- Alexander Kluge
- Kommentare zum
antagonistischen Realismusbegriff
- Aus: Gelegenheitsarbeit
einer Sklavin. Frankfurt/M.: Suhrkamp Verlag 1975, S. 196 f.
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- Das Kino hat in seiner
Entstehungsphase eine robuste Faustregel geschaffen: Filme
müssen einen Erfahrungsgehalt haben, und sie müssen das
Vergnügungsinteresse des Zuschauers befriedigen. Vorbild ist
nicht die Dramaturgie der Schulstunde, sondern die der Schulpause;
nicht die moralische Unterweisung durch Erwachsene, sondern die
Phantasie von Kindern untereinander, auch wenn die Kinder
Erwachsene geworden sind, usf. In dieser spezifischen,
triebökonomisch regulierten Rezeptionsform (eigentlich
rezipiert der Zuschauer den Film nicht, sondern er produziert ihn
in seinem Kopf) können Zuschauer hohe Komplexitätsgrade
immer noch mit Vergnügen aufnehmen. Dieses Vergnügen ist
ein sicheres Korrektiv; moralische Kontrollierbarkeit ist es
nicht.
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- Einwand: Vergnügen als
Korrektiv soll doch wohl nicht heißen, daß das
Unterhaltungsprinzip von Fernsehshows oder Hollywood-Reißern
ein besseres Korrektiv ist als das kritische Bewußtsein. Es
bleibt aber gar nichts anderes übrig. Jede
Massenloyalität gegenüber repressiver Unterhaltung
läßt sich zurückübersetzen auf ein darin
gebundenes Vergnügungsinteresse, das Realitätscharakter
hat. Das ist das Gegenteil der Anpassung an das
Unterhaltungsprinzip, nämlich eine analytische Aufspaltung.
Dieser Vorgang ist schwieriger als Filme machen. Produktion von
Film umfaßt aber gerade diese Produktionstätigkeit der
Zuschauer. Insofern gibt es das Vergnügungsinteresse
genausowenig "naturwüchsig" wie die realistische Methode. Es
geht aber darum: keine Verdrehung dieses Interesses, keinen
schlechten Geschmack, kein Klischee, keine Anpassung usf.
auszugrenzen, sondern ihren realistischen Grund zu untersuchen.
Gewissermaßen kommt es darauf an, nichts, was eine
materielle Substanz hat, in die Anstalt einzuweisen.
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- Besonders ungesichert ist auf
diesem Wege der einzelne Film, der ja zur einen Seite hin sich dem
ganz anders interessierten Unterhaltungsprinzip des Kinokommerzes,
der sich alles traut, und zur anderen Seite hin dem
selbstgefesselten kritischen Bewußtsein, das sich gar nichts
traut, gegenübersieht. Die Verbindung mit dem Zuschauer kann
nur durch ganze Genres von Filmen, die die Sehgewohnheit
artikulieren, zustande kommen. Das Medium drückt sich
jedenfalls in Genre-Ketten aus. Das gleiche tut der Kopf des
Zuschauers, wenn er die eigenen Erfahrungen
verarbeitet.
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