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Zum Fotofilm (Nostalgia) von
Hollis Frampton
Gerhard Schumm
Lieber Guszt‡v,
Du hattest mit mir Ÿber Fotofilme gesprochen, Ÿber
Filmreihen, die Katja Pratschke und Du veranstalten. Ich hatte Dir
von Fotofilmen erzŠhlt, die ich frŸher gemacht hatte. Auf
Fotofilm war ich gekommen, weil ich Filmarbeit liebte und liebe -
doch den Organisationszirkus freiberuflicher Filmherstellung nicht
immer nur lustig fand. Da war es zum Atemholen einfach sehr, sehr
schšn, Ballast abwerfen zu kšnnen.
FŸr Fotofilme greifst du dir deinen Fotoapparat. Und schaust
durch den Sucher und suchst. Und du guckst, ob es dir etwas zu sagen
hat, was du siehst und wie du es siehst. FŸr Fotofilme, da
nimmst du dein TongerŠt, setzt die Kopfhšrer auf und
lauschst, was die Tšne dir sagen wollen.
Du schaust. Du hšrst. So etwas Schšnes. So was Einfaches.
So selten beim Filmemachen: du schaust wirklich hin, hšrst
wirklich hin. Du hast die Chance, zu dir zu kommen und zu dem, was
wichtig ist und dir wichtig ist.
Das ist eine der besten Voraussetzungen dafŸr, da§
mšglicherweise ein Film entstehen kann, den du und andere am
Ende auch sehen und hšren wollen.
Beim billigen, armen Fotofilm, lebst du in purem Luxus: es sind nicht
unendlich viele Bilder, nicht 100 Stunden mal 60 Minuten mal 60
Sekunden mal 25 Frames, es sind nicht 9 Millionen Bilder, die du
bearbeitest. Es sind Ÿberschaubar viele Fotos.
Bilder, die du an die Wand pinnen und von denen du trŠumen
kannst.
Der Mensch hat einen kugelrunden Kopf. Da sind unter anderem zwei
Augen und zwei Ohren dran. Es ist viel LŠrm, akustischer und
visueller LŠrm, der in den Kopf hineindrŠngt. Der Kopf ist
dafŸr oft nicht gro§ genug. Bei der Filmarbeit spŸrt
man das. Nicht nur der Magen, auch der Kopf hat begrenzte
KapazitŠt. Auch er kann Ÿberdehnt werden. Der Hit, wenn du
einen Fotofilm machst, ist: du kannst dein gesamtes
Fassungsvermšgen auf das Hšren und ganz auf das Sehen
einstellen.
Tonnenschweren Ballast schŸttelst du ab: Stative,
Fernsehredaktionen, Scheinwerfer, Kalkulationen, BankauszŸge,
Schleimspuren, Kreditaufnahmen, Dispos, LkW-Miete, Teamkonflikte. Du
greifst ganz einfach so wie ein Musiker zu zwei Instrumenten und
legst los. Das hat was.
Wir haben Ÿber Fotofilme geredet, Ÿber den Film von Carlos
Bustamante und den von AgnŽs Varda. Und dann ist die S-Bahn
gekommen und ich mu§te einsteigen.
Die S-Bahn schleift einen, wenn man
von der Filmhochschule kommt, am Griebnitzsee mit den Villen links
und den Lauben rechts vorbei und man sieht Seen und schšn
blŸhende Obstwiesen. Ich schaute zum Fenster raus.
Mit einem Mal tauchte in meiner inneren Kinemathek ein Film auf, an
den ich ewig nicht mehr gedacht hatte und er zuppelte und ruckelte in
mir herum. "An einen Film denken" stimmt ja nicht so ganz. "Denken"
ist falsch. Ich hatte ein GefŸhl von einem und fŸr einen
Fotofilm. Fast wŠr der mir verloren gegangen. Ein Film, der
fŸr mich damals ziemlich verwirrend war. Den ich aber als ein
wunderbar irriterendes Schweben in Erinnerung hatte. Ich erinnerte
mich an ein permanentes Auftauchen und Abtauchen von Bildern. An
Ankunft und Verlust. An Trennung und Bindung.
Drollig, wie wenig Details mir einfielen. Ich erinnerte den
gleichfšrmigen Rhythmus und die Struktur des Films. Ich
erinnerte mich an die damalige Wirkung der Montage auf mich. Und
deshalb schreibe ich das dir hier auf.
Innerer Film
In meinem inneren Film war ein merkwŸrdiges technisches Ding
zu sehen. Erst nach ein paar Minuten wurde mir deutlich, was ich da
auf der Leinwand sah: eine Kochplatte - bildfŸllend von oben.
Eine verdammt veraltete Kochplatte: es lagerten glŸhende
StromdrŠhte spiralfšrmig in einer Keramikmasse. Und dann
wurde ein Foto gezeigt. Man konnte sich das Foto eine Weile ansehen.
Dann schmurgelte das Foto so langsam-langsam weg. Die Heizplatte war
angestellt worden. Das Foto wurde dunkler und dunkler und zog sich
knispelig und knautschig und beleidigt zusammen, Es wšlbte,
windete, es wehrte sich .... und es zerfiel ...
Es zerfiel. Es wurde schwarz. Und mit einem Schlag war das
nŠchste Foto da, wurde frontal vor die Kamera und mir vor die
Nase gehalten. Die Fotos waren als Fotos vollstŠndig erkennbar.
Man sah auch ihre PapierrŠnder. Der Film scheint mir einer der
wenigen Fotofilme zu sein, der seine Bilder als flache, abgefilmte
Fotos herausstellt.
Die Bilder standen frei; ein jedes fŸr sich; interessant
unzusammenhŠngend. Doch
ihre gleichfšrmige metrische Andauer, die Wiederholungen des
prompten Bildbeginns und die Wiederkehr des schwelenden Ausklingens
gaben den isolierten Einzelbildern der Bildspur einen gemeinsamen
Duktus, eine strukturelle Bindung.
Viel knisternde Stille war zu hšren. Sie gab mir Zeit, um die
Fotos richtig anschauen und ihrem Verglimmen nachspŸren zu
kšnnen. Dabei entdeckte ich staunend: ich konnte die Fotos auch
dann noch sehen, wenn sie schon nicht mehr zu sehen waren.
In der Tonspur erzŠhlte au§erdem ein Mann etwas zu den
Fotos in einem fŸr mich merkwŸrdigen englischen Dialekt.
Der, der den Film gemacht hatte und dessen Name mir jetzt so gar
nicht einfallen will, schien direkt zu mir zu sprechen. Jahreszahlen
wurden genannt und auch wen und was man auf den Fotos sah. Der Ton
hŸllte die Fotos in die autobiografische ErzŠhlung eines
Fotografen ein.
Worte waren dem Film wichtig. Doch fŸr mich waren es nach einer
Weile zu viel Worte. Sie bezogen sich nicht immer oder vielleicht
auch fast nie auf das Bild, das man sah. Das Sehen und Hšren
wurde dadurch super kompliziert.
Ich dachte noch: Wow, der Film ist ja radikal asynchron!!! Das ist ja
interessant!!! Der Ton bezieht sich nicht direkt auf das, was ich
sehe. Der hat tektonische Verschiebungen ohne Ende. Dennoch: nach
einer Weile hatte ich mich ganz auf die Seite der Bilder geschlagen.
Ich hatte den TonempfŠnger in mir heruntergeregelt, die Tonspur
gemutet, die Ohren weggeklappt. Bilder und Ton zugleich: das war
fŸrs erste Mal zu viel. Da hšre ich ein anderes mal
hin.
Das Verbrennen hatte mich beeindruckt. Dieses zŠhe
Abschiednehmen von einem Bild. Diese herausgezšgerte filmische
Fermate. Dieses Versiegen einer Einstellung. Es war, als wŸrde
das Sichtbare sich selber aus der Welt verabschieden und
ausblenden.
Und die demonstrativ ausgestellte Zeit des Zeigens der Bilder gefiel
mir. Jede Einstellung war ein bewu§tes Zurschaustellen. Jemand
zeigte in diesem Film, da§ sie oder er grŸndlich
nachgedacht hatte, welches Bild ich mir wie lange ansehen soll.
Und nach dem Verbrennen - einfach Zack! - nŠchstes Foto. Der
schroffe Einsatz eines neuen Bilds, eines neuen Themas ganz ohne
Auftakt mitten ins Schwarz hinein. Selten nen Film gesehen, der so
klar und aufrichtig nur Bilder vorzeigte, ihnen eine Dauer schenkte
und die Bilder dann so unversšhnlich zum Verschwinden
brachte.
Montage ist eine wehmŸtige Angelegenheit, dachte ich mit einem
Mal.

Dieser Film war ein einziges Sich-Trennen. Der ganze Film eine
gro§e Schlu§geste. Schlu§ mit der Fotografie. Doch
zugleich: Ein Beginn der Filmarbeit. Und darin ja auch ein
HerŸberretten, ein Aufbewahren der Fotos im Film. Der ganze Film
war ein immer neu ansetzender, permanenter Anfang.
Der ganze Film und jede einzelne Schnittstelle zeigten
Trennungsarbeit und Neuanfang, Begr٤ung und
Abschiednehmen.
Filme, wie dieser, mit klarer Konstruktion, sind oft
Entdeckungsreisen, da sie filmische Grundlagenforschung sind. Sie
wollen, da§ man mitdenkt, nachdenkt und mitforscht. Man kann in
ihnen etwas aufspŸren, was in anderen Filmen oftmals zugestellt,
Ÿbertšnt oder an den Schnittstellen verklebt, zugeklebt,
Ÿberklebt ist. An meiner Wand hŠngt ein Zettel mit dem
Satz: "Das Ziel der Filmkunst ist die Erforschung der Eigenart der
Filmkunst selbst". Der Satz ist von Hollis Frampton.
Der Film brachte fŸr mich auf den Punkt, was fŸr einen
Zuschauer von der Montage Ÿberhaupt sichtbar wird. Vieles, was
Montagearbeit ausmacht, kann man - im Kino sitzend - nicht sehen und
kaum erahnen. Was die Montage ausgelassen und weggelassen, was sie
umgestellt und wie sie es umgestellt hat, das alles wird fŸr
einen Zuschauer nie sichtbar sein. SŠmtliche Auswahlprozesse und
alle Suchwege nach der stimmigen Materialanordnung bleiben auf der
Leinwand oder auf dem Bildschirm verborgen.
Doch die Arbeit der Montage als Zeit- und Materialregie kann man im
fertigen Werk ablesen. Das, was von der Montage sichtbar ist, gibt
dem Film und dem Material als Ganzem und in seinen Teilen einen
Beginn, gibt eine Dauer und setzt ein Ende. Das Sichtbare der
Montage, das ist: "In" - "Out" - "Duration".
Ich sa§ dort in meinem Kinosessel und eine fŸr mich als
Zuschauer unsichtbare Instanz hatte Kerben in das Material und dessen
Zeit geritzt. Sie hatte Ÿber die Anfangsgeste des Films, dieses
leichte Einschwingen mit einer Tonprobe und Ÿber die
Anfangsgesten einer jeden Einstellung entschieden. Sie hatte
bestimmt, da§ jedes neue Bild mit einem frohgemuten Sforzato
beginnen sollte. Sie hatte die PrŠsenz der Bilder ausgelotet und
entschieden, welche Dauer ihnen zu geben sei. Sie hatte die Bilder
jeweils in einem langgestreckten Diminuendo, einem
herausgezšgerten Decreszendo ausklingen lassen und das Filmende
in dichtes Schwarz getaucht.
Eigentlich spielt sie ein wunderbares Spiel, die Montage: ein Spiel
des Gebens, Belassens und Wegnehmens von Material und Zeit.
Mail
Ich verschickte ein paar Mails, um rauszufinden, welchen Film ich
da im Kopf hatte. Eine Stunde spŠter schon bekam ich die Antwort
von Madeleine Bernstorff, einer klugen Freundin. Sie scheibt: Wie
kšnnte der Film anders hei§en: <Nostalgia>. Und er
ist von Hollis Frampton, ist 36 min lang, ist aus dem Jahr 1971, ist
aus den USA.
Montage, sichtbar
Der Film
Ich habe eine Videokopie bekommen. Zum ersten Mal sehe ich den
Film wieder. Ich schaue ihn mir am Rechner an. Damals auf der
Leinwand war es fŸr mich ein ganz unbekannter Film. Mein
frŸherer Eindruck entsteht nicht noch einmal.
Nostalgia sieht jetzt ganz anders aus. Es fŠllt mir auch anderes
auf. Es ist fŸr mich immer noch ein Montagefilm. Doch die
Montage - vor allem die Montage der Ton-Bild-Beziehungen - ist viel,
viel vertrackter als ich sie in Erinnerung hatte. Und das Ganze kommt
mir verspielter, ironischer und gar nicht so wehmŸtig vor.
    
Filmpartitur
Filme, die mich interessieren, schaue ich zig mal an. Forschendes
Sichten lernt man beim Montieren. Jeder Schnittplatz ist so etwas wie
ein Labor fŸr Materialforschung. Man studiert, ergrŸndet,
untersucht, durchstšbert das Material. Man bildet
Forschungsreihen. Denn Roh- und Feinschnittvarianten sind
Forschungsreihen. Sobald ich einen Film genauer spŸren und
kennenlernen will, demontiere und remontiere ich ihn. Die dabei
erstellte Timeline ist eine Filmpartitur und ebenso hilfreich wie die
Partitur in der Musik.

Aus der Timeline lЧt sich ablesen, da§ die
Bildsegmente nahezu gleiche Dauer haben, die Tonsegmente jedoch
zeitlich variieren. Hollis Frampton hat fŸr die Bildebene eine
spezielle Art der Zeitmessung verwendet. Er hat jede Einstellung auf
jeweils einer 100 Feet Rolle 16 mm Schwarz-Wei§-Film
aufgenommen. Eine derartige 30,5 Meter-Rolle stellt einen
Zeitcontainer fŸr 2 Minuten und 45 Sekunden Filmzeit dar. Die
repetitive Zeitstruktur der Bildschicht lehnt sich an die
Konfektionierung des Materials an und greift deren Zeitvorgaben auf.
Dennoch wurden sŠmtliche Einstellungen in der Montage
feinjustiert. In der Timelineline lassen sich KŸrzungen zwischen
8 und 20 sec ablesen. Die Einstellungen sind durch 24 frames Schwarz
miteinander verbunden bzw. voneinander getrennt.
VerblŸfft lese ich in einem klugen Artikel im Internet,
da§ der Film 12 Standbilder zeigen wŸrde. Ich zŠhle
und zŠhle die Bilder und zweifle an meiner ZŠhlkunst. Nee,
so ist es nicht. Der Film besteht aus 13 Einstellungen. Dann finde
ich noch mehr Texte, in denen eine Einstellung irgendwie verloren
gegangen ist. MerkwŸrdig....
Der Tonschnitt umfa§t (neben dem Tontest im Vorspann) auch 13
Segmente. Den autobiografischen Text liest Michael Snow vor. Hollis
Frampton hat die ursprŸngliche Tonfassung mit seiner eigenen
Stimme verworfen. Er fand nicht nur das kanadische Idiom von Michael
Snow angemessener. Der von einem anderen gesprochene Ich-Kommentar
kennzeichnet auch die filmische Autobiografie deutlicher als
autobiografische Konstruktion und Konvention. Macdonald (1988)
S.62
Die Tonsegmente sind zum Bild semantisch asynchron montiert. Die
Tonspur wurde im VerhŠltnis zum Bild zeitlich nach vorne
versetzt. Sie erscheint in der Timeline als nach links geshiftet. Im
Ton wird also in der Regel nicht Ÿber das sichtbare, sondern
Ÿber das jeweils kommende Bild gesprochen.

Dadurch besteht zwar KohŠsion zwischen Ton und Bild in diesem
Film. Doch sie geht um die Ecke herum: sie greift - sobald man als
Zuschauer mit dem Verfahren des Films vertraut ist - auf das
zukŸnftige Bild aus. Die Texte gehen den Bildern voraus. Oder
umgekehrt ausgedrŸckt: die Bilder werden den Texten
nachgereicht. Ich schlage vor, solches Montageverfahren
"Diagonal-Montage" zu nennen.
Diese Montagekonstruktion bewirkt - zumindestens bei mir - einen
eigenartigen Effekt: man spŸrt, wie der eigene Kopf raucht,
Šchzt und knirscht. Der eigensinnige Kopf arbeitet sich am nicht
minder eigensinnigen Film ab. Eine Weile versucht man zumindest, das
versetzt montierte Material in innerer Montage zu remontieren und
lotet aus, ob Sichtbares und Hšrbares in Kongruenz zu bringen
seien.
Experiment | Konzept- vs. Perzeptwahrnehmung
Auf den ersten Blick hat mich dieses kŸnstlerische Verfahren an
ein psychologisches Experiment von Ridley Stroop (1935) erinnert. Die
Versuchspersonen sollen die Schriftfarbe benennen. Sie sollen nicht
das Wort vorlesen.

Der Kopf stolpert Ÿber die Diskrepanz zwischen Anmutung und
Wortbedeutung. Sie sind einander widersprŸchlich
Ÿberlagert. Zwischen ihnen entsteht Interferenz und dadurch die
spŸrbar lange Leitung beim Benennen. Der eigentlich zu
Messzwecken bestimmte Test macht als Nebenwirkung die Differenz
zwischen kurzschlŸssiger, automatisierter, schemagebundener
Zeichenwahrnehmung und sinnlicher Erkundung erfahrbar.
Diagonalmontage
So man bei diesem Film auf der Suche nach kohŠrenter Lesart ist,
konfligieren Texte und Bilder. Die Wahrnehmung als Audio-Advance ist
allerdings nur eine der mšglichen Lesarten des Films: sie ist
eine Lesart, die das Material innerlich rŸckzuordnen versucht
und am Material zerrt. Sie ist eine Lesart der Normalisierung.
Man kann das Ganze jedoch auch lockerer angehen. Man kann die
AsynchronitŠt auch als disparate SynchronitŠt, als
Interferenz zu lesen versuchen und den †berlagerungen von Bild
und Ton Raum geben. Das Filmkonzept setzt ja auf eine
Montage-Tektonik der Diskrepanz. So gesehen bietet der Film
zeitgleich jeweils zwei verschiedene Bilder - ein erzŠhltes Bild
und ein gezeigtes Bild. Beide sind einander so Ÿberlagert, als
wŠren sie eine spezielle Art der †berblendung, sozusagen
eine Tonbild-Bildbild-†berblendung.
Durch diese doppelt mšgliche Lesart entsteht in dem Film eine -
durchaus sperrige und anstrengende, aber hochinteressante - Dichte
der diagonalen, vertikalen und horizontalen MontagebezŸge. Schon
in der zweiten Einstellung Ÿberschneiden und kreuzen sich die
LektŸren. Das aktuell sichtbare Bild weist auf den Ton der
vergangenen Einstellung zurŸck. Das aktuelle Bild wird zugleich
mit dem vergangenen Bild in Zusammenhang gesetzt. DarŸber hinaus
steht das Bild der zweiten Einstellung zum zeitgleich Gehšrten
in einer Interferenzbeziehung. Und das ErzŠhlte in der Tonspur
skizziert mit Worten bereits das Bild, das als nŠchstes zu sehen
sein wird. Die Montage des Films setzt auf die Verdichtung der
aktuellen Wahrnehmung durch intensivierte aktuelle, retrospektive und
prospektive LektŸre.

Dieses Crossing Over von
LekŸren gilt zwar im Prinzip fŸr Filmwahrnehmung generell.
Doch ich habe den Eindruck, dieser Film macht mir meine
Montagewahrnehmung, also mein Denken in Bildern und Tšnen,
transparenter und erfahrbarer als ich es sonst erlebe. In seiner
konstruktiven Klarheit ermšglicht er es, meine eigene
Wahrnehmung wahrzunehmen.
Zoomen wir in der Timeline noch ein wenig dichter heran.
VerblŸffenderweise stie§ ich in der 2006 erschienenen
Monographie von Rachel Moore zu diesem Film (Moore, Rachel (2006)
Hollis Frampton. (nostalgia). MIT Press Cambridge. S. 22) auf
folgenden Satz: "Jede Sequenz durchlŠuft drei Stadien. In der
ersten, die ungefŠhr dreissig Sekunden dauert, sieht man gut
erkennbar (perfectly legible) eine Fotografie und man hšrt
nichts. Im zweiten Stadium - es ist ungefŠhr eine Minute lang -
verbrennt die Fotografie und man hšrt dazu eine
ErzŠhlerstimme. Der dritte Teil ist stumm und dauert meistens so
lang wie die ErzŠhlung andauerte.
Doch die Montage-Phrasierung des Films hat eine viergliedrige
Gestalt. Das zweite Stadium gibt es in der beschriebenen Form nicht.
Die Bilder verbrennen nie zeitgleich mit dem Einsetzen der Stimme.
Zoomen wir in der Timeline z.B. an die sechste Einstellung, einem
Fotoportrait von Frank Stella, heran:

Zu Beginn sieht man das Portrait des rauchenden Frank Stella und
hšrt nur das Rauschen des Tons. Es setzt die ErzŠhlerstimme
ein. (Die fŠngt hier ironischerweise mit "I made this photograph
of James Rosenquist" an.) Nach einer Weile fŠngt dann auch das
Bild zu rauchen an und verbrennt. Dann verstummt die Stimme. Und man
sieht lange die Asche und hšrt nur Tonrauschen.
Die Einstellungen durchlaufen in der Regel diese vier Phasen. Noch
bevor das Bild sich auflšst, legt die sprachliche
ReprŠsentation sich mit ihren vorausgreifenden Erinnerungen
Ÿber die sichtbare PrŠsenz. Die ErzŠhlstimme zersetzt
und verbrennt auf ihre ganz eigene Art bereits das Bild, bevor das
Bild als Bild verbrannt wird.
Die Timeline zeigt auch, da§ die Phrasierung konsequent
variiert wird. Ab der Filmmitte wird der Spracheinsatz verzšgert
und wird hinter den Beginn des Verbrennens gesetzt. In Einstellung
dreizehn ist der Ton dann soweit verzšgert, da§ die
ErzŠhlstimme kongruent zum Bild liegt.
Das visuelle Vibrato im vordigitalen Fotofilm
Beim hŠufigen Sichten fŠllt mir auf: Klassische
Fotofilme wie dieser haben mit Fotos auf der Ebene des Materials und
der entsprechenden Materialwahrnehmung nicht so sehr viel miteinander
zu tun. Fotos lšsen sich im Film auf. Bereits ab dem zweiten
Filmframe und weit vor dem ersten Schnitt ist das ehemals
vorfilmischen Foto purer Film. Das zeitfixierende Foto mutiert im
Filmstreifen zum Filmstill. Und - entgegen ihrer Bezeichnung - sind
Filmstills so still nicht. In ihnen rumort und rauscht es. In ihnen
pulsiert und oszilliert die Zeit. Es sind feine Schwingungen im
Filmstill. Der Film hat es mit Zeit geladen. Von Beginn an ist auch
das Filmstill Zeitbild.
Stossen im vordigitalen Film nŠmlich zwei Frames aufeinander,
entsteht zwischen den projizierten MolekŸlen der
Emulsionsschicht eine Mikro-Bewegung: das Kornrauschen.
DarŸberhinaus entsteht die Mikro-Bewegung des zuckenden
Bildrahmens. Der Bildstand ist nie vollstŠndig fixiert. Er
besitzt immer eine leichte Eigenbewegung.
Ich spreche hier vom vordigitalen Film. Der Einschnitt zwischen
digitalem und vordigitalem Film beinhaltet Šsthetisch einen
grš§eren Bruch als uns die gegenwŠrtige sehr
Šu§erliche Sprechweise vom "Filmlook" glauben machen will.
Es geht um basale Šsthetische Parameter des filmischen
Zeitbilds, die sich wandeln. Beim digitalen Film spielen dabei die
neuen Bildformate, die Bildauflšsung und die von Kameraleuten
thematisierte gleichfšrmig hohe und wenig fokalisierende
SchŠrfentiefe nicht einmal die grš§te Rolle.
Entscheidender scheint mir: Das digitale Bild ist durch seinen
stillgestelllten Bildstand und die stationŠre Anordnung des
Pixelrasters wie festgetackert. Das hat zur Folge, da§ unsere
Wahrnehung auf der Ebene der Frames beim digitalen Filmstill keinen
Anhalt fŸr Zeit vorfindet. Das digitale Standbild ist kein
Zeitbild. Ihm fehlt das visuelle Vibrato. Ich zeige kurz, was ich
meine: Das hier ist ein Ausschnitt aus der 12. Einstellung:

Nostalgia - Ausschnitt
Einstellung 12 (natŸrlich hier ohne Ton, denn es geht ja jetzt
nur um das Bild)
Isolieren wir zur Erkundung und Demonstration versuchsweise die
beiden basalen Parameter des klassischen Zeitbilds. Filtern wir zum
einen die Mikrobewegung des Bildstands und zum anderen die des
Kornrauschens heraus. Wir werden auf dieser Ebene des Filmstreifens,
auf der Ebene der subliminalen Framewahrnehmung
verblŸffenderweise zwei in ihrer Wirkung gegenlŠufige
Bewegungen feststellen.
Eine Bewegung zielt in Richtung Film. Die andere in Richtung Foto.
Das Kornrauschen lЧt uns das gefilmte Foto als Zeitbild,
als Film wahrnehmen. Die Bildstandsbewegung hingegen verstŠrkt
die Wahrnehmung der ProjektionsflŠche als FlŠche. Sie
schwŠcht die illusionŠre Wahrnehmung eines Filmraums ab und
hebt hervor, da§ es Fotos waren, die vor der Kamera lagen.
Hier ein Ausschnitt der Einstellung 12, bei dem ich das Kornrauschen
belassen, aber die Bildstandsbewegung beseitigt habe:

Das Kornrauschen ist ein kaum merkliches visuelles Vibrato: vom
ersten Moment lЧt es uns spŸren, da§ die
Bilder zeitbasiert sind. Film atmet. In ihm ist Zeit spŸrbar
aufbewahrt. Fotos atmen nicht. Darin unterschied sich der klassische
Fotofilm von der Dia-Show. Darin entfernt sich der klassische
Fotofilm weit vom Foto.
Legen wir nun das Moment des vibrierenden Bildstands frei. Hier
wiederum ein Ausschnitt aus der Einstellung 12: diesmal ist die
Mikrobewegung des Bildstands zu sehen. Das Kornrauschen fehlt
jedoch.

Die gesamte BildflŠche ruckelt ein wenig. Der oszillierende
Bildstand des vordigitalen Films bewirkt eine geringfŸgige
ZurŸcknahme der Raumillusion. Das ist wie ein leiser, fast
unmerklicher Hinweis des projizierten Materials und der Apparatur,
der uns mitteilt, da§ es sich um eine FlŠchenprojektion
handelt. Da§ in diesem Fotofilm die Fotos mit ihren Fotokanten
und -rŠndern mit im Bild gezeigt werden, macht die abgefilmten
Fotos als BildflŠchen darŸberhinaus deutlich erkennbar.
Zum unmittelbaren Vergleich setze ich hier noch denselben
Filmausschnitt der 12. Einstellungen direkt nebeneinander: links ist
der Ausschnitt in analoger, vordigitaler Form zu sehen.
(SelbstverstŠndlich mu§te er von mir digitalisiert werden.
Doch wurden beim Digitalisieren die analogen Artefakte nicht
beseitigt.) Rechts sieht man den Film als puren digitalen
Fotofilm.

Zum Abschlu§ noch ein kurzen Blick auf einen
ausschlie§lich digital erstellten Fotofilm. Es handelt sich
hier um einen Ausschnitt aus Shelly Silvers "What I am looking for"
aus dem Jahr 2005.

Vergleich: Shelly Silver "What I am looking for"
Mir scheint, da§ durch die Statik des digitalen Bilds der
Schnittstelle in Fotofilmen neue Bedeutung zukommt. Die Schnittstelle
schlŠgt - so empfinde ich es in dem Film von Shelly Silver -
hŠrter in das Material. Beim digitalen Fotofilm generiert die
Schnittstelle die Zeitbewegung des Bilds. Schon das Bild des analogen
Fotofilms war mit Zeit geladen. Beim digitalen Fotofilm ist es allein
der Schnitt, der das Bild mit Dauer und VergŠnglichkeit
auflŠdt.
Literatur:
Curtis, Robin (2008) Immersion und EinfŸhlung: Zwischen
ReprŠsentationalitŠt und MaterialitŠt bewegter Bilder.
In: montage AV, Heft 17/2/2008.
Frampton, Hollis (1983) Circles of Confusion. Rochester | New York:
Visual Studies Workshop Press.
Macdonald, Scott (1988) A Critical Cinema. Interviews with
Independent Filmmakers. Kapitel: Hollis Frampton. Berkeley | Los
Angeles | London: University of California Press. S. 21 - 77.
Moore, Rachel (2006) Hollis Frampton. (nostalgia). MIT Press
Cambridge.
Filmangaben:
(Nostalgia)
Hollis Frampton
USA, 1971, 36 min
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