Der richtige Rhythmus
VON DIRK SCHREIER
Wie sieht das Wesen eines filmischen Rhythmus aus, woher nehmen
Editoren Impulse für ihre Arbeit und vor allem: Wann und warum
fühlt sich ein Rhythmus »richtig« an? Editor Dirk
Schreier, Absolvent der HFF »Konrad Wolf«, nähert sich
vom Standpunkt der Praxis dem Komplex von Rhythmus und Metrik im
Zusammenspiel mit Subjektivität und Objektivität.
Besonders in der Auffassung von metrischen Komponenten bietet ein
Filmwerk vielfältige Möglichkeiten, die in der
herkömmlichen Rhythmusforschung wenig Beachtung finden.
Tatsächlich aber bilden »Rhythmus« und
»Metrik« seit der Antike ein Begriffspaar. Beide Termini
beschreiben verschiedene Ordnungsgrade von Bewegungen in der Zeit und
dürfen nicht losgelöst voneinander betrachtet werden. Weist
ein Vorgang zu viel Gleichmäßigkeit in der Ordnung der
Bewegung auf, wirkt er metrisch. Das Metrische, die
»Ordnung« und das »Feste« müssen unter Druck
geraten &endash; aufgebrochen werden &endash; damit eine rhythmische
Qualität entstehen kann.
Rhythmisierung durch Varianz
Zunächst können solche rhythmischen Qualitäten von den
unterschiedlichsten Faktoren beeinflußt werden. Das folgende
Beispiel aus der Montagearbeit an meinem Diplomfilm Mondscheinkinder
etwa belegt exemplarisch den Einfluß der Varianz auf die
Rhythmisierung: Es gibt dort eine Sequenz zwischen Lisa, der
Protagonistin, und Simon, ihrem Schulfreund, in einem Keller der
Schule, in dem das Mädchen Algen züchtet. Die beiden haben
gegen Ende der Sequenz einen kurzen Dialog, sie sitzen nebeneinander
auf einem Tisch, während die Kamera jeweils beide einzeln in
einer Naheinstellung einfängt.
Das Gespräch in der Erzählung gestaltet sich nun so,
daß der eine jeweils einen Satz zum anderen sagt, wobei die
Sätze ungefähr die gleiche Länge haben. Mein Problem
bestand darin, daß durch das beständige Wechseln von einem
Charakter zum anderen die Szene ein wenig zu metrisch wirkte. Und
das, obwohl durch längeres oder kürzeres Verweilen
während des Redens bei einem der beiden, d.h. durch gezieltes
On- bzw. Off-Erzählen, die faktische Länge der
Einstellungen nie die gleiche war und dabei sogar deutlich variierte.
Das einzige Zwischenschnittmaterial, das vorhanden war, war ein
Reagenzglas, welches Lisa während des Gesprächs reinigt.
Aber das reichte, um dieses Mechanisch-Metrische aufzubrechen. An
einer bestimmten Stelle positioniert, brachte es genau die
Unterbrechung oder Zäsur, die nötig war, um die Szene
rhythmisch wirken zu lassen. Während das Gespräch vorher
ohne Unterbrechung durchlaufen mußte, da die beiden Darsteller
ihre Sätze »ohne Punkt und Komma« sprachen, konnte ich
durch diesen Wechsel des Bildinhaltes eine Gesprächspause
erzeugen. Nachdem Lisa und anschließend Simon einmal
abwechselnd nacheinander in der Naheinstellung montiert waren, zeigte
sich, daß der Zwischenschnitt auf das Reagenzglas bereits
hiernach, also an dritter Position, am günstigsten saß, so
als ob ein etwaiges Hin und Her zwischen den beiden Naheinstellungen
von vornherein unterbunden werden sollte. Aber wieso empfanden nicht
nur ich, sondern auch meine Regisseurin das so?
Daß unsere Kultur durch ein Prinzip der Dreiheit gekennzeichnet
zu sein scheint, ist vielfach formuliert und erforscht worden.
Während bei so einer angenommenen Dreierstruktur die jeweiligen
drei Elemente gleichberechtigt nebeneinanderstehen habe ich
beobachtet, daß innerhalb eines zeitbasierten Konstrukts eine
Zäsur oder Variante häufig an dritter Stelle
stattfindet.
Bei der oben beschriebenen Montage der Algenkellersequenz sind die
Inhalte der beiden dem »Reagenzglas« vorausgehenden
Einstellungen zwar verschieden dahingehend, daß sie einmal Lisa
und einmal Simon zeigen, aber von einer höheren
Abstraktionsebene aus gesehen, hätte man folgende Reihenfolge:
1. Kopf Lisa / 2. Kopf Simon / 3. Reagenzglas.
Das metrische »Kopf 1 &endash; Kopf 2« wird demnach durch
die Variante der Reagenzglaseinstellung unterbrochen. Rhythmus
entsteht hier als eine Spannung, die aus Wiederholung und Abweichung
resultiert. Diese Beobachtung während meiner eigenen
Montagearbeit ist der Impuls für die Vermutung, daß sich
solche Prinzipien auf allen Erzählebenen eines Films
wiederfinden lassen und daß es eben nicht nur diese Dreiheit
ist, sondern vor allem auch die Variante innerhalb eines
Dreierdurchlaufs, die im Kunstbereich vielfache Verwendung findet,
wahrscheinlich auch, weil sie in der Wahrnehmung beim Rezipienten
durch entsprechende Prägungen aus anderen Lebens- und
Erfahrensbereichen ihren metrisch-rhythmischen Widerhall findet.
Das Metrum der Dramaturgie
Filme bieten häufig wiederkehrende dramaturgische Strukturen an,
die auch als eine Art Metrum gelten könnten. Das
herkömmliche (Hollywood)-Drehbuch etwa besteht aus einem
Paradigma, welches auf der Dramentheorie von Aristoteles basiert und
eine Dreiaktstruktur vorschlägt. Hierbei machen der erste und
der letzte Akt ungefähr jeweils ein Viertel der Erzählzeit
und somit der zweite Akt zwei Viertel dieser Zeit aus. Die
Übergänge der Akte sind markiert durch sogenannte
»Plot Points«, d.h. Wendepunkte, die die Erzählung in
eine andere Richtung bringen. Dieses Grundgerüst würde
damit eine metrische Struktur der Filmdramaturgie darstellen, wobei
(mindestens) die Wendepunkte als Markierungen dieser Struktur gelten
könnten. Damit nun der auf dieser Grundlage erzählte Film
auch tatsächlich rhythmische Qualitäten offenbaren kann,
muß die Erzählung mit diesem Schema entsprechend variabel
umgehen. Filme, die es 1:1 umsetzen, lassen mich heute meist kalt,
weil ich ihr dramaturgisches Grundgerüst zu sehr durchschaue,
nachdem ich es in der Vergangenheit wahrscheinlich zu oft gesehen und
verinnerlicht habe. Dagegen fühle ich mich rhythmisch
angesprochen, wenn diese Erzählmuster aufgebrochen werden und
mit der Erwartungshaltung des Zuschauers »gespielt« wird.
Wenn man aber das Variieren dieses »Metrums der
Dramaturgie« übertriebe, könnte sich das Gefühl
von Beliebigkeit einstellen, die eher den Eindruck von Chaos
hinterlassen würde statt der gewünschten Rhythmisierung des
Dreiaktschemas.
Bei der Diskussion der gesamten Rhythmusthematik auf die
Gesamtdramaturgie eines Films bezogen wird deutlich, wie sehr
Vorprägungen beim Zuschauer über die Wirksamkeit alles
Metrischen oder Rhythmischen für das jeweilige Filmerlebnis eine
Rolle spielen. Wieder ein Beispiel aus meiner Arbeit an
Mondscheinkinder: Nachdem ich jede einzelne Sequenz des Films
geschnitten hatte, habe ich die Szenen in Reihenfolge des Drehbuchs
zusammengesetzt, und die Regisseurin und ich waren nun gespannt auf
unseren Eindruck nach dem ersten Durchlauf des gesamten Films. Das
Ergebnis war &endash; sagen wir mal &endash; ernüchternd. Der
Film war an uns »vorübergezogen« und hatte uns
unberührt gelassen. Wir fanden heraus, daß der Film weder
Höhen noch Tiefen erzeugte, sondern gleichmäßig vor
sich hinlief. Und das lag weniger an der Art der Montage der
einzelnen Szenen, sondern eher daran, wie diese plaziert waren. Uns
fehlten dramaturgische Markierungen, die für eine Rhythmisierung
innerhalb unserer Erzählung sorgen konnten und das verwunderte
uns, da doch das Drehbuch eben diese scheinbar enthielt. So fingen
wir an, durch Umstellen der Szenen neue, anders plazierte und
deutlicher markierte dramaturgische »Duftnoten« in
bewußter Anlehnung an das klassische Dreiaktschema zu
entwickeln, bis uns der Film schließlich
rhythmisch-dramaturgisch ansprach.
Dieses »Sich-Angesprochen-Fühlen« bei uns setzte
wahrscheinlich erst dort ein, wo unser Vorwissen an Rhythmischem im
Film insgesamt seinen Widerhall in den Mondscheinkindern fand. Es
brauchte einen gewissen Grad des Wiedererkennens von uns bereits
geläufigen dramaturgischen metrisch-rhythmischen
Qualitäten, um unsere Sinne positiv anzusprechen.
Metrisch-rhythmische Stereotype
Im Kino ist es fast schon ein Spiel geworden, dem ich mich hingebe:
Eine Einstellung, meist am Schluß einer thematisch
zusammengehörigen Sequenz, neigt sich dem Ende zu, und ich
versuche, den Zeitpunkt für den Schnitt in die nächste
Einstellung zu antizipieren. Ich bin verblüfft, wie hoch hierbei
meine Trefferquote ist.
Ein ähnliches Phänomen erlebe ich auch immer wieder
während der gemeinsamen Arbeit mit einem Regisseur im
Schneideraum. Eine Einstellung hat alles erzählt, und man sucht
nun gemeinsam nach dem bestmöglichen Ausstiegspunkt. Man
verabredet, durch beispielsweise ein Klopfen auf den Tisch, den
Schnitt zu simulieren und beobachtet, daß in vielen Fällen
das Klopfen nahezu oder tatsächlich simultan erfolgt. Was kann
man hieraus vielleicht im Hinblick auf ein gemeinschaftliches
Rhythmusempfinden oder -erlebnis ableiten? Ich glaube, auch hier wird
deutlich, wie sehr man auf bestimmte Schnittrhythmen konditioniert
worden ist, sei es durch die Arbeit an Filmen oder deren Rezeption.
Mein innerer Rhythmus beim Montieren resultiert aus meinen
schnittrhythmischen und verinnerlichten Erfahrungen durch die
Filmrezeption, eine Prägung, die offensichtlich auch auf andere
zutrifft.
Verfolgt man diesen Gedanken weiter, so hieße das ja vielleicht
am Ende sogar, daß man bei der Arbeit an einem Filmwerk darauf
bedacht ist, metrisch-rhythmischen Konventionen oder Stereotypen
nachzueifern. Einerseits macht dieses Nacheifern von tradierten
Erzählrhythmen es ja überhaupt erst möglich,
Schnittentscheidungen zu treffen. Man wäre sonst ob der schier
unendlichen &endash; rein theoretisch denkbaren &endash;
Schnittmöglichkeiten des Materials überfordert. Wäre
es andererseits aber nicht viel interessanter, bewußt
häufiger gegen das eigene Empfinden zu arbeiten und zu
montieren? Oder anders formuliert: Wie sonst ist metrisch-rhythmisch
innovatives oder zumindest alternatives Erzählen häufiger
möglich, wenn man die verinnerlichten vorgeprägten und
somit festgetretenen Pfade niemals verläßt?
(Im-)Pulse beim Montieren
Während meiner Montagearbeit fiel mir irgendwann auf, daß
ich auf eine Art Metrum zurückgreife bzw. mir eins
künstlich erzeuge, um letztendlich die »richtige«
Stelle zum Schneiden zu finden. Ich stelle mir
gleichmäßige Schläge vor, die ich beim Zählen in
Beat und Off-Beat unterteile, indem ich zähle 1 &endash; und, 2
&endash; und, usw. Möchte ich nun die Szene zur Ruhe kommen
lassen, dann werde ich auf dem von mir selbst im Geiste unterlegten
Beat, also den Ziffern schneiden. Ein Schneiden auf dem
»und« hätte so gesehen für mich
Off-Beat-Charakter und würde einen eher plötzlichen
Ausstieg aus der Einstellung nach sich ziehen.
Die Impulse für den Startpunkt meines gedachten Metrums
können sowohl optischer als auch auditiver Natur sein. Hierzu
greife ich beispielsweise einen Lidschlag oder eine markante
Körperbewegung auf oder orientiere mich an einem
Türschlagen oder auch dem Atmen eines Darstellers, wobei diese
»Metreneinstiegspunkte« dort liegen, wo die Handlung zum
Ende gekommen ist. Vielleicht kann man sagen, daß ich nach
zeitlichen Orientierungsmöglichkeiten zu suchen scheine, wenn
jede andere bewegliche Orientierung im Hinblick auf eine
Schnittmöglichkeit zum Erliegen gekommen ist. Gibt es zwei
gleichartige Impulse, wie beispielsweise das Ein- und Ausatmen eines
Darstellers, so legt ihr Abstand für mich die Zeitlichkeit und
somit das Maß fest, in dem ich mein Hilfsmetrum weiterspinne.
Fühle ich nur einen Impuls, dann zähle ich im Geiste im
Abstand von ungefähr einer Sekunde weiter. Warum ich gerade in
einem Sekundenabstand zähle, hat wahrscheinlich auch wieder mit
einer entsprechenden Prägung zu tun.
Mathilde Bonnefoy erzählt in Gabriele Voss Buch
»Schnitte in Raum und Zeit« von ihren ersten Gehversuchen
als Editorin. Sie war damals Schnittassistentin und hatte die
Aufgabe, ein Gespräch in einem Café zu montieren. Als ihr
das nicht auf Anhieb zu ihrer Zufriedenheit gelang, da sie vor allem
nicht »wußte«, wo sie schneiden soll, nahm der Editor
des Films sie beiseite und demonstrierte ihr, wie er an die Sache
herangehen würde: »Er hat auf die Play-Taste gedrückt
und die Szene abgespielt, wippte dabei ein bißchen mit und dann
kam: ðUnd jetzt würde ich rausgehen!Ð Als er das gemacht
hat, habe ich verstanden, daß es nicht darum geht, etwas im
Voraus zu wissen oder zu ahnen. Es geht darum, zu gucken und
mitzuwippen und zu sagen: ðUnd jetzt!Ð Das hat er immer
wieder gemacht: ðUnd jetzt!Ð und nochmal und nochmal. Die
Art, wie er ðJetzt!Ð gesagt hat, kam aus einem
körperlichen Zustand heraus. Das hat mich sehr
beeindruckt.«
In diesem Zusammenhang höre ich immer wieder von Editoren, die
ähnlich verfahren und sich zu ihrem Schnitt bewegen, einige
behaupten sogar, sie würden zu ihrem Schnitt tanzen. Teilweise
wird sogar formuliert, es sei unabdingbar, sich zu seinem Schnitt
bzw. während der Montagearbeit zu bewegen, um den
»richtigen« Schnitt zu machen.
Robert Jourdain ist in seinem Buch »Das wohltemperierte Gehirn
&endash; Wie Musik im Kopf entsteht und wirkt« der Frage
nachgegangen, wo der innere Rhythmus des Menschen eigentlich seinen
Ursprung findet. Er überträgt seine Feststellungen zwar auf
die Musik, da aber seine Bemerkungen den Rhythmus insgesamt
betreffen, können sie durchaus auch für den filmischen
Rhythmus gelten: »Vom Rhythmus wird oft behauptet, er sei der
ðursprünglichste AspektÐ, die Übertragung von
Vorgängen unseres Körpers auf die Musik. Dies ist eine
Auffassung vom Kaliber: ðDie Erde ist eine ScheibeÐ:
völlig einleuchtend, aber kompletter Unsinn. Eine Idee, die sich
jahrhundertelang halten konnte, besagt, daß Rhythmus sich auf
den Herzschlag gründet. [
] Eine andere Sichtweise
besagt, daß der Rhythmus aus angeborenen Bewegungsfolgen wie
Laufen oder Kopulationsbewegungen resultiert. [
]
Interessanterweise scheinen wir eine Art Ur-Gedächtnis für
körperliche Rhythmen zu besitzen. [
] Nach seiner
[Platons, d. Verf.] Auffassung kommt der Rhythmus aus dem
Geist und nicht aus dem Körper. [
] Es gibt
[
] so etwas wie innere Uhren, mit denen unser Gehirn
bestimmte biologische Zyklen steuert, besonders den
Schlaf-Wach-Rhythmus. [
] Von daher könnte eine
Intervall-Uhr oder ein ähnlicher Mechanismus durchaus die
biologische Grundlage für den Rhythmus in der Musik
sein.«
Demnach wäre ein Wippen oder Tanzen während der
Schnittarbeit also lediglich Ausdruck eines von vornherein »im
Geiste« vorhandenen Rhythmus. Also auch ohne ein
körperliches »Zurschaustellen« des eigenen inneren
Rhythmus schlägt sich dieser im gleichen Maße in der
Montagearbeit nieder.
Der »richtige« Rhythmus
Es gibt weder einen »falschen« noch einen
»richtigen« Rhythmus, und das gilt besonders auch für
den Film. Am Ende entscheidet das Gefühl des Einzelnen zum
Rezeptionszeitpunkt, welches wiederum von den unterschiedlichsten
kulturellen und sozialen Faktoren geprägt wird und einem
stetigen Veränderungsprozeß unterliegt. Letztendlich
hängt eine Bewertung von rhythmischen Qualitäten von
unterschiedlichen Wahrnehmungsaspekten ab, die äußerst
subjektiv sind. Ein Film wartet mit zu vielen verschiedenen
gleichzeitig stattfindenden Ordnungsgraden und Bewegungskomponenten
auf, und vor allem deshalb kann man nicht von der einen
metrisch-rhythmischen Komponente im Film sprechen. Um dennoch nicht
das Gefühl einer rhythmischen »Beliebigkeit« bzw.
Arhythmik beim Rezipienten aufkommen zu lassen, benötigt dieser
»Bezugspunkte«, »Markierungen«, die auf allen
Erzählebenen des Films mit den unterschiedlichsten filmischen
Erzählmitteln erzeugt werden können. Darüber hinaus
gibt es Bezugspunkte als Teil von kulturellen Prägungen des
jeweiligen Zuschauers, der bei der Rezeption unbewußt eine Art
Abgleich zwischen dem metrisch-rhythmisch Dargebotenen des Filmwerks
und seiner diesbezüglich vorgeprägten Wahrnehmung vornimmt,
um am Ende zu einer qualitativen Bewertung des Metrisch-Rhythmischen
zu gelangen. Da jedes Filmwerk für sich genommen ein jeweils
ganz eigenes Repertoire an Ordnung von Objekt- und Zeitbewegung
anbietet, könnte man sogar von einer Polymetrik oder
Polyrhythmik des Films sprechen.
Wird nun aber der Rhythmus vorrangig subjektiv geprägt, gibt es
dann überhaupt einen Weg, das Gefühl dafür im Hinblick
auf die Filmarbeit zu schulen? Vor dem Hintergrund, daß unser
Leben durchzogen ist von metrisch-rhythmischen Vorgängen, die
wiederum Impulse für unser eigenes kreativ-rhythmisches Schaffen
liefern, möchte ich mich dem Hinweis des Editors und Lehrenden
Raimund Barthelmes an seine Studenten in »Schnitte in Zeit und
Raum« anschließen: »Ich fordere sie auf, ihre Sinne
zu schärfen, die Antennen feiner zu machen. Ich sage ihnen: Seid
ihr selbst, versucht euch im Leben weiterzubilden, versucht zu gucken
und einzuschätzen: Was mag ich, was mag ich nicht? Sympathie,
Antipathie, Empathie. Macht das, was euch wirklich
interessiert.«
Schreier, Dirk (2008) Der richtige Rhythmus. In: Schnitt, Nr. 51,
3/2008, S. 62-64.