Schreiben und Montieren - Gerhard Schumm

Text-Montage | Film-Montage
"Gerade den Textproduzenten" - las ich in der AnkŸndigung fŸr film+ - "sollte der Montageprozess vertrautes Terrain sein: denn was ist Schreiben anderes als das Montieren von Worten, als Assoziieren und Konstruieren? Warum aber lassen Filmkritiker die Montage in ihren Texten aus? Warum wird so wenig Ÿber Montage geschrieben?"

Ja, warum eigentlich? Ich war begeistert als ich das las! Vielleicht besitzen Schreibprozesse und Montageprozesse viel grš§ere €hnlichkeit als einem bewu§t ist, denn im Grunde sind sie ja beide Denk- und Imaginationsprozesse.

Aber wenn dem so ist: warum empfinde ich dann selber das Schreiben und Sprechen Ÿber Montage oft so lausig schwer? Es ist ja nicht nur fŸr Filmkritiker schwierig, Ÿber Montage zu schreiben. Auch als Filmzuschauerin, als Filmjurymitglied oder als Teilnehmerin eines Montageseminar sucht man so sehr nach Worten, sobald es um Montage geht. Und es ist bei den Worten immer ungewiss, ob sie nicht an der Sache vorbeigehen.

Textprozesse und Montageprozesse - dem Gedanken ihrer Gemeinsamkeit und der Frage ihrer Beschreibbarkeit und Darstellbarkeit will ich nachgehen.

Text-Montage
Zuerst einmal zu der Frage, ob Schreiben ein Montieren mit Worten ist.
Schauen Sie sich das hier an. Es ist ein Korrekturmanuskript von Balzac.



Na, da lacht und hŸpft doch das Herz einer jeder Editorin, eines jeden Editors. Die Montage springt einem aus der Abbildung fšrmlich entgegen.

Was sieht man? Was sieht man genau? Ich sehe einen stillgestellten Moment, einen Schnappschuss aus dem Montageprozess an Texten. Zwei Texte begegnen einander. Das Ausgangsmaterial ist als gedruckter Textblock schon vorhanden und liegt sozusagen in einer ersten Text-Montagevariante, vor.

†ber und neben diesem Schriftblock befindet sich - gleichsam als handschriftlicher Textlayer - ein zweiter Text. Der ist ein Arbeitsplan: €nderungsanweisungen sind um und Ÿber die erste Text-Version gekritzelt und neu ausgewŠhltes Material steht zum EinfŸgen bereit.

Es handelt sich um Montageanweisungen fŸr die nŠchste Druckversion. Man kšnnte sagen: mit diesen Pre-Dos wird die nŠchste Schnittfassung des Textes angepeilt.

Ein Autor, der seine SŠtze sozusagen schon im Kasten hat, editiert hier seinen Text. Er verhŠlt sich gegenŸber seinem Text als Lektor. Das hei§t wšrtlich: er liest ihn. Er liest ihn mit neuen Augen und Sinnen.

Er liest ihn wie den Text eines Fremden. Er liest ihn wie ein Herausgeber. Das ist Editing: Neu lesen. Mit fremden Augen lesen. Um es am Ende herauszugeben.

Sieht man genau hin, fŠllt auf: die Kritzeleien enthalten tatsŠchlich alles, was Montageprozesse ausmacht. Montage definiert sich durch AuswŠhlen und Anordnen.

Im Detail bestehen die Auswahl- und Anordnungsprozesse aus fŸnf elementaren kŸnstlerischen Verfahrensweisen, nŠmlich aus AnfŸgungen, EinfŸgungen und Tilgungen, aus Ersetzungen und Vertauschungen. Oder prŠziser, aber spršder ausgedrŸckt: Montage erkundet und strukturiert den Sinn des Materials mittels Addition, Insertierung, Eliminierung, Substitution und Permutation. Unglaublich: das ist tatsŠchlich schon alles.

Bei einem Schnittcomputer, z.B. am Avid, hei§t das Ganze dann noch mal anders. Dort hei§t das Einsetzen "Splice-in", das Ersetzen "Lift-Overwrite", das Tilgen "Extract" bzw. "Delete".

Und all das findet man hier auf dieser Korrekturseite. SinnfŠlliger, augenfŠlliger kann Montage nicht sein.

Aber, aber, aber: wenn der Text am Ende in einem Buch erscheint, sieht er so aus:



Schade eigentlich. Jetzt sieht man das Montieren nicht mehr. Man sieht nur noch das Montierte.

SŠmtliche Spuren der Textmontage sind getilgt.
Man blickt auf die letzte Feinschnittvariante eines Textes.
RŸckschlŸsse vom Montierten auf das Montieren sind nicht mehr mšglich.

Das ist die Arbeitsweise der Undercover-Montage. Das Ziel dabei ist: die unsichtbare Montage.

Nicht immer zielen Texte in ihrer letzten Druckfassung, ihrem Final Cut, auf Geschlosseneit des Schriftbilds. Nicht immer steht unsichtbare Montage und fugenlos verschmolzenes Editing am Ende der Textarbeit.

Ein kurzer Blick auf zwei Druckseiten des Romans "Tristram Shandy" von Laurence Sterne:



Der Text ist aus dem Jahr 1759. Es ist wirklich kaum zu glauben: am Ende der Barockzeit entsteht ein Buch, das sich ganz und gar als Montagetext ausweist.

Der Text markiert seine KŸrzungen, ist voll mit Auslassungszeichen, besitzt Kapitel ohne ein einziges Wort, setzt nonlinear spŠtere Kapitel vor frŸhere. Ein Text, der seinen Montagecharakter offenlegt.

Hier ein ganz junger Nachfahre des Tristram-Shandy-Montagetextes. Im letztem Jahr, also 2007, ist die deutsche †bersetzung von Mark Danielewski "Das Haus - House of Leaves" erschienen.



Auch hier wird mit erkennbarer und nicht verdeckter, versteckter Text-Montage gearbeitet.

Vergessen wir den vielleicht konsequentesten Montagetext unserer Zeit nicht: die Online-EnzyklopŠdie "Wikipedia". Sie ist ein Montage-TrŸffel ohne gleichen.

Leserinnen und Leser kšnnen den Text redigieren. Sie kšnnen also mitmontieren.
Aber was hier vielleicht wirklich einzigartig ist: die Editionsgeschichte, die Editinggeschichte, die Montagebiografie des Textes ist ebenfalls offengelegt.

Beim Wiki-Eintrag zum Stichwort "Filmschnitt" zum Beispiel, kann das Menu "Versionen" angeklickt werden. Es erscheint die Liste aller Textversionen.

Viele hundert Montageversionen gibt es seit dem 1.10.2003. MerkwŸrdigerweise hat das am Text wenig geŠndert. Der Eintrag "Filmschnitt" ist schlimm und ganz gruselig. Aber wir wissen ja: ewiges Montieren mu§ das Material nicht unbedingt verbessern.

Ruft man eine dieser Varianten auf, werden zwei Schnittversionen synoptisch dargestellt. Die Šltere Version ist gelb, die neuere grŸn, das VerŠnderte rot markiert.

Ich bin gespannt, wann die erste DVD erscheint, die dieses Wiki-Verfahren, Montage erfahrbar zu machen, bei einem Video oder einer Videoinstallation eingesetzt wird.

Es wŸrden dann der DVD nicht nur Outtakes als Bonusmaterial beigelegt. Es wŠre dann auch das Wandern durch Montageversionen mšglich.

Diese DVD werden wir garantiert unseren Freundinnen und Freunden schenken. Zumindest dann, wenn Sie uns fragen, warum Montage so irre viel Zeit benštigt, wo doch nur Material aneinander gehŠngt und gekŸrzt werden mu§.

Also: Um Montage erfahrbar, darstellbar, mitteilbar, beschreibbar zu machen, mu§ sie zugŠnglich sein. DafŸr sind Montage-Hinweise in der Endfassung nštig. Montage wird erst durch den Montagecharakter eines Werks fŸr den Leser erfahrbar und erschlie§bar.

Fehlen im endgŸltigen Text solche Montagehinweise, wird das vorangegangene Montieren im Montierten undercover gehalten. Dann findet die Montage hinter verschlossenen TŸren statt. Von aussen sind in einem solchen Fall die vorangegangenen Montageprozesse kaum beurteilbar.

†ber die Montage etwas zu sagen oder schreiben ist in diesem Fall kaum mšglich.
Das kšnnen dann nur noch die, die selber montiert haben. Sie kšnnen von der Montage Mitteilung machen. Sie sind dann zu fragen. Sie wissen Bescheid.
Film-Montage
Ein Schnitt, ein Umschnitt jetzt: weg von der Text-Montage hin zur Filmmontage. Wo findet sich die Montage? Wo ist ihr Ort? Na, im Schneideraum natŸrlich und dort im Schnittcomputer. Schauen wir nach.

Auf den ersten Blick kšnnte man meinen, in der Timeline sŠhe man die Montage.



Doch - klingt komisch, ist aber so - die Timeline zeigt nicht die Montage. Sie zeigt das Montierte, nicht das Montieren. Sie zeigt die Struktur ohne das Strukturieren.
Die Timeline zeigt nur, dass etwas montiert und nicht, wie es montiert worden ist.

Da war der Korrekturbogen von Balzac reicher, enthielt er doch eine Schnittvariante und zugleich - mit den Kritzeleien - den Entwurf fŸr die nŠchste.

Solche Kritzeleien am Rande findet man in einem Schnittcomputer an ziemlich abgelegener Stelle in einem Aufklappmenu.



Montageprozesse werden am Avid z.B. in die Undo-Redo-Liste allerdings in Schšnschrift gekritzelt. Dort wird das Montagegeschehen protokolliert. Da liegt es bereit, damit es - falls nštig - rŸckgŠngig gemacht werden kann. Solche Korrektur nennt sich Undo. (Nebenbei: eine Korrekturmšglichkeiten, die man im normalen Leben auch ganz gut gebrauchen kšnnte ....)

Notiert wird in dieser Liste das Geschehene und nicht wie im Korrekturblatt von Balzac, dasjenige, was man noch machen will. Schnittcomputer sind Arbeitspferde und nicht Planungswerkzeuge. Der Variantenvergleich und der Montageplan mu§ im Kopf erfolgen. Am Rechner wird er nur Schritt fŸr Schritt abgearbeitet.

Ein Schnittcomputer protokolliert also Prozess und Produkt an getrennten Orten.
Die Strukturierte springt in der Timeline ins Auge. Das Strukturieren hingegen ist in einem Aufklapp-Menu versteckt. Beide Momente machen die Montage aus. Beide Momente gehšren zusammen.

Im Kopf, in den HŠnden, den Sinnen, der Erfahrung eines Editors finden sie zusammen. Sichte ich beim Montieren eine Schnittversion, dann vergleiche ich sie innerlich mit der zuvor erstellten Version und habe dabei den bisherigen Weg des Struktierens im Kopf. Treffe ich hingegen eine einzelne Schnittentscheidung und fŸhre einen Schnitt aus, imaginiere ich im Vorgriff bereits die neue Version.
Eine Schnittsoftware kšnnte natŸrlich auch so programmiert sein, dass sie zwei Schnittversionen darstellbar macht und deren Montagebeziehungen visualisiert.

Wie bei Wikipedia wŠre ein Versionsvergleich mšglich und man kšnnte die Geschichte der Montageversionen Schritt fŸr Schritt durchwandern.

Doch ich kenne keine Schnittprogramme, die das ermšglichen.


Zwei verschiedene Montageversionen sieht man.
Und wo ist die Montage?
Jetzt sind wir am springenden Punkt.
Die Montage liegt in den Bildfolgen und sie liegt im Dazwischen.
Eine Montageversion geht aus einer anderen hervor.
Ein Montiertes wird in ein anderes Montiertes ŸberfŸhrt.
Und das Montieren ist die lebendige Arbeit und die lebendige Erfahrung dazwischen.

Aber schaue ich mir meine Skizze lŠnger an, bin ich eigentlich ganz froh, da§ die Programmierer solche Diagramme nicht entwickelt haben. Sie erinnern mich viel zu sehr an die Streckendiagramme von U-und S-Bahnen und an SchaltplŠne. Ich werde also doch kein Patent dafŸr anmelden.

Also: von aussen, von einer Beobachtungsposition aus, erschlie§t sich Montage am SchnittgerŠt verblŸffenderweise nicht augenfŠllig. Darum wissen alle, die neben einer Editorin oder einem Editor am Schnittcomputer gesessen und beim Schnitt zugesehen haben. Und es ist nicht eigenes Unvermšgen, dass man so wenig davon begreift, was gerade geschieht. Es liegt in der Sache selber. Ein SchnittgerŠt stellt die Montage weniger dar als das Balzac'sche Korrekturblatt.

Aber wenn Montage schon im Schneideraum fŸr blo§e Zuschauer kaum erfahrbar, erfassbar und beschreibbar ist, wie sollte es einem dann beim fertigen Film gelingen?

Ich meine: Zielt die Arbeit einer Editorin, eines Editors auf unsichtbare Montage, entzieht sich das Montierte weitgehend dem Nachvollziehen und der Darstellung. Es wŠre ja auch absurd, Montage dort herausheben zu kšnnen, wo alle Anstrengung darauf verwendet wurde, sie unmerklich zu machen.

Das hie§e ja, den Editoren nachweisen zu wollen, dass ihr Vorhaben nicht gelungen sei. Es mŸssen stattdessen die Editoren sprechen oder befragt werden.

Ich meine als Zweites: Im Montierten mŸssen noch Spuren des Montierens bewahrt sein, wenn man von au§en kommend, Montage beurteilen will. Ich mu§ als Zuschauer oder Leserin Ÿber Montage-Anhalte verfŸgen, um mitmontieren zu kšnnen und in einem Werk von der Montage etwas erfahren zu kšnnen. Erst dann kann ich in einem Werk die Montage erspŸren und versuchen, sie aufzuspŸren.

Erst dann teilt sich mir die Montage mit. Erst so kann ich Ÿber Montage etwas mitteilen.