"To actually
find the best combination is near impossible"
oder
"Ob-la-di
Ob-la-da life goes on bra"
-
- n!
- Notizen zur Reihenfolge der
Bilder
- Christian
Schulz
-
- An einem sonnigen Mittwoch im
Juli 2003 saß ich mit meinem damals zwölfjährigen
Neffen Simon-Patrik, der mich für ein paar Tage in Berlin
besuchte, gegenüber dem Bahnhof Zoo im McDonald's. Es ist
nicht vollkommen ausgeschlossen, dass ich dem Jungen das Thema
aufgedrängt habe, aber mindestens ebensogut ist möglich,
dass er selbst es war, der mich aus echtem Interesse und ehrlicher
Neugier fragte: "Was machst du eigentlich so in einem
Schneideraum?" Ich meine fast, er fragte noch etwas pointierter:
"Warum dauert das immer so lange, einen Film zu schneiden?" (Denn
das hatte er schon mitbekommen.)
- Ich weiß nicht mehr
genau, wie ich meine Antwort einleitete, aber vermutlich
erzählte ich ihm, die Hauptschwierigkeit liege meist darin
herauszufinden, welche Bilder in den Film sollen und welche nicht.
Bei 30 Stunden Material für 30 Minuten Film könne die
Auswahl schon mal dauern. Wahrscheinlich erzählte ich dann
weiter von den 24 oder 25 Bildern in der Sekunde und wie lange man
damit zubringen kann, die exakten Sekundenbruchteile zu suchen, in
denen das ausgewählte Bild beginnen und enden soll. Mag sein,
dass ich auch die schier unendlichen Möglichkeiten
erwähnte, Bild und Ton miteinander zu verknüpfen. Und
die am meisten komplizierende Tatsache, dass nämlich meist
mehr als eine Person am Entscheidungsprozeß beteiligt ist
und man eine gemeinsame Lösung finden muß,
ließ ich wahrscheinlich auch nicht unerwähnt.
- Vor allem aber, und daran
erinnere ich mich viel besser, kam mir eine andere Idee, ihm den
Zeitaufwand plausibel zu machen. Ich kramte einen Zettel hervor,
riß einen Streifen ab, kritzelte eilig etwas darauf,
riß den Streifen in Stücke und legte die ersten beiden
Bildchen (ich vermute, das rechte sollte eine Blume darstellen)
zwischen Simon-Patrik und mich auf den Tisch.
-
-

-
-
- Die Reihenfolge der Bilder
-
- "Wieviele Möglichkeiten
hast Du, diese Bilder hintereinander zu schneiden?", fragte ich
und er brauchte natürlich nicht lange für seine Antwort.
Er schob die beiden Bildchen aneinander vorbei, das linke nach
rechts, das rechte nach links, und sagte: "Zwei." Nun legte ich
ein drittes Bildchen dazu
-

-
- und wiederholte die Frage.
Simon brauchte jetzt etwas länger, war sich aber bald sicher,
alle Möglichkeiten gefunden zu haben und sagte:
"Sechs."
- Nachdem ich ein viertes Bild
dazugelegt und er ein bißchen experimentiert hatte,
-

-
- erklärte ich ihm die
Formel, mit deren Hilfe er auf das bloße Rumprobieren
verzichten könne: Bei vier Elementen müsse er nur 1 x 2
x 3 x 4 rechnen, schon habe er die Lösung: 24.
- 24 Alternativen bei nur vier
Bildern! Und bei fünf Bildern gibt es schon 1 x 2 x 3 x 4 x 5
= 120 verschiedene Möglichkeiten, sie der Reihe nach
anzuordnen!
- Plötzlich mischte sich vom
Nebentisch ein vielleicht 16- oder 17-jähriger Schüler
ein, der offenbar unbemerkt gelauscht hatte, und fragte
fasziniert: "Ist das Fakultät?"
- Ich bejahte das und der Stolz
auf mein pädagogisches Können war groß -
jedenfalls bis zu dem Moment, in dem ich wieder zu Simon blickte.
Der schien deutlich weniger beeindruckt. Er gähnte weiter,
dann nahm er einen großen Bissen von seinem
McChicken.
-
- Permutationen
-
- Mein Neffe hat mir glaubhaft
versichert, sich in Sachen Fakultät hauptsächlich an den
McChicken erinnern zu können.
- Ich selbst dagegen dachte noch
öfter über den erstaunlich rasanten Anstieg der
Möglichkeiten nach. Mich begeisterte, wie sich schon mit
relativ wenigen Teilen ein höchst komplexes, schnell sogar
überkomplexes Ganzes von Möglichkeiten eröffnet,
wenn man die Kombinatorik-Formel zur Permutation (Vertauschung,
Umstellung) anwendet. Will man alle n Elemente in jeder
möglichen Reihenfolge anordnen, gilt ihr zufolge:
- P(n) = 1 x 2 x 3 x . . .
x (n-1) x n = n!
- [wobei "n!" als "n
Fakultät" gesprochen wird]
- Wenn ein Film, den man zu
montieren hätte, aus nur zehn Einstellungen bestehen soll,
und wenn man aus mysteriösen Gründen auch noch von
Beginn an wüßte, welche zehn Einstellungen das aufs
Frame genau sein sollen, hätte man theoretisch trotzdem noch
- 1 x 2 x 3 x 4 x 5 x 6 x 7 x 8 x
9 x 10 = 3.628.800 Möglichkeiten,
- diese zehn Einstellungen
zeitlich anzuordnen. (Gib einem monomanischen Cutter ein Dach
über dem Kopf, zu essen, zehn Bilder - und für
ein Leben müßte es reichen.)
- Käme man auf die Idee, die
Buchstaben unseres Alphabets neu ordnen zu wollen, gäbe es
dafür genau
- 403.290.000.000.000.000.000.000.000
- verschiedene
Möglichkeiten, und selbst, wenn das ABC weiter ABC
heißen sollte, blieben trotzdem noch
- 25.852.000.000.000.000.000.000
- Alternativen, die Buchstaben 4
bis 26 anzuordnen.
- Und falls man auch im Zeitalter
des iPods noch an den Werkcharakter eines Musikalbums glauben
möchte: Die Beatles haben exakt
- 265.250.000.000.000.000.000.000.000.000.000
- verschiedene Möglichkeiten
gehabt, OB-LA-DI, OB-LA-DA mit den übrigen 29 Songs ihres
Weißen Albums in Beziehung zu setzen.
- Genau ab "70!" kennt mein Texas
Instruments Rechner nur noch ein einziges Ergebnis: Error.
Nicht erst bei Hollywood-Filmen wie ARMAGEDDON oder ANY GIVEN
SUNDAY, die sich laut David Bordwell aus 3.000 bis 4.000
Einstellungen zusammensetzen, liegt die Zahl der möglichen
Permutationen dann endgültig im unvorstellbaren Reich der
Fantastilliarden.
- Denkt man nur kurz über
diese kaum fassbaren Zahlen nach, ist es ein wahres Wunder, dass
Filme überhaupt fertig montiert werden können. Oder
negativ betrachtet: im Grunde ist es erschütternd, wie wenig
der Bild-Kombinationen, die er beim Schneiden sehen
könnte, selbst der zäheste und spielfreudigste
Cutter beim Schneiden tatsächlich sieht.
-
- Hinzu kommt, dass die Sache in
Wirklichkeit natürlich noch viel komplizierter ist. Walter
Murch hat darauf hingewiesen, dass man zwei Einstellungen A und B
ja nicht nur als A + B oder B + A kombinieren, sondern auch
einfach aussortieren und weglassen kann, so dass entweder nur A
oder nur B übrigbleibt. Nimmt man dann noch die - von Murch
nicht erwähnten - drei Möglichkeiten hinzu, a) A und B
zu teilen und zu unterschneiden, b) unter den verschiedenen Takes
einer Szene zu wählen und c) die gewählte Abfolge
praktisch unbegrenzt im Feinschnitt zu trimmen, so wird die Zahl
der denkbaren Alternativen noch sehr, sehr viel größer.
So astronomisch hoch also die Zahlen sind, die das Ausrufezeichen
der Fakultätsformel markiert (Murch: "der einzige Fall, wo
Mathematik emotional wird!"), so geben sie doch nur die Spitze des
Eisbergs wieder.
- "Die überwiegende Mehrheit
dieser Versionen wäre völliger Müll", gibt Murch
zu, aber andererseits seien es dermaßen viele, dass selbst
"ein winziger Teil davon (die potentiell guten Versionen) immer
noch überwältigend groß sein wird."
- Seine Überlegungen
führen ihn zu dieser Schlußfolgerung:
- "Was daher jedem Cutter zu
Beginn eines Projekts ein mulmiges Gefühl im Magen
verursacht, ist die bewußte oder unbewußte Einsicht,
daß man sich fast unendlich vielen Alternativen
gegenübersieht. Die riesigen Zahlen machen es unmöglich,
den Prozeß des Schneidens in eine Art automatisiertes
Schachspiel umzuwandeln, bei dem alle verschiedenen Optionen
berechnet werden, bevor ein Zug ausgeführt wird."
- Zweierlei also: Das
Übermaß an Möglichkeiten ist einschüchternd;
und automatisch berechnen oder durchspielen läßt sich
die Montage im voraus nicht. Einen Film kann man nur schneiden,
indem man ihn schneidet oder anders gesagt: es ist notwendig und
unumgänglich, mit ein paar grundlegenden Entscheidungen den
Montageprozeß in Gang zu setzen, um so die
unüberschaubare Komplexität der Möglichkeiten zu
reduzieren. Man braucht eine Arbeitshypothese. Im günstigsten
Fall gilt dann der Satz Goethes:
- "Es ist mit Meinungen, die man
wagt, wie mit Steinen, die man voran im Brette bewegt; sie
können geschlagen werden, aber sie haben ein Spiel
eingeleitet, das gewonnen wird."
-
- Annett Schützes
MOSKATCHKA
-
- eignet sich aus mindestens drei
Gründen für die beispielhafte Skizze einer solchen
Komplexitätsreduktion. Erstens ist bei Annetts Film die Zahl
der Einstellungen relativ klein, zweitens sind die Einstellungen
relativ eigenständige, in sich geschlossene Blöcke und
drittens standen diejenigen von ihnen, die im fertigen Film zu
sehen sind, schon relativ früh fest.
- Das heißt, anders als
sonst stand tatsächlich die Umstellung einer gegebenen
Zahl von Bildern und weniger deren Auswahl und Austausch im
Vordergrund. Die Teile als solche waren früh gesetzt,
herauszufinden war nun vor allem, in welcher Reihenfolge sie zum
Ganzen werden sollten.
- Dabei war der kreative
Prozeß, der zu MOSKATCHKA führte,
-

-
- sicher nicht so gradlinig,
eindimensional und weitgehend losgelöst von Inhalten, wie ich
ihn im folgenden schildern werde. Aber die leicht schematische
Darstellung soll auch nur verdeutlichen, wie es einem schon wenige
strategische Entscheidungen ermöglichen, die astronomisch
hohe Zahl von Montagemöglichkeiten so zu verringern, dass man
überhaupt mit seinem Material umgehen kann.
-
- Das Drehkonzept von MOSKATCHKA
sah vor, alle Orte in der Moskauer Vorstadt von Riga, die der Film
zeigt, in jeweils drei Einstellungen aufzulösen. Der fertige
Film weicht jedoch in zwei Fällen von dieser strengen
Eigenvorgabe ab. Zu sehen sind jetzt zwölf Orte, von denen
zehn wie vorgesehen in drei, aber zwei auch in "nur" zwei
Einstellungen dargestellt sind, was insgesamt 34 Einstellungen
ergibt.
- Mein Taschenrechner gibt
für "34!" das Ergebnis 2,9523 38 an, das heißt
ausgeschrieben, die 34 Bilder hätten auf so viele
verschiedene Arten montiert werden können:
- 295.230.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.
- Annett hatte die 25 Orte, die
sie insgesamt beobachtete, der Chronologie des Drehs folgend
durchnummeriert (April bis Juni 2004). Sie übernahm diese
ursprünglichen Nummern auch, nachdem sie die zwölf Orte
ausgewählt hatte, die tatsächlich in den Film kamen. (Im
folgenden beziehe ich mich ebenfalls auf diese Nummern. Annett hat
sie auch auf den Zetteln verwendet, die sie bei ihrer
Vorführung von MOSKATCHKA im Montageforum vom 14. April 2005
verteilte.)
- Als Stichpunkte für
Kriterien, die sie bei der Montage leiteten, nennt Annett:
Kontrast; Spannung/Entspannung; Energiezustand: Graphische
Strukturen; Farben; Gleiche Motive; Ursache/Wirkung;
Wiederholungen/ Variationen; Gesten; Anfangs- oder Endcharakter
von Handlungen; Jahreszeitliche Abfolge;
Schnittkanten.
-
- Schon Ende Juni/Anfang Juli
setzte sie 8/1 ("Strick-Oma") als erstes und etwas später
17/2 ("Hund") als letztes Bild, so dass sich alles weitere stets
auf diese beiden Eckpunkte bezog.
- So soll es beginnen und so soll
es enden:
-

- Ganz allgemein kann man sagen,
dass, selbst wenn man es nicht mit klassischer
Spielfilm-Dramaturgie, mit Narration und Kausalketten, mit
Drehbuchvorgaben und Storyboard-Auflösungen zu tun hat, die
Vorstellung von Start und Ziel eines Films bei seiner Montage
enorm hilft.
- Als nächstes wies Annett
15/1-3 eine zentrale Bedeutung zu. Der verprügelte Obdachlose
sollte als "Wendepunkt der Wahrnehmung" nicht nur endgültig
eine gewisse pittoreske Romantik unmöglich machen, sondern
ähnlich wie 6/1-3 zugleich eine Dreiteilung des Films
vornehmen. Die Sisyphusarbeit des Holzhackers sollte der Zuschauer
sich als etwas vorstellen, das immer stattfindet, mehr als
Zustand denn als Ereignis. Deshalb wurden die drei Aufnahmen des
"Holz-Opas" in relativ großen und gleichmäßigen
Abständen über den Film verteilt.
-

-
- Nach diesen Grundentscheidungen
war es nun möglich, um die verschiedenen Kerne herum zu
arbeiten und unter Abwägung der oben genannten Kriterien die
Lücken in der Timeline zu füllen.Die Bilder von
kürzeren und in sich abgeschlossenen Vorgängen sollten
näher beieinander liegen, und so gibt es drei Zweierreihen
("Autowrack" 18/2 + 3; "Abschleppdienst" 19/2 + 3 und
"Suppenküche" 25/1 + 2) und beim "Hausbrand" sogar eine
Dreierreihe (24/1 + 2 + 3). Außerdem entschied Annett, dass
auf den verprügelten Obdachlosen jedes Mal direkt die
"Flaschenannahme" folgen sollte (also 15/1 + 20/1; 15/2 + 20/2;
15/3 + 20/3).
-

-
- Zunächst, als die
"befreundeten Einstellungen" aneinander gelegt wurden, war es wie
Domino spielen. Der Blick konzentrierte sich auf den einzelnen
Übergang.
-
- Schnittkante: Der
Schuß-Gegenschuß bei dem im demolierten Auto sitzenden
Jungen (18/2), der mit seiner Pistole auf den erschöpften
Trinker (2/1) zu zielen scheint.
- Motiv: Der Wind, der am
Ende von 18/1 Staub aufwirbelt, wird zu Beginn von 8/2 im Wehen
der Wäsche weitergeführt.
- Kontrast: Das brutale
Einschlagen auf den Obdachlosen wirkt umso brutaler, als es direkt
auf das wohl sanfteste, harmonischste Bild des Films folgt, das
vom Klavier begleitete Ballspiel der Jungen und dem Hund
(17/1).
-

-
- Dann, als die Inseln sich
ausdehnten und aufeinander zutrieben, war es wie ein Puzzle, bei
dem die Bereiche, an denen man unabhängig gearbeitet hat,
plötzlich in Verbindung geraten. Der Blick konzentrierte sich
wieder mehr auf die Gesamtstruktur,
-

-
- wobei man sich die Verschiebung
der Aufmerksamkeit von den Schnittstellen auf den Gesamtfilm und
vom Gesamtfilm zurück auf die Schnittstellen natürlich
eher als eine permanente Pendelbewegung denken müßte.
- In jedem Fall kam Annett -
gemessen an den theoretischen
- 295.230.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000
- Möglichkeiten - mit
der Montage ihres Films erstaunlich schnell voran. Aber noch viel
schneller gelingt die Montage dem Mann, der eine der beiden
wichtigsten Inspirationsquellen für MOSKATCHKA
war.
-
- James
Benning
-
- Bei den Filmen seiner
Kalifornien-Trilogie (EL VALLEY CENTRO, LOS, SOGOBI) hat Benning
ein strenges Metrum installiert, in dem jede der 35 Einstellungen
genau 2:30 Minuten dauert, was zusammen mit den ebenso langen
Titeln, in denen am Ende die gefilmten Orte bezeichnet werden,
eine Gesamtlänge von 90 Minuten ergibt. Als Benning darum
gebeten wurde, den Montage-Prozeß der drei Filme zu
beschreiben, antwortete er:
- "I edited the first two films
by taking a frame from each shot then mounting them on cardboard
slides, like 35mm still slides (they make 16mm slides to hold a
16mm frame). So I could edit those films on a slide projector
rearranging the 35 shots. Which is quite an ordeal even with only
35 shots. It seems so easy, but the number of combinations is 35
factorial which is a very large number, 1 with 29 zeroes. [Die
Angabe ist nicht korrekt, in Wirklichkeit hat die Zahl sogar 41
Stellen!] To actually find the best combination is near
impossible. But of course I eliminated a lot of possibilities by
having certain criteria - knowing that I wanted this shot to begin
the film, this shot to end the film, and maybe particular shots,
for example, shots of water, here or there. I'd then edited
according to the amount of movement, or the amount of sound, or
quietness, the color, the texture, the frame, the horizon. By
editing in a slide tray I could quickly compare how the images
would cut from one to the next. I actually edited both EL VALLEY
CENTRO and LOS in about four hours."
- Einen 90-Minüter in vier
Stunden schneiden - Respekt! Und Benning setzt noch einen
drauf:
- "With SOGOBI I was going to do
the same. I carefully mounted all 130 shots on slides. I was going
to Korea to teach for two weeks. But I forgot to pack the slides.
Instead I had some note cards with me, so I wrote down the first
35 shots I could remember. I edited by moving the note cards
around. I drew a little picture of each frame on each card, then
made notes about how much sound each shot had and how much
movement and started to edit that way on the airplane. By the time
I landed in Korea I actually had pretty much the final order of
the film."
- So beeindruckend die
reife Leistung auch ist, einen abendfüllenden Film auf einem
Interkontinentalflug aus dem Kopf heraus zu montieren, die
grundlegenden Hinweise stecken trotzdem wohl eher im ersten der
beiden Zitate. Vor allem zwei Dinge scheinen mir bemerkenswert.
Erstens fällt auf, wie ähnlich Bennings Vorgehensweise
der von Annett in struktureller Hinsicht ist (bzw. umgekehrt). Die
Bedeutung von Anfang und Ende, das Setzen von Markierungen here
or there und die Kriterien bei der
Einstellungsverknüpfung finden sich beinahe identisch wieder.
Und zweitens gilt es, Bennings zentralen Satz zu
würdigen:
- "To actually find the best
combination is near impossible."
- Diesen Satz kann man
eigentlich nur so weiterspinnen: wenn es ohnehin fast
unmöglich ist, in der Montage die beste Kombination der
Bilder zu finden, braucht man es auch gar nicht erst krampfhaft zu
versuchen. Die perfekte Montage ist praktisch unmöglich? Kein
Grund, sich zu grämen. Statt dessen könnte man sich
locker machen und die Bilder ein bißchen entspannter
zusammenfügen. Sorge Dich nicht, Cutter, klebe!
-
- Johan van der
Keuken
-
- trug neben James Benning - und
mal ganz abgesehen vom konkreten Beitrag der direkten Mitarbeiter
- am meisten zu den Ideen und Erkenntnissen bei, die für
MOSKATCHKA bedeutsam wurden. Über van der Keukens "Abenteuer
eines Auges" sagt Annett: "Das war meine Bibel."
- In dem Buch, das sie
während der Dreharbeiten fast täglich las, findet sich
auch ein interessanter Bezug zur Reihenfolge der Bilder. Auf einer
Doppelseite zeigt van der Keuken dieselben sechs Fotos einer New
Yorker Bäckerei in zwei verschiedenen Reihenfolgen.
- "In der ersten Serie", schreibt
er im Text zu "Eddy's Bakery Shop", "sind die Fotos in der
Reihenfolge abgedruckt, in der sie auch aufgenommen wurden
[
]". (Siehe obere Reihe.) Bei einem Seminar, das er
ein Jahr später an der Kunsthochschule in Hamburg gab,
gelangte van der Keuken dann zu einer zweiten, veränderten
Reihenfolge, "die hier in der zweiten Serie zu sehen ist: für
mich die definitive." (Siehe untere Reihe.)
-
-
- Van der Keukens
Anmerkungen zu "Eddy's Bakery Shop" sind in vielfacher Hinsicht
spannend, in unserem Zusammenhang sollen aber nur drei Dinge kurz
betont werden.
- Erstens fällt auf, dass
alle Bilder ihre Position getauscht haben, mit einer einzigen
Ausnahme: das fünfte Bild ist in beiden Serien dasselbe.
Das ist deswegen so bemerkenswert, weil genau dieses Bild, auf dem
die Perspektive plötzlich wechselt und man sich im
Laden befindet und über die Schulter des Brautpaars nach
draußen auf die ausgebrannten Häuser blickt, für
van der Keuken "eigentlich der Clou der Serie ist". Man hat es
also mit einem jener Fixpunkte zu tun, wie sie auch Benning und
Annett gesetzt hatten.
- Zweitens verdient es van der
Keukens bereits zitierte Aussage, die im Seminar gewonnene zweite
Version sei für ihn "die definitive", nochmals hervorgehoben
zu werden. Denn was heißt das? Es heißt, dass es unter
6! = 720 potentiellen Serien diese eine gibt, die endgültig
und abschließend zur besten erklärt wird. Mag das
Hamburger Seminar noch so gemütlich gewesen sein und noch so
systematisch, man darf wohl trotzdem annehmen, dass nicht wirklich
alle 720 Möglichkeiten durchgespielt wurden. Und selbst wenn
sie doch durchgespielt worden wären, der Nutzen davon
wäre sehr zweifelhaft.
- Denn drittens schreibt van der
Keuken in seinem Text zu "Eddy's Bakery Shop" auch einen Satz,
dessen Bedeutung für die Montage kaum zu
überschätzen ist:
- "Man ist nie ganz frei von dem,
was man schon gesehen hat."
- Van der Keuken bezieht
diesen Satz auf das Verhältnis der Montage zu den
Dreharbeiten (Montage verstanden als "Formgebung der ersten
Erfahrung"), aber man kann, ja man muß ihn auch auf den
Schnitt an und für sich beziehen.
-
- Einschränkung, Weglassen
und Mut zur Lücke scheinen mir nicht nur aus reiner Notwehr
geboten. Selbst in einer idealen Welt, in der es technisch und
zeitlich möglich wäre, immer lückenlos alle
Montagemöglichkeiten auszuprobieren, wäre man damit
völlig überfordert. Die Schraube des
Man-ist-nie-ganz-frei-von-dem-was-man-schon-gesehen-hat hat Harun
Farocki in seinem Text "Was ein Schneideraum ist" noch eine
Umdrehung weiter gedreht:
- "Statt der Bilder sieht man
nach ein paar Wochen nur noch die Lebens- und Arbeitszeit, die man
für sie vergeudet hat."
- Einer seiner wichtigsten
Aufgaben - seine ersten Eindrücke vom Material bewahren, sich
an seine ersten Reaktionen darauf erinnern - könnte der
zunehmend betriebsblinde Cutter in der Hölle der
Möglichkeiten schon bald nicht mehr gerecht werden.
Allerspätestens nach der, sagen wir großzügig
geschätzt, ersten Milliarde von Versionen würde es ihm
doch arg schwer fallen, überhaupt noch irgendetwas zu
sehen. Die Gefahr ist demnach eine doppelte: Man kann gewiß
zu wenig nachdenken und ausprobieren beim Schneiden, aber ebenso
gewiß kann man dabei auch zu viel nachdenken und
ausprobieren. Man muß wissen, wann der Film genug hat. Und
man muß wissen, wann man selbst genug hat.
- Jean-Pierre und Luc Dardenne
haben einmal von ihrem ersten Videofilm berichtet, den sie 1974 in
den Sozialwohnungen eines Arbeiterviertels gedreht haben. Die
Leute erzählten ihnen ihr Leben und immer, wenn man jemand
sagte, da gebe es auch noch ein Foto, wurde die Kamera ausgemacht,
das Foto geholt, abgefilmt, und dann ging das Gespräch
weiter. So wurde der gesamte Film in der Kamera, mit dem
Auslöser geschnitten und rückblickend finden die
Brüder:
- "Wir filmten und schnitten
gleichzeitig. Das war nicht schlecht, es gab nichts zu
überlegen. Heute überlegt man ständig, denn man hat
so viele Möglichkeiten. Das ging früher nicht und das
war gut so. Man konnte hinterher seine Entscheidung nicht
bereuen."
- Oder in den goldenen Worten von
Lukas Podolski, dem begnadeten Stürmer des 1. FC Köln,
der betont, vor dem Tor sei es stets besser, nicht über allzu
viele Möglichkeiten nachdenken zu können:
- "Ich habe vor dem Tor nur einen
Gedanken - und den setze ich um. Wenn ich denke, wo soll der Ball
rein: oben, unten, links, rechts - dann geht der Ball meist
drüber."
- Man könnte sich vielleicht
gerade noch einen Cutter vorstellen, der open end an einem
eigenen Film schneidet. Aber sobald man mit und für einen
anderen Menschen arbeitet, ändert sich das fundamental. Die
Lust, sich in den schier unbegrenzten Varianten zu suhlen, ist
selbst nicht unbegrenzt. Man kann es nicht genauer erklären
und man meint es auch nicht böse, aber früher oder
später kommt einem doch der Gedanke: Das muß doch mal
ein Ende haben.
-
- Berlin, Juni 2005 Christian
Schulz
-
- Für Hinweise,
Anregungen und Informationen danke ich sehr herzlich Gerhard
Schumm, Thomas Vorwerk, Christian ("Im übrigen ist
Alles Montage") Zschammer und ganz besonders Annett
Schütze.
-
- Setzt man MOSKATCHKA ein, wo im
Prolog (1988) von Gottfried Jägers "Fotoästhetik"
FOTOGRAFIE steht, wird es auch nicht falsch:
-
- Nicht eine Vorstellung
realisieren,
- sondern eine Realität
vorstellen,
- das ist:
- Fotografie.
-
- Gemeint ist: nicht Bilder
realisieren,
- die bereits in der Vorstellung
vorhanden sind.
- Dies wäre eh und je ein
Nachvollzug,
- die Abbildung eines bereits
gedanklich entwickelten Bildes.
-
- Sondern: ein neues Bild
entstehen lassen,
- es sich entwickeln
lassen,
- zulassen, daß es
entsteht.
-
- Aus dem Fotografischen Material
heraus arbeiten,
- seine latenten inneren
Strukturen
- wie auch den Reiz seiner
Oberflächenerscheinungen
- zutage
fördern,
- diesen Prozeß
verwirklichen,
- die Realität dieses
Prozesses vorstellen.
-
- Besser noch: dieser
Prozeß realisiert sich selbst,
- konkretisiert sich
selbst,
- bildet sich selbst,
- von selbst ab.
-
- Ein sich selbst realisierender,
selbstabbildender Prozeß,
- automatisch,
- autonom,
- autogen,
- fotogen.
-
- Literatur- und Filmangaben
in der Reihenfolge ihres Auftretens:
-
- - Der Hinweis zur
ungefähren Einstellungszahl von ARMAGEDDON (Michael Bay
- 1998) und ANY GIVEN SUNDAY
(Oliver Stone 1999) stammt aus dem David
- Bordwell-Aufsatz "Intensified
Continuity. Visual Style in Contemporary American Film" /
- Film Quarterly 55 Jg. Nr. 3, S.
16-28)
-
- - Die Murch-Zitate stammen aus
Walter Murch: Ein Lidschlag - Ein Schnitt. Die Kunst der
Filmmontage. Berlin, 2004. S. 76-78.
-
- - Das Goethe-Zitat steht in
"Maximen und Reflexionen" - jedenfalls behauptet
- das der Band "Sebastian Haffner
zur Zeitgeschichte", dem es "statt eines
- Vorworts" vorangestellt ist und
von wo ich es her habe.
-
- - Die drei Filme der
Kalifornien-Trilogie von James Benning: EL VALLEY CENTRO
- (2000) / LOS (2001) / SOGOBI
(2001) Die Benning-Zitate stammen von der
- Internet-Seite
http://filmkritik.antville.org/stories/24350/, auf der sie seit
März
- 2002 zu finden
sind.
-
- - Johan van der Keuken:
Abenteuer eines Auges. Filme. Fotos. Texte, 2., erw.
- Aufl., Basel/Frankfurt am Main
1992. (Darin: Eddy's Bakery Shop auf S. 167 -
- Text - und S. 168+169 -
Fotos)
-
- - Harun Farocki: Nachdruck.
Texte, Berlin/New York 2001. (Darin: Was ein
- Schneideraum ist, S. 79-85
)
-
- - Die Gebrüder Dardenne
zitiere ich nach den Untertiteln des knapp
- halbstündigen
Dokumentarfilms "Meine Filme: 8 Starregisseure erzählen:
Jean-Pierre und
- Luc Dardenne" von Laurent
Delmas (Autor) und Lionel Boisseau (Regie), den Arte
- vor ein paar Monaten
während des Festivals von Cannes tiefnachts versendet
- hat.
-
- - Lukas Podolski sprach sein
großes Wort in der Frankfuter Allgemeinen
- Sonnatgszeitung Nr. 23 (12.
Juni 2005), S. 14.
-
- - Und schließlich:
Gottfried Jäger: Fotoästhetik. Zur Theorie der
Fotografie.
- Texte aus den Jahren 1965 bis
1990, München 1991.
Moskatchka
Annett Schütze, Aleksandr Grebnevs, BRD, 2004, 90
min
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