Diagonalmontage und Fotofilm
Zu (Nostalgia) von Hollis Frampton
Von Gerhard Schumm

Lieber Gusztáv Hámos,

du hattest mit mir über Fotofilme gesprochen, über Filmreihen, die Katja Pratschke und du veranstalten. Ich hatte dir von Fotofilmen erzählt, die ich früher gemacht hatte. Auf Fotofilm war ich gekommen, weil ich Filmarbeit liebte und liebe - doch den Organisationszirkus freiberuflicher Filmherstellung nicht immer nur lustig fand. Da war es zum Atemholen einfach sehr, sehr schön, Ballast abwerfen zu können.

Für Fotofilme greifst du dir deinen Fotoapparat. Und schaust durch den Sucher und suchst. Und du guckst, ob es dir etwas zu sagen hat, was du siehst und wie du es siehst. Für Fotofilme, da nimmst du dein Tongerät, setzt die Kopfhörer auf und lauschst, was die Töne dir sagen wollen.

Du schaust. Du hörst. So etwas Schönes. So was Einfaches. So selten beim Filmemachen: du schaust wirklich hin, hörst wirklich hin. Du hast die Chance, zu dir zu kommen und zu dem, was wichtig ist und dir wichtig ist.

Das ist eine der besten Voraussetzungen dafür, daß möglicherweise ein Film entstehen kann, den du und andere am Ende auch sehen und hören wollen.

Beim billigen, armen Fotofilm, lebst du in purem Luxus: es sind nicht unendlich viele Bilder, nicht 100 Stunden mal 60 Minuten mal 60 Sekunden mal 25 Frames, es sind nicht 9 Millionen Bilder, die du bearbeitest. Es sind überschaubar viele Fotos.
Bilder, die du an die Wand pinnen und von denen du träumen kannst.

Der Mensch hat einen kugelrunden Kopf. Da sind unter anderem zwei Augen und zwei Ohren dran. Es ist viel Lärm, akustischer und visueller Lärm, der in den Kopf hineindrängt. Der Kopf ist dafür oft nicht groß genug. Bei der Filmarbeit spürt man das. Nicht nur der Magen, auch der Kopf hat begrenzte Kapazität. Auch er kann überdehnt werden. Der Hit, wenn du einen Fotofilm machst, ist: du kannst dein gesamtes Fassungsvermögen auf das Hören und ganz auf das Sehen einstellen.

Tonnenschweren Ballast schüttelst du ab: Stative, Fernsehredaktionen, Scheinwerfer, Kalkulationen, Bankauszüge, Schleimspuren, Kreditaufnahmen, Dispos, LkW-Miete, Teamkonflikte. Du greifst ganz einfach so wie ein Musiker zu zwei Instrumenten und legst los. Das hat was.

Wir haben über Fotofilme geredet, über den Film von Carlos Bustamante und den von Agnés Varda. Und dann ist die S-Bahn gekommen und ich mußte einsteigen.
Die S-Bahn schleift einen, wenn man von der Filmhochschule kommt, am Griebnitzsee mit den Villen links und den Lauben rechts vorbei und man sieht Seen und schön blühende Obstwiesen. Ich schaute zum Fenster raus.

Mit einem Mal tauchte in meiner inneren Kinemathek ein Film auf, an den ich ewig nicht mehr gedacht hatte und er zuppelte und ruckelte in mir herum. "An einen Film denken" stimmt ja nicht so ganz. "Denken" ist falsch. Ich hatte ein Gefühl von einem und für einen Fotofilm. Fast wär der mir verloren gegangen. Ein Film, der für mich damals ziemlich verwirrend war. Den ich aber als ein wunderbar irriterendes Schweben in Erinnerung hatte. Ich erinnerte mich an ein permanentes Auftauchen und Abtauchen von Bildern. An Ankunft und Verlust. An Trennung und Bindung.

Drollig, wie wenig Details mir einfielen. Ich erinnerte den gleichförmigen Rhythmus und die Struktur des Films. Ich erinnerte mich an die damalige Wirkung der Montage auf mich. Und deshalb schreibe ich das dir hier auf.

In meinem inneren Film war ein merkwürdiges technisches Ding zu sehen. Erst nach ein paar Minuten wurde mir deutlich, was ich da auf der Leinwand sah: eine Kochplatte - bildfüllend von oben. Eine verdammt veraltete Kochplatte: es lagerten glühende Stromdrähte spiralförmig in einer Keramikmasse. Und dann wurde ein Foto gezeigt. Man konnte sich das Foto eine Weile ansehen. Dann schmurgelte das Foto so langsam-langsam weg. Die Heizplatte war angestellt worden. Das Foto wurde dunkler und dunkler und zog sich knispelig und knautschig und beleidigt zusammen, Es wölbte, windete, es wehrte sich .... und es zerfiel ...

Es zerfiel. Es wurde schwarz. Und mit einem Schlag war das nächste Foto da, wurde frontal vor die Kamera und mir vor die Nase gehalten. Die Fotos waren als Fotos vollständig erkennbar. Man sah auch ihre Papierränder. Der Film scheint mir einer der wenigen Fotofilme zu sein, der seine Bilder als flache, abgefilmte Fotos herausstellt.

Die Bilder standen frei; ein jedes für sich; interessant unzusammenhängend. Doch
ihre gleichförmige metrische Andauer, die Wiederholungen des prompten Bildbeginns und die Wiederkehr des schwelenden Ausklingens gaben den isolierten Einzelbildern der Bildspur einen gemeinsamen Duktus, eine strukturelle Bindung.

Viel knisternde Stille war zu hören. Sie gab mir Zeit, um die Fotos richtig anschauen und ihrem Verglimmen nachspüren zu können. Dabei entdeckte ich staunend: ich konnte die Fotos auch dann noch sehen, wenn sie schon nicht mehr zu sehen waren.

In der Tonspur erzählte außerdem ein Mann etwas zu den Fotos in einem für mich merkwürdigen englischen Dialekt. Der, der den Film gemacht hatte und dessen Name mir jetzt so gar nicht einfallen will, schien direkt zu mir zu sprechen. Jahreszahlen wurden genannt und auch wen und was man auf den Fotos sah. Der Ton hüllte die Fotos in die autobiografische Erzählung eines Fotografen ein.

Worte waren dem Film wichtig. Doch für mich waren es nach einer Weile zu viel Worte. Sie bezogen sich nicht immer oder vielleicht auch fast nie auf das Bild, das man sah. Das Sehen und Hören wurde dadurch super kompliziert.

Ich dachte noch: Wow, der Film ist ja radikal asynchron!!! Das ist ja interessant!!! Der Ton bezieht sich nicht direkt auf das, was ich sehe. Der hat tektonische Verschiebungen ohne Ende. Dennoch: nach einer Weile hatte ich mich ganz auf die Seite der Bilder geschlagen. Ich hatte den Tonempfänger in mir heruntergeregelt, die Tonspur gemutet, die Ohren weggeklappt. Bilder und Ton zugleich: das war fürs erste Mal zu viel. Da höre ich ein anderes mal hin.

Das Verbrennen hatte mich beeindruckt. Dieses zähe Abschiednehmen von einem Bild. Diese herausgezögerte filmische Fermate. Dieses Versiegen einer Einstellung. Es war, als würde das Sichtbare sich selber aus der Welt verabschieden und ausblenden.

Und die demonstrativ ausgestellte Zeit des Zeigens der Bilder gefiel mir. Jede Einstellung war ein bewußtes Zurschaustellen. Jemand zeigte in diesem Film, daß sie oder er gründlich nachgedacht hatte, welches Bild ich mir wie lange ansehen soll.

Und nach dem Verbrennen - einfach Zack! - nächstes Foto. Der schroffe Einsatz eines neuen Bilds, eines neuen Themas ganz ohne Auftakt mitten ins Schwarz hinein. Selten nen Film gesehen, der so klar und aufrichtig nur Bilder vorzeigte, ihnen eine Dauer schenkte und die Bilder dann so unversöhnlich zum Verschwinden brachte.

Montage ist eine wehmütige Angelegenheit, dachte ich mit einem Mal.

Dieser Film war ein einziges Sich-Trennen. Der ganze Film eine große Schlußgeste. Schluß mit der Fotografie. Doch zugleich: Ein Beginn der Filmarbeit. Und darin ja auch ein Herüberretten, ein Aufbewahren der Fotos im Film. Der ganze Film war ein immer neu ansetzender, permanenter Anfang.
Der ganze Film und jede einzelne Schnittstelle zeigten Trennungsarbeit und Neuanfang, Begrüßung und Abschiednehmen.

Filme, wie dieser, mit klarer Konstruktion, sind oft Entdeckungsreisen, da sie filmische Grundlagenforschung sind. Sie wollen, daß man mitdenkt, nachdenkt und mitforscht. Man kann in ihnen etwas aufspüren, was in anderen Filmen oftmals zugestellt, übertönt oder an den Schnittstellen verklebt, zugeklebt, überklebt ist. Der Film brachte für mich auf den Punkt, was für einen Zuschauer von der Montage überhaupt sichtbar wird. Vieles, was Montagearbeit ausmacht, kann man - im Kino sitzend - nicht sehen und kaum erahnen. Was die Montage ausgelassen und weggelassen, was sie umgestellt und wie sie es umgestellt hat, das alles wird für einen Zuschauer nie sichtbar sein. Sämtliche Auswahlprozesse und alle Suchwege nach der stimmigen Materialanordnung bleiben auf der Leinwand oder auf dem Bildschirm verborgen.

Doch die Arbeit der Montage als Zeit- und Materialregie kann man im fertigen Werk ablesen. Das, was von der Montage sichtbar ist, gibt dem Film und dem Material als Ganzem und in seinen Teilen einen Beginn, gibt eine Dauer und setzt ein Ende. Das Sichtbare der Montage, das ist: "In" - "Out" - "Duration".

Ich saß dort in meinem Kinosessel und eine für mich als Zuschauer unsichtbare Instanz hatte Kerben in das Material und dessen Zeit geritzt. Sie hatte über die Anfangsgeste des Films, dieses leichte Einschwingen mit einer Tonprobe und über die Anfangsgesten einer jeden Einstellung entschieden. Sie hatte bestimmt, daß jedes neue Bild mit einem frohgemuten Sforzato beginnen sollte. Sie hatte die Präsenz der Bilder ausgelotet und entschieden, welche Dauer ihnen zu geben sei. Sie hatte die Bilder jeweils in einem langgestreckten Diminuendo, einem herausgezögerten Decreszendo ausklingen lassen und das Filmende in dichtes Schwarz getaucht.

Eigentlich spielt sie ein wunderbares Spiel, die Montage: ein Spiel des Gebens, Belassens und Wegnehmens von Material und Zeit.

Dir viele Grüsse
von Gerry

Mail

Ein paar Tage später verschickte ein paar Mails, um rauszufinden, welchen Film ich im Kopf hatte. Prompt bekam ich eine Antwort von Madeleine Bernstorff, einer Freundin. Sie schrieb: "Wie könnte der Film anders heißen: <Nostalgia>. Und er ist von Hollis Frampton, ist 36 min lang, ist aus dem Jahr 1971, ist aus den USA."

Der Film

Mittlerweile habe ich eine Videokopie bekommen. Zum ersten Mal sehe ich den Film wieder. Ich schaue ihn mir am Rechner an. Damals auf der Leinwand war es für mich ein ganz unbekannter Film. Mein früherer Eindruck entsteht nicht noch einmal.

Nostalgia sieht jetzt ganz anders aus. Es fällt mir auch anderes auf. Es ist für mich immer noch ein Montagefilm. Doch die Montage - vor allem die Montage der Ton-Bild-Beziehungen - ist viel, viel vertrackter als ich sie in Erinnerung hatte. Und das Ganze kommt mir verspielter, ironischer und gar nicht so wehmütig vor.

Filmpartitur

Filme, die mich interessieren, schaue ich zig mal an. Forschendes Sichten lernt man beim Montieren. Jeder Schnittplatz ist so etwas wie ein Labor für Materialforschung. Man studiert, ergründet, untersucht, durchstöbert das Material. Man bildet Forschungsreihen. Denn Roh- und Feinschnittvarianten sind Forschungsreihen. Sobald ich einen Film genauer spüren und kennenlernen will, demontiere und remontiere ich ihn. Die dabei erstellte Timeline ist eine Filmpartitur und ebenso hilfreich wie die Partitur in der Musik.


Abb.1: Timeline

Aus der Timeline läßt sich ablesen, daß die Bildsegmente nahezu gleiche Dauer haben, die Tonsegmente jedoch zeitlich variieren. Hollis Frampton hat für die Bildebene eine spezielle Art der Zeitmessung verwendet. Er hat jede Einstellung auf jeweils einer 100 Feet Rolle 16 mm Schwarz-Weiß-Film aufgenommen. Eine derartige 30,5 Meter-Rolle stellt einen Zeitcontainer für 2 Minuten und 45 Sekunden Filmzeit dar. Die repetitive Zeitstruktur der Bildschicht lehnt sich an die Konfektionierung des Materials an und greift deren Zeitvorgaben auf. Dennoch wurden sämtliche Einstellungen in der Montage feinjustiert. In der Timelineline lassen sich Kürzungen zwischen 8 und 20 sec ablesen. Die Einstellungen sind durch 24 frames Schwarz miteinander verbunden bzw. voneinander getrennt.

Verblüfft lese ich in einem klugen Artikel im Internet, daß der Film 12 Standbilder zeigen würde. Ich zähle und zähle die Bilder und zweifle an meiner Zählkunst. Nee, so ist es nicht. Der Film besteht aus 13 Einstellungen. Dann finde ich noch mehr Texte, in denen eine Einstellung irgendwie verloren gegangen ist. Merkwürdig....

Der Tonschnitt umfaßt (neben dem Tontest im Vorspann) auch 13 Segmente. Den autobiografischen Text liest Michael Snow vor. Hollis Frampton hat die ursprüngliche Tonfassung mit seiner eigenen Stimme verworfen. Er fand nicht nur das kanadische Idiom von Michael Snow angemessener. Der von einem anderen gesprochene Ich-Kommentar kennzeichnet auch die filmische Autobiografie deutlicher als autobiografische Konstruktion und Konvention. Macdonald (1988) S.62

Die Tonsegmente sind zum Bild semantisch asynchron montiert. Die Tonspur wurde im Verhältnis zum Bild zeitlich nach vorne versetzt. Sie erscheint in der Timeline als nach links geshiftet. Im Ton wird also in der Regel nicht über das sichtbare, sondern über das jeweils kommende Bild gesprochen.


Abb.2: Timeline markiert

Dadurch besteht zwar Kohäsion zwischen Ton und Bild in diesem Film. Doch sie geht um die Ecke herum: sie greift - sobald man als Zuschauer mit dem Verfahren des Films vertraut ist - auf das zukünftige Bild aus. Die Texte gehen den Bildern voraus. Oder umgekehrt ausgedrückt: die Bilder werden den Texten nachgereicht. Ich schlage vor, solches Montageverfahren "Diagonal-Montage" zu nennen.

Diese Montagekonstruktion bewirkt - zumindestens bei mir - einen eigenartigen Effekt: man spürt, wie der eigene Kopf raucht, ächzt und knirscht. Der eigensinnige Kopf arbeitet sich am nicht minder eigensinnigen Film ab. Eine Weile versucht man zumindest, das versetzt montierte Material in innerer Montage zu remontieren und lotet aus, ob Sichtbares und Hörbares in Kongruenz zu bringen seien.

Experiment | Konzept- vs. Perzeptwahrnehmung


Auf den ersten Blick hat mich dieses künstlerische Verfahren an ein psychologisches Experiment von Ridley Stroop (1935) erinnert. Die Versuchspersonen sollen die Schriftfarbe benennen. Sie sollen nicht das Wort vorlesen.


Abb.3: Stroop-Experiment

Der Kopf stolpert über die Diskrepanz zwischen Anmutung und Wortbedeutung. Sie sind einander widersprüchlich überlagert. Zwischen ihnen entsteht Interferenz und dadurch die spürbar lange Leitung beim Benennen. Der eigentlich zu Messzwecken bestimmte Test macht als Nebenwirkung die Differenz zwischen kurzschlüssiger, automatisierter, schemagebundener Zeichenwahrnehmung und sinnlicher Erkundung erfahrbar.

Diagonalmontage

So man bei diesem Film auf der Suche nach kohärenter Lesart ist, konfligieren Texte und Bilder. Die Wahrnehmung als Audio-Advance ist allerdings nur eine der möglichen Lesarten des Films: sie ist eine Lesart, die das Material innerlich rückzuordnen versucht und am Material zerrt. Sie ist eine Lesart der Normalisierung.

Man kann das Ganze jedoch auch lockerer angehen. Man kann die Asynchronität auch als disparate Synchronität, als Interferenz zu lesen versuchen und den Überlagerungen von Bild und Ton Raum geben. Das Filmkonzept setzt ja auf eine Montage-Tektonik der Diskrepanz. So gesehen bietet der Film zeitgleich jeweils zwei verschiedene Bilder - ein erzähltes Bild und ein gezeigtes Bild. Beide sind einander so überlagert, als wären sie eine spezielle Art der Überblendung, sozusagen eine Tonbild-Bildbild-Überblendung.

Durch diese doppelt mögliche Lesart entsteht in dem Film eine - durchaus sperrige und anstrengende, aber hochinteressante - Dichte der diagonalen, vertikalen und horizontalen Montagebezüge. Schon in der zweiten Einstellung überschneiden und kreuzen sich die Lektüren. Das aktuell sichtbare Bild weist auf den Ton der vergangenen Einstellung zurück. Das aktuelle Bild wird zugleich mit dem vergangenen Bild in Zusammenhang gesetzt. Darüber hinaus steht das Bild der zweiten Einstellung zum zeitgleich Gehörten in einer Interferenzbeziehung. Und das Erzählte in der Tonspur skizziert mit Worten bereits das Bild, das als nächstes zu sehen sein wird. Die Montage des Films setzt auf die Verdichtung der aktuellen Wahrnehmung durch intensivierte aktuelle, retrospektive und prospektive Lektüre.


Abb.3: Diagonalmontage

Dieses Crossingover von Leküren gilt zwar im Prinzip für Filmwahrnehmung generell. Doch ich habe den Eindruck, dieser Film macht mir meine Montagewahrnehmung, also mein Denken in Bildern und Tönen, transparenter und erfahrbarer als ich es sonst erlebe. In seiner konstruktiven Klarheit ermöglicht er es, meine eigene Wahrnehmung wahrzunehmen.

Zoomen wir in der Timeline noch ein wenig dichter heran. Verblüffenderweise stieß ich in der 2006 erschienenen Monographie von Rachel Moore zu diesem Film (Moore, Rachel (2006) Hollis Frampton. (nostalgia). MIT Press Cambridge. S. 22) auf folgenden Satz: "Jede Sequenz durchläuft drei Stadien. In der ersten, die ungefähr dreissig Sekunden dauert, sieht man gut erkennbar (perfectly legible) eine Fotografie und man hört nichts. Im zweiten Stadium - es ist ungefähr eine Minute lang - verbrennt die Fotografie und man hört dazu eine Erzählerstimme. Der dritte Teil ist stumm und dauert meistens so lang wie die Erzählung andauerte.

Sorry, aber die Montage-Phrasierung des Films hat eine viergliedrige Gestalt. Das zweite Stadium gibt es in der beschriebenen Form nicht. Die Bilder verbrennen nie zeitgleich mit dem Einsetzen der Stimme. Zoomen wir in der Timeline z.B. an die sechste Einstellung, einem Fotoportrait von Frank Stella, heran:


Abb.4: Phrasierung

Zu Beginn sieht man das Portrait des rauchenden Frank Stella und hört nur das Rauschen des Tons. Es setzt die Erzählerstimme ein. (Die fängt hier ironischerweise mit "I made this photograph of James Rosenquist" an.) Nach einer Weile fängt dann auch das Bild zu rauchen an und verbrennt. Dann verstummt die Stimme. Und man sieht lange die Asche und hört nur Tonrauschen.

Die Einstellungen durchlaufen in der Regel diese vier Phasen. Noch bevor das Bild sich auflöst, legt die sprachliche Repräsentation sich mit ihren vorausgreifenden Erinnerungen über die sichtbare Präsenz. Die Erzählstimme zersetzt und verbrennt auf ihre ganz eigene Art bereits das Bild, bevor das Bild als Bild verbrannt wird.

Die Timeline zeigt auch, daß die Phrasierung konsequent variiert wird. Ab der Filmmitte wird der Spracheinsatz verzögert und wird hinter den Beginn des Verbrennens gesetzt. In Einstellung dreizehn ist der Ton dann soweit verzögert, daß die Erzählstimme kongruent zum Bild liegt.

Zum Status des Bilds im vordigitalen Fotofilm

Beim häufigen Sichten fällt mir auf: Klassische Fotofilme wie dieser haben mit Fotos auf der Ebene des Materials und der entsprechenden Materialwahrnehmung nicht so sehr viel miteinander zu tun. Fotos lösen sich im Film auf. Bereits ab dem zweiten Filmframe und weit vor dem ersten Schnitt ist das ehemals vorfilmischen Foto purer Film. Das zeitfixierende Foto mutiert im Filmstreifen zum Filmstill. Und - entgegen ihrer Bezeichnung - sind Filmstills so still nicht. In ihnen rumort und rauscht es. In ihnen pulsiert und oszilliert die Zeit. Es sind feine Schwingungen im Filmstill. Der Film hat es mit Zeit geladen. Von Beginn an ist auch das Filmstill Zeitbild.

Stossen im vordigitalen Film nämlich zwei Frames aufeinander, entsteht zwischen den projizierten Molekülen der Farbkuppler eine Mikro-Bewegung: das Kornrauschen. Darüberhinaus entsteht die Mikro-Bewegung des zuckenden Bildrahmens. Der Bildstand ist nie vollständig fixiert.

Ich spreche - wohlgemerkt - vom vordigitalen Film. Der Einschnitt zwischen digitalem und vordigitalem Film beinhaltet ästhetisch einen größeren Bruch als uns die gegenwärtige sehr äußerliche Sprechweise vom "Filmlook" glauben machen will. Es geht um basale ästhetische Parameter des filmischen Zeitbilds, die sich wandeln. Beim digitalen Film spielen dabei die neuen Bildformate, die Bildauflösung bzw. die Gradation und die von Kameraleuten thematisierte gleichförmig hohe und wenig fokalisierende Schärfentiefe nicht einmal die größte Rolle.

Entscheidender scheint mir: Das digitale Bild ist durch seinen stillgestelllten Bildstand und die stationäre Anordnung des Pixelrasters wie festgetackert. Das hat zur Folge, daß unsere Wahrnehung auf der Ebene der Frames beim digitalen Filmstill keinen Anhalt für Zeit vorfindet. Das digitale Standbild ist kein Zeitbild. Ihm fehlt das visuelle Vibrato. Ich zeige kurz, was ich meine: Das hier ist die 12. Einstellung:


Filmbeispiel 1: Nostalgia - Einstellung 12

Isolieren wir zur Exploration und Demonstration versuchsweise diese beiden basalen Parameter des klassischen Zeitbilds heraus. Filtern wir zum einen die Mikrobewegung des Bildstands und zum anderen die des Kornrauschens heraus. Wir werden auf dieser Ebene des Filmstreifens, auf der Ebene der subliminalen Framewahrnehmung verblüffenderweise zwei in ihrer Wirkung gegenläufige Bewegungen feststellen.

Eine Bewegung zielt in Richtung Film. Die andere in Richtung Foto. Das Kornrauschen läßt uns das gefilmte Foto als Zeitbild, als Film wahrnehmen. Die Bildstandsbewegung hingegen verstärkt die Wahrnehmung der Projektionsfläche als Fläche. Sie schwächt die illusionäre Wahrnehmung eines Filmraums ab und hebt hervor, daß es Fotos waren, die vor der Kamera lagen.

Hier das Bild ohne Bildstandsbewegung. Links mit Kornrauschen. Rechts ohne.


Filmbeispiel 2: Vergleich: links mit und rechts ohne Kornrauschen

Das Kornrauschen ist ein kaum merkliches visuelles Vibrato: vom ersten Moment läßt es uns spüren, daß die Bilder zeitbasiert sind. Film atmet. In ihm ist Zeit spürbar aufbewahrt. Fotos atmen nicht. Darin unterschied sich der klassische Fotofilm von der Dia-Show. Darin entfernt sich der klassische Fotofilm weit vom Foto.

Legen wir nun das Moment des vibrierenden Bildstands frei. Hier das Bild ohne Kornrauschen. Links mit Bildstandsbewegung. Rechts ohne.


Filmbeispiel 3: Vergleich: links mit und rechts Bildstandsvibrato

Die gesamte Bildfläche ruckelt ein wenig. Der oszillierende Bildstand des vordigitalen Films bewirkt eine geringfügige Zurücknahme der Raumillusion. Das ist wie ein leiser, fast unmerklicher Hinweis des projizierten Materials und der Apparatur, der uns mitteilt, daß es sich um eine Flächenprojektion handelt. Daß in diesem Fotofilm die Fotos mit ihren Fotokanten und -rändern mit im Bild gezeigt werden, macht die abgefilmten Fotos als Bildflächen darüberhinaus deutlich erkennbar.

Mir scheint, daß durch die Statik des digitalen Bilds der Schnittstelle in Fotofilmen neue Bedeutung zukommt. Die Schnittstelle schlägt nun härter in das Material. Beim Digitalen Fotofilm erzeugt erst die Schnittstelle die Zeitbewegung des Bilds. Mit einem Mal ist es nur der Schnitt, der das Bild mit Dauer und Vergänglichkeit auflädt.

Nachtrag

An meiner Wand hängt seit einigen Tagen ein Zettel mit dem Satz: "Das Ziel der Filmkunst ist die Erforschung der Eigenart der Filmkunst selbst". Der Satz ist von Hollis Frampton.




Filmangaben:

(Nostalgia)
Hollis Frampton
USA, 1971, 36 min

Literatur:
Frampton, Hollis (1983) Circles of Confusion. Rochester | New York: Visual Studies Workshop Press.
Macdonald, Scott (1988) A Critical Cinema. Interviews with Independent Filmmakers. Kapitel: Hollis Frampton. Berkeley | Los Angeles | London: University of California Press. S. 21 - 77.
Moore, Rachel (2006) Hollis Frampton. (nostalgia). MIT Press Cambridge.

 

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