Montagearbeit
Gerhard Schumm
Das Schreiben und das Montieren
Das las ich im letzten Jahr im Flyer von "film+", dem Forum
für Montagekunst in Köln: "Gerade den Textproduzenten
sollte der Montageprozess vertrautes Terrain sein: denn was ist
Schreiben anderes als das Montieren von Worten, als Assoziieren und
Konstruieren? Warum aber lassen Filmkritiker die Montage in ihren
Texten aus? Warum wird von ihnen so wenig darüber
geschrieben?"
Der Gedanke gefiel mir von Beginn an. Als ich das las, nahm ich mir
vor, ihn weiterzuverfolgen. Im Vorwort seines Buch "Die Kunst der
Filmschnitts - Gespräche mit Walter Murch" stieß ich bei
Michael Ondaatje auf ähnliche Überlegungen. Ondaatje zieht
dort eine Parallele zwischen der Verfertigung eigener Texte und der
filmischen Montagearbeit: "Als Schriftsteller habe ich entdeckt,
daß ich in den letzten zwei Jahren der Arbeit an einem Buch nur
noch redigiere. (...). Ich habe zwei Dokumentarfilme gedreht, und
auch meine belletristischen Arbeiten folgen meist diesem
strukturellen Prozeß: ein paar Monate drehen oder schreiben und
dann den Inhalt in eine neue Form bringen, bis er fast eine andere
Geschichte ist. Ich bewege die Dinge hin und her, bis sie scharf und
klar werden und am richtigen Platz stehen. An diesem Punkt entdecke
ich auch die wahre Stimme und Struktur des Werks. Als ich meinen
ersten Dokumentarfilm schnitt, begriff ich, daß hier die
wahre Kunst einsetzt. Als ich Walter Murch während (...) der
Arbeit zusah, begriff ich, das dies die Stufe des Filmemachens
ist, die der Kunst des Schreibens am nächsten kommt."
Das leuchtete mir ein, zumal Ondaatje beim Vergleich zwischen
Schreiben und Montieren ein Feintuning vornimmt. Er bezieht das
Montieren nicht auf den Prozeß des Schreibens insgesamt. Er
bringt die Arbeit des Filmeditors lediglich in die Nähe zum
Lektorieren und Redigieren von Texten. Er setzt das Filmediting in
Beziehung zum abschließenden Prozeß der
Textüberarberarbeitung. Was ist das spezfisch Gemeinsame beider
Arbeitsprozesse? Beide arbeiten an linearen Ketten: Ketten aus
Buchstaben, Ketten aus Bildern und Tönen. Zufällig fand ich
diese Abbildung - es ist ein Korrekturmanuskript von Honoré de
Balzac - im Web:

Balzac überarbeitet den eigenen Text. In schon bestehende Wort-
und Satzketten fügt er neue Textteile ein. Er streicht
bestehende Texteile. Er tauscht Textteile aus. Und er verschiebt sie,
platziert sie an anderer Stelle. Die Abbildung ist der
Schnappschuß eines Transformationsprozesses. Als Editorin, als
Editor muß man, wenn man das sieht, grinsen: es ist pure Freude
des Wiedererkennens. Die Verfahrensweise der Montage springt einem
förmlich entgegen. Man sieht einen stillgestellten Moment aus
dem Montageprozess. Der Rohttext ist als gedruckter Textblock bereits
vorhanden, liegt in erster Abfolge, sozusagen in einer ersten
Montagevariante, vor. Und über und neben diesem Schriftblock
ruht ein handschriftlicher Textlayer. Er ist Arbeitsplan,
Montageplan: Änderungsanweisungen sowie neu ausgewähltes
Material sind um und über die erste Version gekritzelt. Es
handelt sich um eine Textrevision zur Erstellung einer neuen,
eventuell endgültigen Textvariante. Ein Autor, der seine
Sätze bereits an Land gezogen hat, redigiert bzw. editiert hier
seinen eigenen Text. Er verhält sich gegenüber seinem Text
als Lektor. Das heißt wörtlich: er liest ihn. Er liest
seinen eigenen Text mit neuen, fremden Augen und Sinnen. Das ist
Editing: Mit fremden Augen lesen.
Und die Kritzeleien von Honoré de Balzac enthalten
tatsächlich alles, was auch den filmischen Montageprozeß
im Kern ausmacht. Montage definiert sich durch Auswählen und
Anordnen. Im Detail bestehen die Materialauswahl- und
Anordnungsprozesse - bei ein wenig Vereinfachung - aus sechs
elementaren Prozeduren, nämlich aus Hinzufügungen und
Streichungen am Kettenende (Verketten und Entketten), aus
Einfügungen und Tilgungen, aus Ersetzungen und Versetzungen
innerhalb der Ketten. Oder spröder ausgedrückt: Montage
untersucht, variiert und strukturiert die Form und den Sinn des
Materials mittels Assemblierung, Dissassemblierung, Insertierung,
Eliminierung, Substitution und Permutation.
Um diese Erkundungs- und Strukturierungsmethoden realisieren zu
können, benötigt man entsprechende Montagewerkzeuge. Bei
Schnittcomputern besitzen diese Tools jeweils firmeneigene
Bezeichnungen, meinen aber gleiches. Am digitalen Schnittsystem Avid
zum Beispiel entspricht dem "Anfügen" (bzw.
"Überschreiben") das Tool "Overwrite". Mit "Lift" wird diese
Prozedur rückgängig gemacht. Dem "Einfügen" entspricht
das "Splice-In". Der zum "Splice-In" komplentären Funktion, der
"Tilgung", also dem "Herausnehmen", entspricht am Avid das "Extract",
dem "Ersetzen" das "Replace" und dem "Versetzen" der "Segmentmode:
Extract-Splice In".
Die gleichen Werkzeuge zur Handhabung von (Sinn-)Ketten, findet man
auch als Mittel zur Überarbeitung von Texten wieder. Balsac
kritzelte damals munter in seinem Text herum. LektorInnen verwenden
heute Textkorrekturzeichen, die lustigerweise sogar DIN-Normen (DIN
16511) und internationale Normen (ISO-5776) sind. Beide Normen
bedienen sich verschiedener Icons. Doch hinter den Zeichen stecken
gleiche Funktionen (Addition, Insert, Delete, Substitute, Transpose).
Zum Vergleich stelle ich die DIN-Textkorrekturzeichen neben die Icons
für die Montagetools der beiden wichtigsten
Computerschnittprogramme (Avid und Final Cut). Zeichen für
kleinere, "kosmetische" Textänderungen wie typographische und
orthographische Korrekturen habe ich weggelassen.

Wie aber arbeitet man nun mit diesen Montagetools, die sich bei der
Text- und der Montagearbeit derart verblüffend entsprechen? Es
wäre falsch, allgemeingültige Antworten zu erwarten und
finden zu wollen. Jeder - vor allem jeder künstlerische - Text
und jeder - vor allem künstlerische - Film ist anders. Die
Sehnsucht nach griffigen, übersichtlichen, eindeutigen Rezepten
und Regeln muß unerwidert bleiben.
Auch die Verfertigung von Schriftexten wird - sobald man oberhalb der
Ebene des Satzes mit seiner festgelegten Syntax arbeitet - nicht von
festen Regeln gesteuert, sondern von erspürten und durchdachten
Plänen und Absichten. Man versucht erst einmal, einen Text
aufzubauen, dann überprüft man ihn, liest ihn immer wieder,
revidiert ihn, baut ihn um. Irgendwann beendet man diese Arbeit. Weil
sie das, was man vorhat, einlöst oder ihm zumindest sehr nahe
kommt oder weil es einfach nur an der Zeit ist, den Prozeß nun
abzuschließen.

Gleiches gilt für die Montage: auch sie erforscht, erkundet das
Material, entwickelt am Material einen Montageplan und versucht,
diesem entstehenden Plan, dieser Idee durch eine bestimmte
Materialabfolge gerecht zu werden. Wenn ich montiere, versuche ich,
durch Auswahl und Anordnung herauszuarbeiten, was das Material mir
sagt, was ich empfinde und denke. Und ich überlege, wie ich
meine Entdeckungen anderen Menschen mitteilen kann. Ich
überprüfe das bereits Montierte immmer und immer wieder
durch erneutes Sehen und Hören. Ich variiere die Abfolge,
runzele dabei möglicherweise die Stirn, bin nicht richtig
zufrieden, variiere weiter. Oder mir gelingt eine Montagelösung
und ich entscheide mich für sie. Alle diese Materialerkundungen
geschehen, indem ich die Kette aus Bildern und Tönen
verlängere oder kürze, indem ich Material aus der
Einstellungskette herausnehme oder Material einbaue, Material an eine
andere Stelle platziere oder das eine Material durch anderes
ersetze.
Solche auslotende Materiartikulation ist kein wüstes
Herumgestocher. Ein wildes trial and error ist sie nicht.
Genausowenig aber ist es ein Ausführen von Vorschriften und
Vorgeschriebenem. Zum Beispiel ist das Drehbuch bei Spielfilmen
durchaus kein Montagebauplan. Es ist - daher sein Name - ein Konzept
für Dreharbeiten. Für die Montage stellt es einen
filmischen Rohentwurf, eine Ideenskizze dar. Auch gibt es keine
Montageregeln, die einem die Suche abnehmen könnten. Dieses
montierende Entwerfen und Verwerfen ist ein materialgebundenes,
gerichtetes Probehandeln.
Montagearbeit ist eine von Erkenntnissen, Ideen, Wünschen,
Absichten, Präferenzen gesteuerte materialgebundene Suche.
Montieren ist in der Tat ein erstaunlich offenes, flexibles,
plastisches Artikulationsverfahren. Daher hilft für die
Entwicklung einer adäquaten Montagetheorie - nebenbei gesagt -
die Anlehnung an eine normative Regelsyntax wenig. Eher eignet sich
die Auseinandersetzung mit der Textlinguistik und Texttheorie, denn
dort wird untersucht, wie Texte entstehen.
Montagevarianten und Montageprozeduren
Im Gepäck dieser Forschungs- und Entdeckungsreise der Montage
hat man vor allem die Montagetools: sie helfen einem, das Material
methodisch - sowohl was seine Form als auch seine Bedeutungsseite
betrifft - zu befragen.
Die Montagetools dienen einerseits zur Materialhandhabung. Aber damit
verbunden liefern die Montagetools zugleich die Methoden der
emotionalen und rationalen Erkenntnisgewinnung. Mithilfe der Tools
realisiert man eine Materialabfolge. Doch sobald man spürt, dass
etwas noch nicht stimmig ist, erstellt man Montagevarianten.
Die Varianten werden einem Vergleich unterzogen: welche (formalen und
inhaltlichen) Zusammenhänge werden in dieser Version, welche in
der anderen deutlicher? Welche Montageversion weist an dieser genauen
Stelle größere Trennschärfe, mehr Differenzierung
auf? Welche Version hilft, Unzusammenhängendes voneinander
abzusetzen? Welches variierte Montagestück dient der
Thematisierung, der Spezifizierung des Themas, welches der
thematischen Generalisierung, welches dem Themenwechsel? Welche
Version erschließt sich beim einmaligen Sehen leichter? Welche
birgt mehr Geheimnis? Welche Variante hat an einer bestimmten Stelle
den größeren Drive? Welche schenkt einem beim Zuschauen
eine Atempause? Welche Version besitzt stärkere Kontraste und
mehr Impulse? Welche Version enthält ein sanftes Gleiten
zwischen den Einstellungen? Es gibt hier unendlich viele Fragen, die
man sie sich beim Variantenvergleich stellt. Die Fragen hängen
jeweils von den Montagepräferenzen, die eine Editorin an das
Material heranträgt und die das Material ihr zuspielt, ab. Jedes
Material will auf seine eigene Art montiert werden und jeder
Montierende findet dabei den eigenen Weg. (Übrigens: der auf
Kontinuität abgestellte, sogenannte "unsichtbare Schnitt" ist
ebenfalls eine derartige Montagepräferenz. Sie hat zur Maxime,
dass der Erhalt der Storyfiktion, das Aufrechterhalten von Spannung
und Emotion Vorrang haben sollen. Aber diese Montagepräferenz
ist tatsächlich nur eine einzige unter unüberschaubar
vielen.)
Das Montagewerkzeug ermöglicht also austestendes Probehandeln.
Die Eliminierung wird so zur "Weglassprobe". Die Insertierung zur
"Einsetzprobe", die Substitution zur "Ersetzungsprobe", die
Permutation zur "Verschiebeprobe".
Die Verschiebeprobe dient hauptseitig dazu, die
stimmige Platzierung in der Sukzession des Materials auszuloten.
Bedeutung und Formwirkungen eines Materialsegments besitzen
Mehrdeutigkeit und sind kontextabhängig. Sie erhalten andere
Bedeutungseinfärbungen und Anmutungen, abhängig vom
jeweiligen Zusammenhang in dem sie stehen. Material wird aber nicht
nur durch den Kontext eingefärbt. Es ist auch kontextstiftend
und strahlt inbesondere an das nachfolgende Material ab. Das
Nachfolgende wird durch das vorausgestellte Material formal und
inhaltlich vorbereitet, thematisiert, gefiltert, eingeengt, geweitet
oder vom Vorhergehenden abgesetzt. Permutation ermöglicht die
Veränderung von Kontexten und als Verschiebeprobe stellt sie
einen Test auf Kontexte dar.
Dies hier ist ein Diagramm, in dem ich die Montage-Transformationen
eines zwölf Minuten langen Dokumentarfilms protokolliert habe.
Es ist die abstrakte Darstellung dessen, was in der Montage in grober
Näherung geschehen ist. In die oberste Zeile habe ich
dieTimeline der ersten, aus achtzehn Einstellungen bestehenden
Montageversion kopiert. Die unterste Zeile zeigt die Timeline der
endgültigen, im Fernsehen gesendeten Filmversion, die neunzehn
Einstellungen enthält. Die Grafik zeigt nur den Beginn und das
Ende des Montageprozesses. Sie enthält nicht dessen viele
Zwischenstufen. Zwischen den beiden Timelines habe ich Linien
gezogen, die wie Strippen gespannt sind. An ihnen kann man die
Permutationen nachverfolgen.

Zwischen der Entstehung der beiden Timelines liegen 14 intensive Tage
Montagearbeit. Das sind Tage, in denen man das Material und seine
sequenzielle Platzierung immer wieder durcharbeitet. Und in denen man
nachdenkt, nachsinnt, aufspürt und erörtert, was im
Material enthalten und verborgen ist. Es geht darum, das eigene
Interesse am Material zu klären und der eigenen Weltsicht auf
das Material Ausdruck zu verleihen. Schrittweise nähert man sich
durch Verschiebeproben und den Vorher-Nacher-Vergleich von
Montagevarianten einer stimmigen Materialanordnung und einer
montagespezifische Ausformulierung des Materials an.
Materialsegmente, die zum Beispiel im oben erwähnten Film
anfangs am Kettenende platziert waren, sind im Verlauf der
Montagearbeit weit nach vorn in das öffnende, das eingroovende
"Vorfeld" des Films verschoben worden. Die ursprünglichen
Anfangseinstellungen wurden später in die Mitte des Films
gesetzt. Und das, was in der ersten Montageversion im Zentrum, im
filmischen Mittelfeld stand, wanderte in das ausklingende Nachfeld
des Films. In dieser Grafik fällt übrigens auf, dass bei
diesen Permutationen oft die benachbarte Einstellungen als Tandem
oder im 3er-Pack an ihre spätere Position shifteten.
Offensichtlich hatte sich diese Einstellungen schon in der
allerersten Montageversion so sehr aus inhaltlichen oder formalen
Gründen miteinander befreundet, dass sie konstituierende feste
Konnexe ausbildeten, die bei den Verschiebeproben nicht mehr getrennt
werden wollten.
Mit den Montagewerkzeugen der Assemblierung /
Disassemblierung wird - kurzgefasst - die Einstellungskette
auf Basis einer ersten Montageidee aufgebaut. Das anfangs zu
nonlinearen Segmenten getrennte Material wird dadurch sequenziert. Es
wird in das Nadelöhr der linearen Einstellungskette
eingefädelt. Bilder und Töne werden im Overwrite-Modus
sozusagen in eine einzige Filmzeile geschrieben bzw. über
anderes Material drübergeschrieben. Der Lift-Modus
ermöglicht die Korrektur des Vorgangs.
Mit Hilfe der Einsetzprobe wird ausgelotet, ob
bisher nicht verwendetes Material in die Kette zusätzlich
eingefügt werden sollte. In der Grafik erkennt man in der
unteren Timeline des fertigen Films eine neu eingesetzte Einstellung.
Ich habe sie mit einem Pfeil markiert. Das insertierte Material wurde
nicht aus der alten Montageversion bezogen. Es wurde in den
Filmresten aufgestöbert. Beim Sichten wird vermutlich ein Mangel
spürbar gewesen sein. Ein (inhaltliches, emotionales oder
formales) Moment der filmischen Formulierung fehlte. Man hatte in den
Resten gesucht, hatte das Material probeweise in die Kette
eingefügt. Man hatte sich durch Vergleich vergewissert, ob die
alte oder die neue Version der Montageidee näher käme.
Insertierung ermöglicht die Ergänzung vorhandener Kontexte.
Als Einsetzprobe erlaubt sie es, zu sondieren, ob die Einfügung
ein wirklicher Gewinn für die Artikulation des Materials
ist.
Die Weglassprobe arbeitet mit Kürzungen.
Kürzen ist normalerweise ein überaus zentraler Aspekt der
Montagearbeit. Bei dem oben in der Grafik erwähnten Film hatte
mich übrigens anfangs sehr überrascht, dass überhaupt
nicht gekürzt wurde. Es lag an der geringen Menge des
Ausgangsmaterials, dass die Gesamtdauer dieses Films während der
Montagearbeit fast unverändert gelassen werden mußte.
In der Regel startet man beim Montieren mit längeren
Montageversionen und verdichtet, strafft, konzentriert sie
schrittweise. Mit Hilfe der Weglasseprobe entfernt man
Materialsegmente, von denen man annimmt, dass sie verzichtbar sind,
weil sie einem z.B. als zu redundand, zu abschweifend, formal
unpassend, formal oder inhaltlich zu aussageschwach erscheinen. Die
gekürzte Version überprüft man nun daraufhin, ob sie
verglichen mit der Vorgängerversion grössere
Intensität aufweist und ob die gekürzte Version
Tragfähigkeit besitzt. Gerade eine mit Auslassungen,
Lücken, Ellipsen arbeitende Montagefolge besitzt oft
grössere Dichte. hat doch der Zuschauende nun die
Möglichkeit, sich den Zusammenhang an Schnittstellen durch sog.
"Inferenzen", das sind unbewußte Schlußfolgerungen,
selber zu erschließen. Oft jedoch erspürt und begreift man
erst nach einer Tilgung den inhaltlichen und formalen Reichtum des
eliminierten Segments. Es fehlt einem einfach. Es muß wieder
rein.
Die Ersetzungsprobe hilft beim Montieren, an
einer einzelnen Stelle des Films ein Materialsegment mit einem
anderen zu ersetzen und durch Vergleich deren beider formale oder
inhaltliche Spezifik und ihr Zusammenspiel zu erfassen. Man bindet in
den selben Kontext mal das eine Materialsegment und mal das andere
ein. Man studiert dabei, wie sich der Kontext auf das jeweilige
Segment auswirkt und das Segment jeweils den Kontext
einfärbt.
Nicht sämtliche mögliche Montageproben auf dem Weg zum
endgültig montierten Film werden tatsächlich am Material
durchgeführt und durch Anschauung geprüft. Viele
Umstellungen, Kürzungen, Einfügungen spielt man nur in der
Vorstellung durch und stellt sich die dadurch enstehenden
Veränderungen vor. Erahnt man schon im Voraus, dass die
Montageidee wohl nicht sonderlich gut sein wird, belässt man es
beim Montieren im Kopf.
Und was ist von all diesen Montageprozeduren am Ende im fertigen Film
später für einen Zuschauenden erkennbar? Nichts. Ganz und
gar nichts. Der montierte Film besitzt zwar eine Struktur, die man
erkennen kann. Doch wie sie entstanden ist, welchen Weg das
Strukturieren dabei genommen hat, das entzieht sich einem.
Aber wer diesen Text, den ich gerade hier schreibe, am Ende gedruckt
liest, wird ihm ebenfalls nicht ablesen können, mit welchen Um-
und Überarbeitungsprozeduren ich ihn überarbeitet habe. Die
Printversion ist die letzte Variante eines Textes, sozusagen dessen
Final Cut. Doch während des Redigierens, da ist man der
Filmmontage ganz, ganz nahe. Ja, das stimmt: daran könnte man
denken, wenn man gerade eine Filmkritik schreibt.
Anmerkung
Ondaatje, Michael (2002) Die Kunst der Filmschnitts - Gespräche
mit Walter Murch. München / Wien: Hanser Verlag. S. XX (=
Vorwort S. 20).