Montage, der Familie erklŠrt
von Gerhard Schumm

Wie erklŠre ich meinen Eltern, Geschwistern, Gro§eltern, Nichten und Neffen, Freundinnen und Freunden, was ich studiere, wenn ich Montage studiere?

Wenn etwas schwer zu beschreiben ist - und Montage ist schwer zu beschreiben - dann hilft die black-box-Methode manchmal: man fragt erst gar nicht danach, was im Innern der dunklen Schachtel im Einzelnen geschieht. Man vergleicht stattdessen nur den Input mit dem Output. Man beschreibt die Dinge sozusagen ganz von au§en her. Man tut, als wŸ§te man nichts vom Inneren, beschreibt nur die VerŠnderungen zwischen dem Davor und Danach.

Nehmen wir den Schneideraum als Black-Box. TatsŠchlich ist er ja auch oft ein verdammt finsterer Raum mit zugezogenen VorhŠngen.

Was kommt in ihn herein? Bilder und Tšne kommen in den Schneideraum herein. Was kommt heraus? Bilder kommen heraus. Tšne kommen heraus.

Was hat sich verŠndert? Vorher waren es Bilder und Tšne ... jetzt sind es Bilder und Tšne? Nee, zuvor waren es Aufnahmen: Bildaufzeichnungen, Tonaufnahmen. Und jetzt, nachdem montiert worden ist, sind die Bilder und Tšne ein Film. Also mu§ im Schneideraum ein Film entstanden sein. Ja, es ist tatsŠchlich so: Ein Film entsteht erst im Schneideraum. Und man traut es sich kaum zu sagen, weil es sich so gro§mŠulig anhšrt: er entsteht nur dort.

Liebe Oma, lieber Opa, liebe Tante Frieda, erst in der Montage und durch die Montage wird aus den filmischen Teilen ein Film und in meinem Studium studiere ich, ob und wie mir das gelingt.

Die Regie, die Kamera, das Drehbuch, die Ausstattung, die Schauspieler liefern das Rohmaterial. Und ich untersuche - egal, ob allein und eigenverantwortlich oder mit anderen zusammen - was ich in diesem Material aufspŸren kann, was im Material enthalten ist und nŠhere mich behutsam und schrittweise der filmischen Form an, die fŸr dieses Material stimmig ist.

Deutlich spŸrbar schon jetzt: Oma und Opa gucken befremdet.

Lassen wir daher vielleicht den unruhig daneben sitzenden superklugen Neffen einfach weg. Er hŠtte ja prontofix eingewendet, dass er sich in Filmdingen verdammt gut auskennt und dass er aus dem Web wei§, dass eine Editorin die Szenen nach Vorlage des Drehbuchs nur aneinanderreihen und dann kŸrzen mu§ und dass das, was rausgekŸrzt worden ist, Jahre spŠter im Directors Cut wieder zu sehen ist und dass es besser gewesen wŠre, wenn es drin geblieben wŠre und dass .....

Lassen wir beiseite, dass der Neffe dann doch ein wenig erstaunt ist, wenn er hšrt: ein Drehbuch hei§t Drehbuch, weil es fŸr die Dreharbeiten nštig ist. WŠre es die Vorlage fŸr die Montagearbeiten, dann hie§e es Montagebuch. EditorenInnen lesen ein Drehbuch zwar durch. Aber sie legen es anschlie§end auch wieder beiseite. Denn im Schneideraum entsteht ein Film nicht aus Worten auf Papier. Er entsteht aus Filmbildern und -tšnen. Im Schneideraum schreiben die EditorenInnen einen Film mit und im Filmmaterial. Diese Materialschrift ist die Montage.

Oma und Opa sind eingeschlafen. Ich wei§. Schade eigentlich, sehr schade ....