
Hal Hartley
Montage und
Filmsichtung
Von Gerhard Schumm
Gerhard Schumm, Professor des Studiengangs Montage an der HFF
Potsdam-Babelsberg, Ÿber die Bedeutung der Filmsichtung als
studentische Lernerfahrung.
Lernen, Montageversionen selber zu sichten und sie anderen im
Schneideraum oder auf der Leinwand prŠsentieren zu kšnnen
&endash; das ist ein wichtiger Aspekt jeder kŸnstlerischen
Filmausbildung. Sehen und hšren lernen, superaufmerksam und
offen, damit fŠngt eigentlich alles an. Das ist eine Ausbildung
der Sinne und des Denkens. Und im wesentlichen ist es
Selbstausbildung, Selbstbildung.
Aber das gilt ja generell fŸr ein Kunststudium: Immer sollte es
ZŸge eines Selbststudiums beeinhalten. Also ein
Zu-Sich-Selbst-Finden &endash; in der intensiven Auseinandersetzung
mit dem kŸnstlerischen Material, dem Lehrangebot und im Dialog
mit anderen Studentinnen und Studenten, mit LehrkrŠften und
Angestellten.
Im Schneideraum kann man lange seinen Film aufspŸren, entdecken,
ausloten. Doch sobald andere zu den Filmsichtungen dazukommen,
wirdÕs heikel.
KŸnstlerische Arbeit ist etwas Riskantes. Denn das Rohmaterial
des Filmmachens ist nicht der Rohfilm. Es ist das eigene
leidenschaftliche Interesse, die neugierige Fantasie, das eigene
Empfinden und die persšnliche Sicht auf die Welt. Man
wu§te das schon immer. Jetzt aber spŸrt man es
superdeutlich und kra§: FŸr jede Sekunde des Films, der da
auf der Leinwand lŠuft, steht man mit seiner ganzen
Persšnlichkeit ein. Das gilt nebenbei fŸr Kamerafrauen wie
fŸr Schnittmenschen, fŸrs Schauspiel, den Ton, das
Drehbuch, die Regie in Šhnlicher Weise. So gro§ sind die
Unterschiede bei gelungener, also ganzheitlicher, liebevoller
Teamarbeit nicht.
Der Film sieht vor fremden Menschen anders aus als zuvor im
Schneideraum. Er hat ein magisches Eigenleben bekommen. Ein
Eigenleben, fŸr das man verantwortlich ist. Mit einem Mal sind
schwache Stellen des Films zu spŸren, die bisher nicht
auffielen. Und Stellen, an denen man endlos rumgefrickelt hat,
scheinen bei der Sichtung gar nicht so bšse.
Was man in solchen šffentlichen PrŠsentationen an sich
erfŠhrt, ist die verschŠrfte Begegnung mit der eigenen
inneren …ffentlichkeit. Die gab es zwar schon immer im eigenen
Inneren. Selbst wenn man mit sich allein war. Nun aber wird sie
lauter, deutlicher, vielstimmiger, und man wird ihr gegenŸber
hellhšriger. Das macht die Wirkung der vielen Augen und Ohren im
Saal. Mein Sehen wird dadurch šffentliches und persšnliches
Wahrnehmen zugleich. Meine Erfahrungen erhalten ein anderes
Selbstbewu§tsein, eine Èvielstimmige, zusŠtzliche
SpracheÇ (Alexander Kluge).
Sicher: Das Wichtigste bei Sichtungen ist die eigene Peilung, ist das
wache Neuentdecken der eigenen Arbeit. Aber jetzt mischt sich in das
Sehen auch das Zeigen. Und prompt lŠuft das Sehen Gefahr, zum
Mustern und Richten zu werden. Zumal solange alte Meister im Spiel
sind.
Danach, nach der VorfŸhrung, der PrŠsentation, wird
gesprochen. Um dieses Sprechen soll es mir gehen. Tips habe ich da
keine auf Lager. Feststehende Methoden gibt es nicht. Man mu§
seine eigenen Methoden finden und sie je nach Situation
variieren.
Ein Text zu diesem Thema begleitet mich schon seit Jahren. Hal
Hartley beschreibt darin die Arbeit mit seinem Lehrer Aram Avakian.
†ber Hal Hartley brauche ich nichts zu schreiben. Viele werden
seine Filme, z.B. Simple Men (1992) oder
Amateur
(1994), kennen. Sein Lehrer,
Aram Avakian, ist Filmautor, Regisseur, Editor, Textautor,
Jazzmusiker. Von ihm stammt der schšne Text ÈOn the
editorÇ. Eine wunderbare Beschreibung seiner Montagearbeit. Hal
Hartley schreibt:
ÈFast alles, was ich Ÿber das Filmemachen wei§, habe
ich beim Sichten und am Schneidetisch gelernt. Meine Kenntnisse als
Autor und Regisseur entwickelten sich bei dem Versuch,
erbŠrmlich schlecht gedrehtes Material zu retten. Also
verbrachte ich jede Menge Zeit in einem dunklen, kleinen Raum mit
meinem Lehrer Aram Avakian. Er grunzte vor sich hin, wŠhrend ich
Ÿber den Schneidetisch bretterte. Wenn ich einen Blick nach
hinten warf, sah ich nichts als meinen Film in seinen
BrillenglŠsern und seinen grauen Bart, der in der Glut seiner
Zigarette aufleuchtete. Ich schnitt an meinem Abschlu§film und
versuchte mir einzureden, da§ er kurz vor der Fertigstellung
stŸnde. Ich machte mir was vor, und Aram wu§te das. Aber
er wu§te noch eine Menge mehr. Er wu§te, da§ ich
niemals erkennen wŸrde, was an meinem Film falsch war, wenn er
mir nur einfach erzŠhlte, was daran falsch sei.Wir gingen also
die Schnittfassung durch, indem wir sie ungefŠhr alle
drei§ig Sekunden anhielten, damit er mich in aller Ruhe
terrorisieren konnte. âWas hat sie gesagt?Ô, fragte er,
lehnte sich vor und spitzte die Ohren. âSie sagte, es wird Regen
geben.Ô âWarum?Ô âWas?Ô âWarum sagt
sie, es wird Regen geben, nachdem er sie so gek٤t
hat?Ô âSie will das Thema wechseln.Ô âWelches
Thema?Ô âDen Ku§.Ô âDer Ku§ ist das
Thema?Ô âNicht wirklich.Ô âDas war ein ziemlich
guter Ku§. Warum redet sie Ÿber das Wetter?Ô
âSie ist durcheinander.Ô âAber sie glaubt es.Ô
âGlaubt was?Ô âDa§ es wirklich regnen
kšnnte.Ô âSchon.Ô âHat sie vielleicht
WŠsche zum Trocknen drau§en oder so was?Ô âNein,
nein, nein!Ô Ich blieb standhaft. âIch versuche zu sagen,
da§, naja, wenn es regnet, alles fortgespŸlt wird. So in
der Art, eben É emotional.Ô Mit dem Ausdruck unendlicher
Geduld nickte Aram, Ÿberlegte und hakte dann nach: âGlaubst
du, sie wei§ das?Ô âSie ist nicht so jemand.Ô
âSie ist nicht poetisch.Ô âGenau. Sie ist nicht
poetisch.Ô Er hŠtte jetzt leicht fragen kšnnen:
âUnd du bist es?Ô, aber er hat es nicht getan, und
dafŸr bin ich ihm bis heute dankbar. Schweigen. Ich sa§
einfach da und kaute am Ende meines schmierigen Bleistifts,
wŠhrend Aram raus in die Halle ging und sich eine neue Zigarette
ansteckte.Ç
Aus: Hal Hartley (1996): ÈAram und der Regen. Eine Geschichte
aus dem Schneideraum.Ç In: DFFB (1996): ÈMomente des
LernensÇ. Berlin: dffb.
Was ist hier los?
Das ist ein seltener Text. Eine offensichtlich glŸckhafte,
gelungene Filmsichtung und Beratung. Sonst hŠtte Hal Hartley das
gar nicht erst aufgeschrieben. Es gibt nicht viele solcher Texte.
Wir wissen nicht, ob der Film durch das Nachdenken besser geworden
ist.Doch das ist nicht das Kriterium fŸr Gelingen studentischer
Arbeit. Es geht nicht um perfekte Filme an einer Filmhochschule. Es
geht darum, ob eine Erfahrung mšglich war. Eine Šsthetische
Erfahrung, eine Lernerfahrung, eine menschliche Erfahrung.
Ein gestisches Signal. Der Film wird angehalten. Alle
Èdrei§ig SekundenÇ. Das ist eine Vorverabredung:
fŸr prŠzises Arbeiten auf hohem IntensitŠtslevel.
Zweitens: ein hartnŠckiges Fragen. Interessant finde ich,
da§ eher der Film als der Autor befragt wird. Die Fragen kommen
quasi vom Film her und nicht aus der Welt des Schneideraums. Avakian
fragt nicht: ÈWarum hast du das so gemacht?Ç Er fragt:
ÈWas hat sie gesagt?Ç Der Autor wird so zum Dolmetscher des
Films, nicht zu dessen Verteidiger oder zum Selbstverteidiger. In die
Aussparung, die derart zwischen Film und Autor gelegt wird, kann sich
das eigene Nachdenken und die eigene Erfahrung hineinlegen.
Avakian hŠtte fragen kšnnen: ÈPoetisch? Und du bist
es?Ç Er hat es nicht gefragt.
Und Drittens: Der Text beschreibt jede Menge Schweigen. Er beschreibt
neun Fragen und neun mal Schweigen. Der eigenen kŸnstlerischen
Arbeit nachzuspŸren, geht nicht prontofix. Wenn die Sprache mit
eingeschaltetem Autopilot gleich losrattert, funktioniert das nicht.
Weil Zeit nštig ist, ist Schweigen nštig.
Das laute Fragen und das in keiner Weise lautlose Schweigen, sie
zusammen arbeiten hier daran, da§ ein inneres kritisches
SelbstgesprŠch ohne Gesichtsverlust Ÿberhaupt entstehen
kann. Ein eindeutig wichtiges GesprŠch &endash; sonst wŠre
es nicht Jahre spŠter notiert worden.
€sthetische Wertung braucht ihre eigene Zeit. In ihr geht es um
fŸhlendes, aufspŸrendes, suchendes, hypothetisches,
subjektives, erfahrungsgebundenes, emotionales Denken und kluges
GespŸr. Da mu§ vieles zusammenfinden. 2007-10-01 00:00
Abdruck
Dieser Text ist erstmals erschienen
im Schnitt #47.2007