- Ansätze zur Phänomenologie des mechanischen
Bildes
- Von Jan M. L. Peters
- Hamburger Filmgespräche III, Hamburger
Gesellschaft für Filmkunde eV 1967
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- I
- Die Photo-, Film- und
Fernsehkameras produzieren Bilder, die im fast buchstäblich
Sinne des Wortes ein Abglanz der Welt vor der Kamera sind. Das
Licht, das die aufgenommenen Objekte abgeben, wird von der Kamera
aufgefangen und fixiert für spätere Aufführungen
oder unmittelbar auf dem Papier oder auf der Leinwand sichtbar
gemacht, so daß diese Objekte sich im (Licht)-Schein
verdoppeln oder wiederholen. Es ist die Kamera, das heißt:
ein mechanischer Apparat, der diese Bilder herstellt, nicht der
Mensch, der die Kamera bedient oder steuert. Mehr noch: es ist die
Wirklichkeit selbst, die sich in oder mittels der Kamera
abzeichnet. Daß es einen Menschen gibt, der die Kamera in
Tätigkeit setzt, einen Standpunkt gegenüber den
aufzunehmenden Objekten einnimmt, die Kamera auf die von ihm
gewünschte Weise bewegt und versetzt, das aufgenommene
Material noch bearbeiten lässt, und so weiter - das alles
ändert nichts daran, daß die tatsächliche
Aufzeichnung des Bildes ein mechanisches Verfahren ist. In dieser
Hinsicht unterscheiden sich das Photo, das Filmbild und das
Fernsehbild wesentlich von allen anderen Bildern, namentlich von
den Erzeugnissen der bildenden Kunst. Die Zeichnung, das
Gemälde oder das Bildhauerwerk wird vom Menschen gemacht und
nicht von dessen Instrumenten. Und was ihr Schöpfer tut, kann
man nicht vergleichen mit der Herstellung eines Abdrucks der
Wirklichkeit, sondern kann man besser umschreiben als eine
Übersetzung von Licht in die Materie, welche dem bildenden
Künstler zur Verfügung steht: Farbe, Tinte, Marmor.
Damit ist nicht gesagt, dan der Photograph, der Filmer oder der
Fernsehregisseur keine Kunstwerke produzieren kann. Aber bevor
seine Bilder eventuell Kunstwerke werden, sind sie ein
mechanischer Abglanz. Das ist ihr gemeinsames Wesen: daß sie
bestehen aus einem Schein, der von einem Apparat aufgefangen
wird.
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- II
- Schauen wir uns nun mal ein
mechanisches Bild an, zum Beispiel eine Großaufnahme des
Gesichtes eines Filmstars auf der Leinwand eines Kinos. Sehen wir
nun wirklich ihr Gesicht? Eine rechtwinkelige Fläche von 24m2
gleicht nicht im entferntesten einem menschlichen Gesicht. Und
dennoch sagen wir, daß Filmbilder ein naturgetreues Abbild
der Wirklichkeit geben. Die riesenhaften Schatten auf der Leinwand
haben jedoch nichts gemein mit dem wirklichen Gesicht, das der
Kameramann vor dem Objektiv hatte. Eher können wir sagen, dan
die Fläche von 24 m2 wie eine Art Fenster fungiert und
daß das Gesicht hinter diesem Fenster sichtbar ist: Das
Lichtbild gleicht dem Gesicht nicht, weil das Gesicht sich in
diesem Bild befindet (sozusagen nur ein "Teil" des Bildes ist).
Sehen können wir das Gesicht jedoch immer noch nicht - aus
dem einfachen Grunde, weil es nicht vor unseren Augen vorhanden
ist; wahmehmbar für die Augen ist nur die mit Schatten
bedeckte Leinwand, ein Ding also. Das Gesicht des Filmstars ist
nur für unsere Einbildung oder Phantasie da, das heißt:
als Vorstellung. In den Schatten auf der Leinwand stellen wir uns
das Gesicht vor. Es ist uns nur auf diese Weise des Bildes
gegeben, - sagen wir also: auf imaginäre Weise. Objekt
unseres Sehens (unserer visuellen Wahrnehmung) ist nur das Ding
"Leinwand mit Schatten"; das Gesicht ist dagegen Objekt unseres
Vorstellens. Das Filmbild (und jedes sonstige mechanische Bild)
hat also einen wahrnehmbaren Aspekt oder eine wahrnehmbare
"Schicht" - und einen vorstellbaren Aspekt oder eine
Vorstellungsschicht. Und es gibt noch eine dritte Schicht: den
Blick der Kamera (die Art und Weise, wie die Kamera ein Objekt
aufnimmt). Dieser Kamerablick ist mit dem vorgestellten Gesicht
nicht identisch, denn der Kamerablick kann sich ändern,
während das Gesicht dasselbe bleibt (statt einer
Großaufnahme kann man eine Totale des Film- stars machen).
Er ist auch nicht identisch mit den Schatten auf der Leinwand,
denn die Dimensionen der Leinwand können sich ändern,
während das Blickfeld der Kamera dasselbe bleibt. Die
Fläche der Leinwand ist nur die Projektionsfläche der
Kameraperspektive. Der Kamerablick ist uns, den Zuschauern,
hauptsächlich gegeben als diese Perspektive, das heißt
als eine Durchsicht durch das Fenster, hinter dem sich das Gesicht
befindet. Man kann, wenn man sich ein Filmbild anschaut, die
Illusion haben, daß man mit eigenen Augen durch ein
völlig durchsichtiges Fenster nach dem sich dahinter
befindenden Gesicht schaut. Tatsächlich jedoch schauen wir
von einem Standpunkt, der in der Bildperspektive enthalten ist,
also von einem imaginären Standpunkt, der dem
Kamerastandpunkt gleichkommt. Das Bild enthält in seiner
Perspektive die Sicht des Kameramannes oder Regisseurs. Sofern wir
diese Sicht nicht übersehen, denken wir sie mit in der
Vorstellung des abgebildeten Gesichtes. Fassen wir zusammen, was
wir bisher festgestellt haben. Die drei von mir unter- schiedenen
Aspekte oder Schichten des Bildes korrespondieren mit den drei
verschiedenen Intentionen des Zuschauers. Anders gesagt: Sie
bilden die drei verschiedenen Weisen, auf die man ein Bild
auffassen kann:
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- - als ein Ding (als ein
materiell Gegebenes, das sich in unserem eigenen Verhaltens- feld
befindet und das wir dadurch wahrnehmen können);
- - als eine Vorstellung (als das
Objekt eines Vorstellungsaktes)
- - als eine Sicht auf das
Objekt, das vor der Kamera gestanden hat (welche Sicht man
mitdenken kann beim Vorstellen des abgebildeten
Objektes).
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- Das Bild als Ding, als
Vorstellung und als Sicht bildet das Korrelat unseres
wahnehmenden, beziehungsweise vorstellenden oder denkenden
Beschäftigtseins mit dem Bild.
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- III
- Mit dem mechanischen Bild als
Ding brauchen wir uns jetzt nur ganz kurz zu beschäftigen.
Das Besondere des mechanischen Bildes in dieser Hinsicht ist,
daß es - und das gilt speziell für das projizierte
Bild: das Lichtbild - kaum eine Substanz hat. Es besteht ja nur
aus Licht- (und gegebenenfalls aus Klang-)schwingungen. Es ist
überdies oft an verschiedenen Orten gleichzeitig anwesend und
nimmt da nicht immer denselben Raum in Anspruch. Das gleiche Bild
kann eine Größe haben von 6 mal 9 Zentimetern oder von
6 mal 9 Metern - und man kann nicht behaupten, dan das eine Format
das originale Bild enthalte und das andere eine Kopie. Und das
Fernsehprogramm, das ich mir in meinem Wohnzimmer ansehe, ist
nicht weniger original als das gleiche Programm im Hause meines
Nachbarn. Tatsächlich beschäftigt der Zuschauer sich
gewöhnlich nur dann mit dem Dingcharakter des mechanischen
Bildes, wenn etwas daran fehlt: wenn die Wiedergabe eines Photos
unscharf ist oder wenn der Filmstreifen während der
Vorführung reißt. Normalerweise schaut er durch das
Bild als Ding hindurch. In den Licht- und Klangschwingungen
faßt er quasi unmittelbar das Abgebildete.
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- IV
- Wir stellen uns also, durch das
Bild als Ding hindurchschauend, in den Licht- und
Klangschwingungen das Abgebildete vor. In dem Bild ist das
Abgebildete ein Vorgestelltes. Im Prinzip tun wir das Gleiche mit
den bekannten Tintenklecks-Tafeln des Rorschach- Tests: Wir sehen,
wenn wir uns die Tintenkleckse anschauen, keine
Ballettänzerinnen und keine Fledermäuse, sondern stellen
uns diese Personen oder Tiere in den Tintenklecksen vor. Der
Unterschied ist nur der, daß wir beim Betrachten eines
Photos oder eines Film- oder Fernsehbildes, im Gegensatz zu den
Tafeln des Rorschach-Tests, nicht unsere eigenen, ganz
persönlichen Vorstellungen in die Bilder hineinprojizieren
können. Wir können uns in den Licht- und
Klangschwingungen des mechanischen Bildes nichts anderes
vorstellen als das, was vor der Kamera gestanden hat. Anstatt uns
aus den Sinneseindrücken selbst eine Vorstellung zu formen,
erscheint die Vorstellung uns im mechanischen Bild fix und fertig.
Wenn wir zum Beispiel in Wirklichkeit eine Landschaft wahrnehmen,
ist es unser Blick, der die Wirklichkeit enthüllt. Es ist der
Akt unseres Sehens, der die Bedeutung der Landschaft für uns
begreift, so wie das Wort diese Bedeutung benennt. Indem wir uns
die Landschaft anschauen, bekommen wir einen Griff auf die
Landschaft. Indem wir dem Gesehenen einen Namen geben, wird dieser
Griff fixiert und hantierbar gemacht. Im mechaniscben Bild jedoch
geht die Welt sozusagen unserem Blick voran. Die Welt ist schon
da, unabhängig von unserem Sehen. Wir bauen mit unseren
Blicken die Landschaft nicht auf, wie wir mit dem Aussprechen oder
Lesen der Wörter die Wort gewordene Welt auffassen, sondern
die Landschaft spricht sich im mechanischen Bild selbst aus. Zeit
und Raum objektivieren sich, sie existieren unabhängig von
unserem Sehen. Anstatt mit unserem Blick einen Griff auf die Welt
zu haben, hat die Welt uns in ihrem Griff. Wir selbst
"komponieren" die Welt nicht mehr, damit sie begreiflich wird,
sondern der Kamerablick komponiert sie für uns. Beim
mechanischen Bild "bilden" wir uns nichts "ein", sondern es bildet
uns etwas vor! Deshalb fasziniert das mechanische Bild uns: Unser
Sehen ist nicht länger ein eigenes Urteil über die Welt;
die Welt erklärt sich selbst und macht uns träge,
passiv. Diese Passivität - die einzige Art der
Passivität, die von Maletzke in seinem bekannten Aufsatz
"Passivität durch Fernsehen" nicht genannt wird! - Kann aber
auch bedeuten, daß das mechanische Bild uns passioniert. Das
heißt: daß das im Bilde vorgestellte Objekt sehr
leicht unsere Gefühle erregt. Nehmen wir zum Beispiel die
Photographie einer geliebten Person. Weshalb vermag das Photo uns
zu rühren? Nicht, weil es ein so nettes Stück Papier
ist. Gewiß aber, weil wir uns die Person im Photo als
rührend vorstellen. Auch weil die Person im Photo uns
fasziniert, uns passiv macht in dem Sinne, daß wir beim
Vorstellen der abgebildeten Person keine aktive Rolle zu spielen
haben, so dann uns eigentlich gar nichts anderes übrig
bleibt, als uns von der Person im Bilde rühren zu lassen. Am
deutlichsten stellt sich das heraus beim Pin-up-Bild. Das
schöne Mädel auf einem solchen Bild ist zwar nicht in
natura für uns gegenwärtig, es drängt sich aber in
effigie so stark unserem Blick auf, daß unsere erotischen
Gefühle - wenn sie schon auf der Suche sind nach einem
konkreten Objekt, auf das sie sich richten können - vom Pin
up-girl erregt werden. Das nicht-mechanische Bild, eine Zeichnung
zum Beispiel oder ein gemaltes Bild, wirkt in einer ganz anderen
Weise. Es fasziniert nicht in dem hier gemeinten Sinne und zieht
deshalb unsere Gefühle auch nicht unwiderstehlich an.
für pornographische Zwecke taugt das nicht-mechanische Bild
viel weniger als das mechanische, wie ja wohl die Praxis deutlich
beweist.
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- Weil es uns fasziniert und
passioniert, kann das mechanische Bild - im Photomagazin, im
Spielfilm, im Fernsehprogramm - grundsätzlich seine
Unterhaltungsfunktion erfüllen. Oder vielleicht kann man
besser sagen, daß die Produkte des mechanischen Bildes
weitaus die Mehrzahl bilden unter den Produkten der
Unterhaltungsindustrie. Dies läßt sich
grundsätzlich aus dem hier entwickelten Begriff der
Faszination und Passionierung erklären. Unterhaltung oder
"Amusement" bedeutet hier, daß die mechanischen Bild-
produkte imstande sind, einen emotionalen Kreislauf beim Zuschauer
hervorzurufen. Unsere Gefühle - sagen wir noch einmal: unsere
erotischen Gefühle - suchen ein konkretes Objekt, damit sie
sich konkretisieren können. Wir stellen uns nun das
Pin-up-girl im Bilde als aufreizend vor - und lassen uns sodann
durch das Vorgestellte aufreizen. Dieser emotionale Kreislauf
bildet nun gerade das Unterhaltende: Das Vergnügen der Unter-
haltung durch das mechanische Bild besteht geradezu im
"emotionalen Kreislauf". Das gilt sogar für die an sich
unangenehmen Gefühle wie Angst, Mitleid, Spannung, Kummer,
Zorn. Wenn diese Gefühle beim Sehen eines Spielfilms bei uns
ausgelöst wer- den, haben sie ja keine echten Objekte, es
sind nur imaginäre Objekte, Personen, Ereignisse,
Situationen. Weil es keine realen Sachen und Menschen gibt,
deretwegen wir uns ängstigen, sind auch unsere Gefühle
rein imaginär. Wir weinen bei einer tragischen Szene nur
Krokodilstränen. Wir bilden uns nur ein, daß wir Angst
haben, aber diese Einbildung kann sehr autosuggestiv wirken. Wir
"spielen" unsere eigene Angst so suggestiv, daß wir selbst
daran glauben.
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- V
- Das Bild als Ding, das Bild als
Vorstellung - und jetzt das Bild als Sicht: der Kamerablick.
Vielfach ist der Kamerablick kaum mehr als ein optisches
Instrument. Das ist die erste Funktion des Kamerablickes: Mittels
des Kamerablickes können wir ein Objekt sehen, das sich nicht
in natura in unserem eigenen realen Raum (in unserem
Verhaltensfeld) befindet. Das Blickfeld der Kamera eröffnet
uns ein Fenster auf die Welt, und dieses Fenster ist ganz und gar
durchsichtig: Es fällt selbst gar nicht auf. Es hat auch
nichts zu bedeuten, es gibt uns nicht im geistigen Sinne die
subjektive Sicht des Photographen oder Regisseurs, obwohl es das
im optischen Sinne dennoch tut. Obwohl auch im optischen Sinne
eine Art Übersetzung stattfindet der Licht- und
Toneindrücke, die das Objekt vor der Kamera abgibt an das
Material, aus dem das mechanische Bild besteht. Aber dieses
Material besteht auch wiederum aus Licht- und Toneindrücken,
mag ihre "Definition" im Sinne der Informationstheorie auch
geringer sein als die des Originals. Die Übersetzung in ein
anderes Material spielt deshalb kaum eine Rolle. Während aus
der Übersetzung des Originals in das Material des Bildes in
der bildenden Kunst immer eine gewisse Deformation des
vorgestellten Objektes resultiert, läßt der Kamerablick
das abgebildete Objekt unverletzt. Die Kamera ist nämlich
kein Subjekt, sondern sie hat ein Objektiv. Das ist die Ursache
der Faktizität des mechanischen Bildes. Ich meine damit,
daß dasjenige, was in einem Photo oder in einem Film- oder
Fernsehbild abgebildet ist, vom Zuschauer erfahren wird als
faktisch, als etwas, das wirklich vor der Kamera gestanden hat,
als die Aufnahme gemacht wurde. Faktizität bedeutet hier: der
Zuschauer erkennt, dan das Vorgestellte prinzipiell in natura
wahrnehmbar ist oder war. Pawek hat darauf hingewiesen, daß
ein Photo Beweiskraft hat. Beim Pferderennen kann ein Photo oder
eine Filmaufnahme beweisen, wer gewonnen hat; eine Zeichnung
natürlich nicht. Faktizität bedeutet also: Das Objekt im
mechanischen Bild ist "fast" wahmehmbar; es ist quasi-wahrnehmbar
(obwohl es nur auf imaginäre Weise gegeben ist). Deshalb
fällt es uns auch schwer zuzugeben, daß wir das Objekt
im mechanischen Bild nicht sehen können. Denn in manchem Bild
schaut die abgebildete Person uns an! Obwohl sie sich nicht in
unserem Verhaltensfeld, in unserem realen Raum befindet, obwohl
sie nur imaginär da ist und sich also auch in einem
imaginären Raum befindet, schaut sie uns regelrecht ins
Gesicht. Wie kann sie uns nun ins Gesicht schauen, wenn wir sie
nicht sehen, wenn sie sich nicht in unserem Wahrnehmungsraum
befindet? Wir wissen natürlich, daß der photographierte
Mensch tatsächlich nur der Aufnahme- Kamera ins "Gesicht"
geschaut hat, und wir müssen daraus schließen,
daß wir ihn aus der Perspektive der Kamera sehen, also von
einem imaginären Standpunkt. Jede einzelne Person in einem
Saal nimmt eine andere reale Position ein, unsere imaginäre
Position aber ist für alle dieselbe. Deshalb schaut der
Abgebildete uns alle an, ob wir nun links vorn oder rechts hinten
im Saal sitzen. Als ein optisches Instrument hat der Kamerablick
also diese merkwürdige Eigenschaft, daß er uns in den
Bildraum versetzt und daß wir das Objekt in diesem
imaginären Raum sehen aus der Perspektive des
Bildes.
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- VI
- Der Kamerablick fungiert als
ein optisches Instrument nur, wenn das Blickfeld des Zuschauers
mit dem Blickfeld der Kamera zusammenfällt. Das ist, obwohl
der Zuschauer sich dies oft nicht klarmacht, nur ausnahmsweise der
Fall. Der Kamerablick divergiert oft vom Zuschauerblick, auch wenn
der Zuschauer sich dessen nicht immer bewußt ist. Am meisten
fällt diese Divergenz auf, wenn die Kamera die Bewegungen der
Objekte und den ganzen Ablauf des Geschehens vor der Kamera nicht
verfolgt, wenn sie - während sie sich bewegt oder einen
anderen Standpunkt wählt - nicht mitgeht mit den
Veränderungen, die sich vor der Kamera abspielen, also wenn
der Bildwechsel nicht parallel läuft zur wechselnden Richtung
der Aufmerksamkeit des Zuschauers. Zum Beispiel wird mit einem
Schwenk nach rechts, die Kamera im Gegenteil einen Schwenk nach
links ausführt. In diesem Fall wird der Kamerablick vom
Zuschauer aufgefaßt als der Blick einer "dritten Person".
Statt selber zu sehen, was im Bilde vorgeht, wird uns etwas
vorgehalten, macht eine dritte Person - der Filmregisseur - uns
auf etwas aufmerksam. Damit wirkt der Kamerablick schon als ein
Zeichen, wird er ein Mittel zur Formulierung einer Hin- weisung,
eines Urteils, einer Mitteilung. Wir Zuschauer stellen uns die
abgebildeten Objekte und Ereignisse vor aus der Sicht des
Kameramannes oder des Regisseurs. Und in dieser Sicht ist die Art
und Weise, wie er das Abgebildete auffaßt und begreift,
enthalten. Das Bild und die Bilderreihe sind demnach eine
"Aussage" dieses Regisseurs. Der Kamerablick ist das Prädikat
dieser Aussage, das im Bild vorgestellte Objekt ist das Subjekt;
das Ganze, das heißt die Einheit von Kamerablick und
vorgestelltem Objekt, ist ein "Satz" oder eine Satzfolge. So wie
die Formen der Wortsprache ein Intermediär sind zwischen dem
Leser (oder Hörer) und der Welt, auf die in den Wörtern
verwiesen wird, so ist der wechselnde Kamerablick ein
Intermediär zwischen Zuschauer und Vorstellungswelt der
Bilder. Der Kamerablick und die Veränderungen des
Kamerablickes (die Bildfolge also) sind - wie die grammatischen
und syntaktischen Kategorien - an sich leere Formen, die sich
anwenden lassen, um eine Sicht auf die Welt (ein Urteil über
Menschen und Dinge) zur "Sprache" zu bringen.
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- Damit will ich sagen, daß
der Sprachcharakter des Films (oder auch des Fernsehens) seine
Ursache und sein Prinzip in der Tatsache besitzt, daß die
Sicht des Kamerablickes sozusagen frei ist von der
Vorstellungssicht des Bildes - und daß dieser freistehende
Kamerablick als das Urteil einer "dritten Person" aufgefaßt
werden kann. Und zugleich läßt sich daraus
schließen, daß sich in dieser Bildsprache nur
dasjenige sagen läßt, was sich als eine Sicht denken
läßt. Nur was sich als eine Sicht, als eine optische
oder auch akustische Verhaltensweise der Welt gegenüber
denken läßt, kann man in dieser Bild- sprache aussagen.
Und noch eine zweite Konklusion: Wenn die Sicht des Kamerablickes
nicht nur als ein optisches Instrument im vorher genannten Sinne
verwendet wird, sondern (auch) als ein Intermediär zur
Formulierung von "Aussagen", dann wird das Sehen eines Films oder
eines Fernsehprogramms ein mitdenkendes Sehen statt eines passiven
Fasziniert- Werdens von der Vorstellungssicht der Bilder. Die
Komposition der Objekte vor der Kamera ist jetzt weniger wichtig
als die Komposition (darunter der Rhythmus) des Kamerablickes. Die
Erzählweise der Kamera (das heißt des Regisseurs), die
"Stimme" sozusagen des Filmautors, wird wichtiger als das
Geschehen, von dem erzählt wird. Im Bereich der Filmkunst
(und Fernsehkunst) stellt die Anwendung dieses Prinzips der
Bildsprache an die Inszenierung und das Spiel der Schauspieler im
Spielfilm (oder Fernsehspiel) besondere Anforderungen. Im
Gegensatz zu einem Dokumentarfilm bildet der Spielfilm ein
Beispiel eines Bildes im Bilde oder einer Bilderreihe in einer
Bilder- reihe. Die Schauspieler und die Dekorationen bilden eine
menschliche Handlung ab, und diese wird von der Kamera abgebildet.
Wenn nun der Kamerablick als eine "Aussage" fungiert, würde
der Spielfilm oder das Fernsehspiel wirken wie eine Interpretation
des Spiels oder der Dekoration, oder wie eine Betrachtung
über die Aufführung des Schauspiels. Die Kamera
erzählt uns dann nicht die Geschichte Hamlets, sondern sie
erzählt uns, wie zum Beispiel Gustaf Gründgens den
Hamlet gespielt oder inszeniert hat. Will man diese Schwierigkeit
vermeiden, so müssen das Spiel der Schauspieler und die
Dekoration entbildlicht werden. Das Bild vor der Kamera also
muß dann nicht mehr als ein Bild wirken, sondern als die
Wirklichkeit. Eine derartige Entbildlichung (oder "Adaption")
betrifft nicht nur die Mimik und Gestik der Schauspieler und nicht
nur die Unechtheit der Dekoration, sondern auch das physische
äußere der Schauspieler, den ganzen dramaturgischen Bau
der Geschichte und den Dialog. In dem Maße, wie der
Kamerablick zu einer Sprachweise wird, ergibt sich am Geschehen
vor der Kamera diese Anforderung der Entbildlichung. Es besteht in
dieser Hinsicht - in großen Zügen gesagt - ein
bedeutender Unterschied zwischen dem traditionellen und dem
modernen Spielfilm. Der erstere ist immer noch bis zu einem
gewissen Grade ein Schauspiel, das bedeutet hier: ein Bild vor der
Kamera. Und obwohl die Kamera natürlich oft schon
erzählt und interpretiert, bleibt der Bildcharakter des
Schauspiels vor der Kamera, immer mehr oder weniger deutlich
anwesend. Im modernen Film, da wo die Handlung der Kamera
wichtiger wird als die Handlung vor der Kamera, verschwindet das
Bildhafte des Schauspielers vor der Kamera mehr und mehr. Aus
einem Schauspiel macht der Film eine Schreibweise.
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- VII
- Die Bildsprache, so wie ich sie
hier verstehe, hat (wie die Wortsprache) auch einen poetischen
Aspekt. Das Kennzeichen der Prosa ist, daß die leeren Formen
(über die ich gesprochen habe) - sagen wir zum Beispiel die
Konjugationsformen des Verbums, die Pluralformen oder die
Wortfolge - an sich genommen ganz verschwinden hinter ihren
Bedeutungen. In der Poesie jedoch hat das Wort auch als Klang oder
als visuelle Gestalt einen Wert. Etwas derartiges bietet sich nun
auch dar in der Bildsprache, und "Photogenie" bezeichnen kann. Ein
geschickter Photograph macht aus jeder Frau das Bild einer Frau;
er macht sie im buchstäblichen Sinne "bildschön". Im
alltäglichen Sprachgebrauch nennt man eine Person "photogen",
wenn sie sich gut photographieren läßt; man kann aber
auch die Photo- graphie selbst "gen" nennen, um damit zum Ausdruck
zu bringen, daß die Photographie selbst etwas "generiert",
etwas zum Vorschein bringt, dem Menschen vor der Kamera etwas
hinzufügt, was dieser von sich aus nicht besitzt. Das
"Geniale" des Photos besteht nun darin, daß bestimmte
Eigenschaften des Kamerablickes in die Objekte, die sich vor dem
Objektiv befunden haben, eingehen. Wenn wir Autos im Verkehr mit 8
Bilden pro Sekunde aufnehmen und diese Aufnahmen später mit
24 Bildern pro Sekunde auf der Leinwand vorführen, so schauen
wir nicht schneller nach den mit normaler Geschwindigkeit
fahrenden Autos, sondern wir schauen mit unserer normalen
Seh-Geschwindigkeit nach schneller fahrenden Autos. Das bedeutet,
daß die Aufnahmeschnelligkeit des Kamerablickes (also eine
Eigenschaft des Kamerablickes) eine Eigenschaft der aufgenommenen
Objekte geworden ist. Auf diese Weise kann jede Eigenschaft des
Kamerablickes - die Kameraperspektive, die Kamerabewegung, die
Blickweite des Objektives, die Blickschärfe, die Eigenart des
Negativmaterials, die Aufzeichnung des Tons, die Bildfolge und so
weiter - in die Menschen, Dinge und Ereignisse vor der Kamera
eingehen und diesen damit Qualitäten verleihen, welche sie
aus ihrer eigenen Natur heraus nicht besaßen. Aus
großer Entfernung aufgenommen, wird ein Mensch zu einem
Menschen, der einsam und verlassen ist. Eine sehr geringe
Entfernung macht ein Gesicht für den Zuschauer abstandslos,
gibt diesem Gesicht eine große Intimität. Von unten,
und dann noch mit einem Weitwinkel aufgenommen, wird ein
dickbäuchiger Mann noch dickleibiger. Die Kamerabewegung kann
Häuser und andere statische Objekte in Bewegung setzen. Eine
schnelle Montage von ruhigen Vorgängen macht diese
Vorgänge hastig und schnell und so weiter. Wie der Titel
dieses Aufsatzes schon andeutet, sind mit den vorhergehenden
Erörte- rungen nur Ansätze zu einer Phänomenologie
des mechanischen Bildes gegeben. Diese müßten weiter
ausgearbeitet werden, damit unsere Betrachtungen über die
Funktionen und Bedeutungen der Photographie, des Films und des
Fernsehens als eines Unterhaltungsmittels, eines
Kommunikationsmittels oder einer Kunst einen festen Grund
bekommen.
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