Montagerhythmus - Timing |
Pacing
MerkwŸrdig ist das schon: die wichtigsten Begriffe eines
Arbeitsgebiets sind oft am schwierigsten zu erklŠren. FŸr
den Bereich der Filmmontage trifft das vor allem auf den
Montagerhythmus zu. Jeder Film hat - weil Film ein Bewegungsmedium,
ein Zeitmedium ist - eine charakteristische Zeitgestalt, hat also
seinen spŸrbar eigenen Rhythmus. Der kann im Ganzen oder in
Teilen flie§end, gleitend, stockig, verhalten, gebremst,
treibend, kann flexibel oder durchgehalten, kann sanft, ruppig,
allmŠhlich, impulsiv sein .... und sicher noch vieles mehr,
wofŸr mir die Worte hier fehlen.
Die Worte fehlen nicht nur mir. WŠhrend Musiker in einer Band
sich in ihren Pausen ganz wunderbar darŸber verstŠndigen
kšnnen, was rhythmisch gelungen ist oder wie es geŠndert
werden sollte und das auch TŠnzern und Sportlern gut gelingt, da
sie eine Sprache fŸr die Zeitgestaltung ihrer Arbeit haben,
werden Filmemacher bei Fragen der rhythmischen Gestaltung eher still
und fangen zu gestikulieren an: weil es fast keine AusdrŸcke
fŸr die rhythmische Artikulation des Films gibt. Da Begriffe wie
"Filmrhythmus" und "Montagerhythmus" so ungeklŠrt sind, wird
mŸndliches ErklŠren oft schwierig.
Doch zwei filmische Rhythmusbegriffe lassen sich an Land ziehen:
"Timing" und "Pacing". Beide Begriffe stammen aus amerikanischen
SchneiderŠumen. Sie sind intuitiv gewonnene - und ich finde:
Ÿberaus nŸtzliche - VerstŠndigungsausdrŸcke der
Montagearbeit. Es sind montagespezifische AusdrŸcke. Sie zielen
allein auf montagerhythmische Aspekte. Sie reichen bei weitem nicht
aus, um den globalen Begriff "Filmrhythmus" auszuloten.
Denn Filmrythmus ist etwas Umfassendes und Zusammengesetztes: in ihm
schichten sich die Rhythmen der montierten Tšne und Bilder und
Ÿberlagern sich. Und in ihn geht die rhythmische Bewegung der
Sprech- und der Spielhandlung, die Bewegung der Kamera und der
Montage, die der Filmmusik und der FilmerzŠhlung - das
ErzŠhlte wie das NichterzŠhlte - ein. Das ist ein
riesengro§er Stapel und ein schwer zu erfassendes GefŸge.
Da macht es Sinn, sich erst mal auf den Ÿberschaubaren
Teilbereich "Timing" und "Pacing" zu beschrŠnken. Ein enger
Ausschnitt erleichtert Begriffsbestimmungen. Und so kann ich mit
Definieren frohgemut loslegen.
"Timing" bezeichnet das Zeitfenster einer montierten
Einstellung. (Und - aber das lassen wir jetzt beiseite - die
Beziehungen der Zeitfenster zueinander.) Ein normales Zimmerfenster
hat einen Rahmen und eine Grš§e. Das Zeitfenster einer
Einstellung hat ebenfalls einen Rahmen. Er wird im Proze§ des
Montierens durch das "In" und das "Out" festgelegt, also durch den
Moment des Einstellungseinstiegs und des -ausstiegs. Und die
Grš§e des Einstellungszeitfensters: sie ist die Dauer der
Einstellung.
Jetzt brŠuchte ich eigentlich eine Leinwand, um an einem
Filmausschnitt die Bewegung vom In zum Out und ihre rhythmische
Konturierung zu demonstrieren. Was machen, wenn man nur
bewegungsloses Papier zur VerfŸgung hat? Ich weiche auf Bilder
der Serienfotografie - genauer: der Chronofotografie -aus. Sie
hŠlt Filmeinstellungen quasi auf einem einzigen Foto fest. Sie
war eine Vorform des Films. Sie ist ein Zwittermedium: zwar ist sie
zeitorientiert, aber dennoch statisch.
Im Jahr 1898 nimmt ƒtienne Jules Marey dieses Foto eines
Stabhochspringers auf:

Marey hatte sich fŸr seine Bewegungsstudien eine Fotokamera mit
einem speziellen Verschlu§ konstruiert. Die zerhackt mit einer
rotierenden Blende die gleitende Bewegung und macht aus ihr ein
Staccato ohne BewegungsunschŠrfe. Es hat mich verblŸfft, 50
Jahre spŠter das Motiv des "Hochsprungs ohne Anlauf" auf einem
Foto in Šhnlicher Weise wiederzufinden. Der Fotograf dieses
Fotos hei§t Harold E. Edgerton.

Anders als Marey arbeitete Edgerton nicht mit einem rotierendenden
Verschlu§ sondern mit stroboskopischem Blitzlicht. Anders und
hšher wird jetzt gesprungen. Es gibt nun diese Einrollbewegung,
um Hšhe zu gewinnen. Und es gibt diese schraubenfšrmige
Drehung beim Flug Ÿber die Latte.
Vor allem aber hat mich an dem Bild beeindruckt: Edgerton ist am
Gestaltschlu§ der Bewegung, am Bewegungsausklang und am
Fallakzent an der rechten Bildkante gar nicht interessiert. Er
lЧt den Springer schwebend und schwerelos in der Luft
stehen. Seine Bildmontage bricht am Hebeakzent, mitten im
Bewegungshšhepunkt, im horizontalen "fly away" ab. Er
entscheidet sich fŸr ein anderes Timing - ein anderes In und Out
- als Marey. Das von ihm in diesem Foto gewŠhlte Zeitfenster
šffnet er im Vergleich zu Mareys Foto zwar an Šhnlicher
Stelle, wie man an der linken Bildkante sieht. Aber Edgerton
šffnet sein Zeitfenster nur zur HŠlfte. Die rechte
Fensterseite bleibt bei ihm quasi geschlossen und schneidet die
Bewegung mitten im Flug ab. Das Timing bewirkt eine andere
Zeitgestalt: im Bild sieht man einen unabgeschlossenen, offenen
Bewegungsrhythmus.
"Pacing" meint die Abfolge visueller oder auditiver Impulse in
einer Einstellung. (Und es meint auch - aber das lassen wir jetzt
wieder beiseite -
eine Impulsfolge Ÿber mehrere Einstellungen hinweg.) Die Impulse
kšnnen unregelmЧig sein oder kšnnen einen
regelmЧigen Puls bilden. Man hat hier also einen Begriff,
der fŸr Musiker ein wenig verwunderlich ist: er schwankt
zwischen Metrum und Rhythmus.
Marey hat in seinen Bewegungsfotos auch die Pacingimpulse erforscht
und offengelegt. Das Foto zeigt ihn in einer schwarzen Kluft, die er
sich fŸr seine Untersuchungen hat nŠhen lassen. An den
Gelenken sind wei§e Punkte angebracht. Von Gelenk zu Gelenk
sind GummibŠnder gezogen. Marey macht aus sich ein lebendes
StrichmŠnnchen.

Seine Fotos werden zunehmend zu einer Art "Ršntgenaufnahme" der
Bewegung. Er abstrahiert immer mehr vom Kšrper und dessen Masse
und reduziert das Sichtbare auf die Bewegung. Das
GegenstŠndliche weicht aus seinen Bildern. Sie werden zu
abstrakten Grafiken, werden zu Diagrammen.

Man sieht die Bewegung jetzt als Schraffur, als Textur. Und man
entdeckt: sie weist verschiedene Dichte auf. Dort, wo sie geballt und
dicht ist, tritt der Fu§ auf und stš§t sich mit
einem akzentuierten schweren Impuls vom Boden ab. Und mit einem Mal
werden dadurch im statischen Foto die rhythmischen Bewegungsimpulse
des Pacings direkt ablesbar. Was man im bewegten Filmbild als
regelmЧigen Puls in der sukzessiven Zeitgestalt erst
erspŸren und aufspŸren mŸ§te, Jules Marey hat es
in seinen Fotos unmittelbar augenfŠllig und anschaulich
gemacht.