- Alexander Kluge
- Alexander Kluge: Das
Grundinteresse des Dokumentarfilms.
- Aus: A.K.,
Gelegenheitsarbeit einer Sklavin. Zur realistischen Methode,
Frankfurt am Main 1975, S. 202 ff.
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- Ein Dokumentarfilm wird mit
drei "Kameras" gefilmt: der Kamera im technischen Sinn (1), dem
Kopf des Filmemachers (2), dem Gattungskopf des Dokumentarfilm-
Genres, fundiert aus der Zuschauererwartung, die sich auf
Dokumentarfilm richtet (3). Man kann deshalb nicht einfach sagen,
daß der Dokumentarfilm Tatsachen abbildet. Er fotografiert
einzelne Tatsachen und montiert daraus nach drei, z.T.
gegeneinanderlaufenden Schematismen einen Tatsachenzusammenhang.
Alle übrigen möglichen Tatsachen und
Tatsachenzusammenhänge werden ausgegrenzt. Der naive Umgang
mit Dokumentation ist deshalb eine einzigartige Gelegenheit,
Märchen zu erzählen. Von sich aus ist insofern
Dokumentarfilm nicht realistischer als Spielfilm. (...)
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- Die Dokumentarfilmtradition hat
insbesondere die kritische Dokumentation hervorgebracht. Unter den
Gründen, Tatsachen aufzuzeichnen, ist insbesondere der
zeitkritische Ansatz das Hauptmotiv. Man braucht ja ein
Erkenntnisinteresse, um die Momentaufnahme in einen Zusammenhang
zu bringen. Die Mehrzahl der Produkte hat ein wissenschaftliches,
propagandistisches oder kritisches Interesse oder eine Mischung
hiervon, selten radikal, sondern meist ein mittleres
Verkehrsinteresse.
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- Dieses "kritische" Interesse,
das ohne besondere Methode, als "naturwüchsige" Kritik, von
oben nach unten funktioniert, steht im Gegensatz zu dem, was die
Kamera als Instrument vermag, die ja gerade nicht-kritisch (und
insofern radikal) aufnimmt. Der Kontrast zwischen dem
gesellschaftlichen Kameraauge des Filmers und dem naturalistischen
Kameraauge des Instruments lähmt wechselseitig die
Radikalisierung der Beobachtung.
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- Die Botschaft des Mediums
(Rezeption des Genres durch den Zuschauer) ist ebenfalls
zwiespältig. Kritische Absicht des Filmmachers und Genre
bewegen sich gegeneinander. In der Dokumentation wird z.B. eine
Masse kritischer Wirklichkeit versammelt, an der sich der Protest
des Zuschauers entzünden kann. Gleichzeitig wird aber auch
der Wirklichkeitsdruck dokumentiert: die Übermacht des
unveränderten Realgeschehens. Gerade die Reduktion auf
Sachlichkeit und Tatsachen hat die negative Wirkung, daß
schlechte Realität ihre Dauerexistenz beweist. Sehe ich z.B.
eine Fernseh-Dokumentation über Südafrika, so
registriere ich nicht nur das Geschehen, sondern ich werde dadurch
entmutigt, daß ich es, vor dem Fernsehschirm sitzend, nicht
ändern kann. An diese widersprüchliche Haltung
produziert das Genre eine Gewöhnung, unabhängig davon,
ob der Dokumentarist das will.
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- Man kann darauf nicht
antworten, indem man den Film feiert: "24 mal in der Sekunde die
Wahrheit". Gerade das technische Instrument, das 24 Bilder in der
Sekunde aufnimmt, hat für Wahrheit keinen autonomen Sinn. Die
Kamera dokumentiert lediglich die Trägheit des menschlichen
Auges, das bei 24 Bildern in der Sekunde die Dunkel-Phasen nicht
mehr wahrnimmt, sondern die Illusion eines kontinuierlichen
Vorgangs produziert.
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