Die Wurzeln der Montagetechnologie
Eberhard Nuffer
 
Sehen heutige Computer-Schnittplätze auf der ganzen Welt gleich aus, zeigten Filmschneidetische Vielfalt und spezifischen Charme: Noch vor wenigen Jahren konnte man anhand der Arbeitsgeräte auf einen Blick einen amerikanischen von einem britischen, einen französischen von einem deutschen Schneideraum unterscheiden. Haupt-Unterscheidungsmerkmal der Tische war die Art des Filmlaufs, die sich in der Stummfilmzeit ausprägte: In den USA wurde an Umrolltischen mit senkrecht stehenden Spulen, in Deutschland dagegen an Horizontalumrollern gearbeitet. Zum Suchen von Schnittpunkten bewegte man das Material an einer Lichtquelle vorbei. Erst 1924 entstanden die ersten Geräte, mit denen die Betrachtung vergrößerter Bewegtbilder beim Schnitt möglich wurde.
 
Die Moviola: Filmschnitt im Vertikal-Prinzip
 
Das berühmteste Schnittgerät überhaupt, die in den USA bis heute populäre "Moviola", war die Erfindung eines holländischstämmigen Ingenieurs: Der 1878 geborene Iwan Serrurier kam kurz nach der Jahrhundertwende nach Amerika und verdiente sein Geld zunächst mit Grundstücksspekulationen. Später, in Rückbesinnung auf seine Fähigkeiten als Ingenieur, begann er, sich nebenbei mit dem Bau filmtechnischer Geräte zu befassen. Eine erste Entwicklung, von Serruriers Kindern "Moviola" getauft und 1919 zum Patent angemeldet, bestand aus einem betriebsbereit in einen Holzschrank eingebauten Filmprojektor mit einer kleinen, davor plazierbaren Bildwand. Sie sollte den Studiogewaltigen die Möglichkeit zur Mustersichtung im eigenen Büro bieten. Der für damalige Verhältnisse exorbitante Preis von 600 Dollar allerdings sorgte dafür, daß Serrurier auf dem Großteil seiner in der heimischen Garage zusammengeschraubten Geräte sitzen blieb.
 
Im September 1924 lernte er zufällig in einem Schneideraum der Douglas Fairbanks Studios die archaische Weise kennen, wie zu jener Zeit Filme geschnitten wurden. Angeregt durch ein Gespräch mit einem Cutter, baute Serrurier daraufhin eine seiner Projektionsvorrichtungen zum Prototypen eines Filmbearbeitungsgeräts um: Der Projektor wurde von seinem Gehäuse befreit, kopfstehend auf ein Brett montiert und mit einer anderen Lampe, einer Betrachtungslupe und einer Handkurbel versehen. Da die Konstruktion in der Schnittabteilung der Fairbanks-Studios sogleich Gefallen fand, wechselte die erste "Moviola Editing Machine" zum Preis von 125 Dollar den Besitzer.
 

Moviola Editing Machine Prototyp 1924

Moviola Midget 1924

Nachdem Serrurier die Restbestände seiner schwer verkäuflichen Projektionsschränke auf ähnliche Weise modifiziert und prompt Abnehmer gefunden hatte, entwickelte er ein verbessertes Modell: Die "Moviola Midget" wurde von einem Nähmaschinen-Motor angetrieben und konnte über ein Fußpedal stufenlos in der Geschwindigkeit reguliert werden. Die Werkstätten von Mitchell Camera erhielten den Auftrag zur Fertigung einer Kleinauflage, und im November 1924 fand sich mit Metro-Goldwyn-Mayer ein erster Käufer.
 
Schon diese ersten Typen zeigten alle Merkmale, die auch für die späteren "Moviola"-Geräte charakteristisch bleiben sollten: Der ruckweise Transport über ein Malteserkreuzgetriebe, der eine bei unseren (kontinuierlich laufenden) Schneidetischen unbekannte Bildqualität ermöglicht, andererseits aber ein gehöriges Laufgeräusch verursacht und den Film stark beansprucht, und der vertikale Filmlauf in der Blickachse des Cutters waren Markenzeichen der "Moviola" und verrieten deutlich ihre Abstammung vom Filmprojektor.
 
Bei der motorbetriebenen "Moviola Midget" fielen die Spulenarme weg: Da die Editoren nicht mehr kurbeln mußten und die Hände frei hatten, wurde das Material jetzt einstellungsweise in der Hand gehalten und beim Auslaufen aus dem Gerät in einem Korb aufgefangen. Damit war auch die primäre Ausrichtung der Moviola als Markierungsgerät für kürzere Filmteile definiert, die dann, wie gewohnt, an einem Vertikalumrolltisch geschnitten und zusammengefügt wurden.
 
In der Folgezeit spalteten die "Moviolas" sich in zwei Produktlinien auf: Neben der "Moviola C", dem "Cutter-Model" ohne Spulenarme, war als "Director's Model" die "Moviola D" mit Wickeleinheiten zur Betrachtung längerer, bereits geschnittener Sequenzen erhältlich. Obwohl anfangs seitens der Studios großes Interesse an Serruriers Geräten bestand, war der Bedarf schnell gedeckt, denn nicht wenige Editors zogen es vor, weiterhin "in der Hand" zu schneiden.
 
Mit dem Aufkommen des Tonfilms und der Notwendigkeit, Tonspuren abzuhören, ging die Ära der manuellen Bildbetrachtung zu Ende. In einer kurzen Übergangsphase verkoppelte man "Moviolas" mit Schallplattenspielern oder versuchte, an speziellen Modellen einstreifige Kopien mit Lichtton zu schneiden. Bald schon entwickelten sich aber Gerätekombinationen für den Schnitt separater Bild- und Tonbänder, bestehend aus "Moviola C"- und "D"-Modellen mit seitlich angesetzten Tonlaufwerken, zum allgemein üblichen Standard.
 
Helen van Dongen montiert "Lousiana Story" (Flaherty, USA, 1943) an der Moviola
 
 

Der Lyta-Schneidetisch: Filmschnitt horizontal

 
Die Entwicklung des horizontalen Schneidetischs ist wohl dem technikbegeisterten Ethnologen Dr. Odo Deodatus Tauern (1885-1926) geschuldet, der einer der umtriebigsten Söhne Freiburgs gewesen sein muß: Abseits seiner Verdienste als Molukken-Forscher und Buchautor, tat er sich vor allem als Pionier des alpinen Skilaufs im Schwarzwald hervor. 1913 war er am ersten Hochgebirgsfilm überhaupt beteiligt, in den folgenden Jahren hatte er, gemeinsam mit Regisseur Arnold Fanck und Kameramann Sepp Allgeier, maßgeblichen Anteil am Aufbau einer Filmindustrie in Freiburg und an der Gründung der Berg- und Sportfilm GmbH. Mit dem Physiker Dr. Nikolaus Moritz Lyon gründete Tauern im Juli 1921 die feinmechanischen Werkstätten Apparatebau Freiburg GmbH, die bald den Zusatz "Lyta-Kino-Werke" erhielten &endash; abgeleitet von den Namenskürzeln der Firmeninhaber. Die filmtechnische Fertigung bei Lyta ging auf Anregungen Arnold Fancks zurück und konzentrierte sich zunächst auf die Entwicklung einer ersten Spiegelreflex-Filmkamera. Aber auch das im Frühjahr 1924, kurz vor der "Moviola", vorgestellte Lyta-Kinoskop wurde auf seinen Wunsch entwickelt.
 
Lyta-Kinoskop
 
Dieses erste in Serie gefertigte Bildbetrachtungsgerät war zum Einbau in horizontale Umrolltische gedacht und besaß keine eigene Antriebseinrichtung: Der vom Umroller bewegte Film lief über eine Zahntrommel, die wiederum eine Zweiflügel-Umlaufblende in Gang setzte. Die Bilder wurden von einer Glühlampe durchleuchtet, über ein Prisma aufgerichtet und konnten vergrößert in einem Linsentubus betrachtet werden. Da die kontinuierliche Filmbewegung lediglich mit einer rotierenden Blende kaschiert wurde, also ein stroboskopisches Bildwiedergabeprinzip zur Anwendung kam, war ein starkes Flimmern zu bemerken. Andererseits arbeitete der Mechanismus geräuscharm und im Gegensatz zum Transportsystem der "Moviola" sehr filmschonend.
 
Das Kinoskop war einzeln zum Einbau in vorhandene Klebetische, als Koffergerät mit Umrollvorrichtung und ab Herbst 1924 auch fest integriert im "Lyta-Universal-Arbeitstisch" lieferbar. Dieser beidseitig mit Handkurbeln versehene Horizontalumroller kann als der erste wirkliche Schneidetisch bezeichnet werden: Neben dem Bildbetrachter besaß er eine Fußbremse und eine in die Arbeitsfläche eingelassene, von unten erleuchtete Mattscheibe. Die Rückwand bestand aus einem Leuchtgalgen mit Ablagemöglichkeiten für kürzere Filmrollen. An der Unterseite des schwenkbar an einer Achse aufgehängten "Kinoskops" war ein Zählwerk angebracht: Durch Versenken des Bildgeräts kam die Filmmeßuhr an die Oberfläche des Tischs.
 
Lyta-Universal-Arbeitstisch
 
Auch für das Abziehen von Negativen, die damals noch nicht immer mit Fußnummern versehen waren, bot der Tisch arbeitserleichternde "Features": Ein zusätzlicher kleinerer Teller diente zur Aufnahme von Negativrollen. Arbeitskopie und Negativ konnten nun übereinander in die Zahntrommel eingelegt und durch das "Kinoskop" gekurbelt werden. Wenn das Bild in der Betrachtungslupe dunkel blieb, waren die deckungsgleichen Bilder gefunden.
 
Der Preis für einen vollständig bestückten Arbeitstisch &endash; mit abnehmbaren Beinen ausgestattet, um den Export zu vereinfachen &endash; lag anno 1929 bei 756 Reichsmark, für ein separates "Kinoskop" &endash; lieferbar für verschiedene Stromnetze &endash; waren 295 Reichsmark zu berappen. Tatsächlich wurden beide Geräte weit über Deutschlands Grenzen hinaus verkauft: Nicht nur der niederländische Dokumentarfilmer Joris Ivens, auch Sergej Eisenstein und Dziga Vertov arbeiteten mit Schnittgeräten "made in Freiburg".
 
Elisaveta Svilova und Dsiga Vertov am am Lytax-Tonfilm-Abhörtisch
 
Zu Beginn des Tonfilmzeitalters wurde der Firmenname in "Lytax-Werke" geändert und der Arbeitstisch als "Zweiplatten Tonfilm-Abhörtisch" in geringfügig modifizierter Form für den Schnitt einstreifiger Lichtton-Arbeitskopien angeboten. Einige Zeit später erschien unter der Bezeichnung "Lytax Vierplatten-Tonfilm-Abhörtisch" ein Modell für den zweistreifigen Tonfilmschnitt, das u.a. bei der Montage von Leni Riefenstahls Olympia-Filmen (1936-38) Verwendung fand.
 
Anders als die vertikale Moviola, haben die Konstruktionen der Firma "Lytax" sich nicht langfristig behaupten können: Firmen wie Klangfilm, Union-Tonfilmmaschinenbau, Geyer und die UFA-Werkstätten stellten bald ebenfalls horizontale Schneidetische mit filmschonendem, kontinuierlichem Filmtransport her, die aber durch den Einsatz optischer Ausgleichsverfahren (Polygonprismen, Schwingspiegeln und Linsenkränzen) eine deutlich bessere Bildqualität ermöglichten als der flackernde "Kinoskop"-Betrachter.

Sergeij Eisenstein am Lyta-Universal-Arbeitstisch
 
 
Der Autor ist Absolvent der Hochschule für Film und Fernsehen "Konrad Wolf", Studiengang Schnitt/Montage und arbeitet als freier Cutter.
 
Buchveröffentlichung:
 
Nuffer, Eberhard (2002) Filmschnitt und Schneidetisch. Eine Zeitreise durch die klassische Montagetechnologie. (Diplomarbeit im Studiengang Schnitt/Montage, HFF-Potsdam-Babelsberg.) Weltwunder der Kinematographie. Potsdam: Polzer. ISBN 3-934535-24-0.