Die Erscheinung, über die
ich sprechen will, erfordert ein gewisses Maß an
Veränderung, nicht nur der gewohnten Vorstellungen, sondern
auch der Möglichkeiten der Beschreibung. Hier wird die
Aufgabe besonders dadurch erschwert, daß wir für seine
Bestimmung schon bekannte Möglichkeiten der Beschreibung
benutzen müssen, die den gewohnten Vorstellungen
entsprechen.
Mein Film Wir"1) vertiefte sich in Gedanken und
wurde wie ein künstlerisches Bild. Künstlern ist es
normalerweise angenehm, diejenigen Filme, in welchen eine
(handelnde) Person gezeigt wird, künstlerische Filme zu
nennen. Aber das Verständnis des künstlerischen Films
ist bei weitem breiter und vielgestaltiger als das
Verständnis eines Spielfilms. Schon Tschernischewskij zeigte,
daß schön ein Gesicht zeichnen" und ein
schönes Gesicht zeichnen" zwei vollkommen verschiedene Dinge
sind. Genauso wie bei der Bewertung des Künstlerischen der
Darstellung von Objekten nicht nur Wer", Was",
Wen", sondern auch Wie" einbezogen wird.
In meinen Filmen ist keinerlei schauspielerische Arbeit zu sehen,
und in ihnen werden keine individuellen menschlichen Schicksale
gezeigt. Das alles ist ein Resultat bewußter Montage von
Dramaturgie und Regie. Der Film löste nach einem festgelegten
Prinzip den kompositorischen Aufbau im Bereich der TonBildMontage,
frei von verbalen Kommentaren.
Den Inhalt dieser Filme mit Worten wiederzugeben, ist fast
unmöglich. Sie bestehen auf der Leinwand, und sie müssen
angesehen werden. Aber da die Form eines beliebigen Werkes den
Inhalt ausdrückt, und die Einheit zwischen beiden immer
bedingt wird durch die Konsequenz der Weltanschauung des Autors,
versuche ich, jene Ideen und Absichten darzulegen, welche für
die Organisation dieser Bilder behilþich waren.
Schon bei der Betitelung des Filmes Wir" selbst
äußerte sich das Bewußtsein des Menschen, sich
selbst als Teilchen seiner Nation zu fühlen, seines Volkes,
der ganzen Menschheit. Ich spreche nicht nur über mein
eigenes verfasserisches Bewußtsein, sondern auch über
das Bewußtsein jener Menschen, denen der bestimmte Film
gewidmet ist. Diese Menschen - meine Zeitgenossen und
Landsmänner. Ich trachtete danach, ein verallgemeinertes
Montagebeispiel ihres Daseins auf ihrer Erde zu geben.
Es gibt hier natürlich bestimmte ähnliche Züge mit
meinen vorigen Arbeiten - den Kurzfilmen Das Land der
Menschen" und Der Beginn", wo ich genauso danach trachtete,
darstellende Menschen in sozialer und politischer
Verallgemeinerung zu vereinen, anfangs auf dem Material eines
Arbeitstages, nachher - auf dem Material revolutionärer
Geschichte. Aber neben der Ähnlichkeit gibt es auch
Unterschiede.
Als ich mit der Arbeit am Film Wir" begann, stellte ich mir
eine Reihe neuer Aufgaben, die die spezifische Qualität
dieser Filme bestimmten.
Wenn im Beginn" die Dramaturgie aus der Bewegung
menschlicher Ströme, Volkmassen, gebildet wurde, dann
versuchte ich in dieser Arbeit mehr die verschiedenen Menschen
zusammenfassend zu zeigen. Aber im gegebenen konkreten Fall
stellte ich mir nicht die Aufgabe, einzigartige
Individualität zu zeigen. Meine Aufgabe bestand wieder darin,
zwischen verschiedenen Menschen nicht soviel persönliches als
allgemeines zu zeigen, so daß die Charakteristik der
handelnden Person dem offensichtlich Typischen untergeordnet war,
daß sich im Bewußtsein des Zuschauers nicht das Bild
der einzelnen Person bildet, sondern das Bild des Volkes (der
Menschen). Ich trachtete danach, ein gewisses Kardiogramm der
Volksseele und des nationalen Charakters zu schaffen.
Ich entschied mich, die Geschichte des Volkes nicht durch das
Zeigen von Denkmälern des Vergangenen zu erzählen,
sondern mit der Hilfe der Beobachtung der Gegenwart, heutiger
Menschen. Ich trachtete danach, mich auf Ereignisse und
Situationen des realen Lebens zu stützen, wo höchst
prägnant die historischen Traditionen, Charakterzüge des
Äußeren und des Verhaltens meines Volkes gezeigt werden
und wahrnehmbar sind. Natürlich sollte diese ganze nationale
Konkretheit, übermittelt in der montierten Verallgemeinerung,
den ideegemäßen Inhalt des Films nicht [zum
Zweck] der schmeichlerischen Lobpreisung allen Heimatlichen
dienen, nicht [zu] den Gedanken über nationale
Exklusivität, sondern [zu] wahrem patriotischem
Gefühl und erhabenem staatsbürgerlichen Tönen. Ich
machte mir zur Aufgabe, in nationalen Leidenschaften und
Hoffnungen internationale, allgemein menschliche Werte zu
enthüllen, damit jene Qualitäten dargestellter Menschen
beim Zuschauer die Vorstellung von unausrottbarem
schöpferischem Willen hervorrufen, und ihn nötigen, die
Kraft und Schönheit menschlicher Liebe zu erleben.
Dies waren meine grundlegenden Aufgaben.
In welchem Maße gelang es mir, sie zu erfüllen? Bin ich
zufrieden mit den Ergebnissen meiner Arbeit? Es ist schwer, eine
eindeutige Antwort auf diese Fragen zu geben. Erstens verging seit
dem Moment des Abschlusses der Organisation schon einige Zeit.
Zweitens verkürzte sich der Film mehrmals und unterzog sich
[mehrmals] Änderungen. Ich kann behaupten, daß
es mir in der ersten Variante gelang, die Aufgaben, die ich
gestellt hatte, zu lösen. Es stellte sich heraus, daß
die TonBildMontage, der mündlichen Kommentare beraubt, sich
auch erfolgreich an Filme großen Umfangs anpassen kann.
Als die abendfüllende Fassung beendet war, mußte ich
eine Reihe kritischer Bemerkungen anhören.
Mir wurde beispielsweise gesagt, daß es für die
Übermittlung nationaler Besonderheiten gut gewesen wäre,
mehr malerische Bilddetails zu zeigen. Offensichtlich meinten sie
dabei solche Details wie die besondere Zubereitung von Schaschlik,
das NardySpiel in den Papachen [kaukasische Pelzmütze;
Anm. d. Übers.] u.s.w. Aber bei nüchterner
Betrachtung ist leicht zu entdecken, daß ähnliche
exotische Details meine Aufgaben nicht erfüllen, weil sie
eine oberþächliche, unwesentliche Erscheinungsform
nationaler Eigenart darstellen.
Man machte mir zum Vorwurf, daß ich die Aufmerksamkeit auf
armenischtürkisches Gemetzel übermäßig
akzentuiere. Was soll man hierauf antworten? Vor nicht allzu
langer Zeit erfuhr ich, daß eines der Mitglieder der Jury
des Festivals in Oberhausen bei den sowjetischen Kollegen fragte:
Was ist das für eine historische Episode, die in den
Archivbildern des Films Wir" gezeigt wird? Ihm wurde
erklärt, daß im Jahre 1915, als ganz Europa vom Krieg
erfaßt war, in Armenien ein Gemetzel stattfand, das
eineinhalb oder zwei Millionen Menschen ins Grab brachte, Er
wußte nichts von dieser Tatsache und war von den Zahlen ganz
überrascht: Habt Ihr Euch nicht getäuscht?
Können es zwanzigtausend sein? ... Zwei Millionen? Aber das
ist doch die Hälfte [von] Auschwitz!" Genau so! Wenn
ich daran erinnere, trachte ich nicht danach, das Gefühl des
Zuschauers auf genau diese Tatsache zu lenken. Ich will das Grauen
der imperialistischen Kriege unterstreichen, die Menschen eines
Volkes zwingen, Menschen eines anderen Volkes zu töten.
Das Archivmaterial, das im Film auftaucht, beinhaltet genauso
französische, wie deutsche und englische Kriegschronik. Genau
damit will ich den Gedanken von der Unzulässigkeit einer
beliebigen nationalen Feindschaft, eines beliebigen
Völkermordes ausdrücken. Das betrifft alle Völker,
nicht nur Armenier und Türken. Und wenn der Film über
die Rückkehr der Armenier in die Heimat zeigt, dann sprechen
diese Bilder genau dasselbe über alle. Sie sprechen über
die Unzulässigkeit von Weltkriegen, die die Menschen aus
ihrer Erde reißen, aus den Reihen ihrer Mitbürger. Und
gleichzeitig sprechen diese Bilder von erneuerten Nationen, vom
Entstehen zeitgenössischer Verwandschaft der nationalen
Seele, die sich im Verlauf sozialer Katastrophen und
revolutionärer Prozesse des zwanzigsten Jahrhunderts
entwickelte.
Bei der Auswahl des Materials für diesen Film war nicht der
tatsächliche Inhalt der Bilder wichtig, sondern sein
bildlicher Lautwert. Die Aufnahmen realer Fakten wurden durch
inszenierte Aufnahmen ergänzt, so daß in allen
entscheidenden Episoden Bilder von Massenveranstaltungen, die
durch die Regie gestaltet wurden, eingeschlossen sind.
So eine Episode ist Große Begräbnisse", wo meine
Aufgabe war, eine verallgemeinerte, zusammenfassende Darstellung
davon zu schaffen, wie das Volk der Trauer und dem ewigen Andenken
seiner eigenen Söhne, welche für das Volk ihr Leben
hingaben, Tribut zollt. Das bezieht sich auch auf die finale
Episode des Zusammentreffens der Repatriierten, wo es wichtig war,
jene brüderliche Wiedervereinigung auszudrücken. In
beiden Fällen bauten speziell dazu aufgenommene Bilder die
notwendige Genauigkeit des emotionalen und sinngemäßen
Lautwertes auf.
Um nicht die Einheit der Struktur zu zerstören, wurden die
RegieBilder" auf Dupmaterial kopiert. Es werden weniger
Archivbilder im Film verwendet, als es scheint.
Ich sagte schon, daß die Hauptbedingung bei der Auswahl des
Materials seine bildliche Note war, seine Ausdruckskraft und die
Fähigkeit, Verallgemeinerungen zu übermitteln. Als die
Montage beendet war, stellte sich heraus, daß im Film fast
keine Halbtotalen vorhanden sind und der ganze Film nur aus
Totalen und Großaufnahmen besteht. Ich denke, das ist nicht
zufällig. Eine Großaufnahme eines Objekts ist in der
Regel ausdrucksstärker als eine Halbtotale, wo das Objekt von
Milieudetails umgeben ist.
Viele meinen, daß Großaufnahmen nicht direkt mit
Totalen montiert werden können, daß man sie nur
getrennt durch eine Halbtotale zusammenkleben kann. Jedoch zeigt
sich dieses Gesetz als ein Mythos, eine ausgedachte Norm. Die
Möglichkeiten der Montage sind, nach meiner Überzeugung,
endlos. Wer kann bestreiten, daß es durchaus möglich
ist, eine Makroaufnahme eines menschlichen Auges mit der Totalen
einer Galaxis zu montieren?
Mir erscheint jene Ansicht ungenügend, daß die
Großaufnahme gleichsam vorbestimmt sei für die
nähere Betrachtung des einen oder anderen Details. Die
Funktion der Großaufnahme ist umfassender, sie ist
befähigt, einen gedanklichen Akzent, ein verallgemeinertes
Bild, welches letztendlich bis zu einer unendlichen Symbolik
wachsen kann, zu übermitteln. Sergej Eisenstein sprach vom
großen Unterschied zwischen den Begriffen Nah" und
Groß". Das Wort Nah" wird als physikalische
Bedingung des Sehens bestimmt. Das Wort Groß" wird als
die Bewertung eines sichtbaren Objekts bestimmt. Bei diesem
Vergleich tritt gleich plastisch die Hauptfunktion der
Großaufnahme in unserem Kinematographen hervor - nicht nur
und nicht in erster Linie zeigen und darstellen, vielmehr
bedeuten, bezeichnen, kennzeichen."2)
Eines der Hauptprobleme bei meiner Arbeit am Film war die Montage
von Bild und Ton. Ich strebte danach, ihre organische Einheit zu
finden, damit Bild und Ton gleichzeitig ein einheitliches Bild
ausdrücken, einen einheitlichen Gedanken und eine
einheitliche emotionale Empfindung. Damit der Ton nicht getrennt
sei vom Bild und das Bild nicht getrennt vom Ton! Ich ging davon
aus, daß die einzige Rechtfertigung des Tones im Film seine
gedankliche und seine bildhafte Funktion sein soll. Sogar bei
elementaren Geräuschen muß man die maximale
Ausdruckskraft finden, und sei es, daß, wenn nötig,
ihre Note zu transformieren ist. Aus genau diesem Grund gibt es in
meinen Filmen vorläufig keinen Synchronton und keinen
Sprecherkommentar. Die Hauptfunktion des Ausdrucks der Gedanken
wird genau so auf die Montage übertragen.
Wenn aber der Synchronton, mit dem Bild vereint, eine
Möglichkeit ergibt, die bildhafte Funktion zu verwirklichen,
dann kann und muß er in diesem Fall ausgenutzt werden. Genau
das bezieht sich sowohl auf den Dialog, als auch auf den
Sprechertext: nehmen wir an, sie sind unentbehrliche Elemente des
Bildes, aber keine Anhängsel daran.
Ich stelle mir meine Filme nicht ohne Musik vor. Wenn ich die
Drehbücher schreibe, dann muß man ganz von Anfang an
den musikalischen Bau des Films voraussehen, [ebenso] die
musikalischen Akzente und den emotionalen und rhythmischen
Charakter der Musik, welche vor allem eine Musik der Ideen ist,
ausgedrückt in der Einheit mit der Darstellung der
Bildbedeutung. Für mich ist sie genauso eine Musik der
Formen. Ich möchte sagen, daß die Form der
musikalischen Tönung in jedem Moment von der Form des Ganzen
abhängt, von seiner Komposition, von seiner Dauer.
Während des Arbeitsprozesses am Film auftretende
Änderungen oder Kürzungen irgendeiner Episode stellten
mich vor die Aufgabe, andere Änderungen durchzuführen,
das Ganze umzubauen. Diese Frage möchte ich
ausführlicher behandlen.
Wenn ich das eine oder andere Stück des Materials
ausklammerte, fiel es mir zu, es zu ersetzen. Dies erforderte
nicht nur thematische Überlegungen. Es gibt ein einziges
Gesetz, wonach sich die Dauer des gesamten Films der Dauer jedes
seiner Teile unterordnet. Bei diesem Verhältnis ist der Film
fast einem musikalischen Werk gleichartig. Ich ersetzte das
ausgeklammerte Materials durch anderes Material nicht deswegen,
weil ich es für nötig befand, an dieser Stelle eine
bestimmte Tatsache zu zeigen. Mir war es bei weitem wichtiger, das
Thema nicht zu verlieren, welches an der gegebenen Stelle, in der
gegebenen Ausdehnung erklingt. Beim Ausschluß des
Stückes wurden die Proportionen des Films verletzt, wurde der
Kompositionszeitraum verletzt. Um den Kompositionszeitraum zu
retten, mußte ich manchmal neutrales Material ins Bild
einsetzen, sei es auch in bildhafter Beziehung minderwertig
gewesen.
Das alles hängt auch von der Arbeit mit der Tonspur ab. Hier
wirken die Gesetze des Kompositionszeitraums genauso streng.
Für jedes Tonelement muß eine genaue Dosis" der
Dauer und der Stärke der Tönung ausfindig gemacht
werden, muß eine genaue Balance der Tonbewegung hergestellt
werden.
Seit jener Zeit, als der Kinematograph tönend wurde, wurden
viele verschiedene Definitionen der Rolle des Tones im Film
gefunden. Der Ton (einschließlich der Musik) kann als Teil
der Sujetdarstellung, als Illustration, als Begleitung, als Mittel
zur Schaffung einer Stimmung, und schließlich als ein
Element des Kontrapunktes betrachtet werden.
In meiner Praxis verstand ich immer mehr, daß mich keine
dieser Definitionen vollkommen zufriedenstellt, da ich danach
strebte, daß die TonBildVerbindung nicht der physikalischen
Mischung der Elemente ähnelt, sondern ihrer chemischen
Verbindung. Und plötzlich entdecke ich, daß sich die
sinnhafte Bedeutung und die Ausdruckskraft der TonBildVerbildung,
wie gewollt, erhöht, wenn ich nicht nur die Tonspur, sondern
auch die Darstellung so montiere, daß ich diese Gesetze und
Methoden der Montage verletze, denen ich früher zu folgen
trachtete.
Dieser Verletzung" wollte ich die größte
Aufmerksamkeit in der vorliegenden Arbeit widmen.
* * *
Lange schon ist einer der prinzipiellen Leitsätze bekannt,
welche S. Eisenstein aussprach: Ein Bild, das bei der Montage mit
einem anderen Bild zusammentrifft, schafft eine Idee, eine
Behauptung, eine Folgerung. Dabei richten die Montagetheorien der
zwanziger Jahre das Hauptaugenmerk auf die Beziehung zwischen
Nachbarbildern. S. Eisenstein nannte das
Montagenaht"3), D. Wertow nannte es
Intervall"4).
Von der Erfahrung meiner Arbeit am Film "Wir" ausgehend,
überzeugte ich mich, daß das Hauptwesen und der
Hauptakzent der Montagearbeit für mich nicht im
Zusammenkleben von Bildern besteht, sondern in ihrer Trennung,
nicht in ihrer Kopplung", sondern in ihrer
Entkopplung".
Es zeigte sich, das das Interessanteste - sowohl in praktischer,
als auch in theoretischer Beziehung - für mich nicht dann
beginnt, wenn ich zwei Montagestücke vereinige, sondern wenn
ich sie teile, und zwischen ihnen ein drittes, fünftes,
zehntes Stück hineinsetze.
Wenn man zwei Leitbilder hat, die wichtige Sinnladung tragen,
strebe ich nicht danach, sie einander näherzubringen, sie
zusammenzuführen, sondern zwischen ihnen eine Distanz zu
schaffen.
Den Sinn der Idee(n), welchen ich ausdrücken möchte,
wird am allerbesten nicht an der Naht zweier Bilder erreicht,
sondern in ihrer Wechselwirkung durch die Menge der Bestandteile
[hindurch].
Dabei läßt sich ein bei weitem stärkerer und
tieferer Ausdruck des Sinnes erreichen als bei unmittelbarem
Zusammenkleben. Der Umfang der Ausdruckskraft wird erhöht und
in kolossalen Stufen steigt die Kapazität der Information,
die fähig ist, den Film zu tragen.
Diese Montage nenne ich Distanzmontage.
Hier soll ich die Mechanik" der Distanzmontage am Material
meiner Filme erkären. Die Mechanik" wird voll und ganz
durch die Aufgaben bestimmt: jene Gedanken auszudrücken, die
mich bewegen, die philosophische Position, an die ich halte, bis
zum Zuschauer zu bringen.
Im Film Wir" erscheint das erste Leitbild
[Stützelement] der Distanzmontage ganz am Anfang. Der
Film beginnt mit einer Pause, nach der ein Bild folgt: das Gesicht
eines kleinen Mädchens. Die bildhafte Bedeutung dieses Bildes
ist für den Zuschauer noch nicht klar, ihm wird nur ein
Gefühl der Nachdenklichkeit und Unruhe übermittelt. Hier
fängt jedoch die Musik an, darauf entsteht eine Pause der
Abblende. Das zweite Mal taucht das Gesicht des kleinen
Mädchens nach 500 Metern Film auf, vereint mit demselben
symphonischen Akkord. Am Ende des Films, in der Episode der
Repatriierung, wird dieses Leitelement der Montage ein drittes Mal
einbezogen, aber nur im Ton: der symphonische Akkord wird bei
einem Bild wiederholt, in dem Menschen auf einen Balkon treten. In
dieser Struktur ist am leichtesten eine elementare Verdoppelung zu
sehen. Aber die Funktion dieser Montageelemente kommt nicht aufs
gleiche hinaus wie eine Verdoppelung. Es ist wie das Gesicht des
Volkes, das seine Vergangenheit betrachtet.
Beispielsweise in meinem ersten Film Bergwacht
[Berpatrouille]"5), der von selbstlosen
Menschen erzählt, die die ungehinderte Fahrt der Züge in
den Bergtälern Armeniens gewährleisten, worin ich auch
die Methode der Bildverdoppelung verwendete. Der Film beginnt und
endet mit denselben Bildern, die ArbeiterKletterer darstellen, die
mit Laternen vor dem dunklen Hintergrund des Himmels gehen.
Zwischen diesen Bildern ist genauso ein Abstand. Aber dieser
Abstand (wie die Gleichheit der Bilder) ruft im vorliegenden Film
keinen Distanz" Eindruck hervor, führt aber genau zur
Verdoppelung, zur Rückkehr zur allerersten Stimmung, was zu
einem lyrischen Abschluß des Filmes verhilft.
Genau dieses Verfahren wurde auch im Film Das Land der
Menschen"6) angewendet, der im ganzen auf einer
prinzipiell anderen Methode der Montage aufgebaut ist - auf der
assoziativen Kollision der Bilder, welche durch ein einheitliches
Thema verbunden sind. Dies ist das Thema der beständigen
Entdeckung der Schönheit der Erde, die der Mensch in seinem
Leben und durch sein Arbeit vollbringt; sie entwickelte sich
anhand des Materials einer großen Stadt, gezeigt mittels
eines Arbeitstages.
Dieser Film beginnt und endet mit der Darstellung der sich
umwendenden Skulptur Rodins Der Denker" - einer Skulptur,
allen bekannt und vor langem zum Symbol des ewigen Ausdrucks
menschlicher Gedanken geworden.
Auch ohne die Funktion der Verdoppelung, die dem Film die
poetische Vollendung verleiht, kann hier - in der Potenz - die
Funktion des Einþusses der Distanz festgestellt werden. Am
Ende des Films bekommt die Rodinfigur einen qualitativ anderen
Sinn, als am Anfang; die Schlußszene leitet praktisch einen
neuen Zyklus von Gedanken ein, der auf seine Fortsetzung schon
außerhalb der Grenzen des Films wartet.
Im Film Wir" handelt es sich um sich wiederholende
Montageelemente, die durchaus über den Rahmen der Funktionen
hinausgehen, in welchen sie in den Filmen Bergwacht" und
Das Land der Menschen" auftraten. Im Film Wir"
bewerkstelligen sie vollkommen die Aufgabe der Unterstützung
der Gesamtkonstruktion des Einþusses der Distanz.
Das Bild, das an entsprechender Stelle gezeigt wird, vermittelt
seine ganze Sinnfolgerung erst nach einer Weile, worauf im
Bewußtsein des Zuschauers sich eine Montageverbindung nicht
nur zwischen den sich wiederholenden Elementen selbst
herausbildet, sondern auch zwischen jenen, die sie in jedem Fall
umgeben.
So geben die grundlegenden Leitelemente nur den höchst
verdichteten Ausdruck des Themas, aber dabei helfen sie, über
Entfernungen verbunden, der Sinnentwicklung und evolutionierung
sogar jener Bilder und Episoden, mit welchen sie keine direkte
Verbindung hatten.
Jedes Mal erscheinen diese Elemente in verschiedenem Kontext, in
verschiedener Sinnkonkretheit. Und das allerwichtigste - das ist
die Montage der Kontexte.
Wenn wir die Kontexte ersetzen, erreichen wir eine Vertiefung und
Ausweitung des Themas. Und wenn beim Finale des Films Wir"
der symphonische Akkord wieder erklingt, wird uns der Sinn der
Darstellung des kleinen Mädchens am Filmbeginn klar.
In dieser dreifachen Wiederholung (kleines Mädchen am Anfang
- kleines Mädchen in der Mitte - Menschen auf dem Balkon im
Finale) sehen wir die Hauptsätze der Distanzmontage.
Im Film Wir" gibt es auch andere Leitelemente, in Bild und
Ton vorhanden. Sie zeigen sich, - eines nach dem anderen - in der
ersten Hälfte des Films. Ich zähle sie auf: das sind
Seufzer, das Tönen des Chores, Großaufnahmen von
Händen, ein Bild von Bergen. Danach verzweigen sich diese
Elemente gleichsam, gewisse Teile der Bilder und der Tonspur
vermischen sich zu anderen Anteilen, Ausmaßen, Zeitspannen
der Handlung. Oft greifen sie auf andere Episoden über,
während sie mit anderen Elementen und Situationen
zusammenstoßen. Aber wie nur das Bild des kleinen
Mädchens nochmalig auftaucht, gruppieren sich alle diese
geteilten Elemente um, und, als ob sie eine neue Aufgabe bekommen
hätten, gehen sie zu einer neuen Reihenfolge über, zu
einer veränderten Form, für die Erfüllung neuer
Funktionen.
Anfangs beginnt der Chor, danach - Seufzer (die sich in einen
Schrei verändern), nach diesem - Hände, und am
Schluß - Berge.
Noch einmal betone ich: die Distanzmontage kann sowohl auf
darstellende Elemente, als auch auf Tonelemente aufgebaut werden,
und auf beliebigen Verbindungen der Bilder und des Tones. Wenn ich
einen Film genau nach diesen Verbindungen der Elemente
organisiere, strebe ich danach, daß sie zu Analogien des
lebenden Organismus werden, welcher ein System komplizierter
innerer Verbindungen und Wechselwirkungen besitzt.
Es ist leicht zu bemerken, daß im Film Wir" der erste
und dritte Teil am gelungensten sind. Sie sind namentlich deswegen
gelungen, weil in ihnen in allergroßten Stufen der
Einþuß der Distanzmontage erhalten ist. Im zweiten
Teil wurden als Resultat der Kürzungen und Ersetzungen die
Prinzipien der Distanzmontage nicht ausgeführt. Daher
rührt die Schwäche des zweiten Teils, die für die
Schwäche des ganzen Films verantwortlich ist.
Meines Erachtens wurde dies zur Ursache der erwähnten
Bemerkungen, welche nicht auf die tatsächlich in diesem Film
vorkommenden Mängel gemacht wurden, sondern auf jene, die es
in ihm nicht gibt.
Als das System der Distanzmontage gefunden wurde, war es deshalb
schon in ihm nicht möglich, besondere Veränderungen
hineinzubringen, beliebig das eine oder andere Element
auszuschließen. Dieses System muß entweder in ganzen
angenommen oder abgelehnt werden.
In der Wechselwirkung der Elemente über die Entfernung, von
welcher ich spreche, können Analogien zu den
Kompositionsformen der Dichtung und Musik gefunden werden. Aber
diese Analogien sind äußerlich, haben
hauptsächlich einen beschreibenden Charakter. Die
Funktionalität ist hier insofern verschieden, [als]
daß die Betrachtung dieser Analogien spezieller
Aufmerksamkeit und ausführlicher, konkreter Analyse
bedarf.
Ich verweile noch bei einer essentiellen Eigenschaft der
Distanzmontage. Im System der Distanzverbindugnen wird nicht nur
die Sinnote dieser oder jener Bilder moduliert, sondern es
verändern sich gleichsam auch die gewohnten Bezeichnungen der
Einstellungsgrößen (total, halbtotal, groß), was
eine Korrektur erfordert. Beispielsweise bekommt die
Schlußtotale des Films "Wir" - Menschen, die auf Balkonen
eines großen Hauses stehen, infolge der Distanzverbindungen
die Funktion und die Note einer der stärksten
Großaufnahmen. Genau dasselbe trifft auch auf die Episoden
Große Begräbnisse" und Repatriierung" zu,
welche die bewertenden Bedeutung der Großaufnahmen
übernehmen, auch wenn beide Episoden fast vollkommen aus
einer Summe von Totalen bestehen.
Die traditionelle Bezeichnung der Einstellungen - groß,
halbtotal, total - gewinnt den Charakter von Bedingtheit und
Unbeständigkeit. Jede beliebige der drei kann jedes Mal
tatsächlich den Titel der Größe" erhalten,
in Abhängigkeit von ihrer Aufgabe und Last, welche ihr die
Distanzmethode auferlegt. Im Resultat kann die Distanzmontage,
wenn sie die Stellung ihres Einþusses verändert, sowohl
zur Dominanz einer Einstellungsgröße über die
andere, als auch zu ihrer allgemeinen Ausgeglichenheit
führen.
Die Hauptunterscheidungseigenheit der Distanzmontage besteht
darin, daß die Montageverbindung auf eine Entfernung nicht
nur zwischen abgetrennten Elementen selbst (ein Punkt mit einem
Punkt) eintritt, sondern, was wichtiger ist, zwischen den ganzen
Gesamtheiten der Elemente (ein Punkt mit einer Gruppe, eine Gruppe
mit einer Gruppe, ein Bild mit einer Episode, eine Episode mit
einer Episode). Dabei ereignet sich eine Wechselwirkung zwischen
einem Prozeß und einem anderen, der ihm gegenüber
liegt. Das bezeichne ich unter Vorbehalt als Blockprinzip
der Distanzmontage.
Im Film Wir" erfüllt die Anfangsepisode
Große Begräbnisse", welche aus verschiedenen
Methoden der Montage aufgebaut ist, darunter auch die der Distanz
[montage], im ganzen eine neue Funktion - die Funktion des
Distanzeinþusses.
Diese Block" Funktion bemerken wir erst, als im letzten Teil
des Films die Episode Repatriierung" eingefügt
wird.
Wenn ich den Distanzeinþuß beginne, klären diese
Episoden Blöcke" einerseits die Konkretheit ihres
Themas auf, aber andererseits - verleiht die Distanz diesem Thema
den Charakter der Unvollendetheit, wenn jede Episode wie mit einem
Fragezeichen an ihren Plätzen" endet.
Während wir auf der Leinwand die Episode der Begräbnisse
sehen, so sehen wir in ihr einen autonomen Sinn konkreter
Begräbnisse, und nehmen die Darstellung des Volkes in einer
bestimmten Lebenssituation wahr.
Auch die Schlußepisode der Repatriierung hat ihren eigenen
autonomen Sinn, wo wir die konkrete Tatsache der Heimkehr von
Menschen sehen, und parallel dazu eine Darstellung von Einigkeit
der Menschen mit der Natur wahrnehmen.
Aber infolge dessen, daß diese zwei Blöcke",
geteilt in bekannte Sujetabstände, mit Hilfe ein und
derselben thematischen Elemente entstanden (zum einen -
Großaufnahmen von Händen, welche einen Sarg tragen, und
die Darstellung [ab] stürzenden Berge; zum anderen -
Arme, welche sich in Umarmungen umfassen, und Berge, welche hier
nicht stürzen, sondern sich in die Höhe heben), so geht
die Wechselwirkung auf die Entfernung nicht mehr nur zwischen
diesen Elementen, sondern auch - mit ihrer Hilfe - zwischen den
ganzen Episoden, den Blöcken".
Im Endergebnis sehen wir, wie diese Episoden versuchen, sich von
den Grenzen der autonomen tatsächlichen Themen
loszureißen" und infolge dieser Einwirkung ändert
die Blockmontage ihre Individualität, und während sie
einen neuen Gedanken bildet, gibt sie jeder einzelnen Episode
gleichzeitig eine neue Färbung, ein neues Verständnis,
eine neue Tönung: im ersten Fall - Verlust, Tod, im zweiten -
Gewinn, Leben.
Diese Methode der Blockmontage wurde genauso im Film Die
Bewohner"7) eingesetzt, und schon früher - im Film
Der Beginn"8).
In der Grundlage des Films Die Bewohner" ist die Idee der
humanen Beziehung zur Natur und zur Tierwelt festgelegt. Das
Problem der ökologischen Umgebung des Menschen, der Schutz
der natürlichen Umwelt wird momentan immer mehr aktuell.
Der Film Der Beginn" ist einem großen
revolutionären Prozeß einer sozialen Veränderung
der Erde gewidmet. Dieser Film basiert auf der Kohäsion
vieler archivhistorischer Filmdokumente. Hier wurde die
Blockmethode der Einwirkung in anderen Kombinationen der Elemente
benutzt.
Der erste tragenden Abschnitt seiner Montage - das ist eine Gruppe
von Bilder: ein Schwung von Lenins Händen, das Erscheinen des
Titels Der Beginn" und die Darstellung laufender Menschen
aus der Zeit der Oktoberrevolution. Der zweite
Trägerabschnitt - das ist die Schlußepisode, wo aufs
neue der Titel Der Beginn" auftaucht, aber jetzt vor dem
Hintergrund einer großen Menge von laufenden Menschen, eine
Darstellung, die aus zeitgenössischer Chronik des sozialen
Kampfs in verschiedenen Ländern der Erde entnommen wurde.
Ich bleibe nicht speziell bei anderen tragenden Elementen der
Montage stehen, weder bei den Ton [elementen], noch bei
den darstellenden (Musik, Schußgeräusche, die
Darstellung der Hände, Bilder von Hammerschmieden
u.s.w.).
Dank der Wechselwirkung über die Entfernung dieser zwei
tragenden Blöcke [hinweg] befinden sich alle
einzelnen Themen, fern voneinander, in kompositioneller
Koordination verschiedener Art, und zur gleichen Zeit entfalten
sie sich zum vollendeten Ganzen, welches nicht nur die Empfindung
tiefer Verbindungen von Vergangenem und Gegenwärtigem,
sondern auch die Idee einer Verbindung des Gegenwärtigen mit
dem Zukünftigen trägt, welche der Bewegung der
grundlegenden Gedanken über dialektische Kontinuität und
Ewigkeit der gesellschaftlichen Entwicklung Rauminhalt und
Vielschichtigkeit verleiht.
So werden verschiedene Themen, übertragen auf
verschiedene Enden" dieser Filme, dank der
Blockwechselwirkung zu entgegengesetzten Grenzen ein und desselben
Prozesses.
Wenn ich im Film Der Beginn" die schrittweise Entwicklung
des Lebensprozesse von der Ursache bis zum Schluß darstelle,
dann zeigt sich im Film Wir" der umgekehrte Weg - von den
Folgen zu den Ursache. Anfangs zeige ich eine Erscheinung, und
danach mache ich die Quelle dieser Erscheinung ausfindig, ihre
historische Erklärung.
Wie wir sehen, wird im Film Der Beginn" das Historische zum
Gegenwärtigen, aber im Film "Wir" wird das Gegenwärtige
zum Historischen.
Die Möglichkeit dieser neuen Sinngebung des Materials gab mir
gerade die Distanzmontage.
* * *
Um sich die allgemeinen
Prinzipien der Distanzmontage noch anschaulicher vorstellen zu
könne, gebe ich folgende Schemata an.
Wenn man die Montageverbindungen von der Nahtstelle oder vom
Intervall zwischen benachbarten Bildern aus betrachtet, und man
sie so bezeichnet:
- dann sehen vom Standpunkt der
Distanzmontage der Verbindungen zwischen den Bilder (oder
Blöcken") vollkommen anders aus:
Dieses Schema vereinfacht das
tatsächliche Bild sehr stark, da die DistanzWechselwirkung
zwischen Bildern und Blöcken" über verschiedene
Abstände hinweg stattfindet, durch die Menge der
Zwischenglieder [hindurch], anhand so vieler verwickelter
und gewundener Wege, daß es unmöglich ist,
unverzüglich eine Projektion der allgemeinen Form ihrer
Gesamtbewegung zu geben. Aber hier besteht keine Notwendigkeit
danach.
Ich sage das Wichtigste: die Distanzmontage verleiht der
Struktur des Films nicht die Form einer gewohnten
MontageKette", und erst recht nicht die Form der Gesamtheit
verschiedener Ketten", sondern schafft im Endergebnis eine
sich kreisförmig oder, genauer gesagt, kugelförmig
drehende Konfiguration. Die tragenden Bilder oder Abschnitte, die sich als aktivste
Keimzellen" der Distanzmontage erweisern, wirken nicht nur
in einer geraden Linie mit anderen Elementen zusammen, sondern
erfüllen sozusagen auch eine Kernfunktion", eine
vektorengestützte beiderseitige Verbindung mit einem
beliebigen Punkt, mit einem beliebigen Abschnitt des Films.
Genauso lösen sie zwischen allen koordinierten Gliedern eine
beiderseitige Kettenreaktion" aus; einerseits eine
absteigende, andererseits - eine aufsteigende.
Die tragenden Abschnitte, die durch diese Linien verbunden sind,
bilden von zwei Seiten her große Kreise, gleichzeitig ziehen
sie alle verbliebenen Elemente in entsprechender Drehung mit sich
fort. Sie drehen sich gleichermaßen in gegenläufigen
zentrifugalen Richtungen ineinander.
Jedes Mal, an einem beliebigen Platz, in einem beliebigen
Zeitabschnitt des Films ändern sie ständig ihre Lage und
ihre Konturen, was der Einwirkung des Films einen eigenartigen
Effekt des Pulsierens oder des Atmens gibt.
Bei der Distanzmontage findet die Wechselwirkung zwischen allen
Montageelementen so schnell, augenblicklich statt, praktisch
gleichzeitig, daß die Größe der Geschwindigkeit
sich außerhalb der Abhängigkeit der Größe
des Abstands zwischen ihnen befindet.
Wenn die Methode, die auf der Grenze nebeneinanderstehnder Bilder
basiert, grundsätzlich gesehen, Zwischenabstände
schaffen würde, Intervalle", dann hakt die
Distanzmontage, welche Bilder über eine Entfernung hinweg
zusammenkuppelt, sie so fest zusammen, daß diese Entfernung
aufgehoben wird.
Die Distanzmontage - das ist kein Bestand fertiger autonomer
Methoden, welche man beliebig verwenden kann.
Sie ist eine Ausdrucksmethode des Gedankens von Autor und
Regisseur, und man kann sie nur so verwenden, wie es jedes Mal der
entsprechende Gedanke, die entsprechende Idee erfordert.
Es ist beizeiten notwendig, wenn man von einer konkreten
Ideenaufgabe ausgeht, zu bestimmen und zu wissen, welche Elemente
in die Wechselwirkung auf die Entfernung eintreten können und
sollen, [sowie] ihre thematische Zusammensetzung zu
kennen. Es ist beizeiten nötig, alle Wege ihrer Abfolge,
Möglichkeiten der Entwicklung, Form und
Trajektorie9) komplizierter Bewegungen, Wechsel aller
möglichen Winkel und Koordinaten, welche sie in jedem
Zeitraum schaffen, beginnend beim Punkt ihrer Abfahrt" und
endend beim Punkt ihrer Ankunft", zu programmieren.
Mit einem Wort, es ist notwendig, alles von allem Anfang an zu
klären, damit alle Prozesse komplett kontrolliert werden
können und der Weg der Wahrnehmung des Films gesichert
ist.
Die Beschaffenheit und Besonderheit der Distanzmontage, welche
sich hier herausstellten, verlassen ihre Wurzeln derart
vollständig, daß sie erzwingen, von neuem über das
Wesen des Kinematographen und über die Grundgesetze der
Kinokunst nachzudenken.
Zum Beispiel: die Methode der Distanzmontage baut nicht auf der
pausenlosen Wechselwirkung zwischen Tonspur und Darstellung auf,
sondern auf der stetigen Wechselwirkung zwischen
Dystrophie"10) Prozessen, wenn einerseits die
Darstellung von der Tonspur aufgelöst wird und andererseits -
die Tonspur von der Darstellung.
Das Abbild dieser Prozesse kann anhand einiger Anzeichen auch auf
der Leinwand entdeckt werden, mögen sie dort auch schwierig
wahrzunehmen sein.
Mit Aufmerksamkeit wird klar, daß die Darstellung, welche
über die Leinwand läuft, infolge dessen, daß sie
ein Details nach dem anderen enthüllt, nicht in ihrem Ganzen
vorher Details faßt (wie dies den räumlichen Arten der
Kunst zueigen ist), sondern, umgekehrt, durch das Sehen
wahrgenommen, gewinnt sie die Umrisse des Ganzen stufenweise, aus
den Einzelheiten, die eine auf die andere folgen und zusammen
unter verbindlicher Beteiligung des Gedächtnisses in
unserem Bewußtsein verbunden sind. Aber das ist, wie wir
wissen, charakteristisch für zeitbedingte Arten der
Kunst.
Es ergibt sich gewissermaßen die Sicht der allgemeinen
Umrisse der Architektur nicht als Ganzes, sondern Detail auf
Detail, von welchen eines auf das andere folgt und welche sich
nicht mit Hilfe des Sehens zu einem Ganzen ergeben, sondern - das
ist das Wichtigste - mit der Hilfe des Gedächtnisses: nicht
im Raum, sondern in der Zeit.
Das Fließen in der Zeit schafft eine Unbeständigkeit
der räumlichen Formen und auf der anderen Seite gibt die
räumliche Dynamik den zeitlichen Formen eine
Unbeständigkeit.
Und daher zeigt sich auf der Leinwand, daß ich
höre" - ein unbeständiger Zustand des Sehens ist, und
ich sehe" - ein unbeständiger Zustand des
Hörens.
So geben ähnliche Zustände verschiedener Komponenten des
Films, die sich, gesondert genommen, nicht auf ihren
Territorien" befinden und ihrer Beständigkeit beraubt
sind, eine zusätzliche Bestätigung dafür, daß
auf der Leinwand keine direkte Wechselwirkung zwischen
verschiedenen räumlichen und zeitlichen Komponenten
stattfindet, sondern genau die Wechselwirkung zwischen den
gegenseitigen und unbeständigen Prozessen: wo einerseits die
Darstellung im Zustand einer umgewandelten Tonspur funktioniert,
und andereseits die Umkehrung diese Prozesse funktioniert - die
Tonspur im Zustand einer umgewandelten Darstellung.
Kehren wir zurück zu den tragenden Elementen der
Distanzmontage im Film Wir". Wenn auf der Leinwand das erste
Mal die Großaufnahme des kleinen Mädchens in Begleitung
des symphonischen Akkords auftaucht, so dominiert bei der
Wahrnehmung dieses Stückes die Darstellung, und nicht der
Ton. In der Mitte des Films wird genau dieses Ton/Bildelement
anders aufgefaßt: Ton und Darstellung wirken mit identischen
Kräften, praktisch einander ausgleichend. Am Ende des Films,
wenn genau dieser symphonische Akkord sich auf die Totale der
Menschen legt, welche sich auf einem Balkon zeigen, fällt die
grundlegende Sinn und Emotionslast auf die uns schon bekannte
Musik: hier dominiert der Ton über die Darstellung. Am Anfang
wird der Ton durch die Darstellung gleichsam erschlossen",
in der Mitte befinden sich beide im Stadium des Gleichgewichts, am
Schluß wird die Darstellung vom Ton erschlossen".
Wenn sich bei der Distanzmontage die Elemente räumlicher und
zeitlicher Kunst einerseits im unbeständigen Prozeß der
Auþösung befinden, aber andererseits sich niemals
vermischen, sondern unverändert auf Abstand bleiben, so kann
bemerkt werden, daß das Werk der Kinokunst dabei nicht mehr
auf Kosten der Synthese aus räumlichen und zeitlichen
Künsten entsteht wie diese, sondern sich auf Kosten dieser
Grundlagen bildet, auf welchen diese Künste im einzelnen
selbst entstehen.
Mit anderen Worten, der Kinematograph, der auf dem Distanzprinzip
basiert, trinkt das Wasser" nicht mehr von der Literatur,
der Musik, der Malerei, sondern trinkt" aus jener Umgebung,
woher die Literatur, die Musik und die Malerei selbst ihr
Wasser trinken".
Das System der Distanzmontage streicht weder, noch verneint es die
schon bekannten Montageverfahren, die insbesondere von S.
Eisensein und D. Wertow beschrieben wurden, sondern erhält
sie. Bei der Distanzmontage verändert sich nur der
Aktionsradius" dieser Methoden und ihrer Funktionen.
Ich bin davon überzeugt, daß der Kinematograph, der in
sich die Prinzipien der Distanzmontage einschließt, neue
Möglichkeiten der Entfaltung der allertiefsten Verbindungen
zwischen den Ereignissen der uns umgebenden Welt beinhaltet. Er
ist umfassender fähig, beliebige Formen der Bewegung an den
Tag zu bringen: von den niedrigsten und elementarsten bis zu den
höchsten und kompliziertesten. Er ist fähig,
gleichzeitig die Sprachen der Kunst, der Philosophie und der
Wissenschaft zu sprechen.
Aus: Woprosy Kinoiskusstwa", Heft 15, Moskau 1974)
Übersetzung: Walter und Rudi Zieglmeier, im März
1998
Quellenverzeichnis: 1) Eine Produktion der Kinovereinigung Eriwan" des
armenischen Fernsehens, 1968
2) S. M. Eisenstein: Eine Werkauswahl in sechs Bänden, Bd. 5,
In: Kunst", Moskau 1968, S. 166
3) S. M. Eisenstein: s.o., Bd. 3, a.a.O., S. 322 323, 384
4) Dsiga Wertow: Aufsätze. Tagebücher. Ideen. In
Kunst", Moskau 1966, S. 48
5) Eine Produktion des Studios dokumentarischchronistischer Filme,
Eriwan, 1964
6) Eine Produktion des Lehrstudios der WGIK, Moskau, 1966
7) Eine Produktion der BelarusFilm", Minsk, 1970
8) Eine Produktion des Kinolehrstudios der WGIK, Moskau, 1967
9) s. Meyers Konversationslexikon, Leipzig und Wien, 1897:
[...] In der Mechanik ist die T. die Bahn eines
unter dem Einþuß einer Kraft sich bewegenden Punktes,
z.B. die Bahn eines schräg in die Höhe geworfenen
Körpers (Wurþinie)."
10) s. Meyers Konversationslexikon, a.a.O.: (griech.:
Ernährungsmangel) Verminderung der Masse des
ganzen Organismus oder einzelner Teile desselben
[...]."
(Auslassungen und Hinzufügungen wurden mit eckigen Klammern
gekennzeichnet. Übersetzung: Walter und Rudi Zieglmeier, im
März 1998.)