- Montage - das große
Geheimis
- Gerhard Schumm
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- Für Menschen, die im
Schneideraum arbeiten - egal, ob sie als Autorin ihren eigenen Film
montieren oder den Film eines anderen, ist eine Erfahrung fundamental:
niemand scheint auch nur den Schimmer einer Ahnung zu haben, was dort
geschieht.
- Auch Freunde und Liebste haben oft
groteske Vorstellungen, was diese Arbeit ausmacht. Ganz unschuldig
fragen sie einen, warum so viel Zeit notwendig sein soll, um
Einstellungen aneinanderzuhängen, und meinen: das kann doch wohl -
zumal mit Schnittcomputern - nicht Wochen dauern. Dementsprechend
versuchen z.B. Schnittstudentinnen und -studenten mehrere Semester lang
ihren Eltern geduldig klar zu machen, was sie da studieren. Zum
Vordiplom haben die Eltern schließlich zur Kenntnis genommen,
daß man das wirklich studieren kann. Und ihre Kinder haben es
aufgegeben, ihnen ihre Arbeit erklären zu können. Die
Fremdheit gegenüber Montage setzt sich fort bei Filmleuten, z.B.
Kameramenschen, die nicht selber im Schneideraum arbeiten. Es reicht
hin zu Filmjournalisten, die ratlos sind, was sie im Interview einen
Schnittmenschen wohl fragen könnten. Auch Filmtheoretiker sind
davon nicht frei; ein Abend und ein wenig Alkohol genügen, um es
herauszufinden.
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- Montage scheint eine verdammt
verborgene Angelegenheit zu sein. Handelt es sich um eine esoterische
Tätigkeit? Woran liegt dieses Befremden, Staunen und Unwissen? Mir
fallen dazu zwei Dinge ein: Montage ist so unbekannt, weil
Montagemenschen so überaus schweigsam sind. Und: Montage ist so
unbekannt, weil tatsächlich ein Großteil der Arbeit durch
den riesigen Anteil der „shadow cuts" im späteren Film unsichtbar
bleibt.
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- Die Schweigsamen
- Sie werden vielleicht den Namen
einer Regisseurin, eines Filmkomponisten, einer Kamerafrau kennen,
oder? Kennen Sie den Namen einer Cutterin, eines Cutters? Na,
vielleicht die Cutterin eines Films, den Sie für irre gut montiert
halten? Nein? Nicht? Und - ist vielleicht eine blöde Frage -
kennen Sie eventuell den Namen einer Oskarpreisträgerin für
Schnitt? Ach, vom Schnittoskar noch nie gehört?
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- Aber das wäre doch gar nicht
uninteressant. Denn erst im Schneideraum erhält der Film ja seine
Gestalt. Der Schneideraum ist doch der kinematografische Ort par
exellance. Steckt in der Kameraarbeit viel von der Fotografie und
Malerei, bezieht Szenografie viel aus der Architektur, mischt sich bei
der Inszenierung das Theater mit ein, so ist Montage Film pur. Im
Schneideraum ist der Film ganz zu Hause. Warum dann so ein geringes
Wissen um die Montage und um jene, die sie gestalten? Mag der Satz von
Alfred Hitchcock "Die Filmmontage ist die einzige neue Kunstform, die
das 20. Jahrhundert hervorgebracht hat" in seiner
Ausschließlichkeit und Apodiktik vielleicht ein wenig
überzogen sein, aber daß eine wichtige neue Kunstform so
ganz ausgeblendet wird, ist schon merkwürdig.
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- Der Schneideraum ist
tatsächlich ein verborgener Ort. Der Schneideraum ist ein Ort im
Abseits. Hier wird der Film am Material und im Material komponiert.
Hier wird er zum ersten Mal aufgeführt, wird sichtbar,
spürbar und hörbar. Doch es ist eine nicht-öffentliche
Erstauführung. Im Filmgewerbe, das so irrsinnig auf
Öffentlichkeit scharf ist und sich selbst ganz gut darzustellen
vermag, bildet die Arbeit im Schneideraum das Kontrastprogramm: er ist
fast der einzige nicht-öffentliche Ort im filmischen
Schaffensprozess. Hier wird man ehrlich. Hier geht es um die Sache
selbst. Hier zählt, was wirklich im Material drin ist. Hier gibt
es nur den Film. Sonst nichts.
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- Ein solcher Ort muß
Menschen, die sich dort wohlfühlen, nicht lautlos machen. Es liegt
auch an den Schnittmenschen. Sie sind von den Filmmenschen die Stillen
im Lande. Diejenigen, die den Film zum Sprechen bringen, die ihm
Ausdruck und Artikulation verleihen, artikulieren sich selbst nur
ungern. Es scheint ihnen zu genügen, daß sie im Schneideraum
etwas zu sagen haben.
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- Das war nicht immer so, muß
so nicht bleiben und ist nicht in allen Ländern so. In Frankreich
zum Beispiel gibt es eine über Jahre geführte, so lebhafte
wie nachdenkliche und künstlerischen Montageverfahren
gegenüber feinfühlige Debatte im Umfeld der Zeitschrift
"Cahiers du Cinéma" unter den Schnittleuten, in der z.B.
Schnittmeister/innen wie Cécile Decugis, Yann Dédet,
Agnès Guillemot, Suzanne Baron, Lise Beaulieu, Suzanne Baron,
Anne Baudry zu Wort kommen. Die Editoren Albert Jurgenson und Sophie
Brunet, die zusammen arbeiten, veröffentlichten ihre
Gespräche über Montage in einem gemeinsamen Buch. In den USA
gibt es beispielsweise im Umfeld der Editorenverbände Magazine
(z.B. die Internetzeitung "EditorsNet"), in denen Texte zur
Montagearbeit publiziert werden und in der Editoren darstellen, wie und
an welchen Projekten sie arbeiten. Von dort kommen auch die beiden
wichtigen Interview-Bücher ("First Cut" und "Selected Takes"), die
Gespräche mit Editoren versammeln. Auch in der Bundesrepublik gab
es vor etlichen Jahren eine intensivere Darstellung und
Auseinandersetzung über Schnitt und Montage. In dem unter dem
Titel "Cutterinnen" erschienenen Heft Nr. 9 / 1976 der Zeitschrift
"Frauen und Film" läßt sich eine Spur davon nachlesen. Auch
der 1984 gegründete Cutterinnenverband, der bis heute so wichtige
Bundesverband Filmschnitt-Editor /eV. stammt aus dieser Zeit deutlicher
Selbstartikulation. Und es muß so nicht bleiben: Zum Beispiel
gibt es mit der jährlichen Veranstaltung film+ in Köln (!!!
hey, hier mal ganz schnell: vielen Dank Nikolaj Nikitin und Oliver
Baumgarten für Eure Initiative und Eure Arbeit!!!) seit einigen
Jahren wieder ein Forum, an dem gemeinsam, öffentlich und auch
für andere hörbar, über Montage nachgedacht werden kann.
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- Verborgene Arbeit
- Das Unwissen gegenüber
Montage gründet aber auch auf tatsächlich verborgenen
Aspekten des Film- und Videoschnitts. Die lotet der Editor Walter Murch
in ganz wunderbarer Weise aus und findet für den großen
Anteil der nicht sichtbaren Arbeit den Begriff "shadow cut". Unter
jeder Schnittstelle eines fertigen Films liegen unzählige, nicht
mehr sichtbare Montage-Schichten verborgen. Das meint "shadow cut". Ein
brauchbarer Begriff. Er öffnet die Sicht auf das, was Montage im
Kern ist. Denn: Montagegestaltung hat nichts mit Montagetricks und
-regeln zu tun. Sie verfügt über kein prontofix abspulbares
Regelwerk, keine Grammatik. Sie gründet auf einer zeitintensiven
Materialauseinandersetzung. Beim Montieren geht es um Aufspüren
und Auffinden, um offenes Erproben, Ausloten und schrittweises
Entwerfen von Materialzusammenhängen.
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- Murch nimmt hierfür als
Beispiel seine Montage an "Apocalypse now". An dem Film haben mehrere
Cutter jahrelang montiert. Murch war einer von ihnen. Und er rechnet
mal nach. Das ist genial. Da ist noch kein Editor zuvor drauf gekommen.
Er teilt die Anzahl der Schnittstellen des fertigen Films durch die
Zahl der Cutter und durch die Zahl der Tage, Wochen, Monate, Jahre.
Bilanz: auf jeden Cutter fallen pro Tag 1,47 Schnittstellen, die im
fertigen Film tatsächlich zu sehen sind.
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- "Was haben wir eigentlich all die
Jahre gearbeitet?" fragt er sich unter der Überschrift "Cuts and
Shadow Cuts" und schreibt: ".... wenn wir irgendwie schon zu Beginn
exakt gewußt hätten, wo's langgeht, wären wir dort nach
genauso viel Monaten angekommen, wenn jeder von uns gerade mal weniger
als anderthalb Schnitte pro Tag gemacht hätte. Hätte ich mich
morgens an meinen Schneidetisch gesetzt, einen Schnitt gemacht,
über den nächsten nachgedacht, wär anschließend
nach Hause gegangen und wär am nächsten Tag wiedergekommen,
hätte dann den Schnitt gemacht, den ich mir am Tag zuvor
ausgedacht hatte, hätte dann noch einen Schnitt gemacht und
wär wieder nach Hause gegangen, dann hätte das alles auch ein
Jahr gedauert, um meinen Teil am Film zu schneiden.
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- Man benötigt weniger als 10
Sekunden, um anderhalb Schnitte zu machen. Doch der
zugegebenermaßen spezielle Fall von "Apocalypse Now" dient dazu,
deutlich zu machen, daß Montage - sogar beim "normalen" Film -
weniger ein Zusammenstellen des Materials bedeutet, sondern die
Entdeckung eines Wegs darstellt. Das soll klar machen, daß die
allermeiste Zeit eines Editors nicht damit verbracht wird,
Schnittstellen zu schneiden. Je mehr Material vorliegt, um so
größer ist natürlich die Zahl der Wege, die zu bedenken
sind. (...)
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- Auf jede Schnittstelle im
fertiggestellen Film kamen wahrscheinlich fünfzehn "unsichtbare
Schnittstellen". Schnittstellen, die man gemacht hat, über die man
nachgedacht hat, die man dann rückgängig gemacht hat oder
getilgt hat. Aber selbst wenn man das mit reinrechnet, hat man die
verbleibenden elf Stunden und achtundfünfzig Minuten eines
Arbeitstags mit Tätigkeiten verbracht, die auf verschiedene Weise
dazu dienten, den zukünftigen Weg zu klären und
auszuleuchten: Filmsichtungen, Diskussionen, Materialumspulen, erneute
Sichtungen, Besprechungen, Verzeichnisse anlegen, Material raussuchen,
Notizen machen, Buchführen und eine Menge klärender
Erwägungen. Ein riesiger Berg aus Vorbereitungen, um gerade einmal
am Punkt der alles entscheidenden Aktion anzukommen: beim Setzen eines
Schnitts, beim Moment des Übergangs von einer Einstellung zur
nächsten."
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- Wunderbar beschrieben. Vielen
Dank, Walter Murch! Übrigens: das Buch aus dem ich S.3-4 frei
übersetzt habe, ist klasse: Murch, Walter (1995) In the Blink of
an Eye. A Perspective on Film Editing. Revised 2nd Edition. Los Angeles
/ Beverly Hills: Silman-James Press.
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- Eines der wenigen Fotos aus dem
Schneideraum. Ich schaue es oft an und bin hin- und hergerissen. Es
gefällt mir. Es gefällt mir nicht. Unter dem Foto steht:
"Françoise Prenant schneidet „Empty Quarter" von Raymond
Depardon, 1985. Photo: Raymond Depardon". So weiß man, daß
Raymond Depardon ein Foto und auch einen Film gemacht hat. Über
Françoise Prenant, der gesichtslosen Cutterin auf dem Foto,
erfährt man, daß sie diesen Film geschnitten hat, und
daß sie beim Montieren rauchte und dabei Filmbüchsen als
Aschenbecher benutzte. Sie trug ein gestreiftes T-Shirt. Sie verstellte
mit der linken Hand die Schneidetischlampe. Im Abspann des Films „Empty
Quarter" wird Françoise Prenant als Koautorin des Drehbuchs, als
Hauptdarstellerin des Films und als für den Schnitt verantwortlich
aufgeführt.