- Montage: Roh und fein.
Über Makro- und Mikromontage
- Gerhard Schumm
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- Boris Vian - Sänger,
Autor, Jazzmusiker, Filmautor
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- Gelesen
- Was habe ich kürzlich in
einem Filmbuch gelesen? "Der Cutter erstellt seinen Schnitt, indem
er die Einstellungen in der vorgesehenen Reihenfolge
hintereinander setzt und sie nach Bedarf kürzt." Echt
putzig.
Viele stellen sich das so vor. Aber so schlicht ist es nicht.
Nicht beim Spielfilm, nicht beim Dokumentarfilm, auch nicht beim
Experimentalfilm. Naja, vielleicht bei der Montage von kurzen
journalistischen Beiträgen.
Montage ist viel eher die Arbeit, im Material, also in Bildern und
Tönen, den späteren Film aufzuspüren. Es geht beim
Montieren um ein aufmerksames Suchen, ein Finden, Auffinden und
Herausfinden, seltener um ein Erfinden. Montage ist eine
entdeckende, aufdeckende Arbeit an der Struktur des Films.
- Dokumentarfilme z.B. entstehen
meistens erst im Schneideraum. Auch Spielfilme erhalten hier ihre
gültige und endgültige Gestalt. Da kann das Drehbuch
noch so genau geschrieben und beim Drehen artig befolgt worden
sein: im Schneideraum muß man erkunden, was im Material
schlummert, was es zu sagen hat. Und man muß mit einem
frischen, unvorbelasteten Blick erforschen, was von den
ursprünglichen Vorstellungen, Bildideen und Filmplänen
im Material vorhanden ist. Das ist gelegentlich ein feines
Wiederentdecken, oft ein wunderbares Neuentdecken, manchmal auch
eine kritische Inspektion und heikle Revision.
Regeln
- Wie man das macht, wie man
Material auswählt und anordnet, dafür gibt es
erstaunlicherweise keine Regeln. Es gibt jedoch Methoden.
Allgemeine Methoden und persönliche Methoden.
Montagebücher - mit ihren Ausführungen zu Montageregeln
- vermitteln da oft einen falschen Eindruck. Glaubt man ihnen,
könnte man meinen, der Weg wäre reguliert und
vorgezeichnet und es käme nur darauf an, nach allen Regeln
der Kunst zu verfahren. Das täuscht.
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- Montage besitzt keine
Verkehrsregeln, keine Rezepte füs das Gute und Richtige und
keine Tricks gegen böse Fehler. Der einzige mir bekannte
Schnittfehler ist: Halbherzigkeit und Lauheit beim Montieren.
Montage ist ein ganz erstaunlich offenes Gestaltungsverfahren.
Jeder Film muß zu seinem ihm eigenen stimmigen Ausdruck
finden. Für jeden Film gilt es, eine - nämlich seine -
Sprache erst aufzuspüren.
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- Methoden
- Montage ist zum einen: Sichten.
Das meint die Auseinandersetzung mit dem Material durch
superintensives Anhören, Ansehen, durch Nachsinnen und
Nachdenken. Immerzu. Tagelang. Wochenlang. Monatelang.
Montagelang.
Montage ist zum andern: Materialkomposition. Man muß eine
Auswahl treffen und herausfinden, wie das Material angeordnet
werden will und wie man es selber anordnen will. Das nennt man
Rohschnitt. Hier umreißt man das Ganze: die
Makrostruktur.
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- Montage ist zum dritten:
Materialinterpretation und -artikulation. Im bereits angeordneten
Material sind Akzente zu setzen, Trennungen und Überbindungen
einzuarbeiten. Das Material straffen, ballen, dehnen. Es
rhythmisieren. Es phrasieren. Es flüssig oder stockig machen.
Das nennt man Feinschnitt. Hier kümmert man sich um die
Details der Mikrostruktur.
Diese Prozesse laufen nicht schematisch hintereinander geschaltet
ab. Sie lassen sich nicht stur trennen. In der lebendigen Arbeit
durchdringen sie einander. Es hätte auch heißen
können: sichtendes Anordnen, auswählendes Sichten,
auswählendes Anordnen, anordnendes Auswählen.
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- Sichten
- Material unter dem Aspekt der
Montage zu sichten, bedeutet: einen Blick auf das Material
richten, der es als auswählbar, umstellbar, kürzbar,
verlängerbar begreift. Das ist ein Blick, der
Materialzusammenhänge als veränderbar wahrnimmt. In der
Montagearbeit entwickelt man eine besondere Sensibilität
gegenüber den eigenen Montageimpulsen und -ideen. Man achtet
auf sie. Man merkt sie sich. Man spürt, hier könnte das
Material vielleicht in neuer, anderer Weise zueinander oder
auseinander stehen, dort würde ich gern etwas zusammen- oder
auseinanderrücken wollen. Solchen Blick empfinde ich in
seinem spezifischen Veränderungsimpuls als etwas sehr
Spezielles. Er ist ein sonderbarer Blick auf Sichtbares und
Hörbares. Im Leben schaue ich mir die Umwelt normalerweise so
nicht an, daß ich denke, der Baum sollte vielleicht besser
hier stehen oder lieber ganz weg sein.
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- Rohschnitt | Makromontage |
Materialkomposition
Im Rohschnitt wird die Hauptarbeit der Montage geleistet.
Liegt der Rohschnitt vor, weiß man, was der Film will und
was gemeint ist. Rohschnitt läßt sich als Festlegung
der Auswahl und Abfolge der Einstellungen bestimmen. Die Abfolge
entscheidet über Nähe und Distanz von Bildern und
Tönen, über ihre Beziehungen und - nicht unwichtig -
auch über ihre Nichtbeziehungen.
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- Man stellt Konstellationen im
Material her, formt Zusammenhänge zwischen benachbarten und
weit entfernten Einstellungen. Doch Trennungen, Einschnitte,
Zäsuren, Nichtverbindungen ins Material einzuarbeiten, ist
mindestens ebenso wichtig. Es gibt viele Möglichkeiten der
Kontaktaufnahme zwischen Bildern und Tönen. Freundschaft und
Nähe sind nur eine Möglichkeit. Es können die
Bilder auch aufeinander stoßen, von einander abprallen, sie
können eng, lose oder gar nicht zusammenhängen wollen,
sie können gegeneinander stehen, sie können sich
auseinander entwickeln.
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- So entwirft man im Rohschnitt
durch Auswahl, Anordnung und Variation nach und nach eine
Struktur. Entwurf und Material stehen einander dabei nicht fremd
gegenüber. Der Montageplan wird nicht auf das Material
angewendet und abgearbeitet. Die Idee entwickelt sich vielmehr in
Einzelschritten. Material und Idee durchdringen einander und
schieben sich wechselseitig voran, in Richtungen, die man
weiterverfolgt und auch in Richtungen, die man verwirft.
- Feinschnitt | Mikromontage |
Materialinterpretation und -artikulation
- Feinschnitt beinhaltet die
Präzisierung dieser Abfolge an den Schnittstellen. Das sind
immer Trennung- und Verbindungsstellen zugleich. Trennung, weil
Getrenntes auf einander trifft. Verbindung, weil das Getrennte
sich dicht berührt.
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- Der Feinschnitt interpretiert
das Material, indem er an der jeweiligen Schnittstelle die
Trennung betont oder indem er sie überspielt und Bindung und
Nähe herausstreicht.
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- Markierte Schnittstellen
artikulieren die Einschnitte. Maskierte Schnittstellen verbergen
den Schnitt. Und es werden Rhythmik und Timing
herausgearbeitet.
Was ein Film zu sagen, zu zeigen, zu erzählen hat, erkennt
man nach dem Rohschnitt. Doch wie er das sagt, zeigt,
erzählt, ob flüssig, widerborstig, verborgen, deutlich,
mit Tempo oder gestaut, energiegeladen oder schwach, akzentuiert
oder unauffällig, weich oder schroff, das weiß man erst
am Ende des Feinschnitts. Das unmittelbar Sicht- und Hörbare
steht im Zentrum dieser Arbeit: eine Veränderung im Bild, ein
Blick, ein Rascheln im Ton, ein Farbwechsel, die Konturen, die
Linien in den Bildern. Beim Feinschnitt fährt man mit dem
Material hin und her, besinnt sich auf kleinste Bewegungen,
Gesten, Sounds, auf Satzmelodie und Timing. Man sieht sich die
einzelne Schnittstellen unglaublich oft an. Dazu muß man so
hinschauen und hinhören, als wär es das erste Mal und
muß sich von den Bildern und Tönen überraschen
lassen können, aufmerksam und gleichgültig zugleich.
Montagemenschen sind auf diese Art gleichsam die ersten Zuschauer
des Films. Sie erforschen, was für sie und für andere
interessant sein könnte, wie es aussieht, wie es sich
anhört und anfühlt. Das ist eine paradoxe Haltung des
fremden Blicks: nicht zu zielgerichtet, nicht zu bewußt,
nicht zu kritisch. Nicht ganz einfach nach wochenlanger Arbeit, in
denen man die Bilder so gut kennt, daß sie einem schon
manchmal im Traum wieder begegnen. Aber es funktioniert.
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- Gelesen
Tja, und was habe ich kürzlich in einem Filmbuch, einem
anderen Filmbuch gelesen? "Die Montage ist etwas sehr Angenehmes,
Glückvolles. Sie ist ein Prozeß der Intelligenz und der
Assoziation. Das macht das Denken fruchtbar. Da bekommt man eine
Sympathie für das eigene Gehirn."

- Andreas Zitzmann