GESA MARTEN:
FILM EDITING BEIM DOKUMENTARFILM - DRAMATIZING LIFE!
Ein Drehbuch wie für den
Spielfilm kann es im Dokumentarfilm per definitionem nicht geben.
Ähnlich wie die Geschichtsschreibung, die historische
Zusammenhänge im Nachhinein herstellt und als eine Geschichte
darstellt, so deutet der Dokumentarfilm sein zum Teil disparates
Material durch die Montage zu einem narrativen Kontinuum.
Zur Finanzierung eines
Dokumentarfilms, z.B. durch Förderungen, wird ein Treatment
geschrieben, das unter Umständen wenig mit der Realität zu
tun hat, die später beim Dreh vorgefunden wird. Es stellt auf
der Basis ausführlicher Recherchen die Figuren, ihren Konflikt
und die voraussichtliche Entwicklung des Geschehens dar. Den genauen
Verlauf der filmischen Erzählung jedoch können
Dokumentarfilmer vor dem Dreh nicht kennen. Das Unvorhergesehene
während der Dreharbeiten stellt einen, wenn nicht den besonderen
Reiz des Dokumentarischen dar. Das führt dazu, daß der
Hauptteil der dramaturgischen Arbeit nicht wie beim Spielfilm vor,
sondern nach dem Dreh in der Montage stattfindet. Für den
Dokumentarfilm könnte also eigentlich erst nach Fertigstellung
der Filmmontage ein zutreffendes Buch geschrieben werden. Oder
anders: Die Montage des Dokumentarfilms erzeugt ein filmisches Buch.
Daß der Credit »Buch« trotzdem manchmal im Abspann
eines Dokumentarfilms zu finden ist, ist eher eine
Legitimationsstrategie.
Drehbucharbeit und Filmmontage sind
verwandte Tätigkeiten, da beide mit der Bauarbeit, mit dem
Aufbau der Geschichte des Films, nämlich der Dramaturgie
befaßt sind. Der Unterschied besteht in ihren Mitteln. In der
Buchentwicklung entsteht ein geschriebener Text, der den Verlauf der
Geschichte und die einzelnen Szenen aufbaut und als Dialoge
manifestiert. Die Montage dagegen arbeitet mit filmsprachlichen
Mitteln, und dabei entsteht ein filmischer Text. Aber auch hier wird
jede Szene dramaturgisch mit Anfang, Mitte und Ende aufgebaut und hat
- wenn sie denn ihren Weg in den Film findet - eine im Spannungsbogen
erzählerische Notwendigkeit. Im Idealfall. Die Kunst in der
Montage von Dokumentarfilmen liegt nicht in virtuos gesetzten
Schnitten. Dies ist nur das Handwerkszeug. Die Kunst liegt in der
Interpretation des Materials und im Zusammenfügen einzelner
filmischer Elemente zu einer großen Erzählung. Montieren
ist zuvorderst inhaltliche Arbeit am filmischen Material. Im
Dokumentarischen vollzieht sich die dramaturgische Arbeit in drei
verschiedenen Phasen: 1. Die Suche nach einem dokumentarischen
Filmstoff mit dramatischer Geschichte. 2. Das Entdecken und Verfolgen
erzählerischer Bögen während des Drehs. 3. Der Bau der
Geschichte und des Spannungsbogens im Schnitt.
Das dokumentarische Arbeiten
hängt von wirklichem Geschehen ab. Manchmal verläuft es
unwahrscheinlicher als ein Autor es sich ausdenken könnte, aber
häufig passiert auch wenig Spannendes vor der Kamera, und die
Dinge entwickeln sich äußerst schleppend. Hier setzt die
dramaturgische Aufgabe des Filmemachers während des Drehens an.
Er muß immerfort das Geschehen und sein gedrehtes Material auf
die Geschichte hin abklopfen, die er erzählen möchte. Habe
ich Material, das für den Filmanfang geeignet ist? Gibt es genug
Material, um den Plot ausführlich zu bedienen, und was
könnte den Höhepunkt und das Ende des Films bilden? Und
weil die Wirklichkeit selten ideal im Sinne klassischer Dramaturgie
verläuft, müssen auch die erst einmal unscheinbaren
Erzählstränge, die roten Fädchen als solche entdeckt
und beim Drehen verfolgt werden. Zu diesem Zweck bevorzugen manche
Filmemacher es, schon parallel zum Dreh zu schneiden. So kann ein
Austausch zwischen Regie und Editor über die notwendigen
Elemente der Erzählung stattfinden.
WIRKLICHKEIT
UND IHRE DARSTELLUNG
Die Wirklichkeit wird im Film
dramatisiert. Die Interpretation des Materials und das
Zusammenfügen zu einem Bedeutungszusammenhang ist die Aufgabe im
Schnitt. Medial aufbereitet werden Einblicke in unbekannte
Lebenswelten gewährt. Dies geschieht notwendig subjektiv
interpretierend. Trotzdem wird man sich nicht willkürlich weit
von der Realität entfernen, sondern stattdessen ist der
Dokumentarfilm gerade durch sein Interesse an der Wirklichkeit
motiviert. Er braucht, um als solcher rezipiert zu werden,
Glaubwürdigkeit. Und um diese herzustellen, benutzt er
filmsprachliche Mittel zur Authentisierung. Eine Szene beispielsweise
wenig oder gar nicht zu schneiden kann weniger gestaltet und damit
realitätsnäher wirken. Oder das Filmemachen
mitzuthematisieren wirkt in manchen Fällen »ehrlicher«
als so zu tun, als ob kein Filmteam dabei gewesen wäre. Trotzdem
bleibt die Tatsache bestehen, daß ein Film das Produkt einer
Gestaltung ist und daß die Realität gefiltert als die
subjektive Sicht der Filmemacher auf die Welt präsentiert wird.
Während der dokumentarischen Dreharbeiten wird mehr oder weniger
immer gestaltet. Entweder eine Situation wird vorgefunden und still
beobachtet. Oder die Filmemacher greifen beispielsweise die
Protagonisten befragend in die Situation ein. Oder eine Situation
wird arrangiert oder sogar (nach)inszeniert. Auch der Bildausschnitt
wird gestaltet. Einiges wird gezeigt und anderes nicht. Und
spätestens in der Montage kann gar nichts mehr nicht
gewählt werden. Jetzt muß alles ausgewählt oder
weggelassen werden, kurz, über alles wird entschieden. Der Film
ist ein durchgestalteter Text.
DER MONTAGEPROZEß
Bei Drehende sind vielleicht 80
oder 180 Stunden dokumentarisches Material entstanden. Ohne weitere
Bearbeitung durch die Montage ist es unleserlich und bedeutungslos.
Aus der unförmigen Masse muß jetzt der Film
herausgeschält werden. Der Editor muß das Material zuerst
kennenlernen, es durchforsten und sich aneignen. Für die Arbeit
am Schnitt muß er es wie aktives Vokabular für
fließende Rede parat haben. Mit der Aneignung beginnt die
Interpretation. Der Editor ist beim Dreh nicht dabei gewesen. Er
kennt nicht die Umstände und Schwierigkeiten, die Kosten und
Mühen des Drehs, und die Protagonisten kennt er ebenfalls nicht.
Diese »Naivität« hat für seine Begegnung mit dem
Material einen großen Nutzen. Er kann unabhängig von
Erlebtem sichten, einordnen und bewerten. Aufgrund ihres Vorwissens
sieht die Regie manchmal zuviel Inhalt in das Material hinein,
während der Editor feststellt, daß diese Bedeutung ohne
Vorwissen - welches der Zuschauer ebensowenig wie der Editor hat -
nicht im Material gelesen werden kann. Er ist deshalb ein
unvoreingenommener Erforscher des Materials. Es kann sogar sein,
daß sich das für den Film geplante Thema nach der
Materialsichtung verschiebt. Dies ist ein recht häufiger
Prozeß in der Montage von Dokumentarfilmen und muß nicht
kritisch gesehen werden. Es ist vielmehr die flexible Reaktion auf
eine Realität, die sich auch von Filmemachern nicht
vollständig planen läßt. Im Schnitt zählen nur
das Material und seine Möglichkeiten.
HANDLUNG UND
STRUKTUR
Zu Beginn des Schnitts stellen
sich einige Fragen wieder völlig neu: Was ist die Geschichte?
Aus welchen der filmischen Elemente läßt sich ein
Erzählstrang zusammenfügen, ein Bogen bauen? Ein Strang
besteht aus mindestens drei Elementen, nämlich Anfang, Mitte und
Ende. Hierfür ein Beispiel: In der ersten Szene des Bogens
möchte der Schüler Alban »Promifrisör«
werden. Am Anfang setzt sich der Held also ein Ziel. Zweite und
dritte Szene: Alban macht ein langweiliges Praktikum bei einem
öden Frisör und färbt später seinem Freund Kais
stümperhaft die Haare. In der Mitte des Erzählstranges
ringt der Held um sein Ziel. Vierte Szene und Ende der kleinen
Geschichte: Alban möchte doch nicht mehr Frisör werden.
Hier gelangt der Held nicht an eine Lösung im Sinne von Ziel
erreicht oder verfehlt, sondern er gibt das Ziel einfach auf. Die
Reihe funktioniert als eine Persiflage auf einen dramaturgischen
Bogen und erzeugt Komik (aus: _Was lebst Du?_, 2005,
Bettina Braun, Schnitt: Gesa Marten/Bettina Braun).
Die größeren Bögen, und damit sind inhaltlich oder
von der Szenenmenge her gewichtigere Erzählstränge gemeint,
werden über den ganzen Film gespannt. Das Thema Rap
beispielsweise spielt im Alltag der Jungs in _Was lebst Du?_
eine bedeutende Rolle. Um es angemessen darzustellen, zieht sich das
Thema durch den ganzen Film. Gleichzeitig wird das Thema aber sparsam
beleuchtet, weil der Film nicht in erster Linie von Rap handeln soll.
Dies ist dem Zuschauerinteresse und der Realität der Jungs
geschuldet, deren Alltag sich deutlich mehr um ihre berufliche
Zukunft als ums Rappen dreht.
Bei der Strukturierung des Films und der Gewichtung der Figuren und
Themen bewegen wir uns zwischen filmischen Erfordernissen und
vorfilmischen Realitäten, die angemessen behandelt werden
sollen. Gemeinsam klären Regie und Editor kontinuierlich
miteinander argumentierend, was wie wirkt in ihrem gerade
entstehenden Film.
FIGUREN
Wer ist die Hauptfigur und
warum? Diese im Drehbuch meist sehr früh beantwortete Frage
stellt sich im Dokumentarfilm oft erst während des
Montageprozesses. Die Hauptfigur wird anders als die Nebenfiguren
behandelt. Sie wird breiter und durchgängiger erzählt. Im
Zweifelsfall wird ein Erzählstrang, der auch an einer Nebenfigur
geführt werden könnte, eher an der Hauptfigur entlang
erzählt. Nebenfiguren können später eingeführt
und ihre Erzählung kann früher beendet werden. Eine
Hauptfigur dagegen darf im Verlauf des Films nicht verlorengehen.
Die Sympathie zu einer Figur wird sorgsam austariert. Für
unsympathische Protagonisten interessiert sich der Zuschauer kaum.
Sympathie bringt Fallhöhe und damit Spannung. Wir
»tunen« unsere Protagonisten deshalb manchmal sympathischer
als sie im Material erscheinen, durch wohldosiertes Weglassen
unsympathischer Züge wie etwa starker Selbstinszenierung.
Trotzdem bleibt die Verantwortung der Dokumentarfilmer, den
Protagonisten gerecht zu werden, bestehen. Und zwar in jeder
Richtung. Ein wichtiger Aspekt für die Führung der Handlung
im Dokumentarfilm ist die emotionale Entwicklung der Figuren, die
ebenfalls dramaturgisch gesteuert wird. Eine Szene bekommt ihren
Platz im Film, weil sie die vorhergehende nachwirken läßt
und deren Gefühlspotential verstärkt. Oder umgekehrt: Eine
Szene wird eingesetzt, um eine zweite Szene vorzubereiten. Sei es,
damit sie überhaupt verstanden wird, oder sei es, damit sie eine
bestimmte Bedeutung erlangt.
ERZÄHLRHYTHMUS
Emotion braucht Raum. Ein Film
muß deshalb Zäsuren und Pausen im Fortgang der Handlung
anbieten, in denen der Zuschauer Zeit hat zu lachen oder zu weinen,
oder um über das Gesehene nachzudenken und es zu deuten. Auch
darin besteht ein großes Sehvergnügen. Ein atemloser Film,
der die Zuschauer ohne Pause mit Eindrücken bombardiert,
befindet sich zwar eher auf der sicheren Seite des Entertainments,
aber er vergibt die Chance, große und tiefe Gefühle zu
vermitteln.
Der Erzählrhythmus wird durch unterschiedliche Mittel erzeugt.
Er hängt u.a. davon ab, wie lange der Film bei einer Figur oder
bei einem Thema bleibt. Es kommt ferner darauf an, wie lang die
Szenen sind oder wie lange der Film bei einer Figur bleibt. Und
schließlich spielt auch die Schnittfrequenz, d.h. die
Länge der Einstellungen, eine Rolle. Kurz gesagt, der Rhythmus
entsteht durch Länge und Häufigkeit der Verwendung der
filmischen Mittel. Er muß dem Stoff, dem Material und der
Gesamtlänge des Films angemessen sein. Das Maß kann aber
nicht pauschal benannt werden, es muß für jeden Film
eigens gefunden werden.
WEGLASSEN!
-
DRAMATURGISCHE ÖKONOMIE
Ebenso wie bei der
Drehbuchentwicklung muß sich in der Montage jede Szene und
überhaupt jedes filmische Element die fundamentale Frage
gefallen lassen: Wozu dient es? Welche dramaturgische Funktion hat
es? Was soll es erzählen? Und tut es dies auch? Nur mit Funktion
hat ein filmisches Element seine Berechtigung im Film. Der Grund
dafür, eine unbefriedigende Lösung eines konkreten
Montageproblems trotzdem im Film zu belassen, sollte allenfalls eine
erzählerische Notwendigkeit sein. Im Dokumentarischen kommt es
manchmal vor, daß sich Sachverhalte, die man für eine
Geschichte für unabdingbar hält, nur sehr kompliziert
erzählen lassen - auch nach den größten
Anstrengungen. Entweder läßt man die gestalterisch
unschöne Lösung weg, dafür fehlt dann Inhalt, oder man
nimmt zugunsten des Inhalts eine unschöne Lösung in Kauf.
Die Frage, die Regie und Editor in diesem Fall diskutieren, ist jene
nach dem geringeren Nachteil für den Film.
Abschließend sei noch einmal die zentrale Aufgabe der
Dokumentarfilmmontage herausgestellt. Weil das Leben oft keine
drehbuchreifen Geschichten schreibt oder die Kamera nicht zum
gewünschten Zeitpunkt vor Ort sein kann, kommt es darauf an,
innerhalb der vom Material gesetzten Grenzen trotzdem die beste aller
möglichen Geschichten zu erzählen. Und daß dies
wunderbar gelingen kann, zeigen die knapp 50 deutschen
Dokumentarfilme, die im letzten Jahr ihren Weg ins Kino gefunden
haben.
SEIT 1991 ARBEITET GESA MARTEN ALS FREIBERUFLICHE EDITORIN UND
DRAMATURGIN. 2000 WAR SIE FÜR DEN DEUTSCHEN FERNSEHPREIS IN DER
KATEGORIE BESTER SCHNITT NOMINIERT (_ABNEHMEN IN ESSEN_). 2004
UND 2006 WURDE SIE IM BEREICH SCHNITT FÜR DEN DEUTSCHEN
KAMERAPREIS IN DEN KATEGORIEN DOKUMENTARFILM UND KURZFILM NOMINIERT
UND ERHIELT 2005 DEN BILDKUNST SCHNITT PREIS DOKUMENTARFILM BEI
FILM+.
Marten, Gesa (2007) Film Editing - Dramatizing Life! In: Schnitt 48,
04.2007, S. 14-17.