Satzzeichen
von Theodor W. Adorno
Aus: Akzente, 1956, 6. Heft
Alle sind Verkehrssignale; am Ende
wurden diese ihnen nachgebildet. Ausrufungszeichen sind rot,
Doppelpunkte grün, Gedankenstriche befehlen stop. Aber es war
der Irrtum der Georgeschule, sie darum mit Zeichen der Kommunikation
zu verwechseln. Vielmehr sind es solche des Vortrags; sie dienen
nicht beflissen dem Verkehr der Sprache mit dem Leser, sondern
hieroglyphisch einem, der im Sprachinnern sich abspielt, auf ihren
eigenen Bahnen. Überflüssig darum, sie als
überflüssig einzusparen: dann verstecken sie sich
bloß. Jeder Text, auch der dichtest gewobene, zitiert sie von
sich aus ' freundliche Geister, von deren körperloser Gegenwart
der Sprachleib zehrt.
In keinem ihrer Elemente ist die Sprache so musikähnlich wie in
den Satzzeichen. Komma und Punkt entsprechen dem Halb-, und
Ganzschluß. Ausrufungszeichen sind wie lautlose
Beckenschläge, Fragezeichen Phrasenhebungen nach oben,
Doppelpunkte Dominantseptimakkorde; und den Unterschied von Komma und
Semikolon wird nur der recht fühlen, der das verschiedene
Gewicht starker und schwacher Phrasierungen in der musikalischen Form
wahrnimmt. Vielleicht ist aber die Idiosynkrasie gegen Satzzeichen,
die vor fünfzig Jahren sich regte und der kein Aufmerksamer sich
ganz entziehen wird, gar nicht so sehr Auflehnung gegen ein
ornamentales Element, wie daß darin sich niederschlägt,
wie heftig Musik und Sprache auseinanderstreben. Kaum jedoch wird man
es für Zufall halten können, daß die Berührung
der, Musik mit sprachlichen Satzzeichen an das Schema der
Tonalität gebunden war, das unterdessen zerfiel, und daß
man die Mühe der neuen Musik recht wohl als eine um Satzzeichen
ohne Tonalität darstellen könnte. Ist aber Musik gezwungen,
in Satzzeichen das Bild ihrer Sprachähnlichkeit zu bewahren, so
mag die Sprache ihrer Musikähnlichkeit nachhängen, indem
sie den Satzzeichen mißtraut.
Der Unterschied zwischen dem griechischen Semikolon, jenem
erhöhten Punkt, der der Stimme verwehren will, sich zu senken,
und dem deutschen, das mit Punkt und Unterlänge die Senkung
vollzieht und gleichwohl, indem es den Beistrich in sich aufnimmt,
die Stimme in der Schwebe läßt, wahrhaft ein dialektisches
Bild - dieser Unterschied scheint den zwischen der Antike und dem
christlichen Zeitalter, der durchs Unendliche gebrochenen
Endlichkeit, nachzuahmen; auf die Gefahr hin, daß das heute
gebräuchliche griechische Zeichen erst von Humanisten des
sechzehnten Jahrhunderts erfunden ward. In den Satzzeichen hat
Geschichte sich sedimentiert, und sie ist es weit eher als Bedeutung
oder grammatische Funktion, die aus jedem, erstarrt und mit leisem
Schauder, herausblickt. Wenig fehlt darum, und man möchte
für die wahren Satzzeichen nur die der deutschen Fraktur halten,
deren graphisches Bild allegorische Züge bewahrt, und die der
Antiqua für bloße säkularisierte Nachbilder.
Das geschichtliche Wesen der Satzzeichen kommt daran zutage,
daß an ihnen genau das veraltet, was einmal modern war.
Aufrufungszeichen sind unerträglich geworden als Gebärde
der Autorität, mit der der Schriftsteller von außen her
einen Nachdruck zu setzen versucht, den die Sache nicht selbst
ausübt, während das musikalische Seitenstück zum
Ausrufungszeichen, das Sforzato, heute noch so unentbehrlich ist wie
zu Beethovens Zeiten, als es den Einbruch subjektiven Willens ins
musikalische Gewebe markierte. Die Ausrufungszeichen aber sind zu
Usurpatoren von Autorität, Beteuerungen der Wichtigkeit
verkommen. Sie waren es indessen, die einmal die graphische Gestalt
des deutschen Expressionismus prägten. Ihre Häufung lehnte
sich gegen die Konvention auf und war Symptom der Ohnmacht zugleich,
das Sprachgefüge von innen her zu verändern, an dem man
stattdessen von außen rüttelte. Sie überleben als
Male des Bruchs von Idee und Realisiertem aus jener Epoche, und ihre
hilflose Beschwörung errettet sie in der Erinnerung:
verzweifelte Schriftgebärde, die vergebens über die Sprache
hinausmöchte. In ihr hat der Expressionismus sich verbrannt; mit
den Ausrufungszeichen hat er die eigene Wirkung sich gutgeschrieben,
und darum ist sie in ihnen verpufft. Sie gleichen, in
expressionistischen Texten, heute den Millionenziffern auf Banknoten
der deutschen Inflation.
Literarische Dilettanten sind daran kenntlich, daß sie alles
miteinander verbinden wollen. Ihre Produkte haken die Sätze
durch logische Partikeln ineinander, ohne daß die von jenen
Partikeln behauptete logische Beziehung waltete. Wer nichts wahrhaft
als Einheit zu denken vermag, dem ist alles unerträglich, was
ans Brüchige, Abgesetzte mahnt; erst wer eines Ganzen
mächtig ist, weiß um Zäsuren. Die aber lassen sich
vom Gedankenstrich lernen. An ihm wird der Gedanke seines
Fragmentcharakters inne. Nicht zufällig wird gerade dies Zeichen
dort, wo es seinen Zweck erfüllt: wo es trennt, was
Verbundenheit vortäuscht, im Zeitalter des fortschreitenden
Sprachzerfalls vernachlässigt. Es hält nur noch dazu her
läppisch auf Überraschungen vorzubereiten, die eben dadurch
keine mehr sind.
Der ernste Gedankenstrich: sein unübertroffener Meister in der
deutschen Literatur des neunzehnten Jahrhunderts war Theodor Storm.
Selten sind die Satzzeichen so tief dem Gehalt verschworen wie jene
in seinen Novellen, stumme Linien in die Vergangenheit, Falten auf
der Stirn der Texte. Die vortragende Stimme fällt mit ihnen in
sorgenvolles Schweigen: die Zeit, die sie zwischen zwei Sätze
einsprengen, ist eine des lastenden Erbes und hat, kahl und nackt
zwischen den angezogenen Ereignissen, etwas vom Unheil des
Naturzusammenhangs und von der Scham, daran zu rühren. So
diskret versteckit sich der Mythos im neunzehnten Jahrhundert; er
sucht Unterschlupf in der Typographie.
Zu den Verlusten, mit denen die Interpunktion am Sprachzerfall
teilhat, rechnet der des schraggestellten Strichs, wie er etwa Verse
einer Strophe voneinander sondert, die in einem Prosastück
zitiert ist. Als Strophe gesetzt, zerrisse sie barbarisch das
Sprachgewebe; einfach als Prosa gedruckt, machen Verse einen
lächerlichen Effekt, weil Metrum und Reim als kalauerhafter
Zufall erscheinen; der moderne Gedankenstrich aber ist zu kraß,
um zu leisten, was er in dergleichen Fällen leisten sollte. Die
Fähigkeit, physiognomisch solche Differenzen wahrzunehmen ist
jedoch die Voraussetzung für jeglichen angemessenen Gebrauch der
Satzzeichen.
Die drei Punkte, mit denen man in der Zeit des zur Stimmung
kommerzialisierten Impressionismus Sätze bedeutungsvoll offen zu
lassen liebte, suggerieren die Unendlichkeit von Gedanken und
Assoziation, die eben der Schmock nicht hat, der sich darauf
verlassen muß, durchs Schriftbild sie vorzuspiegeln. Reduziert
man aber, wie die Georgeschule, jene den unendlichen
Dezimalbrüchen der Arithmetik entwendeten Punkte auf die Zahl
zwei, so meint man, die fiktive Unendlichkeit ungestraft weiter
beanspruchen zu können, indem man, was dem eigenen Sinn nach
unexakt sein will, als exakt drapiert. Der Interpunktion des
unverschämten Schmocks ist die des verschämten nicht
überlegen.
Anführungszeichen soll man nur dort verwenden, wo man etwas
anführt, beim Zitat, allenfalls wo der Text von einem Wort, auf
das er sich bezieht, sich distanzieren will. Als Mittel der Ironie
sind sie zu verschmähen. Denn sie dispensieren den
Schriftsteller von jenem Geist, dessen Anspruch der Ironie
unabdingbar innewohnt, und freveln an deren eigenem Begriff, indem
sie sie von der Sache trennen und das Urteil über diese als
vorentschieden hinstellen. Die gehäuften ironischen
Anführungszeichen bei Marx und Engels sind Schatten, welche das
totalitäre Verfahren vorauswirft über ihre Schriften, die
das Gegenteil meinten: der Samen, aus dem schließlich wurde,
was Karl Kraus das Moskauderwelsch nannte. Die Gleichgültigkeit
gegen den sprachlichen Ausdruck, die in der mechanischen
Überantwortung der Intention ans typographische Cliché
sich kundgibt, weckt den Verdacht, es sei eben die Dialektik
stillgestellt, die den Inhalt der Theorie ausmacht, und das Objekt
werde ihr von oben her, verhandlungslos, subsumiert. Dort, wo es
überhaupt etwas zu sagen gibt, weist allerorten Indifferenz
gegenüber der literarischen Form auf Dogmatisierung des Inhalts.
Der blinde Richtspruch der ironischen Anführungszeichen ist
deren graphischer Gestus.
Theodor Haecker erschrak mit Recht darüber, daß das
Semikolon ausstirbt: er erkannte darin, daß keiner mehr eine
Periode schreiben kann. Dazu gehört die Furcht vor seitenlangen
Abschnitten, die vom Markt erzeugt ward; von dem Kunden, der sich
nicht anstrengen will und dem erst die Redakteure und dann die
Schriftsteller, um ihr Leben zu erwerben, sich anpaßten, bis
sie am Ende der eigenen Anpassung Ideologien wie die der
Luzidität, der sachlichen Härte, der gedrängten
Präzision erfanden. Bei dieser Tendenz lassen aber Sprache und
Sache nicht sich trennen. Durch das Opfer der Periode wird der
Gedanke kurzatmig. Die Prosa wird auf den Protokollsatz, der
Positivisten liebstes Kind, heruntergebracht, auf die bloße
Registrierung der Tatsachen, und indem Syntax und Interpunktion des
Rechts sich begeben, diese zu artikulieren, zu formen, Kritik an
ihnen zu üben, schickt bereits die Sprache sich an, vor dem
bloß Seienden zu kapitulieren, ehe nur der Gedanke Zeit hat,
diese Kapitulation eifrig von sich aus ein zweites Mal zu vollziehen.
Mit dem Verlust des Semikolons fängt es an, mit der
Ratifizierung des Schwachsinns durch die von aller Zutat gereinigte
Vernünftigkeit hört es auf.
Die Sensibilität des Schriftstellers in der Interpunktion
bewährt sich in der Behandlung der Parenthesen. Der Vorsichtige
wird dazu neigen, sie zwischen Gedankenstriche zu stellen und nicht
in Klammern, denn die Klammer nimmt die Parenthese aus dem Satz ganz
heraus, schafft gleichsam Enklaven, während doch nichts, was in
guter Prosa vorkommt, dem Gesamtbau entbehrlich sein sollte; mit dem
Zugeständnis solcher Entbehrlichkeit geben die Klammern
stillschweigend den Anspruch auf die Integrität der sprachlichen
Gestalt auf und kapitulieren vor der pedantischen Banausie. Dagegen
halten die Gedankenstriche, welche die Parenthese aus dem Fluß
herausstauen, ohne sie ins Gefängnis zu sperren, Beziehung und
Distanz gleichermaßen fest. Aber wie das blinde Vertrauen auf
ihre Kraft, das zu leisten, illusionär wäre, indem es vom
bloßen Mittel erwartete, was einzig von Sprache und Sache
selber geleistet werden kann, so läßt sich an der
Alternative von Gedankenstrichen und Klammern entnehmen, wie
hinfällig abstrakte. Normen der Interpunktion sind. Proust, den
keiner leicht einen Banausen nennen wird und dessen Pedanterie nichts
ist als ein Aspekt seiner großartigen mikrologischen Kraft, hat
unbedenklich mit Klammern gearbeitet, vermutlich, weil in den
großen Perioden die Parenthesen so lang gerieten, daß
ihre bloße Länge die Gedankenstriche annulliert
hätte. Sie bedürfen festerer Dämme, um nicht die ganze
Periode zu überfluten und jenes Chaos zu bereiten, dem jede
dieser Perioden atemlos abgezwungen ward. Das Recht für den
Proustschen Interpunktionsgebrauch liegt aber einzig beim Ansatz
seines gesamten Romanwerkes: daß der Schein des Kontinuums der
Erzählung durchbrochen wird, daß durch alle seine Fenster
der asoziale Erzähler hineinzuklettern bereit ist, um den
dunklen temps durée mit der Blendlaterne der gar nicht so
unwillkürlichen Erinnerung zu beleuchten. Seine eingeklammerten
Parenthesen, die wie das Schriftbild so den Vortrag unterbrechen,
sind Denkmäler der Augenblicke, da der Autor, müde des
ästhetischen Scheins und mißtrauisch gegen die
Selbstgenügsamkeit der Vorgänge, die er doch ohnehin nur
aus sich hervorspinnt, offen die Zügel ergreift.
Den Satzzeichen gegenüber befindet der Schriftsteller sich in
permanenter Not; wäre man beim Schreiben seiner selbst ganz
mächtig, man fühlte die Unmöglichkeit, je eines
richtig zu setzen, und gäbe das Schreiben ganz auf. Denn die
Anforderungen der Regeln der Interpunktion und des subjektiven
Bedürfnisses von Logik und Ausdruck lassen sich nicht vereinen:
in den Satzzeichen geht der Wechsel, den der Schreibende auf die
Sprache zieht, zu Protest. Weder kann er den vielfach starren und
groben Regeln sich anvertrauen, noch kann er sie ignorieren, wenn er
nicht einer Art Eigenkleidung verfallen und durch die Pointierung des
Unscheinbaren - und Unscheinbarkeit ist das Lebenselement der
Interpunktion - deren Wesen verletzen will. Umgekehrt aber darf er,
wenn er es ernst meint, nichts von dem, was er sucht, einem
Allgemeinen opfern, mit dem kein Schreibender heute sich ganz und gar
identisch fühlen kann und mit dem er sich überhaupt nur um
den Preis des Archaisierens gleichzusetzen vermöchte. jedesmal
ist der Konflikt auszutragen, und man braucht viel Kraft oder viel
Dummheit, um darüber nicht den Mut zu verlieren. Zu raten
wäre allenfalls, man solle mit den Satzzeichen umgehen wie
Musiker mit verbotenen Fortschreitungen der Harmonien und Stimmen.
Einer jeden Interpunktion, wie einer jeden solchen Fortschreitung,
läßt sich anmerken, ob sie eine Intention trägt oder
bloß schlampt; und, subtiler, ob der subjektive Wille die Regel
brutal durchbricht oder ob das wägende Gefühl sie behutsam
mitdenkt und mitschwingen läßt, wo er sie suspendiert. Das
wird sich besonders an den unscheinbarsten Zeichen erweisen, den
Kommata, deren Beweglichkeit sich am ehesten dem Ausdruckswillen
anschmiegt, die aber gerade in solcher Nähe zum Subjekt die
Tücke des Objekts entfalten und besonders empfindlich werden mit
Ansprüchen, die man ihnen kaum zutraut. jedenfalls wird heute
wohl der am besten fahren, der an die Regel: besser zuwenig . als
zuviel, sich hält. Denn die Satzzeichen, welche die Sprache
artikulieren und damit die Schrift der Stimme anähneln, haben
durch ihre logisch-semantische Verselbständigung von dieser doch
gleich aller Schrift sich geschieden und geraten in Konflikt mit
ihrem eigenen mimetischen Wesen. Davon sucht der asketische Gebrauch
der Satzzeichen etwas gutzumachen. jedes behutsam vermiedene Zeichen
ist eine Reverenz, welche die Schrift dem Laut darbringt, den sie
erstickt.