Zwischen Utopie
und Realität
Ausbildung an einer Filmakademie
von
Thomas Schadt
Vor zehn Jahren bin ich auf
Einladung des damaligen Direktors, Professor Albrecht Ade, das erste
Mal nach Ludwigsburg gereist. Es ging um ein mögliches
Dozenten-Engagement hier an dieser Filmschule. Ich erzählte ihm
von meiner Studentenzeit an der DFFB in Berlin und von meinen
filmischen Wurzeln, die stark in der Geschichte der Fotografie
verankert sind. Ich war damals 38 Jahre, hatte von Ludwigsburg, von
dieser Filmakademie, von Lehre keine Ahnung.
Albrecht Ade lachte mich freundlich an und ließ mich reden.
Darüber hocherfreut, geriet ich ins Schwärmen über den
Fotografen Robert Frank, der mir sinngemäß folgendes mit
auf den Weg gab:
Eines gibt es, was ein Bild enthalten muss: die Menschlichkeit
des Augenblicks. Eine solche Fotografie ist Realismus. Doch Realismus
allein reicht nicht aus, es muss die Kraft des
Vorstellungsvermögens hinzukommen. Beides zusammen kann ein
gutes Bild entstehen lassen. Es ist schwierig, die dünne Linie
zu markieren, bei welcher die Materie endet und der Geist
beginnt.
Ja, bemerkte mein Gegenüber, dass ist doch
interessant
. Nein!, unterbrach ich ihn
unhöflich, das ist nicht interessant, das ist die Essenz
des Ganzen, darauf kommt es an, nur darauf. Gut,
unterbrach mich Albrecht Ade, das erzählen sie mal ihren
zukünftigen Studenten, im Oktober gehts los, das
Vertragliche regeln sie bitte mit Frau Mosselman. Und bevor ich
etwas sagen konnte, fügte er hinzu: Ich weiß schon,
Berlin ist weit, macht aber nix. Sie sind jung, fliegen macht ihnen
sicher nichts aus, und außerdem ist es hier bei uns im
Ländle auch sehr schön. Ja, und das
Unterrichten, meinte ich zaghaft, ich habe doch noch
nie
Sie machen das schon, beruhigte er mich
und war sogleich sanft lächelnd entschwunden.
Etwas hilflos schaute ich mich um: lauter freundliche
Filmstudenten-Gesichter bei Apfelschorle und Pommes rot-weiß in
einem Ambiente - wir saßen draußen im Engel
-, das eher Urlaub als Arbeit versprach. So kam es mir zumindest vor.
Schwups, schon war es passiert: Ich hatte zwar keine Ahnung, was auf
mich zukommen würde, doch diesem Charme einmal erlegen, war
klar: Aus der Falle kommst Du nicht mehr raus.
Also habe ich hier begonnen zu unterrichten, und als
pädagogisches Greenhorn voll auf das Learning by
Doing-Selbsthilfe-Programm gesetzt. Denn eine Anleitung
dafür, wie man Film lehrt oder wie man Studenten dazu bringt,
dass sie pünktlich zum Unterricht erscheinen, gibt es nicht. Ich
persönlich mochte das von Anfang an, es macht die ganze Sache,
wie das Filmen selbst, ein Stück weit unberechenbar. Film zu
unterrichten ist ein Job voller Überraschungen, voller
wechselnder Gefühle, und ich habe das sehr zu schätzen
gelernt, denn es trägt erheblich dazu bei, am Puls des Lebens zu
bleiben.
Studenten sind der Herzschlag einer jeden Filmakademie. An dieser
noch etwas unausgegorenen, aber dafür so unbändigen Energie
teilzuhaben, ja sie mitgestalten zu dürfen, ist ein
Glücksfall. Mir bereitet diese Arbeit immer noch die
größte Freude. So mag es niemanden wundern, dass die
Berufung zum künstlerischen Direktor dieser Filmakademie mit dem
dazugehörigen Animationsinstitut sowie der
Deutsch-Französischen Masterclass für mich eine
große Ehre ist. Jetzt, nach viermonatiger Einarbeitungszeit,
fühle ich mich sehr motiviert, dieser wunderbaren Akademie
vorstehen zu dürfen. Dabei gilt, wie schon so oft in meinem
Leben: Learning by Doing und immer hübsch auf dem
Teppich bleiben.
Herzschlag oder: Zwischen Utopie und Realität
- zur Symbiose von Ausbildung und Produktion an einer, sagen wir
ruhig, an unserer Filmakademie.
Lassen Sie mich unter dieser Überschrift aus 25-jähriger
Film- und 10-jähriger Unterrichtspraxis einige persönliche
Erfahrungen und Ansichten skizzieren.
Ich beginne mit der Aufnahmeprüfung. Was für einen
Studenten-Typus suchen wir eigentlich für unsere Filmakademie,
wenn meine Kollegen und ich Jahr für Jahr zusammenkommen, um in
der Vorauswahl darüber zu entscheiden, wen wir zur zweiten Runde
der Aufnahmeprüfung, der Endauswahl, einladen? Sie mögen
denken, das ist doch ganz einfach und sind sicher mit uns einer
Meinung, wenn ich sage: Künstler, Querdenker, Poeten,
Bildermenschen, Geschichtenerzähler, Überlebensstrategen,
Kommunikations-genies, Filmbesessene, Tüftler, Charmeure,
Utopisten, Realisten, am Besten alles in einem. Und gebildet sowie
gut erzogen obendrein sollen sie bitte auch noch sein.
Doch: Wer kommt dann tatsächlich, wer sucht den Weg in eine
Filmakademie, und welche Voraussetzungen bringen die Bewerber mit?
Angebot und Nachfrage: Während der Vorauswahl zur
Aufnahmeprüfung blicken meine Kollegen und ich allerdings nicht,
wie sie annehmen mögen, in ein buntes Kaleidoskop, nein, sagen
wir es ruhig: eher in eine graue Hutschachtel mit um die 500
Filmchen, die in einer Woche gesichtet werden müssen. Es ist
eine Art Ursuppe des deutschen Film- und Fernsehschaffens, in die wir
Jahr für Jahr so große Hoffnungen setzen.
Was wir da an, sicher mit viel Liebe, Mühe und Ehrgeiz,
hergestellten Bewerbungsfilmen zu begutachten haben, zeigt im
Querschnitt besser als jede soziologische Studie, was mit Menschen
geschehen sein muss, die von klein auf medial, also mit laufendem
Fernseher und Internet im On-Betrieb aufgewachsen sind und die sich
dennoch dazu entschließen, in die Film- und Fernsehbranche
gehen zu wollen. Wir sehen Schablonen, Abziehbilder, amateurhaft
kopierte TV-Krimis, klischeehafte Beziehungskisten, Fernsehfilmchen,
Magazinbeiträge, überwiegend ängstlich, mutlos, und
nahezu ohne jede Überraschung. Alles, was das Fernsehen in
seiner Breite bietet, wird bewusst oder unbewusst reproduziert -
inhaltlich und ästhetisch. Was wir vermissen sind Phantasie,
Poesie und der Mut zur Selbstständigkeit. Etwas, wozu das
Fernsehen in seiner Breite offensichtlich nicht anregt.
Ein Jugendlicher, der sich regelmäßig Big
Brother, Marienhof oder Gute Zeiten,
schlechte Zeiten ansieht und dabei behauptet, er stehe da total
drüber und sähe das ja nur, weil das so ein wunderbarer
Schwachsinn sei, über den man sich halt mit den Freunden lustig
machen kann, übersieht, dass es hier nicht nur um das geht, was
er gerade, im Moment, bewusst sieht und hört. Viel mehr geht es
darum, was er gleichzeitig dahinter, unterbewusst, wahrnimmt. Was ihm
also eingepflanzt wird an Sprache, an Bildern, an Geschichten, an
Gefühlen, ohne dass er es merkt, und vor allem: ohne dass er das
will.
Kinder und Jugendliche, die im Schnitt drei bis vier Stunden
täglich vor dem Fernseher hängen, können noch gar
nicht selbstständig darüber reflektieren, was da eigentlich
unbewusst und ohne die Chance der Gegenwehr mit ihnen geschieht, mit
ihrer Phantasie, ihren Träumen, ihrer Neugierde, ihrer
Wahrnehmung. Und deshalb, auch weil wir das niederschmetternde
Ergebnis dieser medialen Beeinflussung hier Jahr für Jahr
kopfschüttelnd bestaunen dürfen, halte ich es für
einen Skandal, dass es an den Schulen in Deutschland kein Pflichtfach
gibt, das Medienkunde heißt. Einen bewusst
reflektierenden Umgang mit den Medien zu unterrichten, wäre doch
schon längst genauso wichtig wie Deutsch, Mathematik, Kunst oder
Musik.
Nichts beeinflusst junge Menschen heute, zusammen mit Elternhaus und
Schule, existentieller als Fernsehen und Internet, ob wir das wollen
oder nicht. Der Medienpsychologe Peter Winterhoff-Spurk schreibt in
seinem Buch Kalte Herzen: Überall nimmt ein neuer
Leittypus Gestalt an. Seine Gefühlswelt ist gekennzeichnet durch
andauerndes Verlangen nach Aufregung, Oberflächlichkeit und
theatralischer Inszenierung, in der Gefühle lediglich
dargestellt, aber nicht wirklich empfunden werden. Wir in der
Aufnahmeprüfungskommission dieser Akademie haben es fast
aufgegeben, darauf zu hoffen, dass dieser Tatbestand in den
Bewerbungsfilmen eine originelle Reflexion erfährt, oder von
Anregungen des Theaters, der Fotografie, der Musik, der Literatur
oder einfach nur vom selbst gelebten Leben überstrahlt werden
könnte.
Da wir aber unverwüstliche Optimisten sind, finden wir am Ende
in dieser medienverseuchten Hutschachtel natürlich einige
Perlen, sehr vielversprechende Talente, an die wir glauben, und die
wir gerne aufnehmen. Durchweg interessante, liebenwerte Menschen mit
ganz unterschiedlichen Begabungen.
In erster Linie bilden Filmhochschulen also Menschen aus, die zwar
kräftig Fernsehen konsumiert haben, aber kein wirkliches Wissen
darüber haben, was Fernsehen ist. Diese Menschen bilden wir
wiederum in erster Linie für einen Markt aus, der vom Fernsehen
dominiert wird. Das ist in Deutschland nun mal so, auch wer für
das Kino arbeiten will, kommt hier zu Lande am Fernsehen, sprich an
Fernsehgeldern, kaum vorbei. Und das wird bis auf weiteres auch so
bleiben. Das geliebte und gehasste Fernsehen ist der potenteste
Auftrag-, Geld- und Arbeitgeber für Absolventen jeder
Filmhochschule in Deutschland. Auch für mich, einen ehemaligen
Filmstudenten, der bis heute fast ausschließlich fürs
Fernsehen gearbeitet, vom Fernsehen gelebt hat.
Manch einer wird nun wahrscheinlich im Innersten seines Herzens schon
wieder stöhnen: Filmschulen und Fernsehen, stehen sich da nicht
automatisch zwei Begriffe gegenüber, die eigentlich gar nicht
recht zusammenpassen, denn Film aah, das ist doch Kino,
künstlerische Freiheit, da ist alles möglich, und Fernsehen
iiih, das ist doch Serie und Format mit verbindlichen Vorgaben von
Zeit, Dramaturgie, Figuren und Schnittrhythmus, das ist
künstlerische Unterdrückung, Film und Serie, das sind doch
1. und 2. Klasse ?
Und überhaupt Film und Fernsehen: Ruiniert das
Fernsehen im blindwütigen Quotenrausch gegenwärtig nicht
auch noch den Rest von dem, was Anspruch hat, auch filmischen? Und
bezeichnet Film nicht genau den Anspruch, durch den sich
eine Filmakademie vom durchschnittlichen Einerlei des Fernsehens zu
unterscheiden hat? Ist es nicht genau das, warum wir zu unseren
frisch aufgenommenen, fernsehgeschädigten Studenten sagen:
Leute, wenn ihr Filme machen wollt, müsst ihr erst einmal weg
vom Fernseher, mehr ins Kino, ins Theater, in einen Buchladen?
Denn schließlich heißen unsere Filmstudenten doch
Filmstudenten, auch wenn sie später fürs
Fernsehen, oder beim Kino wenigstens mit dem Fernsehen, arbeiten.
Wieso heißen sie überhaupt nirgendwo in Deutschland
Fernsehstudenten oder gar Format- oder Serienstudenten. Klingt
irgendwie nicht, mich hätte man früher, als ich Film
studiert habe, jedenfalls nicht ungestraft als Fernsehstudenten
bezeichnen dürfen. Heute frage ich mich: wieso eigentlich?
Denn muss ich nicht ins Grübeln kommen, wenn unlängst im
Kino eine seichte Comedy wie Sieben Zwerge allein im Wald
das Zuschauermaß allen deutschen Kinofilms zu sein scheint und
gleichzeitig im Fernsehen, in liebevoll gepflegten
Nachwuchs-Reservaten wie dem Kleinen Fernsehspiel des
ZDF, dem Teleclub des Bayerischen Rundfunk oder den
Debütreihen des SWR beispielsweise, wunderbare, aufregend
anspruchsvolle Filme entstehen? Also wenn ich zwischen beidem die
Wahl hätte, würde ich mich des Films wegen hierzulande
derzeit öfter für das Fernsehen als für das Kino
entscheiden.
Ich gebe zu, das klingt zu dem davor Gesagten paradox, und in der Tat
ist die Realität eine schwierige Gemengelage, der Markt voller
Verwirrung und Widersprüche. Doch so viel steht fest: Kino und
Fernsehen oder Film und Format als 1. und 2. Klasse gegeneinander zu
setzen, ist Unsinn. Was wir stattdessen analysieren sollten, sind
Entwicklungen, Tatbestände eines sich rasant zur eigenen
Selbstständigkeit hinentwickelten Fernsehens, das sich
dramaturgisch und ästhetisch vom Kino, von der Kinematografie
immer weiter entfernt. Fernsehdramaturgie und Kinodramaturgie bilden
eine Schere, die immer weiter auseinander geht. Womöglich zu
Recht, denn warum sollten Leinwand und Fernseher nicht das Recht auf
eine jeweils eigene Selbstverwirklichung in Anspruch nehmen. Das Kino
tut das seit eh und je, und das Fernsehen hat gerade erst richtig
damit angefangen. Formate und Serien und Film stehen sich dabei als
unterschiedliche Möglichkeiten des Erzählens im Fernsehen
gegenüber. Dabei gibt es, um es positiv zu formulieren,
Schnittmengen, interessante Berührungen, so manch geistreiche
Erfindung. Die Doku-Fiktion oder Bio-Pics, Genre-Mischformen generell
wären Beispiele, die auch für unsere Filmakademie ein
äußerst interessantes und kreatives Ausbildungsfeld
darstellen.
Allerdings gibt es mancherorts hausbackene Interessenskonflikte,
Kleingeisterei und kontraproduktive Intoleranzen, die verhindern,
innovativ mit den Entwicklungen und Trends des Marktes umzugehen.
Manchmal sind die Gedanken derjenigen, die das alles verantworten,
vorgestalten, auch mitunter derjenigen, die das lehren oder lernen
sollen, formatierter als Formate selbst. Es geht wie immer um die
Geisteshaltung. Nicht die Hardware ist entscheidend, sondern die
Software.
In den Sendehäusern habe ich das Gefühl, so mancher
Fernsehmacher klammert sich allzu ängstlich an seine tradierten
Konzepte, weil er damit, im Ungewissen über die
tatsächliche Phantasiefähigkeit, Sehlust, und
Eigenständigkeit des Fernsehzuschauers, jede individuelle
Regung, jede nicht kalkulierbare Überraschung meiden
möchte. Dem drohenden Liebesentzug durch einen wegzappenden
Anonymus wird mit suchterzeugenden Geschmacksdrogen, bisweilen auch
mit kleinmütiger Überheblichkeit entgegengewirkt. Das hat
auf die Dramaturgie einer Serie, auch eines Films gewaltigen
Einfluss.
Doch man darf das nicht pauschal verallgemeinern. Viele Formate, auch
Serien bieten Raum für eine eigene Handschrift, ich nenne dies
weiche Formate, wie Enno Hungerlands Reihe Menschen
Hautnah im WDR, Ebbo Demants Menschen und
Straßen im SWR oder auch den Tatort im
Ersten. Etliche Bereiche des Fernsehens bieten individuellen
Spielraum, sind kreativ zu unterlaufen: visuell, akustisch,
gedanklich, filmisch. Und es gibt tatsächlich Redakteure, die
sich freuen, wenn sie auf diese Weise von Absolventen einer
Filmschule überrascht werden. Man muss sie nur finden!
Doch das müssen Filmstudenten erst einmal wollen! Vor zwei
Jahren hatten wir uns im Regiebereich Dokumentarfilm entschlossen,
Film und Formate parallel im Unterricht anzubieten. Neben dem
klassischen Autorenfilm stellten sich Bernd Jakobs mit Spiegel
TV und Ulrike Becker vom SWR mit Menschen, Länder,
Abenteuer als Dozenten zur Verfügung und boten an, bei
geeigneter Stoffentwicklung Koproduktionen mit uns
durchzuführen. Zu meiner Überraschung waren die Vorbehalte
der Studenten gegenüber den Formaten jedoch so groß, dass
sehr schnell klar war, keiner würde ein direktes
Produktionsangebot der beiden annehmen. Es ist allein der Offenheit
der beiden Kollegen zu verdanken, dass das Experiment, bereits im
Unterricht zu praktizieren, was für die meisten später im
Markt Realität werden wird, nicht gescheitert ist.
Die ablehnende Reaktion der Studenten fand ich einerseits
verständlich, denn im dritten und vierten Studienjahr sind sie
erstrangig an ihrer individuellen Entwicklung interessiert. Das
sollen sie auch. Anderseits bin ich der festen Überzeugung, dass
Filmstudenten zukünftig offener für andere, als nur
rein individuelle Film-Erzählformen werden
müssen, möchten sie nach der Akademie ihren erlernten Beruf
auch praktizieren. Denn die Erfahrung mit dem Werdegang unserer
Absolventen, und zwar aller Abteilungen, zeigt, dass viele von ihnen
nach der Akademie große Schwierigkeiten haben, im Markt gleich
die Aufträge zu bekommen, von denen sie träumen.
Eine Debütreihe wie Junger Dokumentarfilm, die im
partnerschaftlichen Zusammenspiel zwischen der MFG, dem SWR,
Produzenten der Region und der Filmakademie jetzt im sechsten Jahr
mit großem Erfolg produziert wird, leistet hier wertvolle
Arbeit, bietet Filmstudenten eine hervorragende Möglichkeit,
sich dem Fernsehen filmisch, mit einer eigenen Handschrift
anzunähern. Doch was kommt danach? Wie kommt man zu seinem
zweiten, dritten und vierten Film? Oder ist das dann doch erst einmal
ein Format oder eine Serie?
Das Erlernen des Berufes Filme zu machen, an ihrer
Entstehung in einer bestimmten Funktion mitzuarbeiten, ist ein
verschlungener Pfad, ein nur teilweise zu kalkulierender Prozess.
Zudem ist es ein individueller Weg, den jeder Student anders erlebt.
Der Spagat zwischen notwendiger künstlerischer Freiheit auf der
einen und gegebenen Bedürfnissen und Ansprüchen des Marktes
auf der anderen Seite muss mit viel Bedacht und klugem Konzept
gemeistert werden.
Ich möchte es so formulieren: Nach meiner festen
Überzeugung ist jede Filmschule in erster Linie eine
Ausbildungsstätte, dann erst eine Produktionsstätte. Erst
muss man ausbilden, um produzieren zu können, was man
ausgebildet hat. Da in Ludwigsburg beides noch unmittelbarer
ineinander verzahnt ist als an anderen Schulen - und dieser
Praxisbezug ihr ursprüngliches und so erfolgreiches Grundkonzept
ist und bleiben muss - ist mit Sachverstand festzulegen, wo und wann
der Lehrgedanke des Learning by Doing mit kommerziellen
(Verwertungs-)Gedanken gekoppelt oder nicht gekoppelt werden
kann.
Es ist natürlich ein einladender Gedanke, für die ersten,
oft erstaunlich professionell anmutenden Ergebnisse des Grundstudiums
bereits die Chance einer Vermarktung zu suchen und dies
pädagogisch gar als hilfreich und förderlich zu
betrachten.
Doch nach meiner ganzen Erfahrung von neun Jahren Unterricht an der
Ludwigsburger Filmakademie sehe ich hier Vorsicht geboten. Denn der
augenblickliche, von den Studenten oft nicht von innerer Substanz
getragene, da zu schnell errungene Erfolg, hat schon so manches
Talent rasanter in der Versenkung verschwinden lassen, als uns allen
lieb sein kann.
Zu Beginn des Filmstudiums geht es meiner Meinung nach im ersten
Schritt vorrangig darum, die Studenten wenigstens ein Stück von
ihrem Fernseh-, ihrem Wahrnehmungs- und Phantasiekorsett zu befreien.
Sie müssen zu sich und zu ihrer Rolle als Fernsehkonsument
Distanz entwickeln. Das ist absolut notwendig, bevor sie in die Rolle
eines Fern-sehproduzierenden schlüpfen können. In der
Abteilung Filmgestaltung leisten die Kollegen Professor
Jochen Kuhn und Andreas Hykade hierzu ganz hervorragende und
unerlässliche Arbeit.
Diese, man könnte fast sagen, zwangsverordneten Freiräume
braucht unsere Filmakademie. Räume, in denen Utopien und
Experimente mitunter die wichtigeren Schritte sind als schnell
verwertbare Produkte. Das ist der existentielle Schlüssel, damit
sich Studenten später mit Vernunft und Können behaupten
werden. Es ist unsere Verantwortung, ihnen innerhalb der Ausbildung
diese Möglichkeit zu bieten, es ist gleichsam das eigentliche,
langfristig angelegte Kapital unserer Filmakademie.
Deshalb möchte ich das Grundstudium, also das 1. und 2.
Studienjahr, von Verwertungsofferten Dritter ganz bewusst
freistellen. Selbst, wenn sich im Einzelfall eine Koproduktion oder
eine Förderung anböte, ginge die Gefahr damit einher,
unnötige Unruhe und falschen, da zu frühen Konkurrenzdruck
durch ungleiche Bedingungen unter den Studenten auszulösen.
Laufen fertige Filme auf Festivals, ist das natürlich eine feine
Sache.
Zwangsläufig, und auch das ist ein wichtiger Schritt des
Erwachsenwerdens, lehnen sich die Studenten nach der - hier bei mir
steht das in Gänsefüßchen - Befreiung
erst einmal gegen den Markt auf. Sie wollen und müssen
zunächst einmal zu sich selbst finden, eigene Geschichten
suchen, und diese filmisch übersetzen lernen. Sie müssen
atmen lernen und wollen verständlicherweise nicht gleich wieder
reproduzieren, wovon sie sich gerade erst begonnen haben zu
emanzipieren.
Nun dauert dieses Studium nur viereinhalb, maximal fünf Jahre
und es ist berechtigterweise zu fragen, wie und ob es zu leisten sei,
in dieser kurzen Zeit Studenten von etwas zu lösen, an das man
sie wenig später wieder binden möchte oder muss, damit sie
vielleicht auch von dem leben können, wofür sie hier
ausgebildet wurden.
Also: was bilden wir aus? Natürlich hervorragende Handwerker,
was allerdings der leichtere, da berechenbare Teil ist. Schwieriger
und unwegsamer ist das Unterrichten und Fördern von jenen
Köpfen, die später kraft ihrer, mit Hilfe der Ausbildung
gewonnenen Persönlichkeit, in der Lage sind, im Markt
erfolgreich zu bestehen. Ein guter Handwerker, der für seine
Ideen und Überzeugungen nicht argumentieren kann, ist genauso
schwach und gefährdet, wie ein genialer Geist, der seine Ideen
nicht kommunizieren beziehungsweise handwerklich nicht umsetzen kann.
Erst wenn ein Absolvent beides, Handwerk und charakterliche Substanz,
in sich vereinen kann, hat er eine echte Chance.
Deshalb ist es für den pädagogischen Prozess unabdinglich,
dass Dozenten und Studenten eine bestimmte Zeit lang in einen
intensiven, ungestörten, im Ergebnis experimentellen und freien
Prozess treten. Soll die innere Entwicklung angehender
Filmschaffender substanziell gefördert werden, müssen im
ersten Schritt dieser Ausbildung praktische Ergebnisse mitunter
zweitrangig sein, muss ein Scheitern möglich sein, müssen
Grenzen überschritten werden, damit spätere Grenzen
akzeptiert werden, spätere Ergebnisse erstklassig sein
können. Dieser Prozess braucht Vertrauen, Geduld, und ein
Budget, das ermöglicht, die besten Dozenten zu engagieren und
sie mit genügend Betreuungstagen auszustatten. Kommt etwas
Glück dazu, kommt es, wie wir jedes Jahr bei den Highlights
sehen können, zu ganz hervorragenden Ergebnissen.
Aber natürlich ist unsere Filmakademie kein
Wolkenkuckucksheim.
Wir müssen im Gegenteil genau überlegen, wann es Sinn
macht, die Studenten innerhalb der Ausbildung an die kommerziellen
Möglichkeiten und den damit verbundenen Druck des Marktes
heranzuführen, wann der richtige Zeitpunkt ist, ihnen dafür
die Augen zu öffnen, was ihnen nach der Filmakademie begegnen
wird. Auch das ist unerlässlicher Bestandteil einer guten
Filmausbildung.
Für das Projekt- oder Aufbaustudium, also das 3. und 4.
Studienjahr, habe ich, nach zehn Jahren praktizierter Lehre hier an
dieser Filmakademie, folgende Haltung: Auch im dritten Jahr bin ich
im Grundsatz gegen Ko- und Drittmittelproduktionen. Das mag mancher
der hier Anwesenden etwas anders sehen und dieser Diskussion will ich
mich gerne und ohne falschen Dogmatismus stellen. Sicher gibt es auch
hier mögliche Ausnahmen, die die Regel am Ende allerdings nur
bestätigen. Denn es ist zu bedenken: Gerade wenn die Studenten
ihre ersten längeren Filme machen, sollten sie nicht schon nach
dem großen Geld schielen. Meistens sind sie diesem Angebot noch
gar nicht gewachsen, übernehmen sich oder verkrampfen innerlich,
und bleiben im Ergebnis oft ängstlich hinter den Erwartungen,
auch ihren eigenen, zurück. Gleichwohl hat die Erfahrung
gezeigt, dass erstaunlich viele dieser reinen Akademieproduktionen
später über Lizenzverkäufe ihren Weg ins Fernsehen
finden. Das finde ich wunderbar und es spricht für das hohe
kreative Eigenpotenzial unserer Filmstudenten.
Im Diplomjahr sind Ko- und Drittmittelproduktionen ausgesprochen
gewünscht und zu suchen. Jetzt sollten die Studenten bereit
sein, ihre Schutzzone zu verlassen. Ein erzählerisch und
filmisch erstklassig gemachter Diplomfilm, wie Katze im
Sack von Florian Schwarz, der mit dem Hessischen Rundfunk
koproduziert wurde, zeigt, dass Diplomanden, auch mit einer
abendfüllenden Länge dazu durchaus in der Lage sind.
Doch auch hier lehrt die Praxis, dass individuelle Prozesse einer
Persönlichkeitsfindung zeitlich nicht generell zu bemessen sind.
Sind die einen Diplomanden geradezu prädestiniert, jetzt mit
kommerziellem Auftrag und größerem Budget zu hantieren,
käme genau das für einen anderen immer noch zu früh,
wäre es vielleicht besser, allein mit dem kleinen
Filmakademiebudget den Abschlussfilm zu wagen. Teresa Renn hatte erst
unlängst mit der zweiten Variante ausgesprochenen Erfolg. Ihr
ausschließlich mit Filmakademiegeld produzierter Film
Janine F. wurde an den SWR verkauft, gewann den
FIRST-STEPS-Preis und lief, wie Katze im Sack, auf dem
diesjährigen Berliner Filmfestival. Unsere Filmakademie muss
auch in Zukunft beide Varianten im Programm behalten. Filmlehre ist
ein schwieriger Spagat zwischen Utopie und Realität und in
seinen zeitintensiven Konflikten und Schaffensprozessen für
Außenstehende oft nur sehr schwer nachzuvollziehen. Denn unsere
Branche ist voller Widersprüche, ein Paradoxon, das sich in der
Ausbildung selbst-verständlich wieder finden muss:
So fördern wir Egomanie, eine gewisse Egozentrik des Einzelnen,
ohne die nun mal keine erfolgreichen Filme entstehen können,
sagen aber gleichzeitig, Film funktioniert nur, wenn ihr
teamfähig seid. Oder wir verkünden beispielsweise ein
dramaturgisches Regelwerk, dem wir im gleichen Atemzug
hinzufügen: Interessante, überraschende Filme jedoch
entstehen womöglich dort, wo ihr, liebe Studenten, diese so
genannten Regeln wieder brecht, mit Konsequenz falsch
macht, was wir Euch gestern noch als richtig erklärt
haben. Dafür gibt es wunderbare Beispiele. Film funktioniert
eben nicht wie Mathematik, wo 1 plus 1 immer 2 sein muss.
Oder wie verhält es sich eigentlich mit der Tatsache, dass Film-
und Fernsehschaffende in ihrer Arbeit oft das Leid anderer Menschen
beobachten oder darüber schreiben, um gerade damit auch noch
sehr erfolgreich zu sein. Niemand hat diese existenzielle Frage
eindringlicher und genauer an uns gestellt, als die vor kurzem
verstorbene amerikanische Kulturkritikerin Susan Sontag in ihren
Essays über Fotografie.
Erfolg zu haben, als Fotograf oder Kameramann in einem realen
Krieg, bohrt sie in uns hinein und ich ergänze: oder als
Drehbuchautor oder Regisseur in einem fiktionalen Familiendrama,
in dem man am Leid anderer Menschen teilhat. Wenigstens so
lange, fügt Susan Sontag in Klammern gesetzt ganz
entscheidend hinzu, wenigstens so lange, bis eine gute Aufnahme
entstanden ist. Für mich heißt das weiter: bis ein
guter Schnitt, ein guter Dialog, eine gute Geschichte, ein guter
Spiel- oder Dokumentarfilm entstanden ist.
Mit all diesen Widersprüchlichkeiten unseres Berufes umzugehen,
diese auszuhalten, dafür bedarf es einer Haltung derjenigen, die
diesen Beruf ausüben. Haltung ist für mich das
Schlüsselwort, die Grundanforderung an uns alle. Eine für
den Zuschauer erkennbare Haltung (Verantwortung, Moral, Ethik) des
Dokumentarfilmers seinen realen Protagonisten gegenüber ist
dabei genauso unerlässlich, wie die des Regisseurs oder
Drehbuchautoren seinen fiktionalen Figuren gegenüber.
Solch eine Haltung ist auch entscheidend für Kamera- und
Tonleute, Cutter, Filmmusiker und Szenenbildner, denn jede
Brennweite, jede Kamerabewegung, jeder Ton, jede Tonlage, jeder
Schnitt, jede Note, die Farbe einer Tapete im Vorder- oder
Hintergrund einer Szene, oder all das zusammen, erzeugt mit den
Möglichkeiten digitaler Bildgestaltung, ist immer auch eine
inhaltliche Entscheidung, ein inhaltlicher Kommentar zu dem, was in
einem Film gerade gezeigt wird, auf die Menschen, die in einem Film
als Schauspieler oder als reale Personen agieren.
Haltung, und diese filmisch kommunizieren zu können, ist das,
was wir auszubilden haben. Denn frei nach Wim Wenders geht es bei
unserer Arbeit immer um zwei Dinge: eine Innere, persönliche
Einstellung, durch eine Äußere, fotografische Einstellung,
zum Ausdruck zu bringen.
Denn was Filmschaffende wie zeigen, die Art und Weise, wie gekonnt
sie in der Lage sind, filmisch zu artikulieren, was sie denken und
fühlen, erzählt uns Zuschauern etwas über uns,
über sie selbst und ihre Verantwortung gegenüber der
Realität, gegenüber einer erfundenen, einer fiktionalen,
oder gegenüber einer vorgefundenen, einer non-fiktionalen.
Weiterhin erzählen Film- und Fernsehschaffende weiterhin etwas
über ihre Verantwortung gegenüber den Medien,
gegenüber ihren Zuschauern, gegenüber der Gesellschaft,
deren Teil sie selber sind. Dies mental zu wollen und handwerklich
herstellen zu können, finde ich das eigentliche MUSS für
jedes Schaffensprodukt dieser Branche.
Darin darf es meiner Auffassung nach nichts Zufälliges, nichts
Beliebiges geben. Hier geht es allein um das dramaturgisch motivierte
Wechselspiel eines Inhalts mit seiner äußeren Form, und
ich als Zuschauer will spätestens am Ende eines Films verstehen
oder, noch besser und spannender, erahnen und fühlen
können, warum etwas wie geschehen ist und wer dafür
verantwortlich war.
Und weil dies der qualitative Maßstab für all das sein
muss, was wir hier tun, muss nach meinem Verständnis an einer
Filmakademie auch nicht alles gelehrt oder produziert werden, nur
weil es irgendwo da draußen im Markt erfolgreich ist oder Quote
bringt. Der Zusammenhang zwischen Erfolg und Qualität oder Quote
und Qualität ist, meiner Beobachtung nach, nicht
zwangsläufig, dann müssten wir ja unterrichten, wie
Pornofilme möglichst schnell und möglichst billig
hergestellt werden, oder Big Brother produzieren.
Es gibt Dinge, die ich persönlich im Kino und im Fernsehen
einfach nicht sehen mag: zu ihnen gehört Zynismus, weil der
meiner Meinung nach nur dort stattfindet, wo Menschen an nichts mehr
glauben. So ein Ort ist bisweilen das Fernsehen, so ein Ort darf eine
Filmschule nie sein.
Und ich will keine Geschichten sehen, die zur puren
Verblödung des Publikums beitragen, die nur eindimensional,
voyeuristisch, lieblos und billig rechnend daherkommen und obendrein
nicht bereit sind, die Zuschauer verachtende Profitgier ihrer Macher
im Produkt selbst kenntlich zu machen. Das ist feige. Darum kann es
in der Ausbildung einer Film-hochschule nicht gehen. In allem
muss es einen Mindestanspruch geben, handwerklich und inhaltlich;
einen Mehrwert, im Thema und der bewusst gestalteten, subjektiven
Perspektive darauf; eine menschlich spürbare Verantwortung, die
dem Anspruch dieser Filmakademie gerecht wird.
Im Übrigen: Was erwartet denn der Markt von Absolventen einer
Filmhochschule? Eines mit Sicherheit nicht, nämlich dass sie in
der Lage sind, die Dinge genauso zu machen, wie sie in den
Sendeanstalten von Haus aus schon gemacht werden. Dann sagen
Redakteure oder andere Auftraggeber zu Recht: Wie? Ist das
alles? Das können wir schon lange und machen es dazu noch
schneller. Also machen wir es selbst. Auf Wiedersehen.
Der Markt erwartet von einem Filmstudenten nicht, dass er eins zu
eins reproduzieren kann, was gängig ist. Er erwartet mehr: eine
neue Idee, eine unverbrauchte Ästhetik, Mut, Risiko, ein Patent,
eine unerwartete Qualität, die über das Alltägliche
hinausweist. Der Markt will, gibt er Absolventen eine Chance, in
seine Zukunft investieren, nicht in das Einerlei der
Gegenwart.
Was ist das Ausbildungsziel?
Mein Ziel ist es, wie mein Freund Reinhard Hauff es einmal
ausgedrückt hat, systemresistente Persönlichkeiten
auszubilden. Im besten Sinne wären das Menschen, die nach der
Akademie ihre Utopien, ihre Träume nicht verlieren, die weiter
fest an sie glauben, und sich gleichzeitig und mit ihnen (den
Träumen und Idealen) an den praktischen Realitäten des
Marktes reiben wollen. Persönlichkeiten also, die die
charakterliche Substanz besitzen, die ihnen gebotenen
Möglichkeiten mit ihrer eigenen Kreativität
auszufüllen, sich auch darin mit etwas Eigenständigem
kenntlich zu machen, um nicht nur Handlanger von Fremdinteressen zu
werden.
Denn jeder Absolvent muss sich während seiner Ausbildung fragen:
Will ich als Filmemacher, aber auch als Cutter, Kameramann,
Drehbuchautor und Produzent langfristig überleben? Wenn ja, wie
geht das? Meiner festen Überzeugung nach ist der Schlüssel
dazu eine filmische Identität, ein filmgenetischer
Fingerabdruck. Ohne einen solchen wird er es sehr schwer haben. Das
ist das, was ich in den letzten 20 Jahren gelernt habe.
Kontinuierlich arbeiten, fünf, sechs Filme oder Formate machen
zu können, um sich eine Handschrift zu erarbeiten, die
nachhaltig Aufmerksamkeit schafft, damit der Sprung gelingt vom
Jungfilmer zum etablierten Film- und Fernseharbeiter, das ist in
einem rein thematisch ausgerichteten Markt, wie wir ihn heute haben,
schwer geworden, und ohne Fernsehen nahezu unmöglich.
Deswegen und jetzt erst recht: Wie kommt man zu seinem
filmgenetischen Fingerabdruck? Weitere Eigenschaften sind
gefragt:
Flexibilität des Geistes, Mobilität des Körpers und
ein damit verbundener Eroberungswille (Redakteure und Formate wollen
erobert werden, und zwar, auch über größere
Entfernungen hinweg im persönlichen Kontakt);
Entscheidungsfreude, eine gewisse Spielermentalität und
Risikofreude; die Kunst des Überredens, eine Geschichte 500 mal
so erzählen, als wäre es das erste Mal, und das mit Lust.
Man darf sich nicht zu schade sein, den Beruf des Vertreters
auszuüben; Beharrlichkeit, Geduld, die hohe Kunst des Wartens;
hohe Leidensfähigkeit mit einer Prise Masochismus, die Lust an
der Katastrophe, denn Film und Fernsehen ist die permanent drohende
oder gelebte Katastrophe (das muss man wollen!); perfektes Handwerk,
hohes Wissen, film- und fernsehhistorisches Bewusstsein;
Ökonomisierung statt Selbstausbeutung, denn jeder Film muss in
seinem Entstehungsprozess mindestens an einer Schnittstelle von
Was will ich und wie viel Geld habe ich dafür? neu
erfunden werden; zuletzt: die Liebe zu den Menschen. Ich habe
gelernt, sie alle zu lieben, alle die ich brauche, um meinen Beruf
ausüben zu können: Redakteure, Produzenten,
Finanzcontroller, meinen Banker, die Protagonisten, ja ich liebe
mittlerweile sogar meine Sachbearbeiterin auf dem Finanzamt.
Seriös ausgedrückt sind gefordert: Konzentration auf den
Punkt, hohe handwerkliche Professionalität, Eloquenz,
Zuverlässigkeit, Disziplin, unerschöpfliche Energie, der
Glaube an sich selbst, und nicht zuletzt ein gehöriger Schuss
Wahnsinn. Man muss also viel können, und darüber hinaus
noch verstehen, dass nicht die perfekt beherrschte Einzeldisziplin
der Schlüssel zum Überleben, zum Erfolg ist, sondern die
ganz persönliche Mischung aus allem. Der eigene Mix ist das
Patent, die Kunst.
Verbunden sein muss dieses Patent mit einer selbstkritischen
Eigenanalyse, zu der Grenzüberschreitungen genauso gehören,
wie die ehrliche Beantwortung der Frage, warum man sich das
überhaupt alles antut. Den Studenten dabei zu helfen, den
eigenen MIX zu finden, und filmisch zum Ausdruck zu bringen, das
verstehe ich als Lehraufgabe einer Akademie. Und den besten Ansatz,
zwischen Selbst- und Fremdbestimmung zu vermitteln.
Und weiter: Studenten sollten sich schon in ihrer Akademiezeit
zusammentun, kleine Gruppen bilden, effektive Units aus Produktion,
Drehbuch, Regie, Kamera und Schnitt. Energien bündeln, eine
Marke kreieren, um damit nach der Akademie als Einzelkämpfer
nicht gleich vom Medienmarkt gefressen zu werden. Stefan Krohmer und
Daniel Nocke, um so ein Team zu nennen, haben das mit großem
Erfolg vorgemacht.
Dies alles zu vermitteln muss der Anspruch unserer Filmakademie sein,
auch, um ihren Spitzenplatz im Konzert der großen Filmschulen
behaupten und festigen zu können. Und nur dann haben auch das
Land Baden-Württemberg und der Film- und Medienstandort
Stuttgart und Ludwigsburg etwas von ihr, erhalten sie das, was sie
von ihr erwarten, nämlich Strahlkraft und maximale Produkte.
Deshalb wünsche ich mir von den Studenten:
Einsatz, Ehrgeiz und den Willen zu lernen. Und das freiwillig,
eigenständig und selbstmotiviert. Eigentlich müsstet ihr
schon früh morgens um acht darum betteln hier rein zu
dürfen, und nicht vor Mitternacht wieder raus wollen. Wer kurz,
nachdem er hier aufgenommen wurde, nicht begriffen hat, dass diese
Schule und die hier angebotene Ausbildung ein einziger Luxus ist, und
wer nicht verinnerlicht, dass Eigenmotivation der Schlüssel zu
all den Berufen ist, die wir hier ausbilden, dem ist auch mit
angedrohter Anwesenheitspflicht, mit Zwang nicht zu helfen, denn der
wird es später im Berufsleben sowieso nicht dorthin schaffen, wo
er hin will.
Ich wünsche mir von den Dozenten,
den Trends des Marktes mit kritischer Distanz, gleichzeitig aber mit
großer Offenheit und Neugierde zu begegnen. Dass sie auch in
der Betreuung der Studenten und ihrer Projekte die zur Verfügung
stehende, oft knapp bemessene Zeit, dazu nutzen, offen zu bleiben
für das Individuelle, auch für das Umständliche,
Langsame und Sprunghafte, das Filmstudenten nun mal innewohnt. Vor
allem aber muss die Lehre in ihrer notwendigen Kritik den Studenten
und ihrer Arbeit gegenüber klar und genau sein, muss sie im
Inhalt und im Tonfall immer konstruktiv bleiben, motivieren und eine
Perspektive in die Zukunft weisen. Dafür gibt es keinen
Automatismus und ich nenne das einen individualistischen Ansatz der
Lehre im Reibungsfeld notwendiger Betriebsstrukturen der Filmakademie
und des Marktes. Einfacher ausgedrückt: Positives Denken ist
angesagt, nur davon haben Studenten wirklich etwas.
Ich wünsche mir von unserer Filmschule,
dass sie offen bleibt für die Vielfalt der aufgenommenen
Talente, für die, die großes Kino machen wollen genauso
wie für die, die bestes Fernsehen machen wollen; dass sie
weiterhin ein Herz hat für die, die kommerziell erfolgreich sein
wollen und für die, die mit kleinem Budget in den Reservaten der
Nischenplätze unabhängige und sehr persönliche Filme
verwirklichen wollen; dass sie Raum bietet für Film, für
Serie, für Formate, für Werbung und Image, für alle
interessanten Genres und ihre möglichen Mischungen.
Ich wünsche mir von uns allen hier:
einen verantwortungsvollen, disziplinierten, aber auch flexiblen
Umgang mit den sicher notwendigen Regularien und
Produktionsstrukturen. Film braucht Zeit und Geduld, und
Filmausbildung braucht noch mehr Zeit und Geduld. Und es braucht
manchmal etwas Mut und Risikobereitschaft zu Neuem, das meistens dann
auftaucht, wenn man glaubt, es am wenigsten gebrauchen zu
können. Doch wir können den Studenten hier nicht allen
Ernstes erzählen, wie großartig Filme von Orson Wells und
Stanley Kubrik, Heinrich Breloer und Edgar Reitz sind, und uns
gleichzeitig in zu großer Bürokratie verirren, in der es
nur noch darum geht, unternehmerisches Risiko unter allen
Umständen zu vermeiden. Etwas Risiko gehört schon dazu in
diesem hart umkämpften Geschäft mit der Kreativität,
es muss eben in kluger Weise minimiert werden und darf
selbstverständlich nicht in bloße Unvernunft ausufern.
All das verlangt von allen Beteiligten viel, sehr viel Energie,
positive Energie. Ich will gerne meinen Anteil dazu leisten, in dem
ich nicht ermüden werde, immer wieder all die Leute an einen
Tisch zu bringen, die Willens sind, diese positive Energie
mitzubringen. Denn Kreativität, und darum geht es doch hier,
entsteht nach meinem Verständnis nur dort, wo Menschen
zusammenkommen, um miteinander zu kommunizieren, sich im besten Sinne
zu streiten, sich auseinander zu setzen, damit etwas Produktives, ein
Produkt entstehen kann.
Deshalb habe ich die Vision, dass diese Filmakademie dauerhaft und
standhaft eine Begegnungsstätte für Menschen wird, die
gemeinsam etwas wollen, die gewillt sind, aus vorhandenen Talenten
und Möglichkeiten, aber auch Rastern, Vorgaben und Zwängen
etwas zu machen, etwas Gutes, das Beste zu machen. Nur das ist
kreativ.
Dafür braucht es weiterhin starke Partner, die Fernsehsender,
die Filmförderer, die Produzenten, die Politiker, die
Förderer und Sponsoren aus der Wirtschaft, den Aufsichtsrat und
den Fachbeirat. Wir alle müssen Ideen, Geduld, Zeit, Energie
einbringen, einige natürlich auch Geld investieren. Und wir
müssen bereit sein, eigene Egoismen hinter die gemeinsame Sache,
zum Beispiel eine greifbar nahe, für viele so
wünschenswerte, Theaterakademie, zurückzustellen. Wenn das
gelingt, ist mir nicht bange um den Nachwuchs, nicht bange um die
Zukunft des deutschen Films und Fernsehens und schon gar nicht bange
um die Zukunft unserer wunderbaren Schule.
So, und weil jetzt so viel von Energie die Rede war, möchte ich
Ihnen, schließlich sind wir hier an einer Filmakademie, einen
kleinen Überraschungsfilm zeigen:
Gedreht hat ihn, der bereits von mir zitierte, große Fotograf
Robert Frank im Jahr 1991. Der ästhetische Wegbereiter von
Regisseuren wie Jim Jarmush oder Wim Wenders zeigt in diesem knapp
halbstündigen Film den Überlebenskampf eines Blitzemachers
mitten in der Wüste von Arizona. Energy and how to get
it, ist kein Meilenstein der Filmgeschichte, es ist ein kleiner
wilder Film, ein etwas ruppiges Kleinod. Halb Dokumentarfilm, halb
Spielfilm, ach, wer weiß das schon am Ende. Ent
scheidend ist, wie so oft, nicht das verwendete Genre, entscheidend
ist die Wahrhaftigkeit des Ausdrucks, die Haltung, sowohl derjenigen,
die hinter der Kamera, als auch derjenigen, die vor der Kamera
agieren.
Franks Film ist für mich ein Zusammenspiel genau der Energie, an
die ich so sehr glauben mag. Meine Fotografien sind nicht im
Voraus geplant, hat Robert Frank einmal gesagt, und ich
gehe auch nicht davon aus, dass der Betrachter meine Auffassung
teilt. Immerhin bin ich aber der Meinung, dass ich etwas vollbracht
habe, wenn mein Foto ein Bild in seiner Seele
zurücklässt.
http://www.filmakademie.de/aktuelles/schadt/