Baustelle Schneideraum -
Erkundungsmethoden
Gerhard Schumm
1. Ein Ort
Die eigentliche Baustelle eines Films ist der Schneideraum. Vor der
Montage, da gibt es Ideen, Vorstellungen, FilmentwŸrfe,
DrehbŸcher, Kalkulationen. Vor der Montage gibt es Motivsuche
und Dreharbeiten, gibt es unruhige NŠchte, aufgeregte
Telefonate, gibt es Ton- und Bildaufnahmen. Aber einen Film gibt es
noch nicht. Als Film entsteht ein Film im Schneideraum. Hier wird er
sichtbar und hšrbar. Die einzelnen Momente eines Films (Musik,
Sound, Bilder, Tšne) - erst in der Montage mŸnden sie
zusammen. Im Schneideraum wird aus den Teilen ein Ganzes. Er ist der
Entstehungsort eines jeden Films.
2. Film pur
Ein weiteres Bestimmungsmoment der Montage kommt hinzu: Montage ist
Film pur, ist kinematografische TŠtigkeit par excellence.
Montieren bedeutet: Konzentration ganz auf das innere Material in mir
(Vorstellungen, Erinnerungen, Erwartungen, GefŸhle,
IntensitŠten, Gedanken, Gesehenes, Gehšrtes, Gelesenes,
Erlebtes, Erfahrenes) und auf das Material vor mir (Bilder und
Tšne und Laufschrift, Pixel & Samples). Montieren
hei§t: Arbeiten mit durch und durch filmischen Mitteln. Besser
als Stanley Kubrick in einem Interview kann man es, glaub ich, nicht
ausdrŸcken: "Das Schneiden - es ist der einzige Vorgang, bei dem
der Film keine Anleihen bei anderen KŸnsten macht. Man kann doch
sagen, dass das Drehbuchschreiben eine Anlehnung an die Literatur
darstellt, das Proben vor der Kamera dem Theater entliehen ist, das
Drehen eine Anwendung der Photographie bedeutet. Nur beim Schneiden
ist der Film ganz bei sich, er hat etwas, was keine andere Kunstform
aufweisen kann. Frage: Ein Film entscheidet sich also am
Schneidetisch? Ja." Quelle: SPIEGEL 1987, Ausgabe 41, S. 224 ff
3. †brigens
Ich beschreibe einen Ort. Ich charakterisiere eine TŠtigkeit:
die Montage. Es ist fŸr das Begreifen des wesentlichen Moments
der Filmmontage ganz unerheblich, ob im Team oder als Solist, ob
ganzheitlich oder arbeitsteilig, ob als Editor oder als Filmemacher,
als Amateur oder Profi montiert wird. Wie immer und von wem immer im
Schneideraum gearbeitet wird: hier entsteht in einer gŠnzlich
filmspezifischen Arbeit der Film. Hier ist der Entstehungs-, der
Produktionsort des Films. Der Begriff Postproduktion mag Ÿblich
sein, aber er ist falsch. Montage bedeutet - - tja, fŸr viele
ist es kaum zu fassen - - - Montage bedeutet schlicht und einfach:
Filmproduktion. Da der Film als Film erst im Schneideraum
entsteht.
4. Labor
Die Ÿbliche Vorstellung von Montage ist: hier werde Material
nach Vorschrift des Drehbuchs aneinandergehŠngt und dann werde
noch da und dort gekŸrzt. Doch der Schneideraum hat
Besonderheiten: PlŠne werden hier nicht einfach ausgefŸhrt,
nicht abgearbeitet, nicht nach Vorlage umgesetzt. Bei Spielfilmen
sind die DrehbŸcher oft nicht mehr als ein erster Anhalt zu
Beginn der Montagearbeit. FŸr die Dreharbeiten sind
DrehbŸcher ein Leitfaden. Deshalb hei§en sie
"DrehbŸcher". Sie hei§en nicht: MontagebŸcher. Denn
fŸr die Montage geben sie i.d.R. eher einen Rohentwurf ab, der
in der Montage vielfache VerŠnderungen erfŠhrt. Denn im
Schneideraum sind sichtbare und hšrbare und nicht mehr nur
vorstellbare Bilder und Tšne das Ausgangsmaterial. Das Drehbuch
wird beim Montieren gleichsam um- und neugeschrieben. Nun aber nicht
mehr auf Papier, nun nicht mehr mit Buchstaben: Im Schneideraum
schreibt man den Film mit den Mitteln der Montage im Material selber.
Und bei Dokumentarfilmen, Essayfilmen, Experimentalfilme, in der
Filmpublizistik gibt es kein Drehbuch. Da gibt es Grundideen,
Leitgedanken, Skizzen, Visionen. Hier entsteht der Filmplan
schrittweise im Verlauf des Montierens als sich verŠndernder,
aus der Arbeit selber erwachsender Montageplan. Hier tritt i.d.R. der
Montageplan an die Stelle des Drehbuch.
Der Schneideraum gleicht einem Labor. Ein Laboratorium fŸr
MaterialprŸfung und Materialbearbeitung. Hier wird getestet,
erspŸrt, ausgelotet, ausprobiert, verworfen, gesucht, gefunden,
verworfen, variiert, verglichen.
"Der Schneideraum ist der Ort der Filmuntersuchung; in ihm wird eine
Einstellung genauestens gewogen und bewertet. Um herauszufinden,
welche Stelle eine Bildfolge in einer Montage einnehmen kann, muss
untersucht werden, was sie fŸr sich aussagt und im Zusammenhang
mit anderen Einstellungen aussagen kann. Diese Arbeit der Kritik gibt
es in SchneiderŠumen, seit es den Film gibt." (Antje Ehmann,
Harun Farocki, (Hg.), Kino wie noch nie. Cinema like never before,
Verlag der Buchhandlung Walter Kšnig, 2006
5. MontageverhŠltnisse
Mit dem Ausdruck "DrehverhŠltnis" kšnnen viele etwas
anfangen: das DrehverhŠltnis gibt einen teilweisen
Aufschlu§ Ÿber den Aufwand der Dreharbeiten. Der Film
"Apocalypse Now" zum Beispiel hatte ein DrehverhŠltnis von 95:1.
Von den 230 Stunden Ausgangsmaterial fanden am Ende 145 Minuten im
Film ihren Platz. Auf jede spŠter im fertigen Film sichbare
Minute kamen also jeweils 95 Minuten gedrehtes Material, das man im
Film nicht sehen konnte. Aber im "DrehverhŠlntis" ist nur der
Materialaufwand sowie die maschinelle Aufnahme ausgedrŸckt ,
nicht aber die lebendige Arbeit des Drehens, nicht die Aufmerksamkeit
auf das Bild, nicht die Konzentration auf das Sehen. Sinnvoller
wŠre es, die Zeit der Dreharbeiten ins VerhŠltnis zur
Filmdauer zu setzen. Das "DreharbeitsverhŠltnis" wŠre - da
die Drehzeit Ÿber ein Jahr gedauert hatte - mit 1.200:1
anzusetzen.
Doch wie sah damit verglichen das "MontagearbeitsverhŠltnis" bei
diesem Film aus? Der Editor Walter Murch berichtet, da§ das
Editorenteam des Films (Barbara Marks, Richard Marks, Gerald B.
Greenberg, Lisa Fruchtmann und er) zusammen mehr als 40 Monate an
diesem Film gearbeitet hatten. Die Montagearbeiten dauerten also 3,3
mal lŠnger als die Filmaufnahmen. Das wŠre also ein
MontageverhŠltnis von ca. 3.900:1. Eine Montagezeit von ca.
6.700 Stunden fŸr 145 Minuten montiertem Film.
Was um alles in der Welt ist in diesen 6.700 Stunden geschehen? Woher
kommt es aber, dass Montage so lange braucht? Warum haben die vier
Editoren sich nicht einfach ein, zwei Monate lang das Rohmaterial
angeguckt, dann das Material ruckizucki hintereinandergehŠngt,
dann das Ganze noch gekŸrzt und nach den Montageregeln (Regel 1:
Jeder Schnitt mšglichst unsichtbar, Regel 2: Bewegungsschnitt in
der Mitte der Bewegung) sowie nach den Regeln der Filmdramaturgie
(Einbau von Plotpoint Nummer Eins und Plotpoint Nummer Zwei an den
vorgeschriebenen Stellen) in einem Monat zusammengebaut und sind
dann Eisessen gegangen???
Sie haben 40 Monate fŸr die Montage benštigt, weil Montage
nicht im Abarbeiten eines Drehbuchs, nicht im
HintereinanderhŠngen und KŸrzen von Material und nicht im
Anwenden von Schnitt- und Dramaturgieregeln besteht, sondern weil sie
vielmehr eine Suche ist.
Montage ist eine Suche nach dem Kern, nach der Seele des Films.
Montage ist ein AufspŸren dessen, was im Material verborgen ist. Montage ist ein Erforschen, ein AufspŸren dessen, was einen als EditorIn am Material interessiert. Sie ein Herausfinden, was einem selber am Material als sehenswert und hšrenswert erscheint und was zeigenswert sein kšnnte.
Montage bedeutet: AuswŠhlen,
Anordnen und Artikulation von Material auf der Grundlage eigener
Interessenserkundung.
Oder in den Worten von Walter Murch:
"So lЧt sich am Beispiel von Apocalypse Now (...) sehr
deutlich vor Augen fŸhren, da§ Filmschnitt (...) kaum
etwas mit ZusammenfŸgen zu tun hat, vielmehr mit dem Erkunden
eines Pfades, und da§ ein Cutter den absolut grš§ten
Teil seiner Zeit nicht mit dem Zusammenkleben von FilmstŸckchen
verbringt. Je mehr Filmmaterial zu bearbeiten ist, um so
grš§er ist die Anzahl der zu erkundenden Pfade; die
Mšglichkeiten potenzieren sich und fordern folglich noch mehr
Zeit, sie richtig einzuschŠtzen. FŸr jeden Schnitt in einem
fertiggestellten Film gibt es wahrscheinlich fŸnfzehn
"Schattenschnitte": Schnitte, die ausgefŸhrt und dann, nachdem
man sie noch einmal Ÿberdacht hat, wieder rŸckgŠngig
gemacht oder aus dem Film entfernt wurden. Doch auch unter
BerŸcksichtigung der Schattenschnitte (shadow edits) bleiben von
jedem Arbeitstag elf Stunden und achtundfŸnfzig Minuten
Ÿbrig, die mit AktivitŠten gefŸllt werden, die alle
auf unterschiedliche Weise dazu dienen, den vor einem liegenden Pfad
zu roden und zu erhellen: VorfŸhrungen, Diskussionen,
RŸckspulen, erneute VorfŸhrungen, Arbeitstreffen,
ZeitplŠne erstellen, Ausschnitte ablegen, Notizen machen,
Ÿber alles Buch fŸhren und jede Menge zielgerichtetes
Nachdenken."
6. Institut fŸr Materialforschung
Ja, es gibt eine Handvoll Regeln. Aber diese regulieren erstaunlich
randstŠndige Fragen. Zum Beispiel: wie man einen Heransprung
machen soll oder wie ein Bewegungsschnitt geschmeidig wird.
Aber aus einem Heransprung und einer superweichen Schnittstelle
entsteht noch kein Film und aus ihnen besteht er auch nicht. Die
Filmmontage ist ein verblŸffend offenes und freies
Gestaltungsverfahren. Sie gehorcht einer Logik des Sehens und des
Sehen-Machens, des Wahrnehmens und des Zeigens.
Die Methoden der Montage sind
Methoden der Bedeutungssuche und -erkundung.
Diese Methoden schnell benannt. DafŸr reichen wenige Worte.
DafŸr genŸgen 4 Zeilen. Deshalb sind die Methoden jedoch
nicht trivial. Es sind wenige. Aber sie sind unendlich reich. Man
findet sie allerdings in keinem Filmlehrbuch. Wer will schon einer
Redaktion einen Artikel mit 4 Zeilen schicken? Mit diesen Methoden
arbeitet man im Schneideraum jedoch Wochen, Monate. Es sind
Erkundungs- und Erschlie§ungs, Anordnungsmethoden:
1 Materialaneignung, Materialsichten
2 Materialauswahl
3 Materialanordnung, Strukturierung, Sequenzierung
4 Variantenbildung, Veriantenvergleich, Festlegung
7. Spurensuche
Zoomt man an dies Methoden nŠher heran, erkennt man, mit welchen
Mitteln sie realisiert werden. Auch diese Mittel sind an einer Hand
abzŠhlbar. Es geht um Trennen, Verbinden, Einsetzen, Ersetzen,
Versetzen, Tilgen.
Am Avid z.B. sind sie alle abgebildet diese Operationen. Die Maschine
mu§ diese Operationen beherrschen und kennen, weil der
Montageproze§ - seit es ihn gibt - sie braucht. Und der
Montageproze§ benštigt sie, weil unser Denken und
Vorstellen und Wahrnehmen und Erinnern und Imaginieren sie braucht,
weil wir selber damit arbeiten, seit es uns als Menschen auf der Welt
gibt. Und so sieht das dann z.B. am Avid aus. Es hei§t alles
nur ein wenig anders:
Trennen | Segmentieren
Verbinden | Kombinieren
Einsetzen | Insertieren
Ersetzen | Substituieren
Versetzen | Permutieren
Tilgen | Eliminieren
8. Montagereise
Schauen wir kurz ein Diagramm an, in dem sichtbar wird, was beim
Montieren geschieht:

Diese Grafik beinhaltet nicht die neueste StreckenfŸhrung der
U-Bahn. Sie zeigt die Spur von fŸnf Tagen intensiver und
schšner Montagearbeit, die Spur aufmerksamen Auf- und
ErspŸrens, von Nachdenken, Sichten, Sprechen, Verwerfen, von
Belassen und Festlegen.
Ich habe zwei Avid-Timelines zueinander in Beziehung gebracht und
dadurch ein visuelles Protokoll der Montagearbeit erstellt. Oben ist
die Avid-Timeline A vom Tag X. Unten die Timeline B ist von Tag X + 5
Tage, Die Montagetransformationen die am Ende der Arbeit fixiert
wurden, habe ich durch verschieden farbige Linien, wie in einem
Schaltplan verdeutlicht. Montiert wurde hier um 10 minŸtiger
Dokumentarfilm. Die Bilder und Tšne des Films lasse ich jetzt
bei Seite. Es geht mir um eine Abstraktion der Montagearbeit. Es geht
mir darum, die Erkundungsoperationen der Montage darzustellen. Die
Gedanken, Assoziationen zum Material im Verlauf des Montierens sind
nicht protokolliert.
NatŸrlich durchwandert das Material von Tag X bis zu Tag X + 5
ungleich mehr Zwischenstufen. Denn Montieren besteht zu gro§en
Teilen aus explorierendem Probehandeln. Das ist kein wildes
Ausprobieren und Herumgestochere. Sondern ein mit SpŸrsinn
versehenes Wegefinden im offenen GelŠnde.
Nur was sich am Ende tatsŠchlich verŠndert hat, habe ich in
der Skizze notiert. Sonst wŠre es ein einziges Liniengewirr
geworden. Dazwischen gab es unzŠhlige Shadowedits, wie Walter
Murch das nennt. Probeschnittstellen im Kopf. Und Shadowedits im
Material. Montagelšsungen, die man im Kopf oder im Material
geprŸft und durchdacht, dann aber verworfen hat. Notwendige
Umwege, um den Weg zu finden.
Segmentierung, Kombination: Trennen und Verbinden sind
die Basisoperationen der Montage. Immer wenn montiert wird mu§
getrennt und verbunden werden. Jede Schnittstelle ist eine
Trennungs-Verbindung.
Permutation: Die beiden Einstellungen 17 A und 18 A vom Ende
der A-Version sind ganz an den Anfang der B-Version versetzt worden
und tauchen in der B-Version als 01B und o2B wieder auf. Sie sind
offensichtlich miteinander befreundet, wirken recht unzertrennlich.
Die beiden Einstellungen 06A und 07A sind drolligerweise auch ein
Freundespaar. In der A-Version standen sie hinter dem gelb markierten
Filmtitel. Aus dieser Position sind sie herausgenommen worden und als
Tandem an eine vordere Position in der B-Version unmittelbar vor dem
Filmtitel versetzt worden. Hinter den Filmtitel ist in der B-Version
als 5. Einstellung (also 05B) die ursprŸngliche allerletzte
Einstellung der A-Version gewandert. Schon jetzt spŸrt man: in
der B-Version rutschen Teile des Endes aus der A-Version nach vorne.
Bis dahin war das eine Abfolge, die durch Versetzungen zu Stande
kam.
Insertierung: Die nŠchste Einstellung der B-Version
entsteht durch Einsetzen. Einstellung 06B ist in den Mustern
wiederentdeckt worden und von dort in die B-Version eingesetzt
worden. Es ist die einzige Insertion (blaues vertikales
Richtungs-Schild) in der B-Version.
Elimination: Schaut man nach Tilgungen (rotes
Einfahrt-Verboten-Schild) bei der Entstehung der B-Version, entdeckt
man, da§ im Verlauf der 5 Tage Montagearbeit aus der A-Version
die Einstellungen 02A, 08A, 10A, 11A, 015A, 016A bei der
Transformation zur B-Version spurlos verschwunden und in den Orkus
gewandert sind. Die B-Version ist am Ende eine Spur - 2 min -
kŸrzer. Diese Kompression liegt an diesen resoluten Tilgungen.
Die Version ist andererseits nicht signifikant kŸrzer. Das liegt
daran, da§ Kompression und Expandierung zugleich vorgenommen
wurden. Beispielsweise ist aus der knappen Einstellung 17A durch
Versetzung und Expansion die sehr viel lŠngere Einstellung 07B
der B-Version hervorgegangen.