Fragen
Johan van der Keuken
Die Windungen
Durch meinen Großvater kam ich zur Photographie. Zwischen
meinem zwölften und siebzehnten Lebensjahr wurde ich - bereits
mit den mehr oder weniger zufällig vorhandenen Mitteln
experimentierend - Photograph. 1955 gab ich mein erstes Photobuch
»Wij zijn 17« (Wir sind 17) heraus, ein dreißig
Photos umfassendes Portrait einer Gruppe Amsterdamer Schüler, zu
der ich gehörte. Diesem Buch folgte 1957 das romantische
»Achter Glas« (Hinter Glas), das erschien, als ich bereits
in Paris an der IDHEC studierte. An diese Filmschule bin ich
gekommen, da es zu der Zeit für das Fach Photographie keine
Stipendien gab: diese gab es nur für das Fach Film. Film galt
als seriöser.
Vom Film hatte ich nicht viel Ahnung. Ich kannte DIE
DREIGROSCHEN-OPER von Pabst, QUAI DES BRUMES von Carné, NANOUK
OF THE NORTH von Flaherty und eine Anzahl filmpoetischer Werke
holländischer Dokumentaristen: Das war eine visuelle
Herausforderung, das war photographische Kunst und daran wollte ich
anknüpfen. Alles Übrige, das Organisieren der Geschehnisse,
von Dingen und Menschen, das Organisieren der Produktion, das alles
lag mir weniger.
Auch heute noch ist für mich das rein Visuelle - oder besser,
das rein Sensorische: Bild und Ton - immer der Kern, um den sich
eigentlich alles dreht. Die erste Windung um den Kern ist die
Montage, der Prozeß des Zerlegens und Verbindens von
Wahrnehmungen an einem Objekt in der Zeit oder einer bildnerischen
Darstellung.
Als ich die erste Windung erkannte, vermutete ich weitere Windungen,
endlose Kettungen von Problemen, mit denen ich in dieser Phase noch
nichts zu tun haben wollte, die ich aber später, von Film zu
Film, in allen Phasen durchlief. Welche Bedeutung soll man in seinem
Film der Mitteilung, dem Argument im Verhältnis zur
gewünschten rein sensorischen Energie geben, wenn man merkt,
daß ohne Argument keine Montageform zu finden ist, in der diese
Energie wirksam wird? Wie kann man Zeitverlauf, Bewegung und Kadrage
zum Inhalt des Films machen, wie kann man sich ihnen musikalisch und
plastisch nähern, ohne in impressionistische Spielerei zu
verfallen? Wie kann man eine eigenständige Komposition schaffen,
die auch eine Aussage über die Wirklichkeit enthält? Wie
kann man einen körperlich erlebten Raum auf einer planen Ebene
nachvollziehen? Wie kann man in das Ganze einen Text hineinbringen,
und wie eindeutig wird er, wenn sich das eigene Weltbild politisiert;
welches Spannungsverhältnis zwischen Text und der Gesamtheit der
Bildzeichen ist möglich? Wenn ein Schauspieler mitwirken soll,
wie spricht er, wie bewegt er sich, welches Verhältnis hat er
zum Raum? Und wenn, alles in allem, doch eine Geschichte entsteht,
liegt diese Geschichte dann an der Oberfläche des Films oder ist
sie verborgen? Ist es eine Erzählung formaler Teilstücke
oder wird sie in die Lücken, in die fehlenden Bilder des Films
projiziert?
Diese Reise durch die Windungen der Spirale setzt sich bis heute
fort. Die Probleme, die ich vor drei Jahren nicht lösen konnte,
greife ich in meinem jetzigen Film wieder auf und auf die Probleme
des vergangenen Jahres gehe ich dann im folgenden Jahr ein. So
wechselt stets ein Herangehen an das Material; in der Begrifflichkeit
der Bildenden Kunst: einmal mehr abstrakt, das andere Mal mehr
figurativ. Fragestellung und die Suche nach Antworten treffen
zusammen mit immer neuen Entdeckungen auf der Reise durchs Leben.
In diesem Sinne bin ich Autodidakt. Die Filmschule war im allgemeinen
nicht daran interessiert, Fragen zu stellen, sondern Werte und
Techniken eines Systems zu vermitteln. Ein System, in das ich nicht
so gut paßte, weil es im Theater, in der Literatur und dem
Unternehmertum seine Grundlage hatte.
Ich kam aus der Tradition des einsam herumirrenden Auges. Ein Mythos,
den ich mir bereits in der Pupertät zu eigen gemacht hatte. So
ging ich zwischen meinem 18. und 20. Lebensjahr durch Paris,
schwänzte die Filmschule so oft ich konnte und war mit dem
Photographieren beschäftigt.
Ich wagte mich an dieses große Thema »Der Mensch in der
Metropole« und versuchte dann etwas Eigenes daraus zu
entwickeln. Die Arbeiten von Henri Cartier-Bresson hatte ich bereits
genau gesehen (ich studiere sie auch noch heute immer wieder aufs
Neue).
(.....)
Ich behielt meine Liebe für die Photographie bei, aber sie
gelangte in ruhigeres, reflexiveres Fahrwasser. Ich erörterte,
signalisierte oder demonstrierte nicht mehr in meinen Bildern,
sondern notierte, was ich sah: über das Sehen - wie viel
an wie wenig zu sehen ist -, wie exakt die vier Bildkanten zu
setzen sind, daß auch das Ausgeschlossene anwesend ist; welche
Farbabstimmungen zu wählen sind zwischen schwarz und weiß;
wie Gegenstände abzubilden sind, sanft, aber nicht kraftlos, wie
sie zu belichten wären und wo sie stehen sollen? Die Menschen,
die in meinen Filmen vorkommen, sind in meiner Photographie sparsamer
und verhaltener anwesend; es sind oft Menschen, die mir nahestehen,
oder die ich kenne, weil ich sie bereits in Filmen aufgenommen habe.
Die Photographie steht also weniger im Zeichen der Eroberung. Mit
ihren überschaubaren Darstellungen gibt sie meinen Filmen
Nahrung, aber sie bedeutet auch: Ferien vom Filmemachen. Freizeit.
Ich brauche nicht mehr mein Geld damit zu verdienen, und das macht
die Photographie viel einfacher, denn für den Photographen ist
der ökonomische Aspekt noch erdrückender als für den
Filmemacher: er kann so gut wie nie seiner eigenen Bilder Meister
sein.
Beinah
Das Filmen lernen, in den Jahren nach der Schule, hatte auch viel mit
Photographie zu tun. Gerade als ich begann die Kamera vom Stativ zu
nehmen, und es wagte, auf Augenhöhe und Armlänge zu filmen,
als ich begann, im Strom der Bilder aufzunehmen, was mir im Moment
selber wichtig erschien, und dies mit dem zu vermengen, was ich
vorher überlegt hatte, als ich anfing zu improvisieren, in
Bildern zu denken, die wie von selbst aus der Begegnung mit der
Wirklichkeit hochwirbelten, als ich Menschen und Dinge mit einer oder
zwei kleinen Lampen ablichtet, wie es beim Photographieren
üblich war, als ich anfing, Abstand vom theatralischen
Naturalismus zu nehmen von dem gespielten wie in der
Wirklichkeit, das das Denken über Filme beherrschte und noch
immer beherrscht, als ich mich schließlich von den
bedrückenden Vorstellungen der Filmproduktion losmachte und das
Vergnügen, Bilder zu machen freier leben konnte - kurzum, als
ich wagte, den Film zuallererst als bildende Kunst zu begreifen, da
wurde er zu meinem eigenen Medium.
Ich fühlte mich zwar noch einige Zeit belastet durch die
Bezeichnung Photographen-Film, die meinen Arbeiten manchmal als
Stempel aufgedrückt wurde, aber seit der Emanzipation der
Photographie (paradox genug: auch dadurch, daß sie sogar als
kapitalistische Galeriekunst akzeptiert wurde) und seitdem die Idee,
die Medien zu verbinden, Verbreitung gefunden hat, habe ich auch
keine Probleme mehr damit. Photographenfilm: was gibt es Spannenderes
als den Beinahe-Stillstand, was ist spannender als der sehr sichtbare
Ausschnitt der Wirklichkeit, die Kadrierung, die beinah definitiv
vorgestellt wird, um im letzten Moment zu explodieren und nach oben,
nach unten, zu Seite aufzusprengen und so zu neuen Visionen zu
gelangen. Das Photo kann das nicht; nur das sich bewegende Medium
kann Stillstand und seine Auflösung vorzeigen.
1983