Die Gewalt des Blickes
Johan van der Keuken
1974
Das gefilmte Bild entsteht aus dem Zusammenstoß zwischen dem
Energiefeld der Wirklichkeit und der Energie, die ich aufwende, wenn
ich auf sie sehe. Es ist aktiv, aggressiv. Irgendwo auf halbem Wege
liegt der springende Punkt, und das ist das Bild.
Ich befinde mich also als Filmemacher in der Welt des Bildes - einer
Welt halbwegs zwischen mir und der Wirklichkeit. Und ich glaube,
daß der Zuschauer sich - idealiter - in einer ähnlichen
Position befindet, wenn er auf das gefilmte Bild schaut. Aus einer
ganzen Anzahl von Gründen neigen wir der Idee zu, die
Wirklichkeit gehe mit einem Abgrund einher, der außerhalb und
unabhängig von uns existiere. Will man sich nicht als jemand
hinstellen, der sich von der äußerlichen Wirklichkeit
beindrucken läßt, sondern als jemand, der zugleich
Zuschauer und Teilhaber ist, dann bricht eine ganze Problematik auf:
die Ortsbestimmung des Individuums, die Art, wie jeder Zuschauer auf
sich selbst sieht. Die Definierung des Machenden und Sehenden.
Man kann natürlich nicht verneinen, daß es einen Inhalt
gibt. Es geht um sehr eindeutige Dinge, Lebensumstände,
Produktionsverhältnisse, Machtverhältnisse...
Aber es sind keine fertigen Fakten, die man nur in einen Film zu
übersetzen hätte, im Gegenteil: Das Wissen wird erst beim
Machen des Films erworben. Man braucht mich nicht weiter über
den Inhalt zu befragen, der Film enthält alles, was ich
weiß: Er ist das Resultat dieses Lernprozesses.
Man könnte sagen, daß der Lernprozeß sich im
Zuschauer wiederholt. Der Zuschauer verhält sich zum Film wie
sich der Film zur Wirklichkeit verhält.
In der Wirklichkeit gibt es endlos viele Bilder, endlos viele Leben.
Dennoch findet man in meinen Filmen lange Stücke, in denen
beinahe nichts geschieht: die langen Bilder von den Fenstern am Ende
von DER ZEIT GEIST, der lange Korridor in DAS TAGEBUCH, das lange
Schauen auf die drei Betten in DIE NEUE EISZEIT. Das sind für
mich wichtige Momente: Der Film gibt keine Information mehr in
üblicher Dauer, der Zuschauer wird auf sich selbst verwiesen. Er
soll realisieren, daß er auf eine Leinwand schaut. Er muß
selbst seine Haltung bestimmen.
Ich glaube, daß der Zuschauer in dieser Situation - zumindest
wenn er mitmachen will - sich eine Art Wissen erwerben kann, das sich
wesentlich unterscheidet vom Wissenserwerb im konventionellen Lernen.
Denn dort wird das Wissen oktroyiert, während der Zuschauer sich
hier das Wissen selbst erarbeiten kann, indem er seine Haltung zur
Wirklichkeit des Films selbst bestimmt. Das hat für mich
wesentlich mit »Basisdemokratie« zu tun, in der jeder eine
ungefähr gleiche Position gegenüber dem verfügbaren
Wissen einnimmt. Das Wissen kommt nicht von oben, jeder kann es sich
zu eigen machen.