Klasse montiert!!!!
Gerhard Schumm

Montieren bedeutet: Entscheidungen treffen. Immerzu. Andauernd. In Permanenz. Über die Materialauswahl muß man entscheiden, über die Materialanordnung. Über jedes Frame an jeder Schnittstelle muß man entscheiden.

Und jeweils trifft man diese Entscheidung auf Grund einer ästhetischer Bewertung: Hinfort mit dem Material in den Orkus oder rein in die Sequenz? Soll es an dieser Stelle stehen oder dort? Kürzer oder Länger?

Die Tätigkeit des Montierens ist zu großen Teilen Bewertungarbeit. Montage lernen, heißt also auch: Bewerten lernen.

Jede künstlerische Wertung ist subjektiv. Man tritt mit seiner je eigenen Sicht auf den Film an, mit seinen persönlichen und ästhetischen Erfahrungen und mit seinen Welterfahrungen. Man kommt bei der Bewertung von Montage gar nicht umhin, sich mit seiner ganzen Person zu zeigen. Das macht einen so angreifbar wie ehrlich und macht - für die Mitmenschen - feinerweise das Urteil relativierbar.

Solche Wertung ist subjektiv, aber nicht subjektivistisch. Sie ist relativierbar, aber sie ist nicht beliebig.Weil sie am Gesehenen und am Gehörten, weil sie am Material sich objektiviert. Was man beim Montieren sieht, hört, fühlt und denkt, was man wertet und interpretiert, das findet seinen Ausdruck, seine überprüfbare Vergegenständlichung im Montierten. Wertung ist also beides: subjektiv und objektiv.

Sprechen ist beim Montieren und der Bewertung von Montage nur ein Mittel. Man spricht im Schneideraum viel und muß viel miteinander sprechen. In der Hauptsache aber muß man das Material zum Sprechen bringen, muß ausloten, was das Material einem sagen will. Man ändert die Abfolge des Materials und erspürt, was sich dadurch ändert. Man nimmt Material heraus und erkundet, ob einem dadurch etwas fehlt und was einem fehlt. Man nimmt Material rein und prüft, ob es eine Bereicherung ist.

Über die dramaturgische Seite der Montage (z.B. Plotverlauf, Spannungsbögen, Figuren, Konflikte) läßt sich ganz angemessen sprechen und urteilen. Doch bei Fragen der Montagerhythmik, des Timings und Pacings, Fragen des Montagegestus, Fragen der Montagedynamik ist die Abgabe von Lauten oft heikel. Das will weniger mit Sprache und eher im Material artikuliert werden. Man erstellt Schnittvarianten und arbeitet dabei mit der Methode der Variation und des explorativen Vergleichs.

Das will ich kurz demonstrieren. Ich will zeigen, mit welchen sprachlichen und nicht-sprachlichen Mitteln ich mich der Wertung von Montage anzunähern versuche.

Ich werde einen Filmausschnitt zeigen, den ich für klasse montiert halte. Und ich will Ihnen Methoden zeigen, mit denen ich arbeite, um herauszufinden, warum mir die Montage so gut gefällt.

Diese Methoden haben immer einen starken Materialbezug. Sie sind unter anderem:
- Ansehen, Anhören, Hinhören, Hinschauen, Gucken und Lauschen.
Immer und immer wieder. Das kann gar nicht oft genug sein.
- Isolieren, Reduzieren, Freistellen einzelner Montageelemente.
- Demontage und Remontage
- Umwandlung von Montagen zu Collagen in der Fläche
- Timeline-Diagnostik (Die Timeline ist das tatsächlich Neue am Schnittcomputer.)

Blight
Hier 3 Minuten aus dem Film: "Blight", Regie und Montage: John Smith, 1994, 14 min, 16mm auf Video, Musik: Jocelyn Pook

1 Filmdemo

Ich mag an dieser Sequenz und ihrer Montage, dass sie so energiegeladen wie transparent ist. Für mich hat sie Power und Klarheit.

Ich mag Montagearbeit, die ihr Material durcharbeitet und mir ein Gefühl dafür gibt, daß am Material gearbeitet worden ist.

Ich mag Montagearbeit, die ihre Gestaltungsmittel zeigt.
Montage, die sich nicht hinter irgendetwas versteckt und unsichtbar sein will.
Ich interessiere mich eher für offene Montage als für Under-Cover-Montage.

Markierte und maskierte Schnitte
Ich finde: in diesem Filmausschnitt werden Montagemöglichkeiten ausgeschritten. Montage kann Material weichspülen und streicheln. Montage kann es aufrauhen oder spröde machen. Alles ist möglich.

Schnittstellen können gebunden, gezupft, gehalten, gehämmert, getragen, stockend, federnd oder explosiv sein und vieles mehr.

Die montagespezifische Artikulation dieses Filmausschnitts ist für mein Empfinden beeindruckend reich. Sie schöpft die weiche, überbundene Legato-Montage durch maskierte Schnittstellen aus. Und sie erzeugt auf der anderen Seite durch markante, deutlich markierte Schnittstellen hämmerndes Montage-Stakkato.

Schauen Sie sich noch mal an, welcher Gebrauch im letzten Drittel des Films von maskierten Schnittstellen gemacht wird. Maskierte Schnittstellen zielen auf visuelle Verschmelzung. Sie bewirken so was wie ein Glissando der Bilder.

2 Filmdemo Maskierte Schnittstellen


Eine für mich wunderbar gelungene, weit ausladende, weich überbundene Montgage. Ein mit großem Bogen überspannter Montagefluß. Der Filmteil startet hier volle Elle kurz vor seinem Ende noch mal durch. Und hört dann schlagartig auf.

Und schauen Sie sich jetzt noch mal den Beginn des Films mit seiner perkussive Montage an:

3 Filmdemo Markierte Schnittstellen

Jeder Ton wird von der Montage freigelegt. Jeder Schnitt ist freigestellt, ist deutlich akzentuiert und markiert. Daraus entsteht für mich eine enorme Spannung zwischen Bild- und Ton mit Vorhalten und mit zeitlichem Versatz. Erst an der Stelle mit der gelben Farbfläche und dem Schlag der Bassdrum auf die 1 wird die Spannung aufgelöst. Und dann erfährt sie - witzigerweise - noch mal einen perkussiven Nachschlag mit dem Bild des Wellblechs ebenfalls auf der 1.

Sehen Sie sich das gleich nochmal zusammen mit der Timeline an. Der von Jocelyn Pook komponierte Tango muß anfangs erst zu sich finden. Die Montage groovt ihn sozusagen ein. Die Timelinespuren zeigen von oben nach unten: die musikalischen Formteilen, die Takte, die Bildsegmente der Bildspur, den Sampleplot der Tonspur, den Timecode.

4 Filmdemo 2ComposeBild+TL_Part.dv

Montageartikulation - Stationärer Jump Cut
Im Detail - also im Bereich der Mikromontage benachbarter Einstellungen - finden Sie ein interessantes Artikulationsmittel der Montage: es sind diese drolligen Schnitte auf die Wellblech-Fläche.

Das sind markante Jump-Cuts, die hier nicht in bewegte Situationen hineingeschnitten sind, sondern in eine statische, stationäre visuelle Linienstruktur.

Diese stationären Jump-Cuts gestaltet die Montage erstaunlich differenziert.
Vereinfacht dargestellt, entwickelt die Montage in diesem Film zwei Arten des Jump-Cuts.

Zum einen: als Schnitt von einer gröberen Linienstruktur zu einer dichteren: als Shrinking

5 Filmdemonstration: Shrink2_16>26.mov

Und dann gibt es den umgekehrten, den expandierenden Fall: den Schnitt von einer visuell dichteren Struktur auf ein gröberes Linienmuster:

6 Filmdemonstration: Expand1_16<14.mov

Schauen Sie sich jetzt diese perkussiven Schnittstellen des Filmbeginns im Zusammenhang mit der musikalischen Rhythmik an.

Ich habe in dieser Filmdemonstration die Jump-Cuts extrahiert. Ich habe sie isoliert im Material stehen lassen und freigestellt.

Ich habe sie auf diese Weise überakzentuiert. Die anderen Segmente wurden durch Schwarz ersetzt.

7 Filmdemo: Decompose Nur JumpCuts 1Decompose_Statisch

Das Wellblechmuster taucht zwar in der zweiten Hälfte des Films noch auf. Aber nur noch als statisches Bild. Nicht mehr als perkussive Jump-Cuts an Schnittstellen. Ein Blick auf die Makromontagestruktur dieses Filmteils mit Hilfe der wunderbaren Timeline. Die gelben Pfeile sind die Jump-Cuts.

8 Timeline Jump-Cut-Impulse

Die Jump Cuts werden nur in der ersten Hälfte des Filmausschnitts eingesetzt. Der Beginn des Films erhält durch sie eine fette Energiezufuhr. Der Rhythmus ist nach einer Weile aufgebaut und dann fest verankert. Prompt werden dann die Jump Cuts ausgedünnt. Und ab der Mitte werden sie nicht mehr verwendet.

Montageartikulation - Direktionale Montage
Die Jump Cuts werden präzise an derjenigen Stelle zurückgenommen, wo die gegenläufigen Bewegungen im Bild einsetzen.

Der Film verabschiedet sich in seiner Mitte von dem einen Artikulationsmittel der Montage und begrüßt ein Neues. Ein feines Handshaking.

Noch einmal Blick auf die Timeline. Die gelben Pfeile in der Bildspur verdeutlichen die direktionale Montage. Sie zeigen, wo Bewegungen einander fortführen und wo sie aufeinander prallen. Pfeil nach links meint Bewegung im Bild nach links. Zwei gegenläufige Pfeile meinen gegenläufige Bewegung im Bild.


9 JumpCut-Impulse und Richtungsmontage


Zum Abschluß möchte ich Ihnen jetzt noch dieses Gestaltungsverfahren der Richtungsmontage veranschaulichen.

Ich variiere dafür das Material durch Demontage und Collage. Die Wirkung von Richtungsmontagen läßt sich als Split-Screen, also durch eine Montage in der Fläche, gut erfassen.

Jede Bewegungsrichtung hat von mir hier ihren eigenen Kanal erhalten.
Jede Richtung hat eine eigene Plazierung in der Bildfläche zugewiesen bekommen.

Lassen wir zum Abschluß also das Material selber sprechen und lassen wir es selber von seiner Montage erzählen.

Und ich finde: das macht es sehr gut.

10 Filmdemo: DirektionalCompose
"Blight" - Überakzentuierung der Direktionalen Montage durch De-Compositing
(Splitscreen) Separierte Bewegungen in einem Bild