
Was ein Schnitt ist
von
Christian Schulz
(dahintreiben, abdriften, die Klammer niemals schlie§en
Was macht ein Filmeditor? Schnitte.
Aber was ist ein Schnitt?
Wie macht man einen Schnitt?
Vielleicht hilft ein kurzer Abstecher zu dem Maler und Bildhauer Lucio Fontana und dem Fotografen Ugo Mulas.
Fontana versah seit 1947 fast alle seine Arbeiten mit dem Obertitel Concetto spaziale (Raumkonzept). Mit buchi und tagli (Lšchern und Schnitten) šffnete er die OberflŠche seiner Papiere und LeinwŠnde in die dritte Dimension. Eigentlich, bemerkte er spŠter zu seiner ikonoklastischen Geste, hŠtte bereits ein einziger Akt des Perforierens oder Schneidens genŸgt, bei den weiteren Arbeiten mit all ihren neuen Farben und Anordnungen habe es sich hauptsŠchlich um Variationen fŸr das Publikum gehandelt.

Arbeiten aus Fontanas
Werkgruppe Attese (Warten,
Erwartungen)
ãDie Schnitte wurden auf der
noch leicht feuchten Leinwand ausgefŸhrt. Im Verlauf des Trocknungsprozesses
zog sich die Leinwand allmŠhlich zusammen, sodass sich die RŠnder des Schnitts
stŠrker aufwšlbten – nach au§en oder nach innen, je nachdem, ob der
Schnitt von der Vorder- oder RŸckseite des Bildes ausgefŸhrt worden war.
Schlie§lich vergrš§erte Fontana die so entstandene …ffnung mit den HŠnden und
hinterlegte den Schlitz mit schwarzer Gaze.Ò [Barbara
Hess]
1964 erhielt Fontana in seinem
MailŠnder Atelier Besuch von dem befreundeten Fotografen Ugo Mulas. Bei diesem
Treffen entstand eine Fotosequenz, auf der man sieht, wie Fontana einen seiner
berŸhmten Schnitte ausfŸhrt.

Ugo Mulas: Lucio
Fontana, 1964
Wenn diese Fotos ein Dokument
sind, dann das einer Inszenierung, oder eigentlich einer doppelten Inszenierung, der des Fotografen Mulas und der des Malers
Fontana, der sich fŸr die Kamera selbst spielt. Auf der von seinen
Nachlassverwaltern eingerichteten Website (www.ugomulas.org) beschreibt der
Fotograf, wie er zu seinen Bildern von Fontana kam. Mit Auslassungen von mir
Ÿbersetzt:
ãBis zu diesem Augenblick hatte
ich ihn nur fotografiert, von nun an wollte ich endlich auch verstehen, was er
tat. Vielleicht lag es an der Anwesenheit einer wei§en Leinwand, einer gro§en,
mit einem einzigen Schnitt, gerade fertig gestellt. [...] Schaut man sich eine
Leinwand mit Lšchern oder eine mit Schnitten an, so ist es einfach, sich
Fontana vorzustellen, wie er den Schnitt mit einer Klinge macht oder das Loch
mit einem Stanzer, aber das lŠsst einen nicht die prŠzise Aktion verstehen, die
nicht blo§ eine Aktion ist, sondern ein bestimmter Moment, der, wie ich
begriff, von mir hŠtte fotografiert werden sollen. [...] in genau diesem Moment
verstand ich, dass der vorbereitende Moment, der vor dem Schnitt, der
wichtigste war, der entscheidende. [...] Wir sehen ihn von hinten, dazu eine
leere Leinwand, es gibt nur eine Leinwand und ihn in der Haltung dessen, der
gleich auf ihr arbeiten wird. Es ist der Moment, an dem der Schnitt noch nicht
begonnen wurde, aber die Vorstellung von der AusfŸhrung lŠngst klar geworden
ist. Dies ist folglich der Punkt, an dem sich die beiden Aspekte der Aktion
treffen, es ist der Moment des Konzepts, der der AusfŸhrung vorausgeht, weil
Fontana, wenn er sich zum Anfangen entscheidet, die Idee des Werks und deren
Realisierung bereits kennt.Ò
Ein Schnitt, erfŠhrt man aus
MulasÕ Schilderung, ist nicht nur ein Resultat, sondern vor allem auch der
(Denk)Prozess, der zum Resultat fŸhrt. Nicht von ungefŠhr bilden vier
der fŸnf Serien-Fotos die Zeit vor dem
Schnitt ab. Da die meisten Filme heute digital geschnitten werden, muss ein
Editor vielleicht nicht mit derselben Zen-Konzentration vorgehen wie Fontana,
der in der analogen Welt seinen Schnitt nicht ungeschehen machen kann. Auf die
Grandezza der Geste, mit der Fontana schneidet, kann der Editor umgekehrt nur
neidvoll blicken, er selbst muss sich mit einem schnšden Knopfdruck begnŸgen.
Trotzdem ist auch er gut beraten, seine Taten gedanklich gut vorzubereiten. Ein
Schnitt wird daher auch beim Film meist das Ergebnis von †berlegungen und
Vorstellungen sein, die vorher gemacht
wurden.
Eine ganz andere Frage ist die
nach der Gewichtung von Konzept und
AusfŸhrung, Planung und Entdeckung. Glaubt man Mulas, so wei§ Fontana in der
Versenkung vor dem Schnitt bereits genau, was er gleich ins Werk setzen wird.
Ganz abgesehen davon, ob das Ÿberhaupt so stimmt, ist zu fragen, ob ein
Schneideraum-Ideal darin bestehen kann, nur dass auszufŸhren, was man sich
vorgenommen hat. Geht es beim Schneiden darum, eine bereits entwickelte
Vorstellung nachzuvollziehen? Oder geht es eher darum, beim Schneiden etwas
Neues entstehen zu lassen, das man vorher noch nicht gekannt hat?
Wahrscheinlich liegt der rechte Weg hier in der Mitte, es gilt, Nachvollziehen
und Ausprobieren in eine Balance zu bringen. Man sollte nicht zu planlos
vorgehen, aber auch den Zufall nicht kategorisch ausschlie§en. Seine Intuition
in Versuch und Irrtum zu testen, kann nicht ganz falsch sein. Vorstellen kann
man sich vieles, die Kunst besteht darin, es auch zu realisieren, auch
im Schneideraum gibt es nichts Gutes, au§er man tut es. Um sich vom Unverhofften helfen lassen zu kšnnen, bedarf es dann aber
womšglich wieder der Planung. Der Zufall begŸnstigt nur den vorbereiteten
Geist. Weiter Ugo Mulas:
ãNachdem das Foto gemacht war,
nahmen wir die Leinwand herunter und ersetzten sie durch die fertig gestellte
Leinwand mit einem einzigen gro§en Schnitt. Fontana legte seine Hand an den
letzten Teil des Schnitts und in einem der Bilder lie§ ich Fontanas Hand verschwimmen,
so als ob er die Geste gerade in diesem Moment beendet hŠtte: es ist unmšglich
zu erkennen, dass das Bild mit Absicht dort gemacht wurde, wo der Schnitt
bereits vorher existierte.Ò
Entgegen dem Augenschein ist es also nicht Fontana, der hier den Schnitt macht, sondern Mulas! Nachdem ich zu dieser Pointe gelangt war, verspŸrte ich erst VerblŸffung, dann Begeisterung, schlie§lich Unbehagen. VerblŸffung, weil ich beim Betrachten der Fotoserie tatsŠchlich keine Sekunde daran zweifelte, einen Schnitt von Fontana zu sehen. Begeisterung, eben weil ich begriff, das der Schnitt in Wahrheit von Mulas stammte. Unbehagen, weil nicht zu Ÿbersehen war, wie eng das Schneiden mit Fake und LŸge verbunden ist, hier und immer und unweigerlich. Geradezu erschŸtternd, wie leicht man mich hinters Licht fŸhren kann. Niemals wŠre ich auf die Idee gekommen, dass zwischen den beiden letzten Bildern die LeinwŠnde vertauscht wurden. Grandios, wie gut der Trick klappt. †berkandidelt formuliert: So wie man in einer von Fontana aufgeschlitzten Leinwand wahlweise eine klaffende Wunde oder eine lockende Vulva (oder eine lockende Wunde oder eine klaffende Vulva) sehen kann, so fragte ich mich, ob mich MulasÕ Manipulation beunruhigen oder einfach entzŸcken sollte. Ist sie Ÿbel oder famos oder beides zugleich?
Wenn ich es recht bedenke, steht mir moralische Empšrung allein deshalb nicht zu, weil ich in diesem Text ganz Šhnlich vorgegangen bin. In der ErzŠhlung von Mulas schnitt ich nŠmlich vorrangig die Stellen weg [...], in denen sich das von Maler und Fotografen betriebene Spiel zu frŸh enthŸllte. †berhaupt notwendig wurde dieses Spiel Ÿbrigens dadurch, dass sich Fontana, darin vielen Editoren nicht unŠhnlich, beim ãechtenÒ Schneiden nicht aufnehmen lassen wollte.
Wie dem auch sei, den Schnitt und
seine Zwillingsschwester, die Montage, bekommt man nur selten so klar vor Augen
gestellt wie an der entscheidenden Schnittkante zwischen Bild 4 und 5.

Was sieht man? Ein Vorher, ein Nachher und ein Dazwischen. Eine leere wei§e Leinwand, eine wei§e Leinwand mit Schnitt und dazwischen die AusfŸhrung des Schnitts, die aber nur im eigenen Kopf. MulasÕ Trick lie§e sich im Film sicher nicht direkt nachahmen, trotzdem kommt man mit seinen unbewegten Bildern der Theorie/Praxis der bewegten Bilder sehr nahe, fŸr die Jean-Luc Godard steht: ãFilm hei§t nicht: ein Bild nach dem anderen, sondern ein Bild plus ein Bild, woraus ein drittes Bild entsteht. Dieses dritte Bild wird Ÿbrigens vom Zuschauer in dem Augenblick gebildet, wo er den Film sieht...Ò Godards Weltformel ã1 + 1 = 3Ò meint das unsichtbare dritte Bild in der LŸcke: Da ist etwas, obwohl da nichts ist. Da ist etwas, weil da nichts ist. Da ist etwas, weil darum herum etwas ist. Ein Schnitt im Sinne Godards setzt zwischen zwei Bilder einen Spalt, der den Zuschauer sehen lŠsst, was nicht zu sehen ist. Filmeditor(inn)en seien Fontanas Worte ans Herz gelegt:
ãIch habe nicht Lšcher gemacht, um
das Bild zu ruinieren. Ganz im Gegenteil: Ich habe Lšcher gemacht, um etwas
anderes zu finden.Ò
Es kšnnte einem noch einiges einfallen zum Zusammenspiel von
Herauslšsen, Trennen, Zerstšren (Schnitt) und Verbinden, FŸllen, Erschaffen
(Montage), das im unsichtbar sichtbaren Schnitt von
Fontana-Mulas aufscheint. Ist es Zufall, dass man bei Mulas-Fontana das
Vorher und das Nachher sieht, den Schnitt selbst dagegen nicht? Kann man einen
Schnitt sehen? Was sieht man, wenn man einen Schnitt sieht? Was ist ein
Schnitt? Sehr weit bin ich wohl nicht gekommen, auf diese Frage eine Antwort zu
finden. Statt sich darŸber zu bekŸmmern lieber eine kleine
Notiz, die im Sommer 2007 unter dem KŸrzel A. H. in der FAZ erschien. Es kann
einem Bild auch zum Schaden gereichen, wenn es seinen Betrachtern eine LŸcke zu
fŸllen gibt:
ãIn einer Ausstellung von Werken des amerikanischen Malers Cy Twombly im Museum fŸr Gegenwartskunst in Avignon ist ein GemŠlde des KŸnstlers bei einer Attacke der besonderen Art beschŠdigt worden. Am Nachmittag des 19. Juli hatte sich eine Besucherin dem GemŠlde genŠhert und die Leinwand gekŸsst. Dabei hinterlie§ sie rote Lippenstiftspuren auf dem GemŠlde, das als Teil des Triptychons Phaidros von 1977 gezeigt wird. Dem WŠrter, der sie stellte, erklŠrte die drei§igjŠhrige Frau: âEs ist wunderbar, ein Werk zu kŸssen, wenn man es liebt.Õ Nach ihrer Festnahme gab sie zu Protokoll, dass der KŸnstler die FlŠche fŸr sie wei§ gelassen habe und das GemŠlde durch ihre Geste noch schšner sei. Restauratoren befŸrchten, der Schaden, der dem GemŠlde durch den Lippenstift zugefŸgt wurde, kšnne nur schwer zu beheben sein. Ein Schnitt in der Leinwand wŠre leichter zu restaurieren, erklŠrte Museumsdirektor Eric MŽzil.Ò