Walter Murch
Oft ist es so, daß man am Rand der Dinge am meisten über
ihre Mitte lernen kann: Eis und Dampf offenbaren mehr über die
Natur des Wassers, als es das Wasser selbst jemals könnte.
Obwohl es stimmt, daß jeder Film, der es wert ist, gedreht zu
werden, einzigartig sein wird und die Bedingungen, unter denen Filme
entstehen, derart unterschiedlich sind, daß es irreführend
ist, "Normalität" definieren zu wollen, läßt sich
APOCALYPSE NOW doch nach ziemlich jedem Kriterium - Drehzeit, Budget,
künstlerischer Anspruch, technische Innovation - als
cineastisches Äquivalent von Eis und Dampf bezeichnen. Bedenkt
man allein die Zeit, die es dauerte, um den Film fertigzustellen (ich
war ein Jahr mit dem Schnitt beschäftigt und brauchte ein
weiteres Jahr für die Vertonung und Mischung), dann war es
eindeutig der Film mit der längsten Endbearbeitung, an dem ich
jemals mitgearbeitet habe, wodurch die Frage nach dem, was "normal"
ist oder sein sollte, in ein neues Licht gerückt wird.
Ein Grund für diese Länge lag schlicht und einfach in der
enormen Menge des kopierten Filmmaterials: 380.000 Filmmeter, was
einer Spielzeit von mehr als 230 Stunden entspricht. Da der Film am
Ende nur 145 Minuten lang wurde, entspricht das einem Verhältnis
von 95:1. Mit anderen Worten: Auf jede Minute, die Eingang in den
fertigen Film gefunden hatte, kamen 95 "ungesehene" Minuten. Im
Vergleich dazu: Das durchschnittliche Verhältnis bei Spielfilmen
beträgt ungefähr 20:1.
Sich durch diese 95:1-Landschaft zu bewegen war ein wenig so, als
kämpfte man sich durch einen Wald, in dem sich dichtes Unterholz
mit grasbewachsenen Lichtungen abwechselt. Auch in unserem
Zelluloiddschungel gab es Abschnitte, etwa die Helicopter-Sequenzen,
bei denen das gedrehte Material äußerst umfangreich war,
aber eben auch SzenWen, für die nur sehr wenig Material gedreht
worden war. Ich glaube, für die Szenen mit Colonel Kilgore waren
allein gute 67.000 Meter kopiert worden, was einem Verhältnis
von etwa 1oo:1 entspricht, da nur fünfundzwanzig Minuten davon
im fertigen Film auftauchen. Andererseits gab es für etliche
Verbindungsszenen nur eine durchgedrehte Einstellung (Master Shot):
Francis hatte enorm viel Material und Zeit für die
Großereignisse verbraucht, was er mit minimalem Aufwand bei den
Verbindungsszenen zu kompensieren versuchte.
Nehmen wir eine der aufwendigen Szenen als Beispiel: Der Angriff der
Hubschrauber auf "Charlie's Point", bei dem Wagners Walkürenritt
erklingt, wurde wie ein tatsächliches Ereignis in Szene gesetzt
und konsequenterweise wie ein Dokumentarfilm gedreht und weniger als
Abfolge speziell komponierter Einstellungen. Es war eine
Choreographie mit einem Großaufgebot an Menschen, Maschinen,
Kameras und gestalteter Landschaft - einem teuflischen Spielzeug
vergleichbar, das man aufziehen und dann loslassen konnte. Nachdem
Francis "Action" gerufen hatte, glich die Filmarbeit einem echten
Gefecht: Acht Kameras (einige auf dem Boden, einige in den
Hubschraubern) liefen simultan, jede mit einer 300-Meter-Kassette
(Laufzeit elf Minuten) bestückt.
Nach Beendigung jeder dieser Einstellungen wurden, sofern kein
augenscheinliches Problem aufgetreten war, die Kamerapositionen
verändert und das Ganze wiederholt. Dann wieder. Und wieder. Und
noch einmal. Sie machten einfach weiter, bis sie, vermute ich,
einfach das Gefühl hatten, genug Material zu haben, und jede
Einstellung warf dabei weitere rund 2.450 Filmmeter (Laufzeit
eineinhalb Stunden) ab. Und, keine Einstellung glich der anderen -
ganz ähnlich wie bei einem Dokumentarfilm.
Wie dem auch sei, ganz am Schluß, als der Film
schließlich in den Kinos lief, setzte ich mich einmal hin und
rechnete die Gesamtzahl der Tage aus, die wir, die Cutter, gearbeitet
hatten. Das Ergebnis teilte ich durch die Anzahl der Schnitte, die es
im fertigen Film gab, und kam so auf die Zahl der Schnitte pro Mann
und Tag - heraus kamen exakt ... 1,47 Schnitte!
Das bedeutet: Hätten wir am Anfang auf irgendeine Weise genau
gewußt, wohin die Reise geht, hätten wir unser Ziel
innerhalb derselben Anzahl von Monaten erreicht, wenn jeder von uns
jeden Tag nur knapp weniger als eineinhalb Klebestellen gemacht
hätte. Mit anderen Worten: Wenn ich mich jeden Morgen an meinen
Schneidetisch gesetzt, einen Schnitt ausgeführt und mir
über den nächsten Schnitt Gedanken gemacht hätte, dann
nach Hause gegangen, am nächsten Tag wieder zur Arbeit gekommen
wäre, den Schnitt ausgeführt hätte, über den ich
am Vortag nachgedacht hatte, noch einen weiteren Schnitt
ausgeführt hätte und danach wieder nach Hause gegangen
wäre, dann hätte ich genau das Jahr benötigt, das ich
tatsächlich brauchte, um meinen Teil des Films zu schneiden.
Da es weniger als zehn Sekunden dauert, diese eineinhalb Schnitte
auszuführen, läßt sich am Beispiel von APOCALYPSE
NOW, zugegebenermaßen einem Sonderfall, sehr deutlich vor Augen
führen, daß Filmschnitt - auch bei "normalen" Filmen -
kaum etwas mit Zusammenfügen zu tun hat, vielmehr mit dem
Erkunden eines Pfades, und daß ein Cutter den absolut
größten Teil seiner Zeit nicht mit dem Zusammenkleben von
Filmstückchen verbringt. Je mehr Filmmaterial zu bearbeiten ist,
um so größer ist die Anzahl der zu erkundenden Pfade; die
Möglichkeiten potenzieren sich und fordern folglich noch mehr
Zeit, sie richtig einzuschätzen. Das gilt für alle Filme,
bei denen sehr viel Material gedreht wurde; im besonderen Fall von
APOCALYPSE NOW wurde dieser Effekt verstärkt durch das heikle
Thema, durch die mutige und ungewöhnliche Struktur, durch die
auf allen Ebenen zur Anwendung gebrachten technischen Neuerungen
sowie durch die von allen Beteiligten empfundene Verpflichtung, die
beste Arbeit zu machen, zu der sie fähig waren. Dazu kommt der
Umstand, daß der Film für Francis trotz des hohen Budgets
und der vielschichtigen Behandlung des Themas ein sehr
persönliches Anliegen war. Bedauerlicherweise vereinigen nur
wenige Filme in sich vergleichbare Qualitäten und
Ansprüche.
Für jeden Schnitt in einem fertiggestellten Film gibt es
wahrscheinlich fünfzehn "Schattenschnitte": Schnitte, die
ausgeführt und dann, nachdem man sie noch einmal überdacht
hat, wieder rückgängig gemacht oder aus dem Film entfernt
wurden. Doch auch unter Berücksichtigung der Schattenschnitte
bleiben von jedem Arbeitstag elf Stunden und achtundfünfzig
Minuten übrig, die mit Aktivitäten gefüllt werden, die
alle auf unterschiedliche Weise dazu dienen, den vor einem liegenden
Pfad zu roden und zu erhellen: Vorführungen, Diskussionen,
Rückspulen, erneute Vorführungen, Arbeitstreffen,
Zeitpläne erstellen, Ausschnitte ablegen, Notizen machen,
über alles Buch führen und jede Menge zielgerichtetes
Nachdenken. Eine aufwendige Vorbereitung, in der Tat, um zu dem
undramatisch kurzen Moment der entscheidenden Handlung zu gelangen:
dem Schnitt - jenem Moment des Übergangs von einer Einstellung
zur nächsten -, etwas, was dann idealerweise so einfach und
mühelos, beinahe selbstverständlich wirkt, falls es
überhaupt wahrgenommen wird.