- Zu Artavazd Peleschjans Theorie der
Distanzmontage
- von Rudi Zieglmeier
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- A. EINLEITUNG
Der 1938 im armenischen Leninakan geborene
Dokumentarfilmregisseur Artavazd Peleschjan war von 1963 1967
Regiestudent an der WGIK (AllunionsInstitut für
Kinematographie der UdSSR). Er fiel mit seinem Abschlußfilm
Der Beginn"1) auf (sein dritter Film), der aus
Anlaß des fünfzigsten Jahrestages der Oktoberrevolution
gefertigt worden war. Da die Aufgabenstellung war, bereits
vorhandenes Wochenschaumaterial neu zusammenzustellen, wurde der
Film als eine einmalige Erscheinung betrachtet, was die
außergewöhnliche Montage betraf; sie tritt in
Peleschjans Filmen deutlich zutage, in ihrer Rhythmik, zahlreichen
BildSchleifen und dem weitgehenden Fehlen von
Synchrontönen, sowie der völligen Abwesenheit einer
Sprecherstimme.
In den folgenden Filmen jedoch, und besonders, als Peleschjan nach
langem hin und her 1974 in der renommierten Filmzeitschrift
Woprosy Kinoiskusstwo" in einem Aufsatz2) den
theoretischen Hintergrund seiner Arbeitsweise darlegen durfte,
wurde klar, daß der vermeintliche Zufall der neuen
Montageerscheinung in Der Beginn" in Wirklichkeit das
Ergebnis einer fundierten neuen Montagetheorie war - der
Distanzmontage.
In der Folgezeit blieb Peleschjans Montagetheorie, zumindest
außerhalb der Sowjetunion, weitgehend unbekannt, was
vielleicht auch daran liegen mag, daß er in den Jahren 1964
bis 1993 nur zehn Filme fertigte, allesamt in einer Länge von
dreißig Minuten und darunter. Peleschjan lebt und arbeitet
in Eriwan, er dürfte mittlerweile seinen ersten
abendfüllenden Film (Arbeitstitel: Homo sapiens")
fertiggestellt haben.
Betrachtet man Peleschjans Filme im Überblick, so fällt
auf, daß er sich durchweg mit Grundfragen der menschlichen
Zivilisation und des Fortschritts auseinandersetzt. Zumindest in
den früheren Filmen steht dabei meist das armenische Volk im
Vordergrund.
Inwieweit diese Theorie der Distanzmontage wirklich etwas Neues
darstellt, und ob sich der theoretische Ansatz Peleschjans mittels
seiner Filme nachweisen läßt, ist Gegenstand der
folgenden Arbeit. Als hauptsächlicher Bezug dient hierbei der
Film Wir"3), auf den sich auch Peleschjan in o.g.
Aufsatz weitgehend stützt.
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- B. THEORIE DER
DISTANZMONTAGE AM BEISPIEL DES FILMS WIR"
(UdSSR 1968, Regie: A. Peleschjan, Schnitt [Montasch]:
L. Wolkowa)
Es liegt die vom WDR 1995 gesendete Fassung vor. Der gut
dreiundzwanzig Minuten lange, schwarzweiße Dokumentarfilm
behandelt vordergründig die Geschichte des armenischen Volkes
in diesem Jahrhundert: Trauer über den Genozid bzw. die
Vertreibung aus der Heimat, Leben im Exil bzw. unter Besatzung und
schließlich die Repatriierung (1946/47 in der armenischen
SSR). Peleschjan geht hier weder auf Einzelschicksale, noch auf
spezielle Orte oder Geschehnisse ein - zugunsten einer
Verallgemeinerung, mittels der der Film auch die Geschichte
anderer Genozide, Vertreibungen - anderer Völker - aufzeigen
will. Meine Aufgabe bestand [...] darin, zwischen
verschiedenen Menschen nicht soviel persönliches als
allgemeines zu zeigen, so daß die Charakteristik der
handelnden Person dem offensichtlich Typischen untergeordnet war,
daß sich im Bewußtsein des Zuschauers nicht das Bild
der einzelnen Person bildet, sondern das Bild des Volkes (der
Menschen). [...] Ich machte mir zur Aufgabe, in nationalen
Leidenschaften und Hoffnungen internationale, allgemein
menschliche Werte zu enthüllen, damit jene Qualität
dargestellter Menschen beim Zuschauer die Vorstellung von
unausrottbarem schöpferischem Willen hervorrufen, und ihn
nötigen, die Kraft und Schönheit menschlicher Liebe zu
erleben."4)
Grundsätzlich lassen sich Peleschjans Filme nur in
Ansätzen mit herkömmlichen Filmen vergleichen, da er
eine fortlaufende Handlung zugunsten anderer Ziele weitgehend
negiert. [...] Es gab den Turmbau zu Babel: um die
Menschen zu bestrafen, hat Gott die Völker in verschiedene
Sprachen getrennt. Ich versuche, mich an diesen gemeinsamen
Bereich zu wenden, der die Menschheit vor dieser Trennung verband,
nämlich an den Bereich der Emotion."5) In der
näheren Umgebung seiner Arbeitsweise sieht er einzig Godfrey
Reggio, den Regisseur von Koyaanisqatsi".
Ausgehend von der Verwendung des Tones sah Peleschjan
schließlich mit den herkömmlichen Montagemethoden seine
Ziele auch in bezug auf die Gesamtmontage nicht mehr erreichbar:
Seit jener Zeit, als der Kinematograph tönend wurde,
wurden viele verschiedene Definitionen der Rolle des Tones im Film
gefunden. Der Ton (einschließlich der Musik) kann als Teil
der Sujetdarstellung, als Illustration, als Begleitung, als Mittel
zur Schaffung einer Stimmung, und schließlich als ein
Element des Kontrapunktes betrachtet werden. In meiner Praxis
verstand ich immer mehr, daß mich keine dieser Definitionen
vollkommen zufriedenstellt, da ich danach strebe, daß die
TonBildEinheit nicht der physikalischen Mischung der Elemente
ähnelt, sondern ihrer chemischen Verbindung. Und
plötzlich entdecke ich, daß sich die sinnhafte
Bedeutung und die Ausdruckskraft der TonBildVerbindung, wie
gewollt, erhöht, wenn ich nicht nur die Tonspur, sondern auch
die Darstellung so montiere, daß ich diese Gesetze und
Methoden der Montage verletze, denen ich früher zu folgen
trachtete."6)
Ob dies eine Folge von Peleschjans besonderer Regiearbeit war, die
im folgenden dargestellt wird, oder der Grund dafür - das
eine ist wohl ohne das andere nicht vorstellbar.
a) MontageBlöcke"
Ausgehend von Peleschjans Aufsatz Distanzmontage"
läßt sich "Wir" in verschiedene Blöcke einteilen,
deren Trennung zum Teil durch die Musik, zum Teil durch das Bild
geschieht. Aus der Blockaufteilung heraus fällt das erste
Bild (Kleines Mädchen"), das, wie auch bei seinem
zweiten Auftreten etwa in der Mitte des Films von einem
symphonischen Akkord" begleitet wird. Der gleiche Akkord
taucht am Ende des Films erneut auf, diesmal neben einem neutralen
Bild.
Ansonsten gliedern sich die Blöcke auf wie folgt (in
Anführungszeichen die von Peleschjan benutzten Begriffe;
[s.a. Einstellungsliste im Anhang]):
-
- 1. Vorspann Einstellung 3 mit
9
2. Einstllg. 10 mit 17
3. Große Begräbnisse" Einstllg. 18 mit 58
4. Einstllg. 59 mit 91
5. Einstllg. 92 mit 105
6. Einstllg. 106 mit 127
7. Einstllg. 128 mit 137
8. Einstllg. 138 mit 169
9. Einstllg. 170 mit 184
10. Einstllg. 185 mit 195
11. Einstllg. 197 mit 206
12. Einstllg. 207 mit 217
13. Repatriierung" Einstllg. 218 mit 296
14. Schluß Einstllg. 297 mit 300
- Die Grenzen zwischen den
Blöcken sind hierbei nicht immer genau zwischen zwei
Einstellungen, sondern þießen" teilweise
über mehrere Einstellungen hinweg, die sich sowohl dem einen,
als auch dem anderen Block zuordnen lassen. Des weiteren gibt es
einige Grenzen, die deutlich mit Schwarzbildern markiert sind.
b) Arbeit mit Archivmaterial
Peleschjan beginnt mit der Auswahl des Materials, indem er
bereits vorhandene Bilder, Archivmaterial sichtet:
Zunächst einmal sehe ich mir das vorhandene Material
an. Ich untersuche den Lehm, aus dem die Skulptur geformt werden
soll."7) Um diese Bilder herum konstruiert Peleschjan
den gesamten Film, wobei er sich vorbehält, ihren
Bildausschnitt oder die Einstellungsgröße zu
ändern.
Ich habe die Idee eines Drehbuchs und zu Beginn sehe ich den
Film in seiner Gesamtheit. Die Musik ist nicht im vornherein
bestimmt, aber ich höre den Rhythmus und die Tonalität.
Und wenn ich fühle, daß es Bestand hat, beginne ich,
das Drehbuch zu schreiben. Aber der Film ist bereits fertig
für mich; es bleibt mir nur noch, die technische Umsetzung
fertigzumachen [...]. Es handelt sich darum, den Film, den
ich bereits im Kopf gesehen habe, Etappe für Etappe noch
einmal zu schaffen - Schreiben, Drehen, Montage. Und es gibt nur
sehr wenige Dinge, die sich ändern können, Details, aber
die Komposition ändert sich nicht."8)
Das bedeutet, daß in der Hauptsache nicht das Drehbuch, bei
Peleschjan vielmehr ein detailliertes Szenarium, mit Fortschreiten
der Dreharbeiten der vorgefundenen Realität angepaßt
wird, was ja im Dokumentarfilm beinahe vorgezeichnet ist, falls
überhaupt mit Drehbuch gearbeitet wird, - im Gegenteil sind
die Bilder, die in den Film aufgenommen werden, schon genau
festgelegt. Peleschjan geht sogar noch einen Schritt darüber
hinaus: Die Aufnahmen realer Fakten wurden durch inszenierte
Aufnahmen ergänzt, so daß in allen entscheidenden
Episoden Bilder von Massenveranstaltungen, die durch die Regie
gestaltet wurden, eingeschlossen sind."9) Offen bleibt
die Frage, ob Peleschjan nur die Veranstaltungen inszenierte, um
dann den lediglich initiierten Prozeß dokumentarisch zu
erfassen, oder ob er bis zur Gestaltung einzelner Szenen ging.
Zumindest teilweise wird also die Wirklichkeit den Vorstellungen
angepaßt - so gesehen bewegt er sich hier im Randbereich des
Dokumentarfilms.
Im größeren Teil der Aufnahmen dürfte Peleschjan
aber der Wirklichkeit aufgelauert haben, bis sie sich dem von ihm
gewünschten Moment, der erdachten Konstellation näherte.
(Diese Methode nimmt vermutlich ungleich mehr Zeit in Anspruch als
das konventionelle Arbeiten. Zusammen mit dem Aufwand in der
Nachbearbeitung könnte dies im Zusammenhang mit dem relativ
geringen Werkumfang stehen.) Zunächst entwerfe ich ein
ideales Schema des Films [Peleschjan gebraucht in diesem
Zusammenhang an anderer Stelle auch den Ausdruck
Kardiogramm]. Aus verschiedenen Gründen
lassen sich dann Abweichungen nicht umgehen. Ich halte meine Idee
jedoch nicht für die genialste und sehe all das, was ihrer
Umsetzung im Wege steht, nicht unbedingt als Hemmnis oder als
störend an. Durchaus nicht. Mitunter passieren herrliche
Zufälle. Ich denke, sogar, daß man bei richtiger
Vorbereitung, wenn man alles in Betracht zieht und sich in die
Rolle eines Jaguars versetzt, der auf dokumentarisches
Gedankenmaterial aus ist, nicht ohne Beute nach Hause kommen wird.
Dann braucht man nur nachzuschauen, was man in der Tasche hat.
Erneut wird ein Kardiogramm des Films aufgezeichnet, aber nun
schon keine ideales mehr, sondern sozusagen ein pragmatisches -
ausgehend vom Vorhandenen."10)
Spätestens jetzt wird klar, daß der Zufall in
Peleschjans Filmen eine eher geringe Rolle spielt (was die
Bewertung seines Abschlußfilms zumindest voreilig erscheinen
läßt). Es schließt jedoch ein, daß die
Bedeutung des einzelnen Bildes der der Gesamtkomposition
untergeordnet ist; umgekehrt würde jedoch ein nicht
stimmiges Bild die Ganzheit aus dem Lot bringen, den Eindruck des
Films abschwächen.
Der tatsächliche Anteil an Archivbildern ist jedoch gering:
im Film Wir" sind es nur elf Einstellungen, die sich
eindeutig anhand von Kleidung, Fahrzeugen und Bildkontrast der
Vergangenheit zuordnen lassen (1. Weltkrieg). Inwieweit sich
Peleschjan darüber hinaus Fremdmaterials bedient, ist nicht
eindeutig feststellbar, da er versucht, unter seiner Regie
entstandene Bilder den schon vorhandenen mittels optischer
Bearbeitung (z.B. Erhöhung des Kontrasts durch Kopieren)
anzupassen. Wenn ich Archivbilder benutze, ist es nicht mein
Ziel, sie in Stücke zu zersplittern, sondern sie mit dem
Primärmaterial zu verschmelzen, um eine neue Form daraus zu
schaffen. Die Aufnahmen, meine eigenen oder die aus dem Archiv,
werden zu Arbeitsmaterial; es handelt sich nicht mehr um altes
oder aktuelles Material. Eines der Merkmale meiner Arbeit ist es,
die Zeit abzuschaffen, gegen sie zu kämpfen, sich ihrer zu
bemächtigen, sie zu transformieren."11)
c) Die Funktion des Tones und der Musik
Würde man den Film Wir" nur hören,
könnte man deutlich erkennen, wo Peleschjan Zäsuren
macht, denn speziell die Musik hat eine ordnende Funktion, was die
grobe Einteilung betrifft. Sie unterstützt dadurch die
Methode der MontageBlöcke".
Es fällt auf, daß im Film Wir", wie auch in den
anderen Filmen Peleschjans, kaum Synchrontöne und auch keine
Sprecherstimmen verwendet werden. Es zeigt sich hier ein weiterer
Grundsatz von Peleschjans Montageprinzipien: Eines der
Hauptprobleme bei meiner Arbeit am Film [Wir]
war die Montage von Bild und Ton. Ich strebte danach, ihre
organische Einheit zu finden, damit Bild und Ton gleichzeitig ein
einheitliches Bild ausdrücken, einen einheitlichen Gedanken
und eine einheitliche Empfindung. Damit der Ton nicht getrennt sei
vom Bild und das Bild nicht getrennt sei vom Ton! Ich ging davon
aus, daß die einzige Rechtfertigung des Tones im Film seine
gedankliche und seine bildhafte Funktion sein soll. [...]
Aus genau diesem Grund gibt es in meinen Filmen vorläufig
keinen Synchronton und keinen Sprecherkommentar. Die Hauptfunktion
des Ausdrucks der Gedanken wird genau so auf die Montage
übertragen. [...] Nehmen wir an, sie [Dialog und
Sprecherkommentar] sind unentbehrliche Elemente des Bildes,
aber keine Anhängsel daran."12)
d) Die Distanzmontage im Vergleich
Peleschjan formuliert seinen Hauptgedanken, sowie dessen
wesentlichen Unterschied zu den bisher bekannten Montagetheorien:
Lange schon ist einer der prinzipiellen Leitsätze
bekannt, welche S. Eisenstein aussprach: Ein Bild, das bei der
Montage mit einem anderen Bild zusammentrifft, schafft eine Idee,
eine Behauptung, eine Folgerung. Dabei richten die Montagetheorien
der zwanziger Jahre das Hauptaugenmerk auf die Beziehung zwischen
Nachbarbildern. S. Eisenstein nannte das
Montagenaht, D. Wertow nannte es
Intervall. Von der Erfahrung meiner Arbeit am Film
Wir ausgehend, überzeugte ich mich, daß das
Hauptwesen und der Hauptakzent der Montagearbeit für mich
nicht im Zusammenkleben von Bildern besteht, sondern in ihrer
Trennung, nicht in ihrer Kopplung, sondern in ihrer
Entkopplung. Es zeigte sich, daß das
Interessanteste - sowohl in praktischer, als auch in theoretischer
Beziehung - für mich nicht dann beginnt, wenn ich zwei
Montagestücke vereinige, sondern wenn ich sie teile, und
zwischen ihnen ein drittes, fünftes, zehntes Stück
hineinsetze. Wenn man zwei Leitbilder hat, die wichtige Sinnladung
tragen, strebe ich nicht danach, sie einander näherzubringen,
sie zusammenzuführen, sondern zwischen ihnen eine Distanz zu
schaffen. Den Sinn der Idee(n), welchen ich ausdrücken
möchte, wird am allerbesten nicht an der Naht zweier Bilder
erreicht, sondern in ihrer Wechselwirkung durch die Menge der
Bestandteile [hindurch]. Dabei läßt sich ein
bei weitem stärkerer und tieferer Ausdruck des Sinns
erreichen als bei unmittelbarem Zusammenkleben. Der Umfang der
Ausdruckskraft wird erhöht und in kolossalen Stufen steigt
die Kapazität der Information, die fähig ist, den Film
zu tragen. Diese Montage nenne ich
Distanzmontage."13)
Mit der Umschreibung ... drittes, fünftes, zehntes
Stück ..." sind schon die verschiedenen Blöcke
gegeneinander abgegrenzt: zwischen den Leitbildern ist ein
begrenzter Raum (oder auch mehrere), der aus thematisch
zusammengehörigen Bildern besteht.
Die Originalität der Distanzmontage liegt vielleicht
darin: im Gegensatz zur Montage nach Kuleshov oder
Eisenstein - die einen Sinn verleihen, indem sie zwei
Einstellungen miteinander in Beziehung setzen - entfernt die
Distanzmontage zwei Einstellungen, die miteinander kommunizieren
und einen Sinn ergeben. Die Distanzmontage überträgt auf
diese Weise ihre Spannung und führt dazu, daß sie durch
die ganze Kette der sie verbindenden Einstellungen hindurch
miteinander kommunizieren. Die Montage nach Kuleshov wäre zum
Beispiel wie ein Kanonenschlag, gefolgt von einer Explosion.
Wohingegen es in der Distanzmontage etwas gibt, was über eine
Atomexplosion hinausgeht; und zwar eine Rückwirkung
[retroaction], eine Auswirkung in die
entgegengesetzte Richtung, die die Sequenz oder den Film auf sich
selbst zurückbiegt, Fluß und Gegenþuß
[þux et reþux]. Eine Bewegung von
der Geburt zum Tod, aber auch vom Tod zur Geburt. Wachstum und
Verfall, Tod - Auferstehung."14)
Der Name Distanzmontage" bezieht sich zum einen auf die
Distanz räumlicher Art, also die Entfernung zweier
Einstellungen in der Plazierung der zeitlichen Abfolge der Bilder,
zum anderen auf die kontrapunktische Distanz, also die inhaltliche
Entfernung. Welche Elemente dabei aufeinander wirken, ob Bilder
oder Töne, ist hierbei gleichgültig. [...]
Die Distanzmontage kann sowohl auf darstellende Elemente, als auch
auf Tonelemente aufgebaut werden und auf beliebige Verbindungen
der Bilder und des Tones. Wenn ich einen Film genau nach diesen
Verbindungen der Elemente organisiere, strebe ich danach,
daß sie zu Analogien des lebenden Organismus werden,
welcher ein System komplizierter innerer Verbindungen und
Wechselwirkungen besitzt."15)
Es wird ein weiteres Merkmal der Montage Peleschjans ersichtlich:
die einzelnen Einstellungen kommunizieren nicht nur an der
jeweiligen Grenze, dem Schnitt miteinander, sondern sind, sowohl
innerhalb der einzelnen Blöcke, als auch auf den ganzen Film
gesehen, unverrückbarer Bestandteil der Montage. Ich
sage das Wichtigste: die Distanzmontage verleiht der Struktur des
Films nicht die Form einer gewohnten MontageKette, und
erst recht nicht die Form der Gesamtheit verschiedener
Ketten, sondern schafft im Endergebnis eine sich
kreisförmig oder, genauer gesagt, kugelförmig drehende
Konfiguration."16)
e) Räumliche Distanz
Am deutlichsten wird die räumliche Distanz in den drei
BildTonKombinationen Kleines Mädchensymphonischer
Akkord", welche zweimal auftaucht, und der Verbindung
Menschen auf Balkonensymphonischer Akkord". Neben der
ordnenden Funktion (Auftakt, Beginn der Höhepunkts und
Schluß), also als Knotenpunkte der Montage, erhält
dieses Montageelement bei jedem erneuten Auftauchen eine neue
Qualität oder Bedeutung. Ob es dabei soweit kommt, wie
Peleschjan sagt, daß die Einstellung der Menschen auf
Balkonen die Funktion des kleinen Mädchens übernimmt,
sei dahingestellt. Wenn auf der Leinwand das erste Mal die
Großaufnahme des kleinen Mädchens in Begleitung des
symphonischen Akkords auftaucht, so dominiert bei der Wahrnehmung
dieses Stückes die Darstellung, und nicht der Ton. In der
Mitte des Films wird genau dieses Ton/Bildelement anders
aufgefaßt: Ton und Darstellung wirken mit identischen
Kräften, praktisch einander ausgleichend. Am Ende des Films,
wenn genau dieser symphonische Akkord sich auf die Totale der
Menschen legt, welche sich auf einem Balkon zeigen, fällt die
grundlegende Sinn und Emotionslast auf die uns schon bekannt
Musik: hier dominiert der Ton über die Darstellung. Am Anfang
wird der Ton durch die Darstellung gleichsam
erschlossen, in der Mitte befinden sich beide im
Stadium des Gleichgewichts, am Schluß wird die Darstellung
vom Ton erschlossen."17) Die
Hauptsache ist hier die Musik, eben die Musik vom Anfang, die hier
bereits eigenständig wirkt. Ich [...] habe den
Zuschauer an sie gewöhnt, jetzt hoffe ich, daß sie der
bildliche neutralen Szene [Menschen auf Balkonen] die von
mir gewünschte Bedeutung verleiht. Die Musik ersetzt hier das
Bild. Wollte man das mit Worten erklären, müßte
man das eine Montage ausgesparter Einstellungen nennen. Ich
würde so sagen: Die Hälfte meiner Filme beruht auf der
Montage von Einstellungen, die es nicht gibt, die aber gleichsam
präsent sind. Jemand fiel vom Dach auf den
Balkon, vom Balkon fiel er auf die Straße. Das
zweite fiel ist, sprachlich gesehen,
überþüssig. Die Wiederholung wegzulassen, ist
meine Lieblingsmethode bei der Montage. Physisch ist sie nicht da,
aber strukturell. Verstehen Sie?"18)
Das an sich neutrale Bild der Menschen auf Balkonen verbindet sich
über den Ton und unter Zuhilfenahme des Gedächtnisses
des Zuschauers mit dem Bild des kleinen Mädchens und so wird
ein völlig neuer Ausdruck erzeugt. In dieser Struktur
ist am leichtesten eine elementare Verdoppelung zu sehen. Aber die
Funktion dieser Montageelemente kommt nicht aufs gleiche hinaus
wie eine Verdoppelung. Es ist wie das Gesicht eines Volkes, das
seine Vergangenheit betrachtet."19) (Mit Vergangenheit
ist hier wohl auch bildlich der Musa Dagh in der Ferne gemeint,
das Sinnbild für das armenische Volk vor dem Genozid, die
angestammte Heimat.) Erst in dieser letzten Einstellung
werden die Berge - in Wir als Leitmotiv von
geologischen und gesellschaftlichen Eruptionen stets wiederkehrend
eingesetzt - durch diesen einen fatalen Berg um eine
tragische Dimension erweitert, und die Erinnerung an den Genozid
wird durch den leitmotivischen symphonischen Akkord bzw. das
ausgesparte Bild des Mädchens memoriert."20)
Die zeitliche und räumliche Entfernung dieser sog.
Leitbilder gibt also einerseits dem Zuschauer die
Möglichkeit, sie in der Zeitspanne zwischen ihrem jeweiligen
Auftreten den Zusammenhang mit dem seither Gesehenen zu bringen,
andererseits ruft das wiederholte Erscheinen die
hauptsächliche Thematik zurück eindringlich wird auf die
Realität hingewiesen.
Distanzmontage - das klingt schön und
bedeutend. Mitunter nenne ich das jedoch einfacher aufgegliederte
Montage oder aufgegliederte Abschnitte. Die Montage bei Eisenstein
... Bei ihm bekamen zwei Körper einen Kopf. Er
verknüpfte benachbarte Abschnitte und der Zuschauer sollte
den gemeinsamen Sinn begreifen. Meine Kühnheit sei mir
verziehen, aber mein Prinzip der Montage beruht darauf, daß
ein Körper zwei Köpfe hat, die einen Gegensatz bilden
und weit voneinander getrennt sind. Die nur in der Entfernung
existieren. [...] Das ist Darstellung als
Klang."21)
Peleschjan geht noch einen Schritt weiter: Ehrlich gesagt,
halte ich meine Filme für unmontiert. [...] Man kann
alle Kunstgriffe der Montage gegen sich selbst kehren. Die Montage
beseitige ich mit Hilfe der Montage. Zumindest versuche ich es.
[...] Ich montiere den ganzen Film, wobei ich nicht
Gedanken, Losungen, Thesen oder Assoziationen, sondern ein
emotionales Bedeutungsfeld anstrebe. [...] Sie [die
Montage] hebt sich jedoch auf. Sie hebt nichts heraus und
deklariert nichts. Eine solche, im früheren Sinne verstandene
Montage brauche ich nicht. Ihr habe ich den Kampf angesagt.
Frage: Und Ihre eigene Montage? Sie hat eine gänzlich
andere Aufgabe: die Bedeutungsübertragung, die Erweiterung
des emotionalen Feldes bis zur Grenzenlosigkeit, wenn man so sagen
darf. Deshalb halte ich meine Filme auch für
unmontiert."22)
f) Kontrapunktische Distanz
Neben der angesprochenen Möglichkeit, Töne
kontrapunktisch zum Bild zu montieren, die Peleschjan
natürlich auch benutzt, erweitert er den Rahmen von
kontrapunktischen Beziehungen im Film. Nachdem Bilder Tönen
gleichgesetzt sind, funktioniert das System zuerst einmal auch
anders herum: während der Ton, der eben noch in die gleiche
Richtung wie das Bild ging, unverändert weiterläuft,
dreht sich die Bedeutung des Bildes um 180°. Hierfür
wäre als Beispiel die Aufnahme des Trommlers zu nennen
[Einstellung 130f., 133, 135, 137], der sich während
des Verlaufs der Einstellung unter dem Einþuß des
Tones von einem eher folkloristischen Element zur
Verkörperung der unterdrückenden Macht wandelt. Der
kontrapunktische Abstand erhöht sich also
þießend, was ein Ausdruck für Peleschjans
virtuose Handhabung seiner Mittel ist.
Es ist schwierig eine kontrapunktische Beziehung zwischen zwei
Bildern festzustellen, da sie objektiv nicht gleichzeitig
auftreten. Inwieweit sich Bilder im Gedächtnis des Zuschauers
überschneiden, hängt von der jeweiligen Person ab.
In Bezugnahme auf o.g. Zitat Peleschjans: Das ist
Darstellung als Klang" [s. Absatz e) bzw. 21)]
sei angefügt, daß der Ausdruck Klang hier
eher als Bezeichnung für die permanente Anwesenheit eines
Motivs - dem Tönen einer Glocke vergleichbar - zu verstehen
ist, als für die tatsächliche Funktion des Bildes als
Ton mit allen Eigenschaften.
g) Wiederholungen
Eine weitere Auffälligkeit der Filme Peleschjans zeigt
sich im dritten Block: Er besteht in den ersten ca. 30 Sekunden
aus 23 Einstellungen, die aus nur vier verschiedenen Bildern
bestehen. Diese Montagesequenz besteht einerseits aus einer,
jeweils (bis auf das letzte Mal, das eine Überleitung oder
Rückkehr zu anderen Bildern darstellt) ca. 3 Sekunden
dauernden, gegenlichtigen Einstellung von Händen, die einen
Sarg tragen. Dazwischen sind Bilder (die zwei verschiedene,
jeweils ca. 8 15, max. 19 Bilder dauernde Aufnahmen enthalten) von
Detonationen, deren Bewegungsrichtungen einander entgegengesetzt
sind. Diese Einstellungsfolge von Detonationen enthält
jeweils fünf Einstellungen: die erste ist die dritte und die
fünfte, die zweite ist die vierte. Die Länge dieser
Einstellungen verkürzt sich, und wird mit der darauffolgenden
Einstellungen der sargtragenden Hände wieder entspannt. Der
Block der Detonationen taucht insgesamt drei Mal auf, nach dem
vierten Bild der Hände (die Montagesequenz beginnt mit dieser
Einstellung) wird ein neues Bild eingefügt: (ein)
stürzende Berge. Dieses Bild taucht sogleich wieder auf, vom
ersten nur durch ein nochmaliges Bild der Hände getrennt. Die
Sequenz endet mit der Einstellung der Hände, die zweimal
verwendet wird. Diese Methode, dem Zuschauer Dinge durch
ständiges Wiederholen eindringlich darzulegen, trägt
nicht nur zu einem merkwürdigen Verhältnis zur Zeit in
Peleschjans Filmen bei: Das, was man noch einmal sieht,
sieht man nicht mehr auf dieselbe Art und Weise. [...]
Viele subtile Variationen in der Wiederholung (Inversion und
Permutation der Einstellung) laufen darauf hinaus, daß eine
neue Bewegung entsteht und so, dem Charme eines beispiellosen
Rhythmus ausgesetzt, braucht der Zuschauer eine ganze Weile, um
deutlich zu erkennen, daß die Sequenz, die er bewundert, aus
ein und derselben wiederholten Einstellung gemacht ist."23)
(Beispielhaft ist hier der Anfang von Die
Jahreszeiten"24) zu nennen, in der in eigentlich einer
einzigen Einstellung ein Hirte, der ein Schaf gepackt hält,
durch einen Fluß gewirbelt wird. Das Bild wird einige Male
in Variationen wiederholt, so daß der Eindruck von immer
neuen Einstellungen entsteht, da sich sowohl der Einstiegspunkt in
die Einstellung als auch die Einstellungsgröße und die
Länge der gezeigten Einstellung verändern.)
In der Finalsequenz, von Peleschjan dem Thema der Repatriierung
unterstellt, werden die zwei Einstellungen von Detonationen
wiederholt, diesmal schließen sie aber nicht das Bild der
sargtragenden Hände ein, sondern ein schon kurz vorher
gezeigtes Bild von sich umarmenden Menschen, welches auch
spiegelverkehrt und rückwärts gezeigt wird. Das Prinzip
der Montage ist jedoch dasselbe wie im dritten Block des Films:
Die Bilder der Detonationen folgen einander, wie vorher, in
abwechselnd entgegengesetzter Bewegungsrichtung (1. nach rechts,
2. nach links, 3. nach rechts, u.s.w.). Dazwischen das Bild der
Umarmungen, das, wie vorher das Bild der Hände, jeweils gut
drei Sekunden dauert, während die Länge der
Detonationsbilder wiederum zwischen acht und maximal siebzehn
Bildern schwankt. Im ganzen ist dieser Block jedoch deutlich
kürzer als zu Beginn: während der erste Block ca.
dreißig Sekunden dauert, ist dieser Block nur mehr gut
sieben Sekunden lang. Die Bilder der Detonationen werden jedoch in
Variationen fortgeführt. Es tauchen andere Bilder von
Detonationen auf, sie werden rückwärts gezeigt -
während sie bisher Zerstörung zeigten, werden sie jetzt
zum Bild für den Wiederaufbau, das Entstehen von etwas
Neuem.
h) Bildlicher Lautwert"
Immer wieder wird in Peleschjans Aufsatz der Begriff
bildlicher Lautwert" verwendet. Er betont z.B.: Bei
der Auswahl des Materials für diesen Film war nicht der
tatsächliche Inhalt der Bilder wichtig, sondern sein
bildlicher Lautwert."25) Durch das Eingebundensein der
jeweiligen Bilder in den Kontext eines Montage"Blocks" tritt
tatsächlich der reale Inhalt des Bildes in den Hintergrund,
die Darstellung wird aus dem Zusammenhang von Ort oder Zeit
gerissen: Beispielsweise erhält das Bild, das Menschen in
einer Prozession zeigt [Einstellungen 165 mit 167], durch
den Kontext mit anderen Bildern den Anschein von Vertreibung,
Flucht. Auch dadurch entsteht die Fähigkeit des Films, auf
das Gefühl zu wirken. Da der Zuschauer die Verbindungen und
Zusammenhänge der Bilder nur angeboten bekommt, sie aber
letztendlich im eigenen Kopf vollzieht, ist auch das Erleben
persönlicher.
Nicht von ungefähr schafft der Begriff bildlicher
Lautwert" die Nähe zur Musik, zur Komposition. Im
Zusammenhang der Kürzungen und inhaltlichen Änderungen
spricht Peleschjan seine Auffassung der Konstruktion aus: Es
gibt ein einziges Gesetz, wonach sich die Dauer des gesamten Films
der Dauer jedes seiner Teile unterordnet. Bei diesem
Verhältnis ist der Film fast einem musikalischen Werk
gleichartig. Ich ersetzte das ausgeklammerte Material durch
anderes Material nicht deswegen, weil ich es für nötig
befand, an dieser Stelle eine bestimmte Tatsache zu zeigen. Mir
war es bei weitem wichtiger, das Thema nicht zu verlieren, welches
an der gegebenen Stelle, in der gegebenen Ausdehnung erklingt.
Beim Ausschluß des Stückes wurden die Proportionen des
Films verletzt, wurde der Kompositionszeitraum verletzt. Um den
Kompositionszeitraum zu retten, mußte ich manchmal neutrales
Material ins Bild einsetzen, sei es auch in bildhafter Beziehung
minderwertig gewesen."26)
Hier wird nicht nur deutlich, daß für die Beschreibung
die Sprache fast nicht mehr ausreicht, auch die Grenzen der
verschiedenen Gattungen der Kunst werden þießend -
Peleschjan ist Künstler, Philosoph, Wissenschaftler.
-
- C. ZUSAMMENFASSUNG
Charakterisierend für Peleschjans Filme lassen sich also
folgende Merkmale feststellen: bildliche und musikalische
Leitmotive, die sich stark auf die Struktur der Filme auswirken;
Montage"Blöcke", in denen sich, rhythmisch geschnitten,
wenige Einstellungen ständig wiederholen, während sie in
bezug auf Ausschnitt, Bewegungsrichtung und gezeigter Länge
verändert werden; Behandlung von Archivmaterial wie eigenes
Material - angleichen der Bildstruktur dieser Materialien
aneinander; Aufbau der Filme auf bereits vorhandenem
Archivmaterial; fast völlige Abwesenheit von Synchronton
sowie Fehlen jeglichen Sprecherkommentars.
Peleschjan ist im Film Wir" wohl eine der eindringlichsten
Darstellungen des armenischen Schicksals gelungen. Durch die
Verknüpfung des außergewöhnlichen Stoffes mit der
von ihm entwickelten Montagetheorie konnte eine sonst nicht
vorstellbare Ausdruckskraft gefunden werden; das Gezeigte ist
für jeden Zuschauer persönlich zu erleben.
Wesentlich dazu beigetragen hat seine Distanzmontage, die es ihm
ermöglichte, Zusammenhänge in einer bisher nicht
gekannten Art aufzuzeigen. Der Film hat in den fünfundzwanzig
Jahren seines Bestehens nichts an Aktualität oder Wirkung
eingebüßt. Womit auch deutlich wird, daß die
Distanzmontage nicht nur eine Modeerscheinung war, die in ihrer
Wirkung an einen bestimmten Zeitabschnitt gebunden wäre.
Davon abgesehen gelingt es Peleschjan in jedem der mir bekannten
Filme aufs neue, die jeweilige Thematik (das Leben der armenischen
Bauern, die Geschichte der Armenier, die Raumfahrt, u.s.w.) mit
all ihren Beziehungen im menschlichen Dasein umfassend und
deutlich darzustellen. Er beschränkt sich dabei jedoch nicht
nur auf den Hauptaspekt der Geschichte, sondern zeigt
Querverbindungen zu ähnlichen Geschichten, die durch diese
Konstellation natürlich assoziativ wirken.
Darüber hinaus ist es Peleschjans Anliegen, die dargestellten
Dinge in philosophischer Hinsicht zu werten. Für ihn stellen
sich die Fragen im Zusammenhang mit menschlicher Zivilisation und
Fortschritt, das Verhältnis der Menschen zueinander: dem
Umgang des Menschen mit seiner Umwelt.
In einer auch heute noch überraschenden Art werden
Zusammenhänge gänzlich anders dargestellt und vom
Zuschauer erfaßt. Das Bestechende hierbei ist, daß es
sich um Dokumentarfilme handelt, die durch ihre freie Montage
(ohne Bezug zu Ort oder Zeit zwischen den Bildern) in Bild und Ton
die Meinung des Regisseurs ausdrücken, wie es mit
herkömmlichen Mitteln schwerlich umzusetzen gewesen
wäre. Ohne ein gesprochenes Wort, dafür mit expressiven
Geräuschkollagen und symphonischer Musik werden Bezüge
zwischen Bildern klar, die z.B. im Film Wir" ihrerseits nur
stellvertretend für die Historie (in diesem Fall vielmehr
einer vom Zuschauer persönlich erfahrbaren Wirklichkeit)
stehen.
Alles in allem stellt Peleschjans Distanzmontage eine nicht
abzuschätzende Bereicherung und Erweiterung der
Möglichkeiten filmischer Montage dar. Er
vergrößert den Bereich des nonverbalen Ausdrucks, wie
er auch generell den Umgang mit Bildern verschiedener Herkunft in
bezug auf Quelle oder Entstehungszeit erleichtert.
Es verwundert, zu hören, daß Peleschjan seltener Gast
auf Filmfestivals ist. Noch schwerer ist allerdings zu verstehen,
warum sich die Masse vor allem der Dokumentarfilmregisseure nicht
für diese Art der Montage interessiert (hat), die den Bereich
des Ausdrucks offensichtlich deutlich erweitert; es ist um so mehr
nachzuholen.
So bleibt zu hoffen, daß in Kürze, im Rahmen der
1700JahrFeier des armenischen Christentums, auch ein Teil des
Interesses auf Artavazd Peleschjan, seine Filme und die
Distanzmontage fällt.
- Der Text wurde am 8. Juni 1998
im Seminar Montagetheorie" (Frau Prof. Gisela Schulz) an der
HFF-Babelsberg|Studiengang Montage vorgetragen.
D. ANHANG
Quellenverzeichnis:
1) Eine Produktion des Kinolehrstudios der WGIK, Moskau
1967
2) Artavazd Peleschjan: Distanzmontage", in: Woprosy
Kinoiskusstwa, Heft 15, Moskau 1974; (s.a. Die
Dokumentarfilme der armenischen Sowjetrepublik.
Distanzmontage oder die Theorie der Distanz von
Artavazd Peleschjan" in: Katalog Dokumentarfilmfestival Nyon, Nyon
1989, Seite 79ff. Diese Übersetzung basiert auf dem
entsprechenden Kapitel aus Peleschjans Buch Moe Kino"
[Mein Kino], das 1988 in Eriwan erschien)
3) Eine Produktion der Kinovereinigung Eriwan" des
armenischen Fernsehens, Eriwan 1968
4) A. P.: Distanzmontage", s.o., Seite 1f. (Im Original:
Seite 296f.)
5) François Niney: Entretien avec Artavazd Pelechian"
(Interview mit A. P."), in: Cahiers du cinéma, Nr.
454, Paris 1992, Seite 35
6) Viktor Djomin: Interview mit dem Dokumentarfilmregisseur
Arthur Peleschjan", in: Kunst und Literatur, 37. Jahrg., Heft 6,
November/Dezember 1989, Berlin 1989, Seite 814
7) A. P. Distanzmontage", s. o., Seite 4 (301f.)
8) François Niney: Entretien avec Artavazd
Pelechian", s.o., Seite 36f.
9) A. P.: Distanzmontage", s.o., Seite 2 (299)
10) Viktor Djomin: Interview mit dem ...", s.o., Seite
815
11) François Niney: Entretien avec Artavazd
Pelechian", s.o., Seite 36
12) A. P.: Distanzmontage", s.o., Seite 3 (300)
13) ebd., Seite 4 (302)
14) François Niney: Entretien avec Artavazd
Pelechian", s.o., Seite 35
15) A. P.: Distanzmontage", s.o., Seite 5 (306)
16) ebd., Seite 7 (310)
17) ebd., Seite 8f. (313)
18) Viktor Djomin: Interview mit dem ...", s.o., Seite
815
19) A. P.: Distanzmontage", s.o., Seite 4 (303f.)
20) Christoph Settele: Filmkunst das ist vor allem Montage",
in: Cinema, 39. Jahrg., Nr.39: NonFiction", Basel 1993,
S.98
21) Viktor Djomin: Interview mit dem ...", s.o., Seite
814f.
22) ebd., Seite 815
23) François Niney: Pelechian ou la
réalité démontée" (P. oder die
demontierte Realität), in: Le Journal des Cahiers Nr.
93, Beilage zu: Cahiers du cinéma, Nr. 421/Juni 1989, Paris
1993, Seite XIII
24) UdSSR 1975, Regie: Artavazd Peleschjan
25) A. P.: Distanzmontage", s.o., Seite 2 (299)
26) ebd., Seite 3 (301)
(Vielen Dank an Tina Hillmann und Daniel Meiller für die
Übersetzungen aus dem Französischen.)
Filmographie (Originaltitel in Klammern; armenisch vor
russisch):
(nach Christoph Settele: Filmkunst das ist vor allem
Montage", s.o., und JeanFrançois Pigoullié
Pelechian le montagemouvement (P. die
MontageBewegung)" in: Cahiers du cinéma, Nr. 454,
s.o.)
1964 BERGWACHT (Gornyi patrul)
1966 DAS LAND DER MENSCHEN (Zemlja ljudej)
1967 DER BEGINN (Skish/Natschalo)
1968 IHRE HELDENTAT IST UNSTERBLICH (ich podwig bessmerten)
1968 DER TRAUM (Metschta)
1969 WIR (Menk/My) [A. P. gibt als Entstehungsjahr 1968 an;
s.2), S. 1 (296)]
1970 DIE BEWOHNER (Obitateli)
1975 DIE JAHRESZEITEN (Tarwa jewanakner)
1982/91 UNSER JAHRHUNDERT (Mer dar)
1993 ENDE ODER AUSWEG (Konec ili vychod)