen und Neuentdecken bieten. Die Frage zielt,
wahrnehmungspsychologisch gefa§t, auf die mentale,
viso-spatiale Orientierung und Identifizierung und
ReprŠsentation, z.B. auf die "imaginŠre Begehbarkeit von
FilmrŠumen" (Kramarek, Pockrandt & Kerstan 1986, 70).
Beide Fragen lassen sich auch aus dem Blickwinkel des "filmischen
Produktionsprozesses" fassen:
ZunŠchst zu (a) Regie des
Filmzuschauerblicks: Bei der Bildgestaltung von sogenannten
AnschlŸssen (Konjunktoren und Disjunktoren) zwischen zwei
Einstellungen achtet man bei Dreharbeiten in der Regel darauf, ob das
Bildzentrum (der Blickpunkt) im Anschlu§bild an gleicher Stelle
wie in den Endbildern der vorhergehenden Einstellung oder in einem
anderen Bildbereich positioniert sein soll. Man kšnnte das Regie
der BlickfŸhrung nennen. Meist wird sie von den Kameraleuten,
seltener von der Regie bedacht. Was wird damit bewirkt? Was liegt den
intuitiven - oft auch kontraintuitiven,
filmspezifisch-konventionellen Regeln eigentlich zugrunde?
Zu (b) Regie der Raumorientierung und Re-Identifizierung: Damit
kšnnte man die am Motiv orienterten Anschlu§probleme der
Kameraregie bezeichnen. Woran liegt es, da§ es filmische
Situationsauflšsungen gibt, die gelingen, und andere, die den
Filmzuschauer verwirren?
Piktorale, sukzessive Muster: Grobe Isolierung
Eine sehr elementare Unterscheidung bietet sich auf Anhieb an, wenn
man Filmmaterial unter dem Aspekt der Blickpunktregie studiert. Man
entdeckt zum einen Konjunktoren, bei denen der Blickpunkt von einer
Einstellung zur anderen weitergereicht wird. Der Fixpunkt bleibt
Ÿber die Schnittstelle hinweg fix, weil die Bildschwerpunkte am
Ende der jeweiligen Einstellung und zu Beginn der darauf folgenden
Einstellung in annŠhernd deckungsgleichen Bildzonen liegen.
An der Trennungs- und Verbindungsstelle fŸhrt der Filmzuschauer
keinen Blicksprung aus, denn die Position des Bildschwerpunkts bleibt
gewahrt. Das erinnert mehr an ZauberkunststŸcke als an
Alltagswahrnehmung: unter den fixierenden Augen des Zuschauers wird
ihm unvorbereitet das Gesehene entzogen und vertauscht. Das ist ein
durch und durch filmisches, kontraintuitives Artefakt.
Ich schlage den Begriff kongruente EinstellungsanschlŸsse (bzw.
kongruente Cuts, Konjunktoren, Filmschnitte) vor. Davon lassen sich
Bildfeldverbindungen verschiedener Einstellungen abheben, deren
Folgeeinstellungen ihr Bildzentrum in einer anderen, gegenŸber
dem Ende der VorgŠngereinstellung verŠnderten Bildzone
aufweisen. Es handelt sich um Schnittverbindungen, die in der Regel
eine Sakkade beim Zuschauer auslšsen und auch auszulšsen
beabsichtigen. Solche BildanschlŸsse mšchte ich disgruente
Konjunktoren nennen.
Piktorale, sukzessive Muster: Definitorische Aspekte
Man kann diese Differenzierung von drei verschiedenen Seiten weiter
ausbauen: mit guter NŠherung aus der Perspektive der filmischen
Produktion; wahrnehmungspsychologisch - experimentell und
prŠzise - aus jener der Perzeption; filmanalytisch auf der
Grundlage des Abgebildeten.
Kongruente Konjunktoren entstehen - filmpraktisch gesehen -, wenn
Kameraleute die Position des Fixpunkts zwischen einem
Einstellungsende und dem geplanten, nachfolgenden Einstellungsanfang
unverŠndert lassen und wenn am Schneidetisch Einstellungen nach
diesem Prinzip kombiniert werden. Das sensible, Ÿberaus
prŠzise Me§- und Justierinstrument hierfŸr bildet das
beruflich spezialisierte, erfahrene Auge. Disgruente Filmschnitte
werden produziert, indem beim Filmschnitt oder den Dreharbeiten die
Bildschwerpunkte bewu§t in sehr verschiedene Bildbereiche des
Schnittumfelds gelegt werden.
Die Isolierung disgruenter Schnittverbindungen, die eine Sakkade
auszulšsen vermšgen, von jenen, bei denen kein Blicksprung
stattfindet, lЧt sich wirklich prŠzise nur
wahrnehmungspsychologisch-experimentell leisten.
Da BlicksprŸnge des Auges beim Betrachtenden selbst jedoch
unmerklich verlaufen und der Blick ins Auge des GegenŸber auch
keine sonderlich wissenschaftliche Me§methode darstellt,
wŠre hinreichende Genauigkeit nur durch beeindruckende Apparatur
zu bewerkstelligen: man benštigt occulomotorische
Me§gerŠte. Serien von Fixationspunkt-Sequenz-Diagrammen
wŠren als Abstraktion der Schnittstellen zu erstellen und
auszuwerten. Fixationskonstanz und -varianz wŠren vor allem
nicht nur an bereits geschnittenen Filmen, sondern auch an Filmen mit
"bad cuts" zu untersuchen, weil gerade - die Geschichte der
Wahrnehmungspsychologie zeigt es - im Bereich der
Wahrnehmungspathologie, im Feld der Irritationen und
TŠuschungen, die interessantesten Befunde schlummern.
Mir steht eine solche Apparatur nicht zur VerfŸgung, jedoch ein
Schneidetisch. Der handwerklich-filmanalytische Zugriff - nicht ohne
scharfes Auge und entsprechende SensibilitŠt dem Material
gegenŸber - kann vermutlich in guter NŠherung als
methodisches Substitut dienen, um den Gegenstand nachvollziehbar und
hinreichend genau bestimmen zu kšnnen.
Es gilt - auch um methodisch die weiteren Differenzierungen fassen zu
kšnnen, mit denen in der Montagepraxis so intuitiv wie
erfolgreich gearbeitet wird und die aus der folgenden Tabelle
ersichtlich werden - auf filmbilddiagnostische Erkundungsmethoden
zurŸckzugreifen, die in den SchneiderŠumen
gebrŠuchlich sind. Die werden dort alltŠglich und
beilŠufig verwendet. Sie werden im Schneideraum als
Arbeitstricks gehandelt und von Cutter(in) zu Cutter(in) tradiert.
Sie tragen keine Bezeichnungen. Ich habe sie zu benennen und
begrifflich zu fassen versucht.
Abbildung: Feinschnitt-Matrix: Konjunktoren

Piktorale, sukzessive Muster: Erkundungsmethoden
Methode eins: Erkundende †berdeckmethode / Kongruenz
Durch †berlagerung, †berblendung, †berdeckung kann die
Gleichheit oder €hnlichkeit der Positionen von Bildzentren (bei
Bildfeldern verschiedenen Bildinhalts) getestet werden. Kongruente
Konjunktoren kšnnen von disgruenten geschieden werden.
Die Laufbildprojektion am Schneidetisch wird angehalten. Man
betrachtet sich die Standbilder. Das einzelne, stillgelegte
Photogramm steht fŸr das Umfeld der Schnittstelle (6-8 frames)
ein. Am besten wŠre es nun, man kšnnte jeweils zwei
Bildfelder als Standbilder vorŸbergehend Ÿberblenden. (Bei
vielen Schneidetischen und Videorekordern geht das - ohne das es
konstruktiv beabsichtigt worden wŠre -, so das GerŠt genau
an der Schnittstelle geparkt wird.)
Wo eine †berdeckung gerŠtebedingt unmšglich ist,
behilft man sich mit Merkzeichen und auf dem Monitor angedeuteten
Umri§linien. Mit Fettstift werden Bildzentrum und Konturen des
einen Photogramms markiert. Anschlie§end wird unter dieser
primitiven Monitor-Maske das zweite Photogramm damit verglichen.
(Kameraleute filmen entsprechend mit gleichsam imaginŠren
Einzeichnungen im Sucher. Sie projizieren auf die Suchermattscheibe
fiktiv die Fixationspunkte des jeweiligen Einstellungsendes und
-anfangs.) Die Photogramme werden sozusagen aufeinander gestapelt und
im Stapel sondiert. Die letzten Bildfelder der ersten Einstellung
werden mit den ersten Bildfeldern der Folgeeinstellung auf
mšgliche gemeinsame Bildzentren erkundet.
Die Methode lehnt sich an die Ÿbliche Arbeit am Schneidetisch
an: beim Feinschnitt ermittelt man damit, welche
Kombinationsmšglichkeiten das Material auf visueller Ebene
birgt. Aber ebenso kšnnen identische und distale Bildzentren an
bereits fertiggestellten Filmen im Nachhinein herausgefunden
werden.
Das sukzessive Hintereinander wird dabei in ein koexistentes
†bereinander, Miteinander transformiert. Die Abfolge wird durch
Ÿberlagernde Anordnung ersetzt.
Wahrnehmungspsychologisch gesehen berŸcksichtigt diese Methode,
da§ zwei aneinandersto§ende Bildfelder (aus verschiedenen
Einstellungen) derselben "Ladung" des sensorischen Reizspeichers
angehšren. Sie sind Teil derselben Wahrnehmungsstichprobe. Denn
die KapazitŠt des sensorischen Speichers bewegt sich in einer
Grš§enordnung von etwa 250-5oo msec, also 6-12 frames.
Methode zwei: Erkundende Rastermethode / RegularitŠt
Damit kšnnen disgruente AnschlŸsse auf ihre
Vergleichbarkeit hin getestet werden: unvereinbare,
nichtregulŠre BildanschlŸsse kšnnen als "wild cuts",
als disparate Cuts abgetrennt werden.
Die zwei Ÿberlagerten oder benachbarten relevanten Photogramme
werden mit einem nur vorgestellten oder tatsŠchlichen Raster
Ÿberzogen. †ber die Bildfelder wird ein imaginŠres
Koordinaten-Gitter gelegt.
Daraus werden nicht SymmetrieverhŠltnisse, sondern
grundsŠtzliche AchsenverhŠltnisse bei disgruenten
Bildverbindungen ersichtlich. Deutlich wird, ob sich Fixpunkte auf
einer, beiden Photogrammen gemeinsamen Achse (oftmals ist es die
Augenachse) befinden. Es geht also um die gemeinsamen "Hšhen"
und "Breiten", die "Horizonte" und "Vertikalen" der
Bildschwerpunkte.
Dieses virtuelle Koordinatensystem, dem die Einzelbildfelder
unterworfen werden, prŠpariert die Sakkaden-Diagramm-Achsen
heraus und verdeutlicht damit die "Ordnung des Blicks". Diese ist
durch eine Vorordnung beim Drehen mit der Kamera als "Regie der
BlickfŸhrung" entstanden oder am Schneidetisch ins Material
eingearbeitet worden.
Selbstredend lassen sich die Fixpunkte zweier angrenzender
Einstellungen immer zu einer Achse verbinden. Ob diese imaginŠre
Sprunglinie, die das Auge (von den Filmbildern angestiftet) quasi
grob nachzeichnet, jedoch beliebig ausgerichtet oder einem
horizontalen, vertikalen Ordnungssystem angepa§t wurde, ist
fŸr den Effekt der Schnittverbindung durchaus von
Einflu§.
Das Nacheinander wird in's Zueinander ŸberfŸhrt. Die
Abfolge wird getestet, ob Ÿbergreifende visuelle Zuordnung
mšglich ist.
Wahrnehmungspsychologisch kann das vielleicht auf unsere menschliche
Situierung im Wahrnehmungsraum bezogen werden. Das uns Sichtbare ist
in alltŠglicher Wahrnehmung geerdet, ihm eignet ein Horizont.
Erst in diesem stabilisierten Rahmen, fundiert durch
leibliche-situative Verankerung, turnt unser neugieriger Blick. Das
Sichtbare der Filmbilder bedarf vermutlich einer sekundŠren
Stabilisierung, gerade weil die Kamera ihre technischen Bilder so
bodenlos und so beliebig zu filmen vermag. Die "wild cuts" der
Experimentalfilme erzŠhlen hiervon.
Methode drei: Erkundende Split-Screen-Methode /
Korrespondenz
Mit der Split-Sreen-Methode kšnnen bei disgruenten
Schnittverbindungen vor allem Spiegel- und Achsensymmetrien ermittelt
werden. Es wird mšglich, zwischen Korrespondenz und Koordination
zu unterscheiden. Die fŸr die zukŸnftige oder bereits
realisierte Schnittstelle relevanten Photogramme werden
benachbart.
Fast alle Videoschnittanlagen, jedoch nur wenige Filmschneidetische
verfŸgen Ÿber zwei Monitore. Man behilft sich dort damit,
die Bilder in der Vorstellung "seriell in die FlŠche zu
verlagern", so, wie man es von den Fotoserien aus den Fotoautomaten
kennt. Wenn die Cutter(innen) mit ihren Fettstiften Gesten links oder
rechts vom Schneidetischmonitor machen - dort wo nichts als
Dunkelheit und Luft ist - und sie die Bewegungen der Monitorbilder
ins ImaginŠre verlŠngern, dann kann man sicher sein: gerade
wird in der Vorstellung diese Methode angewandt.
Das Einzelbild wird so zum Element eines neuen (virtuellen)
Gesamtbilds. Es entstehen piktorale Beziehungen auf einer
horizontalen, vertikalen und - nicht zu vergessen - diagonalen Achse.
(Z.B. gilt das fŸr Blicke aus einer Einstellung von oben- links
nach unten-rechts in eine Folgeeinstellung von unten-rechts aus nach
oben-links erwidert wird.)
Diese Art der seriellen, benachbarten Anordnung, der Beiordnung ist
einem von MultivisionswŠnden oder aus Filmen, die mit
Split-Screen arbeiten, her bekannt.
Die Abfolge wird durch eine nicht-Ÿberlagernde, vielmehr durch
eine serielle, koexistente Beiordnung ersetzt. Sind Spiegelsymmetrien
vorhanden, handelt es sich um korrespondierende Konjunktoren.
Ich wŸrde diese Testmethode - mit einigen Vorbehalten -
wahrnehmungspsychologisch so interpretieren: hier wird vermutlich die
FŠhigkeit unserer visuellen Wahrnehmung nachvollzogen,
verschiedene Blicke, also sukzessiv fovealisierte Ansichten, zu einer
koexistenten Situationswahrnehmung integrieren zu kšnnen.
Disgruente filmische Konjunktoren bedingen beim Filmzuschauer einen
Sakkadensprung. Ermittelte, beiden Einstellungspartien gemeinsame
Symmetrieeigenschaften - mit denen z.B.
Schu§-Gegenschu§-Einstellungsfolgen, aber auch
BewegungsablŠufe beim Schnitt Ÿber die Bildkante gebaut
werden, fšrdern die perzeptive Integration an den
Schnittstellen.
Beim verbleibenden Rest mu§ es sich um koordinierte disgruente
Cuts handeln. Die Fixpunkte haben dann lediglich einen Horizont oder
eine Vertikale gemeinsam. Da Symmetrieeigenschaften fehlen, sind sie
jedoch nicht korrespondent.
Piktorale, sukzessive Muster: Systematisierung
Es geht bei diesem Differenzierungsproze§ nicht darum, durch
methodische Operationen eine starre Typologie zu erstellen; vielmehr
soll der Gegenstandsbereich - mšglichst eng an die
tatsŠchliche filmische Produktionspraxis orientiert -
nachvollziehbar erfa§t werden. In der Produktionspraxis findet
man das Repertoire der - oft subdominanten - Blickregie vor. In der
Blickmotorik des Filmzuschauer findet sich dessen Entsprechung.
Wendet man die einzelnen Erkundungsmethoden auf die Bildfeldumgebung
von Schnittstellen an, kšnnen bei jedem einzelnen Durchgang
verschiedene Arten von Schnittverbindungen herausgefiltert werden.
Die Skizze stellt das dar.
Abbildung: Erkundungsverfahren im Feinschnitt

Die damit verbundenen wahrnehmungspsychologischen Fragestellungen
mŸssen hier ausgelassen werden. Es ist klar, da§ z.B. die
Bestimmung "disgruent" zu unprŠzise ist, um anzugeben, wann
disgruente Bildpunkte noch stationŠr, wann sukzessiv, wann
bereits saltatorisch erscheinen. Es sind PhŠnomene wie
off-Signal, Sakkadensuppression, form(un)abhŠngige
Filtereigenschaften an Schnittstellen zu untersuchen.
Auf Schnitt drehen
Der PraxisnŠhe entsprechend kann letztlich jeder hier
dargestellten Schnittverbindung eine Handlungsanweisung fŸr die
Arbeit am Drehort oder im Schneideraum gegenŸber gestellt
werden.
Filmschaffenden sind sie als Regeln der "Continuity" und des
"Bildanschlusses" wohlvertraut. Sie wissen, was damit gemeint ist,
weil sie nach diesen Prinzipien schon lange arbeiten, wenngleich es
oftmals an prŠgnanten sprachlichen VerstŠndigungen mangelt
und deshalb beim Drehen oft umstŠndliche Umschreibungen
notwendig werden.
Drehen auf Schnitt bedeutet z.B.:
- Kongruente BildanfŠnge und -auslŠufe aufnehmen
- Disgruente, aber koordinierte
BildanfŠnge und -enden drehen
- Korrespondierende
AnschlŸsse vorsehen
Solche Anweisung lassen sich selbstredend auch fŸr die Arbeit
des Feinschnitts formulieren.
Befunde
Die Ergebnisse der Materialerkundungen kann man knapp umrei§en:
Disgruente und kongruente Konjunktoren lassen sich durch die
†berdeckmethode unterscheiden. Bei disgruenten
Einstellungsverbindungen kšnnen die jeweiligen Fixierpunkte
nicht Ÿberlagert werden, bei kongruenten liegen sie in den
verschiedenen Bildern in deckungsgleichen Bildzonen.
Disgruente BildanschlŸsse kšnnen regulŠr sein: dann
liegt der entsprechende Bildschwerpunkt im anderen frame zwar nicht
an deckungsgleicher Stelle, aber auf der vergleichbaren Senkrechten
oder der vergleichbaren Horizontalen. Man erkennt das, wenn man sich
ein - den Bilder Ÿbergelegtes - Raster vorstellt.
BildanschlŸsse, die keinem dieser braven Ordnungsprinzipien
entsprechen, sollen disparate Schnittverbindungen genannt werden.
Videoclips, Experimental-, AnfŠngerfilme und manche Filmtrailer
zeugen davon, da§ die Darstellung mit Filmbildern auch
ungeordnet sein kann. Es bestehen ordnende, an unsere Wahrnehmung
gebundene Darstellungskonventionen und filmisch- handwerkliche
Ausdrucksformen; zwingend sind sie nicht.
Es gibt einige regulŠre BildanschlŸsse, die korrespondent
gestaltet sind: die beiden Photogramme verhalten sich
spiegelsymmetrisch zueinander. Das bedeutet, da§ die
EinstellungsauslŠufe und -anlŠufe sich in ihrer grafischen
Gestaltung gegensŠtzlich, gegenlŠufig aufeinander
beziehen.
Ist also etwas im Einstellungsauslauf am linken-oberen Bildrand zu
sehen, so korrespondiert es in der Folgeeinstellung mit einem
Bildelement am rechten-unteren Bildrand. Befindet sich ein
Bildelement im einen Photogramm rechts von der Mitte, dann wird es
durch ein Bildelement links von der Mitte erwidert.
Es kann aber auch lediglich Koordination zwischen den End- und
Anfangszonen der Einstellungen bestehen: dann bewegen sich die
Bildschwerpunkte auf einer gemeinsamen Achse, ohne da§
SymmetrieverhŠltnisse vorliegen.
Anreicherung: Konkrete Konjunktoren
Die Untersuchung der Detektion sukzessiver, piktoraler Muster
lЧt einen zu zwar Ÿbersichtlichen, doch kargen
Abstraktionen gelangen. Die ihnen entsprechenden Filme kšnnten
tatsŠchlich aus einigen Punkten und einigen bewegten Vierecken
bestehen.
Von dieser Steppe der Abstraktion mu§ nun wieder der Weg
zurŸck in die offene Landschaft gefunden werden. Entsprechend
gilt es, zu tragfŠhigeren, weiteren, reicheren Begriffen zu
kommen, damit sie sich Ÿberhaupt auf die an Konkretion prallen
Filmbilder beziehen kšnnen. Die Begriffe sind zu
rekonkretisieren und zu amplifizieren.
Eine †bersicht zum Schlu§ des Texts soll das Ziel
andeuten. Der Weg dorthin bleibt drau§en vor. Aber man kann
erkennen, wie ich vorzugehen vorschlage: der konkrete Bildinhalt wird
auf hšheren Niveaus schrittweise in die Theorie
eingefŠdelt.
Jetzt wird es tatsŠchlich bedeutsam, ob Einstellungsfolgen das
Motiv auswechseln und Neues zeigen, oder ob sie das zuvor Gesehene
nur variieren. Die gegenstŠndliche Identifizierung wird
thematisiert. Die Scheidung zwischen "teilidentischen" und "nicht
identischen" Motiven deckt sich mit der Trennung in
"Ÿberlappende" und "nicht Ÿberlappende" Cuts. Sogenannte
"Cutaways", "Korrespondenzschnitte" (z.B. dem Muster
Schu§-Gegenschu§ verpflichtete Blickschnitte) wechseln
das Motiv. Heran-, Weg-, Umschnitte und die meisten "Schnitte
Ÿber die Bildkante" hingegen halten am alten Motiv fest. Auf
nŠchst hšherem Niveau findet Eingang, ob das Gesehene
bewegt oder stationŠr ist. Abschlie§end wird die
perspektivisch-spatiale Darstellung und Orientierung
berŸcksichtigt.