Johan van der Keuken
Eddy's Bakery Shop
 
Eddy's Bakery Shop, auf der Ecke der Avenue C und der 8. Straße in der New Yorker Lower East Side, November 1982. In der ersten Serie sind die Fotos in der Reihenfolge abgedruckt, in der sie auch aufgenommen wurden: Nahaufnahme von der Hochzeitstorte und dann immer ein paar Schritte zurück, bis man ein Totalbild von der Bäckereifassade bekommt. Dann in den Laden hinein, um hinter dem Brautpaar durch das Schaufenster die auf der gegenüberliegende Seite liegenden Häuser mit ihren schwarzen Fensterlöchern zu zeigen. Schließlich etwa zehn Meter weiter in die 8. Straße hineingehen und schräg an der Bäckerei vorbei auf dieselben Szenerie gucken; es wird nun scharf und objektiv: die Häuser sind ausgebrannt.
 
In dieser Reihenfolge wurden die Fotos schon 1983 in der Zeitschrift »Plaatwerk« abgedruckt. Aber etwas blieb unbefriedigend: die geringe Spannung zwischen den verschiedenen Momenten der rückwärts verlaufenden Bewegung; die zu lose Verbindung zwischen dem Totalbild (in dem man die Torte nun sieht, weil man weiß, daß sie da ist) und der Über-die-Schulter-Einstellung des Brautpaares, die eigentlich der Clou der Serie ist; der räumliche Knick, der beim Übergang zum Schlußbild auftritt, weil man von der Blickrichtung der vorhergehenden Über-die-Schulter-Einstellung abweicht.
 
Im Januar 1984, als ich eine Woche mit Studenten der Kunsthochschule in Hamburg arbeitete, kam ich zu der Reihenfolge, die hier in der zweiten Serie zu sehen ist: für mich die definitive. Ich hatte Fotos mitgenommen, um anhand von Verschiebungen in den Beziehungen zwischen stillstehenden Bildern etwas über Montage zu verdeutlichen. Gemütlich zusammen diese Fotos hin und her schiebend bekamen wir ein Resultat, das eine Menge Vorteile bietet:
 
- in den frontalen Bildern der Bäckereifassade entsteht eine Bewegung, die von einer weiten Einstellung in eine mittlere, in eine Nahaufnahme und dann in eine noch weitere Einstellung übergeht: wir entfernen uns endlich doch von der Torte, aber dann mit kontrastreichen Sprüngen vor- und rückwärts;
 
- die frontale Bewegung zur Bäckerei geht nun durch die ganze Serie und wird zur räumlichen Schicht, eine vorspringende Mauer, in der die zwei Blicke zur gegenüberliegenden Seite deutliche Löcher sind: man fühlt die entgegengesetzte Blickrichtung, auch weil das helle Licht des Himmels nun zwischen den geschlossenen Flächen der Fassade durchscheint: obwohl die beiden Blickwinkel in der selben Fläche auf den Papier nebeneinander liegen, fühlt an den Raum (fast so wie man in einem Film Raum zwischen dem klassischen Schuß-und- egenschuß fühlt);
 
- der Clou, das Brautpaar, das auf den Abbruch guckt, tritt deutlicher hervor; weil man das objektivierende Totalbild nun vorher in der Serie gesehen hat, wird die Über-die-Schulter-Einstellung mit Vorkenntnis gefüllt; er folgt nun direkt auf die Naheinstellung der Torte, und auch das verstärkt den Höhepunkt: nachdem wir das Brautpaar von Nahem gesehen haben, verändert sich die Einstellung, Blickrichtung und Dekor.
 
Der Clou besteht nur beim Lesen von links nach rechts, in einer Abfolge in der Zeit, wie bei einem paradoxen Film, wo der Verlauf in einem Augenaufschlag sichtbar ist; aber wenn man diese ganze Komposition von von sechs Fotos ansieht, erkennt man eine Symmetrie im Aufbau, die gleichzeitig wieder durch Unterschiede in der Bildgröße zunichte gemacht wird, vor allem durch die Nahaufnahme, die an einem wichtigen Punkt neben der Mitte liegt und durch alles hindurch auf uns abschießt; und ich sehe auch, und das ist das Wichtigste, eine Dosierung und Abwechslung von hellen und dunklen Partien, die dieser schwarz-weißen Serie eine eigene Farbe geben: für mich hat die zweite Reihe ein Farbe, die die erste nicht besitzt; erst wenn ich die Farbe sehe, bin ich zufrieden - nicht durch einen filmischen, sondern durch einen puren fotografischen Genuß.
Und doch funktioniert Filmmontage bei mir ungefähr auf dieselbe Art und Weise. Ich muß immer von dem ausgehen, was sich während der Aufnahmen ereignet hat, die Abfolge, die Entwicklung, die Kontakte und Akzente erneut entdecken. Erst wenn ich sie wieder zu meinem Eigentum gemacht habe, kann ich Umwege einbauen, Ecken abschneiden, kontrastierende Blickwinkel finden und Sprünge in der Zeit machen - um zu einer stärkeren Formgebung der ersten Erfahrung zu kommen. Man ist nie ganz frei von dem, was man schon gesehen hat.
 
P.S. Es ist nicht mehr als gerecht, daß die rührende Bäckerei auch in dem Film „I love dollars" vorkommt, zu dessen Entstehen sie beigetragen hat, aber dann natürlich in Bewegung und in Farbe und begleitet von einer trügerisch träumerischen Musik von Willem Breuken Und auch da wird der Traum gestört werden: Feuerwehrautos werden gellend vorbeirasen, während auf den Parkplätzen puertorikanische und dominikanische Monteure unbeirrt Eisen auf Eisen knallen lassen, der Salpeter aus den schwarzen Löchern von zugemauerten und wiederaufgebrochenen Türen und Fenstern schlägt und Wölfe uns zwischen den Graffiti fies angröhlen. Ein älterer dunkler Held posiert dort, warm und versteinert. Die höchste Halluzination von John und Henry Ford.
 
1986