Klasse montiert!
Gerhard Schumm
Montieren bedeutet: Entscheidungen
treffen. Immerzu. Andauernd. In Permanenz. †ber die
Materialauswahl mu§ man entscheiden, Ÿber die
Materialanordnung. †ber jedes Frame an jeder Schnittstelle
mu§ man entscheiden.
Und jeweils trifft man diese Entscheidung auf Grund einer
Šsthetischer Bewertung: Hinfort mit dem Material in den Orkus
oder rein in die Sequenz? Soll es an dieser Stelle stehen oder dort?
KŸrzer oder LŠnger?
Die TŠtigkeit des Montierens ist zu gro§en Teilen
Bewertungarbeit. Montage lernen, hei§t also auch: Bewerten
lernen.
Jede kŸnstlerische Wertung ist subjektiv. Man tritt mit seiner
je eigenen Sicht auf den Film an, mit seinen persšnlichen und
Šsthetischen Erfahrungen und mit seinen Welterfahrungen. Man
kommt bei der Bewertung von Montage gar nicht umhin, sich mit seiner
ganzen Person zu zeigen. Das macht einen so angreifbar wie ehrlich
und macht - fŸr die Mitmenschen - feinerweise das Urteil
relativierbar.
Solche Wertung ist subjektiv, aber nicht subjektivistisch. Sie ist
relativierbar, aber sie ist nicht beliebig.Weil sie am Gesehenen und
am Gehšrten, weil sie am Material sich objektiviert. Was man
beim Montieren sieht, hšrt, fŸhlt und denkt, was man wertet
und interpretiert, das findet seinen Ausdruck, seine
ŸberprŸfbare VergegenstŠndlichung im Montierten.
Wertung ist also beides: subjektiv und objektiv.
Sprechen ist beim Montieren und der Bewertung von Montage nur
ein Mittel. Man spricht im Schneideraum viel und mu§
viel miteinander sprechen. In der Hauptsache aber mu§ man das
Material zum Sprechen bringen, mu§ ausloten, was das Material
einem sagen will. Man Šndert die Abfolge des Materials und
erspŸrt, was sich dadurch Šndert. Man nimmt Material heraus
und erkundet, ob einem dadurch etwas fehlt und was einem fehlt. Man
nimmt Material rein und prŸft, ob es eine Bereicherung ist.
†ber die dramaturgische Seite der Montage (z.B. Plotverlauf,
Spannungsbšgen, Figuren, Konflikte) lЧt sich ganz
angemessen sprechen und urteilen. Doch bei Fragen der
Montagerhythmik, des Timings und Pacings, Fragen des Montagegestus,
Fragen der Montagedynamik ist die Abgabe von Lauten oft heikel. Das
will weniger mit Sprache und eher im Material artikuliert werden. Man
erstellt Schnittvarianten und arbeitet dabei mit der Methode der
Variation und des explorativen Vergleichs.
Das will ich kurz demonstrieren. Ich will zeigen, mit welchen
sprachlichen und nicht-sprachlichen Mitteln ich mich der Wertung von
Montage anzunŠhern versuche.
Ich werde einen Filmausschnitt zeigen, den ich fŸr klasse
montiert halte. Und ich will Ihnen Methoden zeigen, mit denen ich
arbeite, um herauszufinden, warum mir die Montage so gut
gefŠllt.
Diese Methoden haben immer einen starken Materialbezug. Sie sind
unter anderem:
- Ansehen, Anhšren, Hinhšren, Hinschauen, Gucken und
Lauschen.
Immer und immer wieder. Das kann gar nicht oft genug sein.
- Isolieren, Reduzieren, Freistellen einzelner Montageelemente.
- Demontage und Remontage
- Umwandlung von Montagen zu Collagen in der FlŠche
- Timeline-Diagnostik (Die Timeline ist das tatsŠchlich Neue am
Schnittcomputer.)
Blight
Hier 3 Minuten aus dem Film: "Blight", Regie und Montage: John Smith,
1994, 14 min, 16mm auf Video, Musik: Jocelyn Pook
1 Filmdemo
Ich mag an dieser Sequenz und ihrer Montage, dass sie so
energiegeladen wie transparent ist. FŸr mich hat sie Power und
Klarheit.
Ich mag Montagearbeit, die ihr Material durcharbeitet und mir ein
GefŸhl dafŸr gibt, da§ am Material gearbeitet worden
ist.
Ich mag Montagearbeit, die ihre Gestaltungsmittel zeigt.
Montage, die sich nicht hinter irgendetwas versteckt und unsichtbar
sein will.
Ich interessiere mich eher fŸr offene Montage als fŸr
Under-Cover-Montage.
Markierte und maskierte Schnitte
Ich finde: in diesem Filmausschnitt werden Montagemšglichkeiten
ausgeschritten. Montage kann Material weichspŸlen und
streicheln. Montage kann es aufrauhen oder spršde machen. Alles
ist mšglich.
Schnittstellen kšnnen gebunden, gezupft, gehalten,
gehŠmmert, getragen, stockend, federnd oder explosiv sein und
vieles mehr.
Die montagespezifische Artikulation dieses Filmausschnitts ist
fŸr mein Empfinden beeindruckend reich. Sie schšpft die
weiche, Ÿberbundene Legato-Montage durch maskierte
Schnittstellen aus. Und sie erzeugt auf der anderen Seite durch
markante, deutlich markierte Schnittstellen hŠmmerndes
Montage-Stakkato.
Schauen Sie sich noch mal an, welcher Gebrauch im letzten Drittel des
Films von maskierten Schnittstellen gemacht wird. Maskierte
Schnittstellen zielen auf visuelle Verschmelzung. Sie bewirken so was
wie ein Glissando der Bilder.
2 Filmdemo Maskierte Schnittstellen
Eine fŸr mich wunderbar gelungene, weit ausladende, weich
Ÿberbundene Montgage. Ein mit gro§em Bogen
Ÿberspannter Montageflu§. Der Filmteil startet hier volle
Elle kurz vor seinem Ende noch mal durch. Und hšrt dann
schlagartig auf.
Und schauen Sie sich jetzt noch mal den Beginn des Films mit seiner
perkussive Montage an:
3 Filmdemo Markierte Schnittstellen
Jeder Ton wird von der Montage
freigelegt. Jeder Schnitt ist freigestellt, ist deutlich akzentuiert
und markiert. Daraus entsteht fŸr mich eine enorme Spannung
zwischen Bild- und Ton mit Vorhalten und mit zeitlichem Versatz. Erst
an der Stelle mit der gelben FarbflŠche und dem Schlag der
Bassdrum auf die 1 wird die Spannung aufgelšst. Und dann
erfŠhrt sie - witzigerweise - noch mal einen perkussiven
Nachschlag mit dem Bild des Wellblechs ebenfalls auf der 1.
Sehen Sie sich das gleich nochmal zusammen mit der Timeline an. Der
von Jocelyn Pook komponierte Tango mu§ anfangs erst zu sich
finden. Die Montage groovt ihn sozusagen ein. Die Timelinespuren
zeigen von oben nach unten: die musikalischen Formteilen, die Takte,
die Bildsegmente der Bildspur, den Sampleplot der Tonspur, den
Timecode.
4 Filmdemo 2ComposeBild+TL_Part.dv
Montageartikulation - StationŠrer Jump Cut
Im Detail - also im Bereich der Mikromontage benachbarter
Einstellungen - finden Sie ein interessantes Artikulationsmittel der
Montage: es sind diese drolligen Schnitte auf die
Wellblech-FlŠche.
Das sind markante Jump-Cuts, die hier nicht in bewegte Situationen
hineingeschnitten sind, sondern in eine statische, stationŠre
visuelle Linienstruktur.
Diese stationŠren Jump-Cuts gestaltet die Montage erstaunlich
differenziert.
Vereinfacht dargestellt, entwickelt die Montage in diesem Film zwei
Arten des Jump-Cuts.
Zum einen: als Schnitt von einer
gršberen Linienstruktur zu einer dichteren: als Shrinking
5 Filmdemonstration: Shrink2_16>26.mov
Und dann gibt es den umgekehrten, den expandierenden Fall: den
Schnitt von einer visuell dichteren Struktur auf ein gršberes
Linienmuster:
6 Filmdemonstration: Expand1_16<14.mov
Schauen Sie sich jetzt diese perkussiven Schnittstellen des
Filmbeginns im Zusammenhang mit der musikalischen Rhythmik an.
Ich habe in dieser Filmdemonstration die Jump-Cuts extrahiert. Ich
habe sie isoliert im Material stehen lassen und freigestellt.
Ich habe sie auf diese Weise
Ÿberakzentuiert. Die anderen Segmente wurden durch Schwarz
ersetzt.
7 Filmdemo: Decompose Nur JumpCuts 1Decompose_Statisch
Das Wellblechmuster taucht zwar in der zweiten HŠlfte des Films
noch auf. Aber nur noch als statisches Bild. Nicht mehr als
perkussive Jump-Cuts an Schnittstellen. Ein Blick auf die
Makromontagestruktur dieses Filmteils mit Hilfe der wunderbaren
Timeline. Die gelben Pfeile sind die Jump-Cuts.

8 Timeline Jump-Cut-Impulse
Die Jump Cuts werden nur in der ersten HŠlfte des
Filmausschnitts eingesetzt. Der Beginn des Films erhŠlt durch
sie eine fette Energiezufuhr. Der Rhythmus ist nach einer Weile
aufgebaut und dann fest verankert. Prompt werden dann die Jump Cuts
ausgedŸnnt. Und ab der Mitte werden sie nicht mehr
verwendet.
Montageartikulation - Direktionale Montage
Die Jump Cuts werden prŠzise an derjenigen Stelle
zurŸckgenommen, wo die gegenlŠufigen Bewegungen im Bild
einsetzen.
Der Film verabschiedet sich in seiner Mitte von dem einen
Artikulationsmittel der Montage und begr٤t ein Neues. Ein
feines Handshaking.
Noch einmal Blick auf die Timeline. Die gelben Pfeile in der Bildspur
verdeutlichen die direktionale Montage. Sie zeigen, wo Bewegungen
einander fortfŸhren und wo sie aufeinander prallen. Pfeil nach
links meint Bewegung im Bild nach links. Zwei gegenlŠufige
Pfeile meinen gegenlŠufige Bewegung im Bild.

9 JumpCut-Impulse und Richtungsmontage
Zum Abschlu§ mšchte ich Ihnen jetzt noch dieses
Gestaltungsverfahren der Richtungsmontage veranschaulichen.
Ich variiere dafŸr das Material durch Demontage und Collage. Die
Wirkung von Richtungsmontagen lЧt sich als Split-Screen,
also durch eine Montage in der FlŠche, gut erfassen.
Jede Bewegungsrichtung hat von mir hier ihren eigenen Kanal
erhalten.
Jede Richtung hat eine eigene Plazierung in der BildflŠche
zugewiesen bekommen.
Lassen wir zum Abschlu§ also das Material selber sprechen und
lassen wir es selber von seiner Montage erzŠhlen.
Und ich finde: das macht es sehr gut.
10 Filmdemo: DirektionalCompose
"Blight" - †berakzentuierung der Direktionalen Montage durch
De-Compositing
(Splitscreen) Separierte Bewegungen in einem Bild