- Kamerablicke,
Montageblicke
- Gerhard Schumm
-
- Auf einzelnen Stufen der
Filmherstellung kann man spezifische Filmblicke unterscheiden:
"Kamerablicke" und "Montageblicke" zum Beispiel. Sie differieren
in ihrem Aufmerksamkeitsfokus und stehen in einem verschiedenen
Handlungshorizont.
-
- Situationsblick könnte man
den Blick nennen, der sich auf die gesamte Situation vor der
Kamera richtet. Noch ohne Eingrenzung auf den Ausschnitt der
Kamera, ist er an der Kamera vorbei auf das Vorfilmische
gerichtet.
-
- In der Arbeit mit der Kamera
entsteht zudem ein Sucherblick: er konzentriert sich auf die
flächige Bildinszenierung durch die Kameraarbeit. Man
fokussiert das Geschehen in der grafischen Rahmung des
Bildausschnitts, blendet partiell die Umgebungssituation aus,
erfaßt die Kompositionsmerkmale, die Bildperspektive, die
Bewegungen vor und mit der Kamera. Das ist eine Aufmerksamkeit
gegenüber der visuellen In- und Exszenierung in der
Fläche, der Festlegung des On- und Off-Screens. Der grafische
Rahmen wird mit dem Sucherblick erarbeitet.
-
- Die Festlegung des zeitlichen
Rahmens hingegen benötigt die Aufmerksamkeit gegenüber
dem Beginn und dem Ende der filmischen Bewegungsbilder. Man
könnte das als den Bewegungsblick der Kameraleute bezeichnen,
da die Aufmerksamkeit zur Bestimmung der zeitliche Andauer auf der
Grundlage der vorfilmischen Bewegungen und der Bewegungen mit der
Kamera dient. Der filmische Take wird in einem Zeitfenster
realisiert. Beim Drehen wird der Umriss der zeitliche Rahmung des
Geschehens auf dem Filmstreifen fixiert Die Aufmerksamkeit der
Kameraleute umreißt den Zeitrahmen des Takes, des
belichteten Filmstreifens. Innerhalb dieser Festlegungen
erarbeitet später die Montage die endgültige Dauer und
formt aus dem Take, dem belichteten Filmstreifen, dann die in
ihrer Zeitdauer endgültig bestimmte Einstellung.
-
- Zusätzlich könnte man
einen Leinwandblick abgrenzen. Der Kameramann, die Kamerafrau
richtet die Aufmerksamkeit auf mögliche Sichtweisen des
Zuschauers. Das verlangt eine künstliche Dekonzentration und
Distanzierung von der einzelnen, aktuell gefilmten Einstellung.
Man defokussiert den Sucherblick: das analytische, auf
Bildkomposition gerichtete Sehen weicht einem ganzheitlichen
Zuschauen. Man vertieft sich in den Sucher der Kamera derart,
daß das Sucherbild fiktiv als Display oder Kinoleinwand
imaginierbar wird und gruppiert dadurch das aktuell Sehbare in den
vorstellbaren Zusammenhang des bisher gefilmten und noch zu
filmenden Materials ein. Paradoxerweise ist diese
dekonzentrierende Simulation nur durch Konzentration erreichbar.
Die Aufmerksamkeit muß sich vom gesamten situativen Umfeld
des Drehorts abwenden. Stattdesse versetzt man sich in das bisher
Gefilmte hinein und stellt sich im Film geplante Umfeld der
jeweiligen Einstellung vorwegnehmend vor.
-
- Im Schneideraum spielt ein
Situationsblick - wie ihn die Arbeit mit der Kamera am Drehort
kennt - nur eine untergeordnete Rolle. Oder besser: er sollte fast
keine Rolle spielen. Am Schnittplatz gilt es, Filmbilder als pure
Filmbilder zu sehen, sie von den außer- und vorfilmischen
Bedeutungen des Drehorts zu befreien.
-
- Bevor die Montage beginnt,
werden die Muster gesichtet. Der Sichtungsblick erfordert
völllige Konzentration auf das Material. Ein Blick, als
gäbe es nur die Filmbilder und als gäbe es die
Filmbilder erst jetzt zum ersten Mal. Um den Ersten Sichtungsblick
für die Montage zu ermöglichen, gilt es, nichts vom
Drehort, nichts von der Inszenierung vor der Kamera oder der
dokumentarischen Situation in den Sichtungsraum durch irgendwelche
Erzählungen und Anekdoten hinein zu tragen. Im Verlauf der
Montage wird es noch unzählige Sichtungen geben. Aber es gibt
nur einen allerersten Blick auf das gesamten Material, bevor man
mit der Montage beginnt. Den ersten Eindruck zu bewahren, ihn auch
nach wochen-, monatelanger Montagearbeit noch erinnern zu
können, hilft der Montage, dem Material gegenüber
empfindungsfähig zu bleiben.
-
- Der Montageblick reichert sich
schrittweise im Verlauf der Arbeit an der Montage an. Er lotet
mögliche Zusammenhänge und Trennungen des Materials aus.
Er steht in einem Horizont der Veränderbarkeit von
Materialzusammenhängen. Die Aufmerksamkeit gilt jetzt den
Unterbrechungen und Auslassungen, welche die Montage in die
Handlungsabläufe einbaut. Sie gilt den größeren,
diskreten Sprüngen, den Zeit- und Ortssprüngen, durch
welche die Struktur des Films gegliedert wird. Und im Prozess der
Arbeit wird der Montageblick - sobald die globale Struktur des
Films stabilisiert ist, neben der Aufmerksamkeit geggenüber
dem Ganzen zunehmend detailorientierter: er konzentriert sich
zusätzlich auf rhythmische und artikulatorische
Details.
-
- Auch einen Leinwandblick gibt
es in der Montage. Er ist hier weniger fiktiv als am Drehort. Je
vollendeter der Film vorliegt, desto leichter ist es möglich,
sich von der aktuellen Arbeit zu distanzieren. Man lehnt sich
zurück, denkt sich den Drehstuhl vor dem Schnittcomputer als
bequemen Kinostuhl oder steht auf und sieht aus einer entfernteren
Zimmerecke auf Monitor oder Display und läßt
längere, zusammenhängende Teile des bereits montierten
Materials ablaufen. Beim Leinwandblick im Prozess der
Montagearbeit muß man mit den Augen eines fingierten
Filmzuschauers den eigenen Montageblick gewissermaßen eine
Weile suspendieren. Man muß ausblenden, daß das
Material änderbar ist und daß die Konstellation der
Bilder und Töne noch eben von einem selbst hergestellt worden
ist. Nötig ist vor allem eine Zurücknahme des
(selbst-)kritischen Blicks, der kritisieren, eingreifen,
umgestalten will. Stattdessen erzeugt man in sich einen
imaginären Blickhorizont als sähe man bereits Gegebenes,
Gesetztes. So bleibt man nicht den Details einzelner Bilder
verhaftet und erreicht die Sichtweise des Zuschauers, die auch auf
das Ganze ausgerichtet ist.
-
- Und dann ist der Film fertig
und man sieht den Film zum ersten Mal mit Publikum in einem Kino
oder im Fernsehen. Und manchmal sieht man vor Aufregung erst gar
nichts. Und nach einer Weile sieht und staunt und spürt man:
die Bilder haben jetzt ihr eigenes Leben bekommen. Und das hatten
sie in Wahrheit von Beginn an.
-
- Textquelle:
- Schumm, Gerhard (2005)
Kamerablicke, Montageblicke. In: Zwanzig Jahre filmkundliche
Symposien in Mannheim. Mannheim: Cinema Quadrat. S.
82-83.
-