Der Filmraum - Imagination |
Irritation
Gerhard Schumm
Kein Raum
Das ist so eine Sache mit dem filmischen Raum. Es gibt ihn nicht. Es
gibt einen Raum vor dem Film. Es gibt einen Raum nach dem Film. Einen
Raum vor der Kamera. Und einen Raum hinter den Augen, im Kopf des
Zuschauers. Der Film auf der Leinwand bzw. auf dem Monitor aber ist
platt wie eine Briefmarke.
Die zweidimensionale Aufzeichnung und Projektion lЧt fŸr RŠume keinen
Raum.
Im und auf dem Film gibt es fŸr sie nur Andeutungen, Anzeichen,
Hinweise, Anhalte.
Wenn Kinofilm dennoch so oft als rŠumlich und kšrperlich empfunden
wird, liegt es vor allem daran, da§ Film Movie, also
Bewegungsmitschrift ist. Die vielzitierten Indikatoren fŸr RŠumlichkeit
in Bildern wie †berschneidungen, Verdeckungen, Grš§enunterschiede,
FarbsŠttigungsdifferenzen, Schattenperspektiven,
OberflŠchentexturdifferenzen, Linear- und Zentralperspektive,
SchŠrfeebenen spielen gar keine so gro§e Rolle. Das filmspezifischste
und stŠrkste Mittel, mit dem Filme die Raumvorstellung als prŠgnant
suggerieren und zu Ÿberhšhen versuchen, ist die filmische Bewegung. Das
meint die Bewegung in den Bildern und die Bewegung der Bilder, meint
Gegenstands- und Kamerabewegung.
(Christian Metz drŸckt das so
aus: "Die Bewegung gibt den Objekten eine "Kšrperlichkeit" und eine
Autonomie, die ihrem unbeweglichen Bildnis versagt waren; sie entrei§t
sie der flachen OberflŠche, auf die sie beschrŠnkt waren, sie
ermšglicht es ihnen, sich als "Figuren" von einem "Hintergrund"
abzuheben. (Christian Metz; (nach Winkler (1992, S.148) / UrsprŸnglich:
Metz, Semiologie, S. 26.). Vgl. Auch Winkler S.81))
Der traditionelle narrative Film arbeitet der Raumvorstellung des
Zuschauers zu und die PrŠgnanz- und KohŠrenzsehnsucht des Zuschauers
scheint dem entgegenzustreben: VerschrŠnkung von Suggestion und
Autosuggestion.
Immerzu wird in dieser Art von Continuity-Filmen die BildflŠche
ausgeschritten, durchfahren, durchschritten, Ÿberschritten. Das Bild
wird mit Schritten durchmessen und vom Zuschauer innerlich und im
nebenbei vermessen. Er geht mit, erspŸrt RŠumlichkeiten, lotet sie
sinnlich aus.
BestŠndig wird der Bildrahmen durch Aktionen Ÿberschritten, die an der
Bildkante von einer Einstellung in die nŠchste herŸberfŸhren. Das
schwŠcht den Rahmen ab, weil er sich als poršs nun erweist. Das senkt
das GefŸhl fŸr die begrenzte, umgrenzte FlŠche ab. Das verklebt die
Schnittstelle visuell. Und es hebt die Raumwirkung und lЧt sie
grenzŸberschreitend werden: die Einstellungsgrenzen verlieren ihre
Markierungen.
Raumverlustangst Doch mir scheint: Das amerikanische Continuity Cinema samt der
ihr zugehšrigen Montagegeschichte ruht einem riesigen Angstberg auf.
Die Furcht, die Welt kšnnte in BrŸche gehen, ins Stocken geraten oder
aus den Fugen, der filmische Raum (und natŸrlich auch Handlungsraum und
-zeit) kšnnten zerbršseln und sich als zerbrechlich erweisen, sie wirkt
bis in die kleinste Schnittstelle hinein. Um Gottes willen!!!! Das
Raumkonstrukt kšnnte womšglich spŸrbar, erfahrbar, erkennbar sein.
Vor allem dem Schnitt wurde die Aufgabe zuteil, DiskontinuitŠten zu
Ÿberdecken, zu maskieren und durch allerlei Montagemanšver an der
visuellen OberflŠche KohŠsion zu fingieren. Jede Schnittstelle sollte
nur Klebestelle sein. Fugendicht mu§te sie und unmerklich sollte sie
sein. Continuity-Montage gleicht dem Klavierspiel mit stŠndig
gedrŸcktem rechten Pedal. Man kann die einzelnen Tšne nicht mehr von
einander getrennt hšren. Alles ist zugeschmiert. Eine Angst vor der
LŸcke, vor dem Intervall, vor der Pause. Und: eine Angst vor dem Hšrer.
Semi-Illusion, Semi-Erratik
Mit Begeisterung lese ich klare SŠtze, wie die von Lev Manovich: "Das
herkšmmliche Unterhaltungskino" - schreibt er - "basiert darauf, da§
der Zuschauer belogen wird. Ein glŠnzendes Beispiel dafŸr ist die
Konstruktion des filmischen Raumes." Und: "Montage ist die wichtigste
Methode des 20. Jahrhunderts zur Erzeugung dieser
Scheinwirklichkeiten." (Manovich in: http://www.aec.at/de/archives/
festival_archive/festival_catalogs/
festival_artikel.asp?iProjectID=8657.)
Bei aller ScheinrŠumlichkeit, bei allem Raumschwindel: der projizierte
Film ist und bleibt platt wie eine Flunder. Als Zuschauer wissen wir
darum. Wir wissen es - und wir wissen es zugleich nicht. Weil wir unser
Wissen dann und wann in den Schatten stellen, um freier imaginieren zu
kšnnen. Unser sinnliches Denken, unsere anschauliche Erkenntnis aber
ist mehrdimensional. Und offener als man denkt.
Wir schauen manchmal auf die Leinwand wie durch ein Fenster und
manchmal auch wie durch ein Schaufenster. Dann sehen wir quasi auf eine
au§erfilmische, pseudovorfilmische Welt. Aber es gilt fŸr uns zugleich,
da§ wir nur auf eine Landwand schauen, da§ wir nur auf
sie schauen. Wir mšgen in ErzŠhlwelten auf der Leinwand eintauchen.
Immer wissen wir als Kinozuschauer auch, wo wir sitzen und wo, wenn der
Film allzu dumm daher kommt, der Kinoausgang zu finden ist. Wir wissen
um beides.
Von Illusion, von TŠuschung zu sprechen, wŠre Ÿberzogen. Ich jedenfalls
habe noch keinen getroffen, der am Ende einer FilmvorfŸhrung nach jenen
TŸren tastete, die er in den Filmszenen sah. Der Filmraum ist ein
Angebot fŸr eine Semi-Illusion. Und er ist ein Angebot fŸr ein Spiel.
Der Videoclip "Lucas" Ich mšchte Ihnen ein Musikvideo zeigen, das dieses Spiel
spielt. Ein Spiel aus Illusionserzeugung und -abbau. Aus Illusionierung
und Desillusionierung.
Und ich mšchte im Anschlu§ daran das gŠngige filmtheoretische
Raumkonzept, das Ÿberaus stark am herkšmmlichen Spielfilm und an
Raumillusion orientiert ist, um nicht-illusionistische Komponenten und
Begriffe ergŠnzen. Es geht mir um die Erfahrung des Filmbilds als
tatsŠchlicher BildflŠche und um die Wahrnehmung des Filmraums als
filmisch-produziertem Gestaltungsraum und nicht allein als fiktionalem
ErzŠhlraum. Eine Konzeptšffnung in Richtung nicht-fiktionalem Film ist
gemeint.
Der 4-min-Clip "Lucas with the Lid Off" entstand 1995. Sein Filmautor -
Michel Gondry - war damals 31 Jahre alt. Gondry kommt als Musiker, als
Schlagzeuger zum Film. Der damals 23-jŠhrige Rapper Lucas ist fŸr Musik
und Text verantwortlich.
Das Musikvideo: "Lucas with the Lid Off, F, 1995, 4 min
"In allen Musikvideos Gondrys" -
sagt Laura Waddington - "zeigt sich ein kindliches VergnŸgen an der
Welt". Da hat sie, glaube ich, recht. Gondry spielt und er zaubert. FŸr
mich ist Gondry ein VerwandlungskŸnstler. Er wandelt filmische
Raumillusionen in BildflŠchen und BildflŠchen in Raumillusionen. Er
baut Raumillusionen auf und er entzieht sie einem. Die eigene
Raumimagination kippt im Umschlag von Konstruktion und Dekonstruktion
hin und her. An dem kleinen Film lЧt sich erfahren, wie lustvoll
beides - Desillusionierung wie auch Illusionierung - sein kann.
Gondry lЧt sich - wie er selber sagt - von den Experimentalfilmautoren
der 70 Jahre inspirieren. Beispielsweise sind ihm Michael Snow und John
Smith wichtig. Doch Gondry macht Musikvideos, also: kommerzielle
Musikwerbung. Er schreitet sein Raum- und Wahrnehmungsthema nicht aus,
arbeitet es nicht durch, wie ich es etwa aus Filmen von Michael Snow
"Presents" kenne oder wie es superkonsequent im Film "Frame" (1969, 15
mm) von Richard Serra zu sehen ist. Er betreibt - falls es so etwas
gibt - beilŠufige kŸnstlerische Grundlagenforschung. Gutgelaunt und
frohgemut.
In "Lucas with the Lid off" gibt es keine Schnittstelle. Es darf sie
auch nicht geben, weil - und das wissen wir eben nicht erst aus dem
Zitat von Markovich - Montage die wichtigste Methode zur Erzeugung von
Scheinwirklichkeit ist. WŠre montiert, es wŸrde das Staunen verblassen.
Fast alles wŸrde der Montage und den digitalen Tricks des Compositings
zugeschlagen. Der Zauber wŠre dahin.
Der Film besteht aus einer einzigen langen Plansequenz. Sie durchmi§t
in den 4 Minuten 24 Szenen und benštigt dafŸr 18 szenografische Sets.
Das alles wurde an einem Tag aufgenommen. Um die glŸckhaft
hinzubekommen, waren 17 DurchgŠnge, 17 Takes nštig. Dann war der Tag
vorbei und der Film abgedreht. Ein Test aufs Durchhaltevermšgen, wie
der Hauptakteur Lucas in einem Interview sagt. Aber man ahnt auch um
viel Lachen an diesem einen, einzigen Drehtag. (Man spŸrt wie hinter
der Kamera atemlos hin- und hergerannt wird, wie Scheinwerfer und
RŸckprojektionen auf den Punkt genau geschaltet werden und Gesten
superprŠzise gesetzt sind.)
Raumstory, Strukturierungsfreude
Im Internet fand ich Zusammenfassungen des Filminhalts. Da steht dann:
"Die Filmgeschichte beginnt mit einer Hoteltreppe. Zwei MŠnner
schleppen ein Piano die Treppe hoch. Eine Anspielung an den
Swingpianisten Fats Waller, der mit angemietetem Klavier auf Parties
spielte. Nachdem das Klavier auf die Stra§e geschleppt worden ist, rast
eine wei§e Frau mit ihrem Auto hinein. Ein Reggae-Mann zu Beginn des
Clips fŸllt sich mit Alkohol ab, wird aber im Verlauf des Films
munterer. Auch er lockert die Schraube, nimmt den Deckel ab. Eine
schwarze Frau ...
Aber ich breche hier ab. Sagen wir es so einfach, wie es ist: ein
Piano, das hoch und runter getragen wird, ein Hotel von innen und
au§en, ein Auto von vorne und hinten, eine U-Bahnfahrt, ein
U-Bahnabteil, ein Kino, ein Restaurant und noch dies und noch das ...
das alles sind Stationen, sind RŠume, sind Situationen - aber keine
Story. Denn um die geht es hier nicht. Es geht um Musik und um das
Feeling der Musik und um eine Aufbruchsstimmung ("nicht mit angezogener
Bremse, zugestopfter Trompete, vernageltem Kopf leben" hei§t die
Botschaft im Songtext).
Gondry ist Filmautor und Musiker. Er hat Freude daran, mit
musikalischen Strukturmustern filmisch zu arbeiten und steht unter
keinem ErzŠhldruck. Er strukturiert Raumsituationen, reiht sie,
verschrŠnkt sie, verschachtelt sie.
Er liebt visuelle Repetitionen und schlaufenfšrmige Loops. Symmetrien
interessieren ihn und Spiegelungen, Variationen und Modulationen.
Gondry setzt nicht auf eine Narration, in der die RŠume blo§ Staffage
fŸr die Handlung sind. Das Entstehen und Vergehen von Raumvorstellungen
genŸgt schon als Thema und erzŠhlt genug.
Ein kurzer Blick in die Bin und die Timeline des Films. In der Timeline
habe ich die zusammenhŠngenden Raumsituationen auf einzelne Spuren
verteilt.
Gondry bindet die visuellen Wiederholungen (das Tonstudio-Motiv) an den
musikalischen Refrain. (Das Bild wird unstur bei Set 3, 11 eine Idee
vorgezogen und bei 24 nachgereicht.) Die visuelle Struktur schmiegt
sich an die musikalische Phrasierung an. Sie markiert deren Anfang,
Mitte und Ende. Und ihr wird durch die musikalische Struktur selber
eine Phrasierung beigelegt.
Zwischen diesen Refrain-Ankerpunkten liegt anderes Material: und in ihm
sind die
imaginŠren RŠume ineinander verschachtelt und miteinander verwoben. Sie
gehen aus einander hervor, lšsen einander ab, sie driften zueinander.
Beispielsweise: die U-Bahn Man sieht sie schon ganz beiŠufig im
Hotelzimmer mit dem KnickbettbeilŠufig im Fenster als RŸckpro fahren.
Auch im nŠchsten Set - dem Hotelzimmer mit Blick von oben - ist sie im
Fenster zu sehen. Nach diesen Intro der Underground als Hochbahn taucht
sie fŸr 5 Bildstationen unter. Sie taucht in Bild 12, 13, 14, 15, 16
wieder auf: Lucas geht in der Filmeinspielung in die Station, dann die
Station im Studio, die Einspielung vom Bahnsteig, dann das gespiegelte
Abteil.
Oder als anderes Beispiel: Das Klavier, das Šhnlich wie das
Tonstudiomaterial zu Beginn, in der Mitte und am Ende des Films
eingesetzt wird und jeweils dem Refrain vorgeschaltet ist. Das Hoch-
und Runter- und †ber-die-Stra§e-Tragen, das alles will zu dem
Klaviersolo in Bild 22 hin. Und es kšnnte noch weitergehen, wenn nicht
in Bild 23 das Auto dem Solo mit einem harten Crash ein Ende bereit.
Verdrahtungsskizze Wie die Sets miteinander verdrahtet und verlštet sind sieht so
aus:
Visuelle Recalls Nach Sichtungen in Filmseminaren bitte ich die Studentinnen und
Studenten hŠufig, Skizzen zum Film anzufertigen. Mšglichst unszensiert
und unambitioniert sollen sie einfach das hinkritzeln, was sie am Film
interesslert. Meine Bitte ist bewuBt offen und unbestimmt. Das Zeichnen
bewirkt in jedem Fall erst einmal ein Schweigen und eine imaginative
SelbstverstŠndigungspause. Eigene Interessen werden auf diese Weise oft
deutlicher als bei zu promptem Sprechen.
Die Studierenden stehen immer vor einem riesigen Problem: es gilt, ein
bewegungsbasiertes Medium samt den eigenen Raumvorstellungen in ein
stationŠres, flŠchiges Papiermedium zu transformieren. Das ist ein
echtes Nadelšhr
und es befšrdert einen Kompressions- und Reduktionsvorgang, also eine
Besinnung
auf das, was einem wichtig ist.
Beim Lucas-Clip kommt hinzu, da§ man die Skizze einigerma§en tragfŠhig
verorten mu§, bevor man mit dem Zeichnen beginnt. Man mu§ klŠren, auf
welche Bedeutungskomponenten man sich konzentrieren will. Man mu§
festlegen, welche filmische Raumschicht oder FlŠchenschicht in der
Zeichnung man ausleuchten und
welche in den Schatten stellen will. Und so entsteht mit einem Mal
etwas, was man als persšnliche Theorieanbahnung bezeichnen kšnnte.
Ich zeige einige aus hunderten von Recalls und versuche sie fŸr meine
eigene persšnliche Theoriebildung zu nŸtzen.
Recall 8:
Zu Recall 8:
Eine Skizze, die mich auf den ersten Blick an Skizzen fŸr Tanzschritte
und zweifelhafte Tanzschulzeiten erinnert. Jemand interessiert sich fŸr
die Dreharbeiten, verortet sich deshalb im Filmstudio und rekonstruiert
die Schritte der Dreharbeiten. Die Skizze konzentriert sich sich auf
Momente des vorfilmischen Raums. Die Anordnung der Sets im Studio wird
lokalisiert und die zeitliche Abfolge nummeriert. Von den Filmbildern
scheint nicht viel Ÿbrig geblieben zu sein. Aus dem Film scheint ein
Raumplan, ein Produktionsbild, bzw. ein Produktionsdiagramm
geworden zu sein.
Doch die Skizze enthŠlt einen bewegungsmimetischen Clou und ist auf
verborgene Weise am Film dicht dran: sie springt aus dem Ÿblicherweise
stationŠren Papiermedium heraus. Man mu§ das Papier an jener Stelle um
90 Grad drehen, wo auch die Kamera um 90 Grad gekippt wurde. Die
Kamerabewegung ist nicht nur mit Pfeilen vermerkt. Sie ist in das
Papier hineingewandert.
Recall 15:
Zu Recall 15:
Jemand versetzt sich imaginierend an den Drehort und schaut in diesem
Raumplan quasi von der LichtbŸhne in das Filmstudio herunter.
Ein sichtbar gewordenes lnteresse am ProzeB der Filmherstellung -
insbesondere an der Kameraarbeit. Die Schicht des vorfilmischen Raums
wird ausgelotet. Die einzelnen szenografische Sets sind wie auf einer
Scheibe kreisfšrmig aufgebaut. Die Scheibe hat eine Šu§ere und eine
innere Rille: die ŠuBere Spur der vorfilmischen
szenografischen Container ist um den inneren Kreis mit Kameranotationen
gelegt.
In ihm sind filmischen Mittel und Filmtechnik mit bedacht und mit
gedacht.
Der vorfilmische Raum wird so um den Raum des Filmens
erweitert. Imaginiert wird nicht nur eine Welt vor der Kamera,
sondern auch eine Welt mit der Kamera. Die Kamerahandlung
erschlie§t von innen her die vorfilmischen Raumsituationen.
Begrifflich lie§e sich die Differenz als Unterschied zwischen vorfilmischem
Raum und filmischem Produktionsraum fassen.
Recall 14:
Zu Recall 14:
Eine rŠumlich gedachte Skizze, die sich nicht im †berblick von oben
verortet und die nicht allein auf einen Raumplan abzielt.
Ein plastisch empfundener Produktionsraum, der sozusagen von
der Seite her betreten werden kšnnte.
Dem Set der Treppe gegenŸber stehen ineinandergeschachtelte
szenografische Container. Die imaginierte Kamera bewegt sich von der
Treppe her kommend hin zum Reggaeman im Set rechts und schweift dann -
ein Set Ÿberschlagend - ganz nach links und schwenkt dann in die Mitte
ein.
Recall 17
Zu Recall 17:
Beides ist in dieser Skizze gleicherma§en plastisch: der vorfilmische
szenografische Aufbau und der Kameraaufbau. Ein anschaulich
imaginierter filmischer Produktionsraum.
Die Stationen der Kamera sind durch Ziffern notiert. Die Kamerahandlung
mit ihren Drehbewegungen durch Winkelangaben.
Zwischen den Stationen 3, 4 und 5 wurde vom Zeichnenden das Papier um
90 Grad nach links gedreht, genauso wie am Drehort die Kamera nach
links gekippt wurde.
Recall 4
Zu Recall 4:
Eine abstraktere Zeichnung. Ich habe mir leider nicht notiert, was in
dieser Skizze thematisiert, geklŠrt und ergrŸndet wird. Ich erinnere
aber, da§ wir darŸber gesprochen haben und ich damals von dem
interessanten GesprŠch beeindruckt war.
Ich zeige die Skizze, um die Bandbreite der AnsŠtze bei Visuellen
Recalls anzudeuten.
Recall 12
Zu Recall 12:
Jemand setzt am flŠchigen, am projizierten Film an und verortet sich
und seine Imagination gleichsam im VorfŸhrraum.
Sie oder er schaut zum Skizzieren nach, was vor den Augen war, was auf
der LeinwandflŠche war und was auf der eigenen, inneren Leinwand zu
finden ist.
Also kein imaginierter filmischer Produktionsraum und auch kein
Produktionsbild.
Stattdessen: Ein Projektionsbild. Die skizzierten Einzelbilder
wirken auf mich wie dem Film entnommene Momentaufnahmen. Ihre Anordnung
wie auf einem Filmstreifen verstŠrkt das noch.
Szenografischer Aufbau und Herstellungsraum sind hier kein Thema. Neben
den Bildern lediglich eine Notation der Kamerabewegungen: mit Pfeilen
und mit Angaben aus Winkelgraden.
Recall 2:
Zu Recall 2:
Eine Skizze, die sich zwischen Filmstudio und Leinwand ausspannt. Eine
Skizze, die zwischen Produktionsraum und Projektionsbild vermittelt.
Die Einzelbilder scheinen nicht von der Leinwand her gedacht. Sie
nehmen ihren Ausgang nicht vom schon fertigen Film. Eher fŸhren sie aus
dem Studio zu ihm hin.
Man kšnnte sagen: jemand interessiert sich fŸr die Gelenkstelle, an
welcher die vorfilmische Raumsituation in flŠchige Filmbilder, in
Projektionsbilder transformiert wird. Die Raumsituation wird durch
Rahmung und Ausschnitt zum Filmbild.
Die Zeichnung verschafft sich durch die Aufri§skizze oben links einen
raschen rŠumlichen †berblick Ÿber die vorgestellte Studiosituation. Sie
verweilt dann im Studio und sucht von dort den Weg zu den Bildern auf
der Leinwand.
Die Ÿber die Situationen gelegten Rahmen erfassen Bildrahmenausschnitt
und Kamerabewegungen. Ein Versuch, die Kamerahandlung anschaulich und
nicht nur mit Worten und Pfeilen zu rekonstruieren.
Die comicartige Gruppierung der einzelnen Sets - die Treppe oben, dann
das Reggaeman- und das Tonstudio-Set - lehnt sich ein wenig an das
Nebeneinander im Studio an.
Recall 1:
Zu Recall 1:
Eine Zeichnung, die drei Wahrnehmungs- und Vorstellungsschichten
getrennt von einander behandelt und auf einem einzigen Blatt Papier
zusammenfŸhrt. Vorfilmischer Raum und Projektionsbild sind anschaulich
gedacht. Die Kamerahandlungen werden abstrakt au§erhalb der Bilder
notiert.
Da ist zum einen der imaginierte vorfilmische Studioraum.
Darunter befinden sich storyboardartige Momentaufnahmen.
Und zwischen den Storyboardframes Notizen mit Worten und Pfeilen, mit
denen eine dritte Schicht, die VerŠnderung der RŠume durch
Kamerabewegung festgehalten wird.
Ein Blick aus einem Phantasiestudioraum, sechs SchnappschŸsse vom
Monitor und ein auf die Bilder anzuwendendes Kamerabewegungskonzept
au§erhalb der Bilder.
In unserem Kopf kšnnen wir mehrere Schichten des dreidimensionalen
filmischen Raums und des zweidimensionalen filmischen Bilds parallel
fŸhren. Und manchmal springen wir in unserer Wahrnehmungsaufmerksamkeit
von einer Schicht zur anderen. Manchmal nisten wir uns nur in einem
einzigen Layer ein und schatten die anderen ab. Aber auch dann wissen
wir um sie, wissen, da§ es sie gibt.
RECALL 5 + TEXT BLEIBT BEIM VORTRAG WEG!!!!
Recall 5: Zu Recall 5:
Ein Vorstellungsmodell mit euklidischer Raumkonzeption. Mentale
Rotation von Kšrpern nennen das die Wahrnehmungspsychologen und bauen
es in ihre Psychotests ein. Eine Rotation, die nicht in der
physikalischen sondern in der mentalen Welt stattfindet.
Man findet in der Skizze meines Erachtens etwas Neues, was die anderen
nicht beinhalteten: hier setzt jemand am eigene Filmsehen an und denkt
und imaginiert von dort aus offen weiter. Weniger der Film auf der
Leinwand, eher der Film im Kopf wird thematisiert und nachvollzogen.
Abstrakte Raumkšrper und eben nicht Kameras oder Produktionsbilder oder
-rŠume werden in Rotation versetzt. Auf der Skizze sieht das recht
entbunden und freischwebend aus. Aber diese grafische Notiz scheint mir
dicht an der eigenen Wahrnehmung dran zu sein: beim ersten Filmsichten
scheint man ja tatsŠchlich sich drehende Raumkšrper wahrzunehmen. Und
die Fragen nach drehender Kamera und Studioraum stellen sich erst von
dort aus.
Mir scheint der Skizze eine vierte rŠumliche Vorstellungsschicht des
Films ablesbar: Bisher sahen wir Vorstellungsskizzen des vorfilmischen
Studioraums, zweitens Bilder von der raumgebundenen Herstellungspraxis,
also Raumvorstellungen vom Agieren mit der Kamera und drittens
Storyboardskizzen als Extrakte des Monitorbildes. Nun kommen
Raumvorstellungen aus unserem Kopf, RŠume, die der Film erzeugt, hinzu.
Recall 16:
Zu Recall 16:
Jemand interessiert sich fŸr die vor die Sets gestellten Rahmen. Sie
sind, wie man im Film sieht, superbrav durchnummeriert. Man kšnnte
meinen, das wŠre fŸr die Steadycam-Bewegung nŸtzlich. Aber wenn man die
Sets und die Rahmen erst beim Drehen anhand der Ziffern finden m٤te
... na, ich wei§ ja nicht.
Mit Betreten der Rahmen werden aus RŠumen kurzzeitig gerahmte Bilder.
Da fungieren die Rahmen ein wenig wie ein Durchgang, wie eine
Eingangspforte.
Die umfassendere Raumhandlung im Studio wird von der engeren
Raumhandlung in den Sets getrennt, indem fŸr die LŠnge von ein paar
Frames der Raum sich zur gerahmten FlŠche wandelt, um - eingetaucht in
die Sets - sich gleich wieder zu verrŠumlichen.
Die Rahmen sind Definitionen des Innen und Au§en. Des Im-Bild-Seins und
des Aus-Dem-Rahmen-Fallens. Die Rahmen markieren ein On-Screen, das aus
dem gesehenen On-Screen herausgeschnitten wird. Und sie definieren ein
Off-Screen. Sie exszenieren das, was man eben noch inszeniert gesehen
hat.
Doch das Ganze ist ein feines Vexierspiel des Monsieur Gondry. Es ist
eine Schachtel in der Schachtel. Das im Film ausgestellte diegetische
Off-Screen ist in Wahrheit auch ein On-Screen. Ein internes On-Screen
ist in ein umfassenderes externes On-Screen hineingelegt. Internes und
externes On-Screen schlagen ineinander um. Mal ist es die ErzŠhlung des
Filmemachens und mal die ErzŠhlung in den Sets. Und beide verweisen so
auf das tatsŠchliche Off-Screen, das auch in diesem Film
Nicht-Sichtbare. Mit Worten hšrt es sich vertrackt an. Mit Bildern hat
es Witz.
Die Rahmen spielen auf einen Gedanken an, der im Songtext sich findet:
Ich habe mir die Brust aufgerissen. Ich hab die Schraube gelockert. Ich
hab die Art des Denkens mit der du den Rahmen aufknacken, durchbrechen
kannst.
(I got the lid off / my chest I got my nut off / the type of spirit
that can break your framework.)
BŸndelung
Ich will versuchen, meine Erkundungen zu bŸndeln.
Ein Raumkonzept, das davon ausgeht, da§ der Zuschauer aus den
projizierten Bildern eines Films allein fiktionale diegetische RŠume
aufbaut, die er dann einem vorfilmischen Raum zuschlŠgt und als
Au§erfilmisches verkennt, ein derartiges Raumkonzept geht an der
Mehrzahl der Filme vorbei. In Dokumentarfilme entwickeln wir
Vorstellungen und Bilder, wie es abseits der Kamera und abseits des
Drehorts zugegangen sein mag. In Videoclips sehen wir BildrŠume und
gleicherma§en auch nur rhythmische pulsierende BildflŠchen. In
Animationsfilmen nehmen wir bewegte Figuren vor HintergrŸnden wahr, die
von uns manchmal als BildflŠchen und manchmal als fiktionale RŠume
gesehen werden. Bei Videoinstallationen gehen wir um die
Projektionswand herum und sie bleibt uns stŠndig bewu§t. Imaginierte
RŠume kippen in unserer Wahrnehmung um in pictorale FlŠchen und Bilder
werden uns zu mentalen RŠumen.
Ich mšchte gern noch einmal auf diesen Ausschnitt des Films
zurŸckkommen:
Zwei Bilder. Wir sind ganz zu Beginn des Films. Die Kamera schwenkt von
der Treppe herŸber nach rechts in das Tanzkneipen-Set mit RŸckpro
hinein. Die Bewegung der Kamera lЧt mich die BildflŠche prontofix als
Raum imaginieren. Ich verrŠumliche flŠchige Produktionsbilder
zum mentalen Produktionsraum.
Schaue ich mir hingegen die Bilder als bewegte pictorale FlŠchen an und
schatte mein mentales Wissen um eine in einer solchen
Produktionssituation vorhandene Kamera ab, dann nehme ich eine sich nah
links bewegende und sich mir nŠherrŸckende BildflŠche wahr. Ich habe
das materiale Projektionsbild auch mental als Projektionsbild belassen.
Auch dieses Projektionsbild kann als mentaler Filmraum imaginiert
werden und von mir verrŠumlicht werden. Blende ich mein hypothetisches
Wissen um eine Kamerabewegung aus, dann sehe ich verblŸffenderweise
Studioaufbauten nach links um mich herumkreisen.
TatsŠchlich stellen beide mentale Raum-Wahrnehmungsvarianten - die des
Kameraschwenks nach rechts wie die der Studiobewegung nach links -
ReprŠsentationsvarianten mšglicher ProduktionsrŠume dar. In diesem Film
wŠre der Aufwand fŸr ein rotierendes Studio allerdings so sinnlos wie
unwahrscheinlich.
Doch Charly Chaplin z.B. hat fŸr seinen Film "The Immigrants" die
FlŸchtlinge auf dem Deck eines schlingernenden Schiffs auf zweierlei
Weise aufgenommen. Er hat einmal die Kamera schaukeln lassen und den
BŸhnenaufbau fixiert. Und es gibt in dem Film Aufnahmen, bei denen die
Kamera unbewegt und starr bleibt, aber der vorfilmische szenografische
Raum vor der Kamera geschaukelt wird. Als Filmzuschauer kann man in den
Szenen den Unterschied zwischen den beiden Produktionsweisen nicht
ausmachen. Nur Produktionsfotos und Outtakes verraten es. Die beiden
real so verschiedenen ProduktionsrŠume fŸhren zu gleichen
Projektionsbildern. Die Zuschauer imaginieren in der Regel als Filmraum
ein schaukelndes Schiff und stellen sich keine torkelnde Kamera vor.
Denken sie jedoch fŸr Sekundenbruchteile Ÿber die Entstehung des Bildes
nach - und das soll ja im Kino auch schon mal vorgekommen sein - stehen
ihnen beide Varianten, beide mentale Raum-Wahrnehmungsvarianten, als
Vorstellung des ursprŸnglichen Produktionsraums zur VerfŸgung, ohne so
recht entscheiden zu kšnnen, welche von Chaplin gewŠhlt worden war.
ZurŸck zum Lucas-Video. Die Kamera taucht in die Situation vom
Reggaeman ein und Ÿbernimmt dabei ihr Framing von dem im Studio
aufgestellten Holzrahmen. Die RŸckpro mit der Swingband verliert
verblŸffend prompt ihre Bedeutung als ProjektionsflŠche im
Herstellungsraum und wandelt sich zum Raumhintergrund der
Reggaeman-Szene um. Man sieht sie als Raumkomponente und sieht sie
gleichzeitig als blo§e ProjektionsflŠche.
Das ist bei RŸckpros oft so. Bei ihnen erfŠhrt man vielleicht selbst im
Illusionskino am deutlichsten, was der eingangs eingefŸhrte Begriff der
Semi-Illusion meint. Bei Szenen mit RŸckprojektionen mu§ man als
Zuschauer das fŸr einen vorgesehene Spiel der diegetischen
VerrŠumlichung mitspielen wollen. Ansonsten sieht man nur Dinge vor
einer RŸckprowŠnden. Die Imaginationen eines narrativen Filmraums bzw.
eines Produktionsraums liegen hier ganz dicht beieinander.
Im Videofilm wird jetzt die Situation mit dem Reggaeman verlassen, die
Kamera schwenkt und geht nach links.
Die Kamera driftet danach in das Framing des Tonstudio-Sets. Wenn sie
dann nach vier Takten diese Situation wieder verlЧt und sich wieder
zurŸck nach rechts wendet, erhŠlt man als Zuschauer einen
superschnellen, aber wichtigen Einblick in die szenografische
Konstruktion der nachfolgenden Raumzaubereien. Es ist eine visuelle
Offenlegung und Vorandeutung. Erst dadurch kann der Zuschauer die
nachfolgende Architektur doppelt - gleichsam polyphon - lesen: einmal
als Narration des Herstellungsraums und einmal als narrativen Bildraum.
Man sieht noch den Reggaeman mit seiner Flasche und sieht schon - aber
man wei§ natŸrlich noch nicht, wozu und was im nŠchsten Moment daraus
werden wird - eine Flasche vertikal auf eine Platte geklebt und unter
der Platte festinstallierte angeklebte Beine ohne Reggaeman. Und man
sieht auch schon das sonderbare Knickbett. Aber so weit kann man gar
nicht vorausschauen. Und schon gar nicht kann man bis zum bereits
sichtbaren Hotelzimmer-Von-Oben-Set voraussehen.
Und hier, wenn man unter dem Aspekt des Herstellungsraums und mit einer
mentalen Kamera blickt: eine Kamerabewegung nach links. Und wenn man
das Ganze als Projektionsraum sieht, eine Kippbewegung des Raums nach
rechts.
Die LektŸre als diegetischer Projektionsraum bildet an dieser Stelle
die Dominante.
Das liegt nicht allein an meinen beiden Lieblingsratten im
Zwischenboden. Es liegt auch an den beiden beeindruckenden visuellen
Anzeichen fŸr Schwerkraft: der HŠngelampe, die man sicher wirklich nur
schlecht horizonatal in den Raum stehend vorstellen kann und dem an der
Wand gekippt angebrachten Bild.
Abspann
So, zum Abschlu§ zeige ich Ihnen noch einmal diese Filmpartie in zwei
Varianten.
Zum ersten: noch einmal 1 min dieses Ausschnitt im Original.
Und dann noch einmal 30 sec als
De-Montage. Ich drehe in ihr die Kamerarotation nach rechts, indem
Augenblick, da sie abgeschlossen ist, radikal wieder zurŸck.
Was ist geschehen? Ich habe dadurch das Herstellungsbild in das
vorfilmisches Bild zurŸckgeschraubt, indem ich die Kamerabewegung
nachtrŠglich entferne. Und ich konstruiere Ihnen damit einen Blick auf
den vorfilmischen Raum.