Textauszug aus:
Filmschnitt und Schneidetisch. Eine Zeitreise durch die Klassische Montagetechnologie.
von Eberhard Nuffer
 
In einer Szene des Woody-Allen-Films Verbrechen und andere Kleinigkeiten bemüht sich ein Dokumentarfilmer (Allen selbst), seinem Schwarm, einer Produktionsleiterin (Mia Farrow), nahezukommen. Diese Szene ist in einem Film-Schneideraum angesiedelt. Der Filmemacher bemüht sich, eine romantische Atmosphäre zu kreieren, indem er ein Gläschen Champagner kredenzt, chinesisches Essen bestellt und die Frau einlädt, mit ihm eine 16mm-Kopie von Singin' in the Rain auf seinem Steenbeck-Schneidetisch anzusehen.

Dem derzeitigen technischen Standard entsprechend, könnte diese Szene auch an einem Videoschnittplatz oder einem digitalen Schnittsystem spielen. Aber - Hand aufs Herz: Wer könnte schon, vor einem Computermonitor sitzend und mosaikartig abstrahierte Bilder sehend, auf romantische Gedanken kommen? Wer würde eine E-Mail einem handgeschriebenen, parfümierten Liebesbrief vorziehen?

Dem Ambiente eines Filmschneideraums haftet etwas Sinnliches und Gemütliches an: Die im abgedunkelten Raum nur schemenhaft erkennbaren, rundum auf Regalen aufgetürmten Filmbüchsen, das gedämpfte Licht der Arbeitslampe, das gleichmäßige Laufgeräusch des Schneidetischs, die auf der Mattscheibe leuchtenden Bilder und nicht zuletzt die Greifbarkeit des Filmmaterials selbst schaffen eine ganz besondere Atmosphäre. Nirgendwo ist der Mensch dem „Stoff, aus dem die Träume sind" so nah, wie am Schneidetisch: Bei der Aufnahme ist der Film ein unsichtbares Etwas, verborgen im Inneren einer metallenen Kamera-Kassette; im Kino sind Film und Zuschauer durch die Wand des Vorführraums räumlich voneinander getrennt. Nur im Schneideraum „materialisiert" sich dieser „Stoff", läßt sich sowohl durch schnellen Ablauf zur bewegten Bilderfolge verschmelzen wie auch in all seinen Einzelbildern betrachten und berühren.

Filmmaterial ist teuer, verletzlich und muß mit großer Sorgfalt behandelt werden; das „Sinnliche" des Filmschnitts findet seinen Niederschlag in den Mitteln der Behandlung: Filmmaterial wird mit Handschuhen bearbeitet und auf samtumwickelten Bobbies aufgerollt. Dies ist kein spleeniger „Ehrenkodex" einer Cutter-Vereinigung, sondern hat ganz praktische Gründe: Jede Schramme, jeder Filmriß, jede unnötige Klebestelle in der Arbeitskopie stellt ein Irritationsmoment dar und erschwert die Beurteilung der Arbeit; jedes Einzelbild, jede zunächst für „unbrauchbar" gehaltene Einstellung muß sorgsam archiviert werden, da ein Nachkopieren meist schon wegen des hohen finanziellen und arbeitstechnischen Aufwands nicht in Betracht kommt. Beschädigungen oder Bildverluste von Umkehr-Originalen lassen sich sogar nie wieder gutmachen. Fast schon liebevoll ist oft die Behandlung, die Schnittmeister, Schnittmeisterinnen und Assistenten dem Filmmaterial angedeihen lassen.

Ähnliche Sorgfält verwendet die klassische „Schneideraum-Besatzung" auch auf die Pflege ihres wichtigsten Arbeitsgeräts, des Schneidetisches: Um die Funktionsfähigkeit des Geräts zu erhalten und die Verschmutzung und Beschädigung des Films zu vermeiden, wird täglich vor Arbeitsbeginn dem auf Tisch- und Montageplatte angesammelten Schmutz mit Lappen und Pinsel der Garaus gemacht, werden die Umlenkkrollen oft mit Spiritus von Klebe-Rückständen gereinigt. Auf diese Weise kennen Schnittmeister und Assistenten jeden Winkel ihres soliden Arbeitsgeräts wie ihre Westentasche.

Im vergangenen Jahrzehnt haben digitale Schnittsysteme Einzug in die Schneideräume gehalten und die sinnliche, aber auch arbeitsintensive, Welt des klassischen Filmschnitts immer weiter zurückgedrängt: Die neuen Computersysteme erlauben zwar ein schnelleres, rationaleres Arbeiten, haben aber nicht mehr Charme als der Arbeitsplatz einer Sekretärin.

Obwohl auch ich inzwischen die Möglichkeiten und vor allem die Zeitersparnis digitaler Montage kennen- und schätzen gelernt habe, beschleicht mich etwas Wehmut bei dem Gedanken, daß es möglicherweise eines Tages keine Schneidetische mehr geben wird. Der Schneidetisch ist der einzige Ort, an dem der Cutter wirklich Cutter ist, an dem Film wirklich geschnitten und nicht per Knopfdruck überspielt oder per Mouseclick datenverändert wird. Und: Wo bleibt das Gefühl beim zweimaligen Wischen über einen Computermonitor im Vergleich zum sorgsamen Herauspinseln von Staub und Filmresten unter jeder Umlenkrolle der Schneidetisch-Montageplatte? Diese emotionale Bindung ist Grund genug, den Wurzeln der verschwindenden Spezies der Schneidetische auf den Grund zu gehen.

Schneidetische sind eigentümlich aufgebaute Geräte und längjährige Repräsentanten der Welt des chemischen Films. Dennoch haben sie - selbst unter Filmtechnikern - nie den „Kultstatus" erreicht wie verschiedene andere Filmgeräte: Während Filmkameras und Projektoren schon vor Jahrzehnten liebevolle Sammler und eifrige Chronisten gefunden haben, hielt sich das Interesse an Schneidetischen sehr in Grenzen. Diese wurden immer nur als „Hilfsgerät", ein Mittel zum Zweck, betrachtet und weitgehend aus der technischen Filmgeschichtsschreibung ausgeschlossen: Niemals wurde eine „Entwicklungsgeschichte der Schneidetische" publiziert. Und so kommt es, daß die Schneidetische das Schicksal ihrer Bediener teilen: Sie sind weitgehend „anonym" geblieben.

Ingenieur Günter Bevier, ehemals Entwicklungsleiter der Firma Steenbeck, führt das mangelnde Interesse an Schneidetischen darauf zurück, daß die Bauart eines solchen Geräts keinen unmittelbaren Einfluß auf die Qualität des fertigen Films hat. Das ist zwar insofern wahr, als es selbst mit den „Dinosauriern" des Schneidetischbaus möglich war, Filme „gut" zu schneiden. Da technische Weiterentwicklungen aber stets die Arbeitsbedingungen der Cutterinnen und Cutter veränderten, muß es erstaunen, daß sich auch in dieser Ecke niemals ein Chronist gefunden hat. Vielleicht liegt die Begründung in der Tatsache, daß (zumindest die hierzulande gebauten) Schneidetische sich nie grundlegend im Funktionsprinzip, sondern stets nur in einzelnen technischen Details verändert haben. Dennoch sagt das mangelnde Interesse der Schnittmeisterinnen und Schnittmeister an der Geschichte ihrer Arbeitsgeräte viel über das Selbstverständnis dieser Berufsgruppe aus: Die „klassischen" Filmcutterinnen und Filmcutter haben sich nie als „Techniker" verstanden; für sie stand stets der kreative Aspekt ihrer Arbeit im Vordergrund, und nebenbei wurde noch das Handwerk gepflegt. Der komplizierte Teil der Technik war, zumindest bei den Schneidetischen der Nachkriegszeit, in einem Gehäuse verborgen, war etwas Immaterielles, dem Bewußtsein Entrücktes. Das Materielle war das am Tisch bearbeitete Filmmaterial. Die Technik an sich wurde eher als notwendiges Übel betrachtet, denn wenn sie sich mal materialisierte, war dies meist mit Schwierigkeiten verbunden: Etwa, wenn eine Störung auftrat oder aber wenn bei neu eingeführten Modellen mit veränderten Bedienelementen routinierte Arbeitsabläufe völlig neu erlernt werden mußten.

Ich selbst bin in dieser Hinsicht vielleicht etwas aus der Art geschlagen: Seit Jahren habe ich nicht nur ein intensives Verhältnis zum chemischen Film, sondern ebenso zu „altertümlicher" Filmtechnik. Die Idee zu einer Diplomarbeit über die Geschichte der Schneidetische ist Gerhard Schumm zu verdanken, der zwei bislang unveröffentlichte Texte zum Thema aufgestöbert hat. Im ersten, einem zum Abdruck in der Fachzeitschrift Fernseh- und Kinotechnik (FKT) vorgesehenen Aufsatz, hat Günter Bevier seine 25-jährigen Erfahrungen und Erinnerungen als Entwicklungsleiter der Firma Steenbeck festgehalten. Das zweite Werk, als Ergänzung zu Beviers Text von der Fernseh- und Kinotechnischen Gesellschaft (FKTG) bei Christian Ilgner vom Filmmuseum Potsdam in Auftrag gegeben, handelt auf knapp vier Seiten die Frühzeit des deutschen Schneidetischbaus vor 1945 ab. Mit diesen Texten als Ausgangsbasis, startete ich eine Monate währende Recherche in historischen Filmtechnikzeitschriften. Wie sich herausstellte, waren über die Jahrzehnte immer wieder Artikel zu einzelnen Schneidetischmodellen erschienen, die allerdings vielfach direkt dem Prospekt der entsprechenden Herstellerfirma entlehnt schienen und den Bezug zur praktischen Arbeit vermissen ließen. Unversehens entwickelte die jahrgangsweise Durchsicht der alten Fachmagazine sich zu einem Streifzug durch die technische Filmgeschichte. Hin und wieder fand sich dann zu meiner größten Erbauung auch mal ein Hinweis darauf, wie die sich verändernden technischen Voraussetzungen die Arbeit im Schneideraum beeinflußten. Und so entschied ich mich kurzerhand, den Rahmen meiner Arbeit zu erweitern, die bloße Schneidetisch-Entwicklungsgeschichte mit derartigen Informationen zu verknüpfen.

Bald ergab sich Gelegenheit, meine „Papier-Recherchen" um Gespräche mit Technikern, Vertretern von Schneidetischfirmen und Archivaren zu ergänzen. Dabei erhielt ich neben wertvollen, erinnerten Informationen weiteres Papier - seltenes Prospektmaterial und Fotos -, aber auch die Möglichkeit, einige noch erhaltene historische Schneidetische persönlich in Augenschein zu nehmen und - in zwei Fällen - auch auszuprobieren.

Und so liegt er nun vor, der erste Versuch, die Geschichte des konventionellen Filmschnitts aus gerätetechnischer Sicht festzuhalten. Die Dominanz eines einzigen Schneidetischfabrikats im Deutschland der Nachkriegszeit ließ Kommilitonen witzeln, die Arbeit werde wohl eine Niederschrift der Firmengeschichte von „Steenbeck" werden; die folgenden Seiten werden nun zeigen, daß abseits der Produktion dieser berühmten Hamburger Firma auch noch andere, durchaus konkurrenzfähige Konstruktionen mit interessanten Arbeitsmöglichkeiten auf dem Markt waren.

Zu Beginn findet sich eine Einführung in die Schneideraumarbeit sowie in die technischen Grundlagen der Schneidetischkonstruktion, um dem geneigten Leser eine genauere Vorstellung vom Gegenstand dieser Arbeit zu vermitteln und das Verständnis der späteren Ausführungen zu erleichtern. Den Schwerpunkt der Arbeit bildet die montagetechnologische Entwicklung in Deutschland. Dies ist neben der Quellenlage auch durch den Umstand begründet und gerechtfertigt, daß die hierzulande gebauten Schneidetische stets die Rolle technischer Vorreiter spielten, deren Details dann oftmals Eingang in die Konstruktionen ausländischer Hersteller fanden. Ansonsten wurde lediglich den in den Vereinigten Staaten gefertigten und den frühen französischen Schnittbearbeitungsgeräten ein gewisser Raum zugestanden, da sie die Wurzeln zu einem über Jahrzehnte bedeutsamen, völlig von den horizontalen Geräten des deutschen Sprachraums abweichenden, Schneidetisch- und Arbeitssystem bilden. Obwohl auch meine Recherchen über den Schneidetischbau in der DDR (hilfreich unterstützt vor allem von den einstigen DEFA-Mitarbeitern Ulrich Illing und Manfred Nieber sowie von Klaus Kostareff) interessante Informationen zu Tage förderten, habe ich mich aus Gründen des Umfangs - aber mit einigem Bedauern - entschieden, diesen Sektor der Montagetechnologie auszuklammern. Die DDR-Schneidetische waren im Grundprinzip den westdeutschen Geräten verwandt, doch bestand zwischen den Weiterentwicklungen in beiden Teilen Deutschlands keinerlei Verbindung. Andererseits fand zwischen den RGW-Ländern ein stetiger Austausch von Know-how und G ?eräten statt. Die von den Entwicklungen der restlichen Welt weitgehend losgelöste Schneidetischproduktion in den Ostblockstaaten ist somit ein Kapitel der Montagetechnologie-Geschichte, das zu schreiben bleibt.

Sehr bewußt wurde dagegen auf eine detaillierte Beschreibung digitaler Schnittsysteme verzichtet; diese werden nur am Rande und insofern behandelt, als sie Einfluß auf die Konstruktion konventioneller Filmschneidetische hatten. Denn mit der Einführung digitaler Technik - heute ein Mode-Schlagwort, das pauschal für „besonders fortschrittlich" benutzt wird - begann der Schnitt in der Film-Publizistik salonfähig zu werden: Erstmals wurde eine große Zahl von Schriften herausgegeben, die sich sowohl mit den veränderten Arbeitsbedingungen wie auch mit der technischen Funktionsweise der Geräte befaßten. Der an digitalen Schnittverfahren interessierte Leser sei daher auf diese Publikationen verwiesen. Erstmals wurden mit der Verwendung von Digitalsystemen aber auch die Bearbeitungsgeräte in den Abspanntiteln aufgeführt: „Edited on Lightworks" oder „Edited on AVID" konnte man plötzlich im Kino lesen. Fast schon trotzig, als ob die digitale Welt an das Sinnliche des Filmschnitts und ein nicht totzukriegendes, robustes Arbeitsgerät ohne Systemabstürze erinnert werden sollte, vermerkte Steven Spielberg im Abspann seiner jüngsten Produktion Saving Private Ryan: „Edited on the Moviola™". Noch schöner, noch stolzer, formulierten es die Titel des Films Dead Man Walking : „Edited on old-fashioned machines".

Aus: Weltwunder der Kinematographie 7.2003. Beiträge zu einer Kulturgeschichte der Filmtechnik. Filmschnitt und Schneidetisch. Eine Zeitreise durch die Klassische Montagetechnologie., von Joachim Polzer, Eberhard Nuffer. © 1. Oktober 2002.