- Kulturindustrie -
Aufklärung als Massenbetrug
(Textauszüge)
- Max Horkheimer / Theodor W.
Adorno
-
- (S. 144)
- Die soziologische Meinung,
daß der Verlust des Halts in der objektiven Religion, die
Auflösung der letzten vorkapitalistischen Residuen, die
technische und soziale Differenzierung und das Spezialistentum in
kulturelles Chaos übergegangen sei, wird alltäglich
Lügen gestraft. Kultur heute schlägt alles mit
Ähnlichkeit. Film, Radio, Magazine machen ein System aus.
Jede Sparte ist einstimmig in sich und alle zusammen. Die
ästhetischen Manifestationen noch der politischen
Gegensätze verkünden gleichermaßen das Lob des
stählernen Rhythmus. Die dekorativen Verwaltungs- und
Ausstellungsstätten der Industrie sind in den
autoritären und den anderen Ländern kaum verschieden.
Die allenthalben emporschießenden hellen Monumentalbauten
repräsentieren die sinnreiche Planmäßigkeit der
staatenumspannenden Konzerne, auf die bereits das losgelassene
Unternehmertum zuschoß, dessen Denkmale die umliegenden
düsteren Wohn- und Geschäftshäuser der trostlosen
Städte sind. Schon erscheinen die älteren Häuser
rings um die Betonzentren als Slums, und die neuen Bungalows am
Stadtrand verkünden schon wie die unsoliden Konstruktionen
auf internationalen Messen das Lob des technischen Fortschritts
und fordern dazu heraus, sie nach kurzfristigem Gebrauch
wegzuwerfen wie Konservenbüchsen. Die städtebaulichen
Projekte aber, die in hygienischen Kleinwohnungen das Individuum
als gleichsam selbständiges perpetuieren sollen, unterwerfen
es seinem Widerpart, der totalen Kapitalmacht, nur um so
gründlicher. Wie die Bewohner zwecks Arbeit und
Vergnügen, als Produzenten und Konsumenten, in die Zentren
entboten werden, so kristallisieren sich die Wohnzellen bruchlos
zu wohlorganisierten Komplexen. Die augenfällige Einheit von
Makrokosmos und Mikrokosmos demonstriert den Menschen das Modell
ihrer Kultur: die falsche Identität von Allgemeinem und
Besonderem. Alle Massenkultur unterm Monopol ist identisch, und
ihr Skelett, das von jenem fabrizierte begriffliche Gerippe,
beginnt sich abzuzeichnen. An seiner Verdeckung sind die Lenker
gar nicht mehr so sehr interessiert, seine Gewalt verstärkt
sich, je brutaler sie sich einbekennt. Lichtspiele und Rundfunk
brauchen sich nicht mehr als Kunst auszugeben. Die Wahrheit,
daß sie nichts sind als Geschäft, verwenden sie als
Ideologie, die den Schund legitimieren soll, den sie
vorsätzlich herstellen. Sie nennen sich selbst Industrien,
und die publizierten Einkommensziffern ihrer Generaldirektoren
schlagen den Zweifel an der gesellschaftlichen Notwendigkeit der
Fertigprodukte nieder. (S.145)
-
- Von Interessenten wird die
Kulturindustrie gern technologisch erklärt. Die Teilnahme der
Millionen an ihr erzwinge Reproduktionsverfahren, die es wiederum
unabwendbar machten, daß an zahllosen Stellen gleiche
Bedürfnisse mit Standardgütern beliefert werden. Der
technische Gegensatz weniger Herstellungszentren zur zerstreuten
Rezeption bedinge Organisation und Planung durch die
Verfügenden. Die Standards seien ursprünglich aus den
Bedürfnissen der Konsumenten hervorgegangen: daher
würden sie so widerstandslos akzeptiert. In der Tat ist es
der Zirkel von Manipulation und rückwirkendem Bedürfnis,
in dein die Einheit des Systems immer dichter
zusammenschießt. Verschwiegen wird dabei, daß der
Boden, auf dem die Technik Macht über die Gesellschaft
gewinnt, die Macht der ökonomisch Stärksten über
die Gesellschaft ist. Technische Rationalität heute ist die
Rationalität der Herrschaft selbst, Sie ist der
Zwangscharakter der sich selbst entfremdeten Gesellschaft. Autos,
Bomben und Film halten so lange das Ganze zusammen, bis ihr
nivellierendes Element am Unrecht selbst, dem es diente, seine
Kraft erweist. Einstweilen hat es die Technik der Kulturindustrie
bloß zur Standardisierung sind Serienproduktion gebracht und
das geopfert, wodurch die Logik des Werks von der des
gesellschaftlichen Systems sich unterschied. Das aber ist keinem
Bewegungsgesetz der Technik als solcher aufzubürden, sondern
ihrer Funktion in der Wirtschaft heute. Das Bedürfnis, das
der zentralen Kontrolle etwa sich entziehen könnte, wird
schon von der des individuellen Bewußtseins verdrängt.
Der Schritt vom Telephon zum Radio hat die Rollen klar geschieden.
Liberal ließ jenes den Teilnehmer noch die des Subjekts
spielen. Demokratisch macht dieses alle gleichermaßen zu
Hörern, um sie autoritär den unter sich gleichen
Programmen der Stationen auszuliefern. Keine Apparatur der Replik
hat sich entfaltet, und die privaten Sendungen werden zur
Unfreiheit verhalten. Sie beschränken sich auf den apokryphen
Bereich der »Amateure«, die man zudem noch von oben her
organisiert. Jede Spur von Spontaneität des Publikums im
Rahmen des offiziellen Rundfunks aber wird von Talentjägern,
Wettbewerben vorm Mikrophon, protegierten Veranstaltungen aller
Art in fachmännischer Auswahl gesteuert und absorbiert. Die
Talente gehören dem Betrieb, längst ehe er sie
präsentiert: sonst würden sie nicht so eifrig sich
einfügen. Die Verfassung des Publikums, die vorgeblich sind
tatsächlich das System der Kulturindustrie begünstigt,
ist cm Teil des Systems, nicht dessen Entschuldigung. Wenn eine
Kunstbranche nach demselben Rezept verfährt wie eine dem
Medium und dem Stoff nach weit von ihr entlegene; wenn
schließlich der dramatische Knoten in den
»Seifenopern« des Radios zum pädagogischen Beispiel
für die Bewältigung technischer Schwierigkeiten wird,
die als »jam«. ebenso wie auf den Höhepunkten des
Jazzlebens gemeistert werden, oder wenn die antastende
»Adaptation« eines Beethovenschen Satzes nach dem
gleichen Modus sich vollzieht wie die eines Tolstoiromans durch
den Film, so wird der Rekurs auf spontane Wünsche des
Publikums zur windigen Ausrede. Der Sache näher kommt schon
die Erklärung durchs Eigengewicht des technischen und
personellen Apparats, der freilich in jeder Einzelheit als Teil
des ökonomischen Selektionsmechanismus zu verstehen ist.
Hinzutritt die Verabredung, zumindest die gemeinsame
Entschlossenheit der Exekutivgewaltigen, nichts herzustellen oder
durchzulassen, was nicht ihren Tabellen, ihrem Begriff von
Konsumenten, vor allem ihnen selber gleicht. (S.146)
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- Wenn die objektive
gesellschaftliche Tendenz in diesem Weltalter sich in den
subjektiven dunklen Absichten der Generaldirektoren inkarniert, so
sind es originär die der mächtigsten Sektoren der
Industrie, Stahl, Petroleum, Elektrizität, Chemie. Die
Kulturmonopole sind mit ihnen verglichen schwach und
abhängig. Sie müssen sich sputen, es den wahren
Machthabern recht zu machen, damit ihre Sphäre in der
Massengesellschaft, deren spezifischer Warentypus ohnehin noch
zuviel mit gemütlichem Liberalismus und jüdischen
Intellektuellen zu tun hat, nicht einer Folge von
Säuberungsaktionen unterworfen wird. Die Abhängigkeit
der mächtigsten Sendegesellschaft von der Elektroindustrie,
oder die des Films von den Banken, charakterisiert die ganze
Sphäre, deren einzelne Branchen wiederum untereinander
ökonomisch verfilz sind. Alles liegt so nahe beieinander,
daß die Konzentration de Geistes ein Volumen erreicht, das
es ihr erlaubt, über die Demarkationslinie der Firmentitel
und technischen Sparten hinwegzurollen. Die rücksichtslose
Einheit der Kulturindustrie bezeugt die heraufziehende der
Politik. Emphatische Differenzierungen wie die von A- und B-Filmen
oder von Geschichten in Magaziner verschiedener Preislagen gehen
nicht sowohl aus der Sache her vor, als daß sie der
Klassifikation, Organisation und Erfassung der Konsumenten dienen.
Für alle ist etwas vorgesehen, damit keine: ausweichen kann,
die Unterschiede werden eingeschliffen und propagiert. Die
Belieferung des Publikums mit einer Hierarchie vor
Serienqualitäten dient nur der um so lückenloseren
Quantifizierung. Jeder soll sich gleichsam spontan seinem vorweg
durch Indizien bestimmten »level« gemäß
verhalten und nach der Kategorie des Massenprodukts greifen, die
für seinen Typ fabriziert ist. Die Konsumenten werden als
statistisches Material auf der Landkarte der Forschungsstellen,
die von denen der Propaganda nicht mehr zu unterscheiden sind, in
Einkommensgruppen, in rote, grüne und blaue Felder,
aufgeteilt.
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- Der Schematismus der Verfahrens
zeigt sich daran, daß schließlich die mechanisch
differenzierten Erzeugnisse als allemal das Gleiche sich erweisen.
Daß der Unterschied der Chrysler- von der
General-Motors-Serie im Grunde illusionär ist, weiß
schon jedes Kind, das sich für den Unterschied begeistert.
Was die Kenner als Vorzüge und Nachteile besprechen, dient
nur dazu, den Schein von Konkurrenz und Auswahlmöglichkeit zu
verewigen. Mit den Präsentationen der Warner Brothers und
Metro Goldwyn Mayers verhält es sich nicht ander. Aber auch
zwischen den teueren und billigeren Sorten der Musterkollektion
der gleichen Firma schrumpfen die Unterschiede immer mehr
zusammen: bei den Autos auf solche von Zylinderzahl, Volumen,
Patentdaten der gadgets, bei den Filmen auf solche der Starzahl,
der Üppigkeit des Aufwands an Technik, Arbeit und
Ausstattung, und der Verwendung jüngerer psychologischer
Formeln. Der einheitliche Maßstab des Wertes besteht in der
Dosierung der conspicuious production, der zu Schau gestellten
Investition. Die budgetierten Werdifferenzen der Kulturindustrie
haben mit sachlichen, mit dem Sinn der Erzeugnisse überhaupt
nichts zu tun. Auch die technischen Medien untereinander werden
zur unersättlichen Uniformität getrieben. Das Fernsehen
zielt auf eine Synthese von Radio und Film, die man aufhält,
solange sich die Interessenten noch nicht ganz geeinigt haben,
deren unbegrenzte Möglichkeiten aber die Verarmung der
ästhetischem Materialien so radikal zu steigern versrpicht,
daß die flüchtig getarnte Identität aller
industriellen Kulturprodukte morgen schon offen triumphieren mag,
hohnlachende Erfüllung des wagnerischen Traums vom
Gesamtkunstwerk. Die Übereinstimmung von Wort, Bild und Musik
gelingt um so viel perfekter als im Tristan, weil die sinnlichen
Elemente, die einspruchslos allesamt die Oberfläche der
gesellschaftlichen Realität protokollieren, dem Prinzip nach
im gleichen technischen Arbeitsgang produziert werden und dessen
Einheit als ihren eigentlichen Gehalt ausdrücken. Dieser
Arbeitsgang integriert alle Elemente der Produktion, von der auf
den Film schielenden Konzeption des Romans bis zum letzten
Geräuscheffekt. Er ist der Triumph des investierten Kapitals.
Seine Allmacht den einteigneten Anwärtern auf jobs als die
ihres Herrn ins Herz zu brennen, macht den Sinn aller Filme aus,
gleichviel welches plot die Produktionsleitung jeweils
ausersieht.
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- An der Einheit der Produktion
soll der Freizeitler sich ausrichten. Die Leistung, die der
kantische Schematismus noch von den Subjekten erwartet hatte,
nämlich die sinnliche Mannigfaltigkeit vorweg auf die
fundamentalen Begriffe zu beziehen, wird dem Subjekt von der
Industrie abgenommen. Sie betreibt den Schematismus als ersten
Dienst am Kunden. In der Seele sollte ein geheimer Mechanismus
wirken, der die unmittelbaren Daten bereits so präpariert,
daß sie ins System der Reinen Vernunft hineinpassen. Das
Geheimnis ist heute enträtselt. Ist auch die Planung des
Mechanismus durch die, welche die Daten beistellen, die
Kulturindustrie, dieser selber durch die Schwerkraft der trotz
aller Rationalisierung irrationalen Gesellschaft aufgezwungen, so
wird doch die verhängnisvolle Tendenz bei ihrem Durchgang
durch die Agenturen des Geschäfts in dessen eigene gewitzigte
Absichtlichkeit verwandelt. Für den Konsumenten gibt es
nichts mehr zu klassifzieren, was nicht selbst im Schematismus der
Produktion vorweggenommen wäre. Die traumlose Kunst fürs
Volk erfüllt jenen träumerischen Idealismus, der dem
kritischen zu weit ging. Alles kommt aus dem Bewußtsein, bei
Malebranche und Berkeley aus dem Gottes, in der Massenkunst aus
dem der irdischen Produktionsleitung. Nicht nur werden die Typen
von Schlagern, Stars, Seifenopern zyklisch als starre Invarianten
durchgehalten, sonder der spezifische Inhalt des Spiels, das
scheinbar Wechselnde ist selber aus ihnen abgeleitet.
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- Die Details werden fungibel.
Die kurze Intervallfolge, die in einem Schlager als
einprägsam sich bewährte, die vorübergehende
Blamage des Helden, die er als good sport zu ertragen weiß,
die zuträglichen Prügel, die die Geliebte von der
starken Hand des männlichen Stars empfängt, seine
rüde Sprödigkeit gegen die verwöhnte Erbin sind wie
alle Einzelheiten fertige Clichés, beliebig hier und dort
zu verwenden, und allemal völlig durch den Zweck, der ihnen
im Schema zufällt. Es zu bestätigen, indem sie es
zusammensetzen, ist ihr ganzes Leben.
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- Durchweg ist dem Film sogleich
anzusehen, wie er ausgeht, wer belohnt, bestraft, vergessen wird,
und vollends in der leicht Musik kann das präparierte Ohr
nach den ersten Takten des Schlagers die Fortsetzung raten und
fühlt sich glücklich, wenn es wirklich so eintrifft. An
der durchschnittlichen Wortzahl der Short Story ist nicht zu
rütteln. Selbst gags, Effekte und Witze sind kalkuliert wie
ihr Gerüst. Sie werden von besonderen Fachleuten verwaltet,
und ihre schmale Mannigfaltigkeit läßt
grundsätzlich im Büro sich aufteilen. Die
Kulturindustrie hat sich entwickelt mit der Vorherrschaft des
Effekts, der handgreiflichen Leistung, der technischen Details
übers Werk, das einmal die Idee trug und mit dieser
liquidiert wurde. Indem das Detail sich emanzipierte, war es
aufsässig geworden und hatte sich, von der Romantik bis zum
Expressionismus, als ungebändigter Ausdruck , als Träger
des Einspruchs gegen die Organisation aufgeworfen. Die harmonische
Einzelwirkung hatte in der Musik das Bewußtsein des
Formganzen, die partikulare Farbe in der Malerei die
Bildkomposition, die psychologische Eindringlichkeit im Roman die
Architektur verwischt. Dem macht die Kulturindustrie durch
Totalität ein Ende. Während sie nichts mehr kennt als
die Effekte, bricht sie deren Unbotmäßigkeit und
unterwirft sie der Formel, die das Werk ersetzt. Ganzes und Teile
schlägt sie gleichermaßen. Das Ganze tritt unerbittlich
und beziehungslos den Details gegenüber, etwa als die
Karriere eines Erfolgreichen, der alles als Illustration und
Beweisstück dienen soll, während sie doch selbst nicht
anderes als die Summe jener idiotischen Ereignisse ist. Die
sogenannte übergreifende Idee ist eine Registraturmappe und
stiftet Ordnung, nicht Zusammenhang. Gegensatzlos und unverbunden
tragen Ganzes und Einzelheit die gleichen Züge. Ihre vorweg
garantierte Harmonie verhöhnt die errungene des großen
bürgerlichen Kunstwerks. In Deuschlad lag über den
heitersten Filmen der Demokratie schon die Kirchhofsruhe der
Diktatur. (S. 150)
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- (S. 151)
- Die ganze Welt wird durch das
Filter der Kulturindustrie geleitet. Die alte Erfahrung des
Kinobesuchers, der die Straße draußen als Fortsetzung
des gerade verlassenen Lichtspiels wahrnimmt, weil dieses selber
streng die alltägliche Wahrnehmungswelt wiedergeben will, ist
zur Richtschnur der Produktion geworden. Je dichter und
lückenloser ihre Techniken die empirischen Gegenstände
verdoppeln, um so leichter gelingt heute die Täuschung, dass
die Welt draußen die bruchlose Verlängerung derer sei,
die man im Lichtspiel kennenlernt. Seit der schlagartigen
Einführung des Tonfilms ist die mechanische
Vervielfältigung ganz und gar diesem Vorhaben dienstbar
geworden. Das Leben soll der Tendenz nach vom Tonfilm nicht mehr
sich unterscheiden lassen. Indem er, das Illusionstheater weit
überbietend, der Phantasie und dem Gedanken der Zuschauer
keine Dimension mehr übrigläßt, in der sie im
Rahmen des Filmwerks und doch unkontrolliert vor dessen exakten
Gegebenheiten sich ergehen und abschweifen könnten, ohne den
Faden zu verlieren, schult er den ihm Ausgelieferten, ihn
unmittelbar mit der Wirklichkeit zu identifizieren. Die
Verkümmerung der Vorstellungskraft und Spontaneität des
Kulturkonsumenten heute braucht nicht auf psychologische
Mechanismen reduziert zu werden. Die Produkte selber, allen voran
das Charakteristischste, der Tonfilm, lähmen ihrer objektiven
Beschaffenehit nach jene Fähigkeiten. Sie sind so angelegt,
daß ihre adäquate Auffassung zwar Promptheit,
Beobachtungsgabe, Versiertheit erheischt, daß sie aber die
denkende Aktivität des Betrachters geradezu verbieten, wenn
er nicht die vorbeihuschenden Fakten versäumen will. Die
Anspannung freilich ist so eingeschliffen, daß sie im
Einzelfall gar nicht erst aktualisiert zu werden braucht, und doch
die Einbildungskraft verdrängt. Wer vom Kosmos des Films, von
Geste, Bild und Wort so absorbiert wird, daß er ihm das
nicht hinzuzufügen vermag, wodurch er doch erst zum Kosmos
würde, muß nicht notwendig im Augenblick der
Aufführung von den besonderen Leistungen der Maschinerie ganz
und gar besetzt sein. Von allen anderen Filmen und anderen
Kulturfabrikaten her, die er kennen muß, sind die
geforderten Leistungen der Aufmerksamkeit so vertraut, daß
sie automatisch erfolgen. (S. 152)
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- (S. 160)
- Immergleichheit regelt auch das
Verhältnis zum Vergangenen, Das Neue der massenkulturellen
Phase gegenüber der spätliberalen ist der Ausschluss des
Neuen. Die Maschine rotiert auf der gleichen Stelle. Während
sie schon den Konsum bestimmt, scheidet die das Unerprobte als
Risiko aus. Misstrauisch blicken die Filmleute auf jedes
Manuskript, dem nicht schon ein besteller beruhigend zu Grunde
liegt, Darum gerade ist immerzu von idea, novbelty und surprise
die Rede, dem, was zugleich allvertraut wäre und nie
dagewesen. Ihm dient Tempo und Dynamik. Nichts darf beim Alten
bleiben, alles muss unablässig laufen, in Bewegung sein. Denn
nur der universale Sieg des Rhythmus von mechanischer Produktion
und Reproduktion verheißt, dass nichts sich ändert,
nichts herauskommt, was nicht passte. Zusätze zum erprobten
Kulturinventar sind zu spekulativ. Die gefrorenen Formtypen wie
Sketsch, Kurzgeschichte, Problemfilm, Schlager sind der normativ
gewandte, drohend oktroyierte Durchschnitt des spätliberalen
Geschmacks. Die Gewaltigen der Kulturagenturen, die harmonischen
Konfektion oder dem College hervorging, haben längst den
objektiven Geist saniert und rationalisiert. Es ist, als
hätte eine allgegenwärtige Instanz das Material
gesichtet und den maßgebenden Katalog der kulturellen
Güter aufgestellt, der die lieferbaren Serien bündig
aufführt. Die Ideen sind an den Kulturhimmel geschrieben, in
dem sie bei Platon schon gezählt, ja Zahlen selbst
unvermehrbar und unveränderlich beschlossen waren. (S. 160)
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- (S. 171)
- Je fester die Positionen der
Kulturindustrie werden, um so summarischer kann sie mit dem
Bedürfnis der Konsumenten verfahren, es produzieren, steuern,
disziplinieren, selbst das Amusement einziehen: dem kulturellen
Fortschritt sind da keine Schranken gesetzt. Aber die Tendenz dazu
ist dem Prinzip des Amusements, als einem
bürgerlich-aufgeklärten, selbst immanent. War das
Amusementbedürfnis weithin von der Industrie hervorgebracht,
die den Massen das Werk durchs Sujet, den Öldruck durch den
dargestellten Leckerbissen und umgekehrt das Puddingpulver durch
den abgebildeten Pudding anpries, so ist das Amusement immer schon
das geschäftlich Angedrehte anzumerken, der sales talk, die
Stimme des Marktschreiers vom Jahrmarkt. Die ursprüngliche
Affinität aber von Geschäft und Amusement zeigt sich in
dessen eigenem Sinn: der Apologie der Gesellschaft.
Vergnügtsein heißt Einverstandensein. Es ist
möglich nur, indem es sich gegenüber dem Ganzen des
gesellschaftlichen Prozesses abdichtet, dumm macht und von
Anbeginn den unentrinnbaren Anspruch jedes Werks, selbst des
nichtigsten, widersinnig preisgibt: in seiner Beschränkung
das Ganze zu reflektieren. Vergnügen heißt allemal:
nicht daran denken müssen, das leiden vergessen, noch wo es
gezeigt wird. Ohnmacht liegt ihm zugrunde. Es ist in der Tat
Flucht, aber nicht, wie es behauptet, Flucht vor der schlechten
Realität, sondern vor dem letzten Gedanken an Widerstand, den
jene noch übriggelassen hat. Die Befreiung, die Amusement
verspricht, ist die von Denken als von Negation.
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- (S. 183)
- In der Kulturindustrie ist das
Individuum illusionär nicht bloß wegen der
Standardisierung ihrer Produktionsweise. Es wird nur so weit
geduldet, wie seine rückhaltlose Identität mit dem
Allgemeinen außer Frage steht. Von der genormten
Improvisation im Jazz bis zur originellen Filmpersönlichkeit,
der die Locke übers Auge hängen muss, damit man sie als
solche erkennt, herrscht Pseudoindividualität. Das
Individuelle reduziert sich auf die Fähigkeit des
Allgemeinen, das Zufällige so ohne Rest zu stempeln, dass es
als dasselbe festgehalten werden kann. Gerade die trotzige
Verschlossenheit oder das gewählte Auftreten des je
ausgestellten Individuums werden serienweise hergestellt wie die
Yaleschlösser, die sich nach Bruchteilen von Millimetern
unterscheiden. Die Besonderheit des Selbst ist ein
gesellschaftlich bedingtes Monopolgut, das als nützlich
vorgespiegelt wird. Sie ist auf den Schnurrbart reduziert, den
französischen Akzent, die tiefe Stimme der Lebefrau, den
Lubitsch touch: gleichnamige Fingerabdrücke auf den sonst
gleichen Ausweiskarten, in die Leben und Gesicht aller Einzelnen
vom Filmstar bis zum leiblich Inhaftierten, vor der Macht des
Allgemeinen sich verwandelt. Pseudoindividualität wird
für die Erfassung und Entgiftung der Tragik vorausgesetzt:
nur dadurch, dass die Individuen gar keine sind, sondern
bloße Verkehrsknotenpunkte der Tendenzen des Allgemeinen,
ist es möglich, sie bruchlos in die Allgemeinheit
zurückzunehmen. Massenkultur entschleiert damit den fiktiven
Charakter, den die Form des Individuums im bürgerlichen
Zeitalter seit je aufwies, und tut unrecht nur daran, dass sie mit
solcher, trüben Harmonie von Allgemeinem und Besonderen sich
brüstet.
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- (S. 192)
- Kultur ist eine paradoxe Ware.
Sie steht so völlig unterm Tauschgesetz, daß sie nicht
mehr getauscht wird; sie geht so blind im Gebrauch auf, daß
man sie nicht mehr gebrauchen kann. Daher verschmilzt sie mit der
Reklame. Je sinnloser diese unterm Monopol scheint, um so
allmächtiger wird sie. Die Motive sind ökonomisch genug.
Zu gewiß könnte man ohne die ganze Kulturindustrie
leben, zu viel Übersättigung und Apathie muß sie
unter den Konsumenten erzeugen. Aus sich selbst vermag sie wenig
dagegen. Reklame ist ihr Lebenselixier. Da aber ihr Produkt
unablässig den Genuß, den es als Ware verheißt,
auf die bloße Verheißung reduziert, so fällt es
selber schließlich mit der Reklame zusammen, deren es um
seiner Ungenießbarkeit willen bedarf. In der
Konkurrenzgesellschaft leistete sie den gesellschaftlichen Dienst,
den Käufer am Markt zu orientieren, sie erleichterte die
Auswahl und half dem leistungsfähigeren unbekannten
Lieferanten, seine Ware an den richtigen Mann zu bringen. Sie
kostete nicht bloß, sondern ersparte Arbeitszeit. Heute, da
der freie Markt zu Ende geht, verschanzt sich in ihr die
Herrschaft des Systems. Sie verfestigt das Band, das die
Konsumenten an die großen Konzerne schmiedet. Nur wer die
exorbitanten Gebühren, welche die Reklameagenturen, allen
voran das Radio selbst, erheben, laufend bezahlen kann, also wer
schon dazu gehört oder auf Grund des Beschlusses von Bank-
und Industriekapital kooptiert wird, darf überhaupt den
Pseudomarkt als Verkäufer betreten. Die Reklamekosten, die
schließlich in die Taschen der Konzerne
zurückfließen, ersparen das umständliche
Niederkonkurrieren unliebsamer Außenseiter; sie garantieren,
daß die Maßgebenden unter sich bleiben; nicht
unähnlich jenen Wirtschaftsratsbeschlüssen, durch die im
totalitären Staat Eröffnung und Weiterführung von
Betrieben kontrolliert wird. Reklame ist heute ein negatives
Prinzip, eine Sperrvorrichtung: alles, was nicht ihren Stempel an
sich trägt, ist wirtschaftlich anrüchig. Die
allumfassende Reklame ist keineswegs notwendig, damit die Menschen
die Sorten kennenlernen, auf die das Angebot sowieso
beschränkt ist. Sie dient dem Absatz nur indirekt. Der Abbau
einer gängigen Reklamepraxis durch eine einzelne Firma
bedeutet einen Prestigeverlust, in Wahrheit einen Verstoß
gegen die Disziplin, welche die maßgebende Clique den Ihren
auferlegt. Im Krieg wird weiter Reklame gemacht für Waren,
die schon nicht mehr lieferbar sind, bloß um der
Schaustellung der industriellen Macht willen. Wichtiger als die
Wiederholung des Namens ist dann die Subvention der ideologischen
Medien. Indem unterm Zwang des Systems jedes Produkt
Reklametechnik verwendet, ist diese ins Idiom, den
»Stil« der Kulturindustrie eimarschiert. So vollkommen
ist ihr Sieg, daß sie an den entscheidenden Stellen nicht
einmal mehr ausdrücklich wird: die Monumentalbauten der
Größten, steingewordene Reklame im Scheinwerferlicht,
sind reklamefrei und stellen allenfalls noch auf den Zinnen,
lapidar leuchtend, des Selbstlobs enthoben, die Initialen des
Geschäfts zur Schau. Die vom neunzehnten Jahrhundert
überlebenden Häuser dagegen, deren Architektur die
Verwendbarkeit als Konsumgut, der Wohnzweck noch beschämend
anzumerken ist, werden vom Parterre bis übers Dach hinaus mit
Plakaten und Transparenten gespickt; die Landschaft wird zum
bloßen Hintergrund für Schilder und Zeichen. Reklame
wird zur Kunst schlechthin, mit der Goebbels abnungsvoll sie in
eins setzte, l'art pour l'art, Reklame für sich selber, reine
Darstellung der gesellschaftlichen Macht. In den maßgebenden
amerikanischen Magazinen Life und Fortune kann der flüchtige
Blick Bild und Text der Reklame von denen des redaktionellen Teils
schon kaum mehr unterscheiden. Redaktionell ist der begeisterte
und unbezahlte Bildbericht über Lebensgewohnheit und
Körperpflege des Prominenten, der diesem neue fans
zuführt, während die Reklameseiten auf so sachliche und
lebenswahre Photographien und Angaben sich stützen, daß
sie das Ideal der Information darstellen, dem der redaktionelle
Teil erst nachstrebt. Jeder Film ist die Vorschau auf den
nächsten, der das gleiche Heldenpaar unter der gleichen
exotischen Sonne abermals zu vereinen verspricht: wer zu spät
kommt, weiß nicht, ob er der Vorschau oder der Sache selbst
beiwohnt. Der Montagecharakter der Kulturindustrie, die
synthetische, dirigierte Herstellungsweise ihrer Produkte,
fabrikmäßig nicht bloß im Filmstudio sondern
virtuell auch bei der Kompilation der billigen Biographien,
Reportageromane und Schlager, schickt sich vorweg zur Reklame:
indem das Einzelmoment ablösbar, fungibel wird, jedem
Sinnzusammenhang auch technisch entfremdet, gibt es sich zu
Zwekken außerhalb des Werkes her. Effekt, Trick, die
isolierte und wiederholbare Einzelleistung sind von je der
Ausstellung von Gütern zu Reklamezwecken verschworen gewesen,
und heute ist jede Großaufnahme der Filmschauspielerin zur
Reklame für ihren Namen geworden, jeder Schlager zum plug
seiner Melodie. Technisch so gut wie ökonomisch verschmelzen
Reklame und Kulturindustrie. Hier wie dort erscheint des Gleiche
an zahllosen Orten, und die mechanische Repetition desselben
Kulturprodukts ist schon die desselben Propaganda-Schlagworts.
Hier wie dort wird unterm Gebot von Wirksamkeit Technik zur
Psychotechnik, zum Verfahren der Menschenbehandlung. Hier wie dort
gelten die Normen des Auffälligen und doch Vertrauten, des
Leichten und doch Einprägsamen, des Versierten und doch
Simplen; um die Überwältigung des als zerstreut oder
widerstrebend vorgestellten Kunden ist es zu tun.
- (S. 194)
- Durch die Sprache, die er
spricht, trägt er selber zum Reklamecharakter der Kultur das
Seine bei. Je vollkommener nämlich die Sprache in der
Mitteilung aufgeht, je mehr die Worte aus substantiellen
Bedeutungsträgern zu qualitätslosen Zeichen werden, je
reiner und durchsichtiger sie das Gemeinte vermitteln, desto
undurchdringlicher werden sie zugleich. Die Entmythologisierung
der Sprache schlägt, als Element des gesamten
Aufklärungsprozesses, in Magie zurück. Unterschieden
voneinander und unablösbar waren Wort und Gehalt einander
gesellt. Begriffe wie Wehmut, Geschichte, ja: das Leben, wurden im
Wort erkannt, das sie heraushob und bewahrte. Seine Gestalt
konstituierte und spiegelte sie zugleich. Die entschlossene
Trennung, die den Wortlauf als zufällig und die Zuordnung zum
Gegenstand als willkürlich erklärt, räumt mit der
abergläubischen Vermischung von Wort und Sache auf. Was an
einer festgelegten Buchstabenfolge über die Korrelation zum
Ereignis hinausgeht, wird als unklar und als Wortmetaphysik
verbannt. Damit aber wird das Wort, das nur noch bezeichnen und
nichts mehr bedeuten darf, so auf die Sache fixiert, daß es
zur Formel erstarrt.
- (S. 195)
- Das betrifft
gleichermaßen Sprache und Gegenstand. Anstatt den Gegenstand
zur Erfahrung zu bringen, exponiert ihn das gereinigte Wort als
Fall eines abstrakten Moments, und alles andere, durch den Zwang
zu unbarmherziger Deutlichkeit vom Ausdruck abgeschnitten, den es
nicht mehr gibt, verkümmert damit auch in der Realität.
Der Linksaußen beim Fußball, das Schwarzhemd, der
Hitlerjunge und ihresgleichen sind nichts mehr als das, was sie
beißen. Hatte das Wort vor seiner Rationalisierung mit der
Sehnsucht auch die Lüge entfesselt, so ist das
rationalisierte zur Zwangsjacke geworden für die Sehnsucht
mehr noch als für die Lüge. Die Blindheit und Stummheit
der Daten, auf welche der Positivismus die Welt reduziert, geht
auf die Sprache selber über, die sich auf die Registrierung
jener Daten beschränkt. So werden die Bezeichnungen selbst
undurchdringlich, sie erhalten eine Schlagkraft, eine Gewalt der
Adhäsion und Abstoßung, die sie ihrem extremen
Gegensatz, den Zaubersprüchen, ähnlich macht. Sie wirken
wieder als eine Art von Praktiken, sei es, daß der Name der
Diva im Studio nach statistischer Erfahrung kombiniert wird, sei
es, daß man die Wohlfahrtsregierung durch tabuierende Namen
wie Bürokraten und Intellektuelle bannt, sei es, daß
sich die Gemeinheit durch den Landesnamen feit. Der Name
überhaupt, an den Magie vornehmlich sich knüpft,
unterliegt heute einer chemischen Veränderung. Er verwandelt
sich in willkürliche und handhabbare Bezeichnungen, deren
Wirkkraft nun zwar berechenbar, aber gerade darum ebenso
eigenmächtig ist, wie die des archaischen. Vornamen, die
archaischen Überbleibsel, hat man auf die Höhe der Zeit
gebracht, indem man sie entweder zu Reklamemarken stilisierte
&emdash; bei den Filmstars sind auch die Nachnamen Vornamen
&emdash; oder kollektiv standardisierte. Veraltet klingt
dafür der bürgerliche, der Familienname, der, anstatt
Warenzeichen zu sein, den Träger durch Beziehung auf eigene
Vorgeschichte individualisierte. Er erweckt in Amerikanern eine
seltsame Befangenheit. Um die unbequeme Distanz zwischen
besonderen Menschen zu vertuschen, nennen sie sich Bob und Harry,
als fungible Mitglieder von teams. Solcher Komment bringt die
Beziehungen der Menschen auf die Brüderlichkeit des
Sportpublikums hinab, die vor der richtigen schützt. Die
Signifikation, als einzige Leistung des Worts von Semantik
zugelassen, vollendet sich im Signal. Ihr Signalcharakter
verstärkt sich durch die Raschheit, mit welcher Sprachmodelle
von oben her in Umlauf gesetzt werden, Wenn die Volkslieder zu
Recht oder Unrecht herabgesunkenes Kulturgut der Oberschicht
genannt wurden, so haben ihre Elemente jedenfalls erst in einem
langen, vielfach vermittelten Prozeß der Erfahrung ihre
populäre Gestalt angenommen. Die Verbreitung von popular
songs dagegen geschieht schlagartig. Der amerikanische Ausdruck
»fad« für epidemisch auftretende &emdash;
nämlich durch hochkonzentrierte ökonomische Mächte
entzündete &emdash; Moden bezeichnete das Phänomen,
längst ehe totalitäre Reklamechefs die jeweiligen
Generallinien der Kultur durchsetzten. Wenn an einem Tag die
deutschen Faschisten ein Wort wie »untragbar« durch die
Lautsprecher lancieren, sagt morgen das ganze Volk
»untragbar«. Nach demselben Schema haben die Nationen,
auf die der deutsche Blitzkrieg es abgesehen hatte, ihn in ihren
Jargon aufgenommen.
- (S. 196)
- Die allgemeine Wiederholung der
Bezeichnungen für die Maßnahmen macht diese gleichsam
vertraut, wie zur Zeit des freien Marktes der Warenname in aller
Mund den Absatz erhöhte. Das blinde und rapid sich
ausbreitende Wiederholen designierter Worte verbindet die Reklame
mit der totalitären Parole. Die Schicht der Erfahrung, welche
die Worte zu denen der Menschen machte, die sie sprachen, ist
abgegraben, und in der prompten Aneignung nimmt die Sprache jene
Kälte an, die ihr bislang nur an Litfaßsäulen und
im Annoncenteil der Zeitungen eigen war. Unzählige gebrauchen
Worte und Redewendungen, die sie entweder überhaupt nicht
mehr verstehen oder nur ihrem behavioristischen Stellenwert nach
benutzen, so wie Schutzzeichen, die sich schließlich um so
zwangshafter an ihre Objekte heften, je weniger ihr sprachlicher
Sinn mehr erfaßt wird. Der Minister für
Volksaufklärung redet unwissend von dynamischen Kräften,
und die Schlager singen unablässig von rêverie und
rhapsody und heften ihre Popularität gerade an die Magie des
Unverständlichen als an den Schauer vom höheren Leben.
Andere Stereotypen, wie memory, werden noch einigermaßen
kapiert, aber entgleiten der Erfahrung, die sie erfüllen
könnte. Wie Enklaven ragen sie in die gesprochene Sprache
hinein. Im deutschen Rundfunk Fleschs und Hitlers sind sie an dem
affektierten Hochdeutsch des Ansagers zu erkennen, welcher der
Nation »Auf Wiederhören« oder »Hier spricht
die Hitlerjugend« und sogar »der Führer« in
einem Tonfall vorsagt, der zum Mutterlaut von Millionen wird. In
solchen Wendungen ist das letzte Band zwischen sedimentierter
Erfahrung und Sprache durchschnitten, wie es im neunzehnten
Jahrhundert im Dialekt noch seine versöhnende Wirkung
übte. Dem Redakteur, der es mit seiner geschmeidigen
Gesinnung zum deutschen Schriftleiter gebracht hat, erstarren
dafür die deutschen Wörter unter der Hand zu fremden. An
jedem Wort läßt sich unterscheiden, wie weit es von der
faschistischen Volksgemeinschaft verschandelt ist. Nachgerade
freilich ist solche Sprache schon allumfassend, totalitär
geworden. Man vermag den Worten die Gewalt nicht mehr
anzuhören, die ihnen widerfährt. Der Rundfunkansager hat
es nicht nötig, gespreizt zu reden; ja er wäre
unmöglich, wenn sein Tonfall von dem der ihm zubestimmten
Hörergruppe der Art nach sich unterschiede.
- (S. 197)
- Aber dafür sind Sprache
und Gestik der Hörer und Zuschauer bis in Nuancen, an welche
bislang keine Versuchsmethoden heranreichen, vom Schema der
Kulturindustrie noch stärker durchsetzt als je zuvor. Heute
hat sie die zivilisatorische Erbschaft der Frontier- und
Untemehmerdemokratie angetreten, deren Sinn für geistige
Abweichungen auch nicht allzu zart entwickelt war. Alle sind frei,
zu tanzen und sich zu vergnügen, wie sie, seit der
geschichtlichen Neutralisierung der Religion, frei sind, in eine
der zahllosen Sekten einzutreten. Aber die Freiheit in der Wahl
der Ideologie, die stets den wirtschaftlichen Zwang
zurückstrahlt, erweist sich in allen Sparten als die Freiheit
zum Immergleichen. Die Art, in der ein junges Mädchen das
obligatorische date annimmt und absolviert, der Tonfall am
Telephon und in der vertrautesten Situation, die Wahl der Worte im
Gespräch, ja das ganze nach den Ordnungsbegriffen der
heruntergekommenen Tiefenpsychologie aufgeteilte Innenleben
bezeugt den Versuch, sich selbst zum erfolgsadäquaten Apparat
zu machen, der bis in die Triebregungen hinein dem von der
Kulturindustrie präsentierten Modell entspricht. Die
intimsten Reaktionen der Menschen sind ihnen selbst gegenüber
so vollkommen verdinglicht, daß die Idee des ihnen
Eigentümlichen nur in äußerster Abstraktheit noch
fortbesteht: personality bedeutet ihnen kaum mehr etwas anderes
als blendend weiße Zähne und Freiheit von
Achselschweiß und Emotionen. Des ist der Triumph der Reklame
in der Kulturindustrie, die zwangshafte Mimesis der Konsumenten an
die zugleich durchschauten Kulturwaren. (fortzusetzen)
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- In: Max Horkheimer/ Theodor W.
Adorno (1947/1948) Dialektik der Aufklärung. Philosophische
Fragmente. Zitiert nach der Reprint-Ausgabe: Amsterdam:
Querido-Verlag , S. 144-198.
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- Interview
mit Stefan Müller-Doohm
zur "Dialektik der Aufklärung 2003 (Radio Bremen)
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