Rhythmus - Metrum - Akzent - Phrasierung - Marker
von Robert Jourdain

Aus: Jourdain, Robert (1998) Das wohltemperierte Gehirn. Wie Musik im Kopf entsteht und wirkt. Heidelberg / Berlin: Spektrum Akademischer Verlag. S. 160-


Es ist acht Uhr abends. Unter dem winterlich verhangenen Himmel Wiens versammelt sich eine Menschenmenge vor einem Konzertsaal. Sie kamen, um ein schon festes Ritual an Weihnachten zu begehen, die Aufführung des "Nußknackers". Zu zweit, zu dritt und dann in einer großen Gruppe strömen die vornehm gekleideten Konzertbesucher durch die blank polierten Marmorkorridore und weiter in den riesigen Saal mit seinen Rängen und Kronleuchtern vor geschnitzter Holztäfelung. Trotz seiner historischen Fassade atmet das Gebäude den Geist der Moderne und zeugt von sorgfältig erstellten Bauplänen, von Präzisionsmaschinen, von den riesigen Schiffen, die den Stein von weit her transportierten, und (eine Zugabe aus jüngerer Zeit) von der computergestützten akustischen Analyse des Saales.

Am gleichen Tag zur selben Zeit findet sich eine andere Gruppe von Menschen zusammen, um Musik zu lauschen, allerdings nicht in Wien, sondern etwa sechstausend Kilometer weiter südlich in Zentralafrika. Es ist das Ende eines langen, tropischen Tages, das Feld ist bestellt und das Vieh von der Weide nach Hause getrieben. Etwa hundert Bauern haben sich auf dem zentralen Platz ihres Dorfes versammelt. Sie haben keinen weiten Weg von den umliegenden Hütten, die aus Holz, Stroh und Lehm erbaut sind. Es ist die Zusammenkunft eines der traditionellen Naturvölker, bei denen ein Großteil der gesamten Weltmusik noch heute praktiziert und konsumiert wird.

In Wien versammeln sich die Musiker auf der Bühne und tragen eine ganze Kollektion komplizierter Instrumente. Diese wurden sorgfältig von Spezialisten mit Präzisionsgeräten hergestellt. Jede Windung aus Holz oder Metall wurde genau studiert, jeder Lack und jede Legierung unter Tausenden sorgfältig ausgewählt. Die Musiker sind ebenso auserlesen. Die meisten haben eine mindestens fünfzehnjährige musikalische Ausbildung hinter sich und üben tagtäglich.. Das vor ihnen liegende sauber gedruckte Notenblatt trägt sorgfältig komponierte Musik, die in ein elaboriertes Notationssystem übersetzt wurde. Die Musik ist so komplex, daß die Musiker selbst nicht in der Lage sind, ihre Aufführung zu koordinieren, weswegen sie einen Dirigenten brauchen, der die Tiefenstruktur der Musik "spielt", während die Musiker die Details wiedergeben.

Im südlichen Afrika gibt es keine Bühne, kein Orchester mit Profimusikern, keinen Dirigenten und noch nicht einmal ein ordentliches Publikum. Die Instrumente sind ziemlich grob aus Baumstämmen gefertigt und unsauber gestimmt. Die Spieler sind gewöhnliche Dorfbewohner, die ihr Instrument nebenbei erlernt haben; die bloße Vorstellung eines Konservatoriums könnte hier niemand nachvollziehen. Fast jeder nimmt auf irgendeine Weise an der Musik teil, und sei es nur durch Händeklatschen. Es gibt weder Komponisten noch Noten, man spielt aus dem Gedächtnis.

Im Norden und im Süden beginnt im selben Moment die Musik.

In Wien beginnt die "Miniatur Ouvertüre-. Einige im Publikum klopfen diskret und lautlos den Takt mit dem Fuß: EINS-zwei, EINSzwei, EINS-zwei.

In dem afrikanischen Dorf schlägt die Trommel folgendes Muster: EINS-zwei-drei-vier-fünf, EINS-zwei-drei, EINS-zwei-drei, EINSzwei-drei-vier-fünf. Die Herumstehenden tanzen begeistert mit.

In Wien ist es jetzt Zeit für den "Marsch": EINS-zwei-drei-vier,

EINS-zwei-drei-vier.

Im Dorf schlägt ein zweiter Trommler ein EINS-zwei-EINS-zweidrei, EINS-zwei-EINS-zwei-drei-EINS-zwei gegen das unterschiedliche Muster des ersten Trommlers.

In Wien erklingt der"Tanz der Rohrflöten": EINS-zwei, EINS-zwei.

Im Dorf vermischt sich der Gesang von Frauen mit den Trommeln, setzt ein, setzt aus, in immer neuen Varianten.

In Wien neigt sich der "Nußknacker" seinem Ende zu. Waldhörner stimmen den"Blumenwalzer" an: EINS-zwei-drei, EINS-zwei-drei.

Im Dorf hat sich ein weiterer Trommler der Versammlung zugesellt: EINS-zwei-drei-VIER, EINS-zwei-drei-VIER. Er stimmt in die Trommeln ein, fängt aber auf einem anderem Schlag an. Das Fest dauert an bis weit in die Nacht.

Was geschieht an beiden Plätzen? Beim Wiener Konzert ist alles bis zum höchsten Maße der Verfeinerung gesteigert - der Konzertsaal, die Instrumente, die Noten, die Proben, die Ausbildung der Musiker. Die Musik selbst erblüht durch erlesene Melodien, Harmonien und geschickte Orchestrierung. In seiner rhythmischen Entwicklung scheint die Musik jedoch wie ein Baby, das mit einem Löffel gegen einen Topf schlägt. Die afrikanischen Dorfbewohner scheinen währenddessen trotz Mangels an technologischem Know-how den Rhythmus hoch entwickelt zu haben. Nur wenige der Wiener Musiker könnten mit ihren rhythmischen Fähigkeiten mithalten.

Aber nicht so schnell. Menschen pflegen zu sagen: "Der Rhythmus geht ins Blut!". Die Bedeutung dieser Aussage ist allerdings ziemlich relativ. Rockmusiker fühlen sich vermutlich eher mit den afrikanischen Musikern verbunden, obwohl die meisten rhythmischen Modelle der Rockmusik auch nicht komplizierter sind als die eines Walzers, und interessanterweise verkaufen sich Aufnahmen mit richtiger afrikanischer Percussion-Musik nur in kleinen Auflagen. Selbst Jazzmusik ist rhythmisch nicht besonders kompliziert. Trotzdem behaupten Menschen immer wieder, vom Rhythmus ihrer Lieblingsmusik regelrecht angesteckt zu werden - vermutlich weil sie Rhythmus mit Trommeln assoziieren und die Trommeln in ihrer Musik oft sehr laut sind. In diesem Kapitel beschäftigen wir uns mit zwei sehr unterschiedlichen Vorstellungen von Rhythmus. Auf der einen Seite gibt es die bekannte Vorstellung von Rhythmus als Muster betonter Schläge. Diese Abfolgen können sich von einem Moment zum nächsten ändern und lassen sich durch Synkopen und andere Kunstgriffe modifizieren und damit abwechslungsreicher gestalten. Für den Großteil der populären Musik weltweit ist dies der vorherrschende Begriff von Rhythmus. Ihr Markenzeichen ist ein ständiger Grundschlag der Trommeln. Musikwissenschaftler bezeichnen diesen Rhythmustyp als Metrum.

Die zweite Auffassung von Rhythmus ist so unterschiedlich, daß sie auf den ersten Blick gar nichts mit Rhythmus zu tun zu haben scheint: Es gibt eine Art Rhythmus, den wir den ganzen Tag über erzeugen, einen Rhythmus organischer Bewegungen. Es ist der Rhythmus eines Langstreckenläufers oder eines Stabhochspringers, der Rhythmus von Wasserfontänen und Wind, der Rhythmus der segelnden Schwalbe oder des schleichenden Tigers. Es ist auch der Rhythmus der Sprache. Dieser Form des Rhythmus fehlen die in Takte eingeteilten wiederholten und gleichmäßigen Akzente. In der Musik wird diese Art von Rhythmik durch die Abfolge unregelmäßiger Klangfiguren gebildet, die sich auf wechselnde Arten miteinander verbinden wie die Teile eines Gemäldes, die sich manchmal in exquisitem Gleichgewicht befinden, manchmal die Kräfte vereinigen, um zu kreisen, unterzutauchen oder herumzuwirbeln. In der Fachsprache nennt man das Phrasierung.

Diese beiden Rhythmuskonzeptionen könnte man als vokal (bei der Phrasierung) beziehungsweise als instrumental (für das Metrum) bezeichnen. Die Phrasierung ist "vokal", weil sie natürlicherweise im Gesang und in der Sprache auftritt. Ein Metrum ist "instrumental", weil es aus der Art entsteht, wie wir unsere Instrumente spielen, was eine größere Geschwindigkeit erlaubt als die Sprache und eine höhere zeitliche Genauigkeit. Der eine ist der Rhythmus der Kehle, der andere der der Hände. Als ein Ethnomusikwissenschaftler während seiner Studien auf der indonesischen Insel East Flores eine Abfolge von neun Taktvorzeichen (neun unterschiedlichen Metren) entdeckte und sie für ein zehntaktiges Rhythmusmodell hielt, versuchte er einen metrischen Rhythmus auf den eigentlich phrasierten Rhythrnus anzuwenden. Umgekehrt klingt eine Trommel, die nicht metrisch geschlagen wird, unnatürlich, genauso als spräche man im Takt eines Metronoms. Abbildung 5.1 zeigt Metrum und Phrasierung im "Pink Panther".


Link: Soundfile zu Pink Panther (Quicktime mov)

Musik wäre ohne beide Formen von Rhythmus nur schwer denkbar. Das Metrum legt einen zeitlichen Ablauf fest, es organisiert Töne in kleinen und manchmal größeren Gruppen und liefert dabei eine Art Gitter, das sich über die Musik spannt. Phrasierung verleiht der Musik hingegen eine Art erzählerische Dimension. Es handelt sich dabei um eine Methode, mit der eine Komposition sich zu einem packenden Drama entwickeln kann. Das Metrum legt den musikalischen Zeitablauf für kleinere Abschnitte fest, Phrasierung den für größere. Ohne Metrum nimmt Musik den statischen Gestus gregorianischer Gesänge an, ohne Phrasierung wird sie monoton und banal. Aber wie wir schon bald sehen werden, stehen die beiden Arten von Rhythmus in einem gewissen Gegensatz zueinander. Sobald man den einen Aspekt stärker betont, wird der andere tendenziell in den Hintergrund gedrängt.


Chunking - Musik häppchenweise

Musik liefert die längsten Schallstrukturen, die unserem Gehirn begegnen. Es muß diese Objekte also auf irgendeine Weise in kleinere Stükke aufspalten, um sie häppchenweise zu verarbeiten, denn es kann ja

nicht bis zum En(le einer zehnminütigen Komposition warten, um eine musikalische Einheit abzuschließen. Von daher hält unser Gehirn beständig nach Hinweisen Ausschau, wo ein musikalisches Objekt beginnt und wann es endet.

Das, was wir "Rhythmus" nennen, unterstützt das Gehirn bei dieser Aufgabe, denn der Rhythmus zieht Linien durch eine musikalische Figur. Eine Folge rhythmischer "Marker" signalisiert dem Gehirn: "Hier ist der Anfang, hier das Ende eines musikalischen e tes. " Dann erst weiß es, daß alle Informationen, die es zum Verständnis eines musikalischen Geschehens braucht, vollständig sind, und diesen kleinen Happen kann es jetzt herunterschlucken.

Ohne rhythmische Marker aber würde das Gehirn in der Fülle seiner Beobachtungen bald untergehen. Selbst die Töne einer einfachen Melodie können auf unzählige Weise zusammengestellt werden. Versuchen Sie einmal, ein beliebiges einfaches Kinderlied zu singen und dabei alle kurzen Noten durch lange und alle langen durch kurze zu ersetzen. Die musikalische Gruppierung wird aber nicht nur von den Notenlängen und den daraus resultierenden Betonungen zusammengehalten: Am Ende vieler Abschnitte legen wir eine kleine Pause ein, und am Beginn des nächsten Melodieteils befindet sich oft ein wichtiger Akkordwechsel; weitere Hinweise zur Rhythmisierung ergeben sich durch die Syntax der Worte. Alle diese Hinweise sind rhythmische Marker. Sie gruppieren eine ganze Flut von Tönen zu handlichen Paketen (Chunks), die unser auditorisches System leichter verarbeiten kann. Psychologen nennen diese Form der Gruppierung Chunking.

Chunking verläuft häufig hierarchisch, indem kleinere Chunks so lange zu größeren zusammengefaßt werden, bis sich relativ große musikalische Formen bilden. Die kleinsten Chunks nehmen wir mehr oder weniger unmittelbar wahr, die größten Chunks ergänzen sich jedoch erst dann zu einer Einheit, wenn eine lange Sequenz von Ereignissen vollständig abgelaufen ist. Das Verständnis bleibt so lange vorläufig, bis plötzlich alles zusammenpaßt. Dieses Phänomen läßt sich leicht in unserer Sprachwahrnehmung nachweisen. Unser Gehirn erfaßt die auftauchenden Wörter, aber noch nicht den Sinn des gesamten Satzes. Dennoch erreichen wir einen bestimmten Grad an Verständnis, noch bevor der Satz zu Ende ist, indem wir bestimmte Satzabschnitte und Unterabschnitte durchschauen, zum Beispiel: "Wenn Mary Zeit hat"... "bitte ich sie"... "ihre Gitarre"... "vorbeizubringen". Eine ähnliche Hierarchie des Verstehens entsteht, wenn wir komplexer Musik zuhören. Rhythmische Marker vereinfachen unsere Wahrnehmung solcher Hierarchien und ermöglichen sie damit erst.

Das Metrum

Rhythmus wird oft mit dem Ticken einer Uhr verglichen, so als sei es seine Aufgabe, zeitliche Abläufe zu messen - und das ist auch tatsächlich der Fall. Wenn das Gehirn die Zeit mißt, erfüllt das den gleichen Zweck wie das Messen von Intervallen über den Tonraum. Die Intervalle bilden die Grundlage zur Identifikation, von Beziehungen, die Akkorde und harmonische Fortschreitungen festlegen, was wiederum eine Vorstellung von einer Tonart erzeugt. Unser Gehirn mißt entsprechend die Länge einzelner Töne und die dazwischen liegenden Pausen, sucht nach Mustern innerhalb dieser Abschnitte und dann nach übergeordneten Strukturen. Musik kommt auch ohne strenge zeitliche Regelmäßigkeit aus (wie bei gregorianischen Gesängen), aber ohne sie wird die Musik einer ganzen Dimension beraubt.

Zeit ist allerdings nicht so einfach unterteilbar wie der Tonraum. Bei der Wahrnehmung des Tonraumes nimmt unser Gehirn von Natur aus Oktaven wahr, die wiederum unterteilt werden können und Tonleitern bilden. Sobald sich ein Gehirn an die Skalenstruktur seiner Kultur gewöhnt hat, kann es diese Skalentöne als Grundlage für die Wahmehmung jeglicher Kompositionen verwenden. Jeder Halbtonschritt hat eine genau 5,9 Prozent höhere Frequenz als der vorangegangene; das Intervall von C bis G bleibt bezüglich der Frequenzänderung proportional immer gleich.

Zeit weist jedoch keine natürliche Maßeinheit auf, die mit der Oktave vergleichbar wäre, es gibt kein absolutes Ticken einer neurologi.schen Uhr, das in eine Art Zeitskala unterteilt werden könnte. Es fällt nicht schwer, einen ganzen Schlag in zwei halbe, einen halben Schlag in zwei viertel und einen viertel Schlag in zwei achtel Schläge einzuteilen, aber diese Hierarchie sagt nichts darüber aus, wie lange diese Töne tatsächlich dauern. Eine Achtelnote dauert in einem Stück eine halbe Sekunde, im anderen eine Zehntelsekunde, dem Gehirn stehen also im Gegensatz zu Tonabständen keine festen Werte für die Dauer von Tönen zur Verfügung. Es muß je nach Komposition seine zeitliche Kategorisierung ausdehnen oder zusammendrücken, und dies geschieht hauptsächlich durch das Metrum.

Das Wesentliche am Metrum ist der kontinuierliche Schlag, der sich wie das Ticken einer Uhr über das rhythmische Muster legt.

Vereinfacht gesagt ist der Schlag die ständige Wiederholung von Kontraktion und Relaxion, von Spannung und Entspannung. Wenn das Gehirn ein Gefühl für den Schlag entwickelt hat, nimmt es ihn auch dann vorweg, wenn einzelne Schläge unhörbar sind oder auf lang anhaltende Noten fallen. Dennoch muß eine Abfolge von Schlägen immer von neuem aufgefrischt werden, damit ihre Antizipation durch das Gehirn nicht nachläßt. Genauso wie die Harmonik einer andauernden Bestätigung des tonalen Zentrums bedarf, braucht der Rhythmus eine beständige Wiederholung des Grundschlages. Ein Ausfall von nur wenigen Sekunden kann den Hörer ziemlich verwirren.

Psychologisch gesehen stellt der Schlag eine Erneuerung der Wahrnehmung dar, ein permanentes Auffrischen der Aufmerksamkeit. Eine Grundeigenschaft unseres Nervensystems besteht darin, daß es Phänomene, die sich nicht verändern, relativ schnell nicht mehr wahrnimmt. Schläge halten jedoch unveränderliche Phänomene im Bewußtsein. Dieser Prozeß der Aufmerksamkeitserneueurung ist für uns so selbstverständlich, daß unser Nervensystem sogar einen Schlag hinzufügt, wo gar keiner vorhanden ist. Wenn man einen Ton kurz singt, erzeugt man eine einzelne vokale Bewegung, dehnt man den Ton jedoch über mehrere Sekunden aus, kann man feststellen, daß man etwa jede Sekunde selbst feine Akzente setzt - fast so, als wolle man die Dauer des Tones auszählen. Um einen Ton also beständig aushalten zu können, muß man sich gegen den natürlichen Impuls stemmen, lang andauernde Prozesse in kürzere aufzuteilen.

Wenn jeder Schlag gleich laut ist, klingt Musik monoton wie Maschinengewehrfeuer, deshalb werden bestimmte Schläge durch Betonung hervorgehoben. Typischerweise spielt man jeden zweiten, dritten oder vierten Ton lauter und zwingt unser Gehirn dazu, automatisch Gruppen aus zwei, drei oder vier Schlägen zu bilden, die jeweils mit einer Betonung beginnen. Im Prinzip mißt unser Gehirn Zeitabstände über Gruppen von Schlägen. Musik mit einem Dreier-Metrum wird im allgemeinen als "Dreivierteltakt" bezeichnet, was bedeutet, daß sie aus Gruppen von jeweils drei Schlägen besteht, von denen jeder eine Viertelnote lang sind.

Unsere Wahrnehmung von Metren ist durch Primzahlen bestimmt. Eine Primzahl ist eine Zahl, die nur durch sich selbst geteilt werden kann. Die Zahl 3 ist eine Primzahl, weshalb wir ein Dreier-Metrum als Ganzheit begreifen: EINS-zwei-drei, EINS-zwei-drei. Die Zahl 4 hingegen ist durch 2 teilbar und deswegen hören wir ein Vierer-Metrum als zwei Gruppen mit jeweils zwei Schlägen mit einer leichteren Betonung auf dem Anfang des zweiten Paars: EINS-zwei Drei-vier, EINS zwei Drei-vier.

Wie steht es aber mit Metren von mehr als vier Schlägen? Die Zahl 5 ist ebenfalls eine Prirnzahl und kann somit nicht geradzahlig geteilt werden. Ein Gehirn, das versucht, fünf Schläge als Gruppe von 2 + 3 Schlägen oder als Gruppe von 3 + 2 Schlägen wahrzunehmen, käme in Schwierigkeiten. Deshalb versucht es die fünf Schläge als Ganzes zu begreifen. Fünf Schläge dauern jedoch erheblich länger als die altbekannten Zweier- und Dreier-Gruppen und verursachen deshalb manchem Zuhörer Probleme. Sie beschweren sich, Musik im Fünfvierteltakt habe "keinen Rhythmus". Obwohl sich Beispiele eines Fünfer-Metrums durch die gesamte Geschichte der abendländischen Musik ziehen, haben selbst Fachleute Schwierigkeiten damit. Bei der Premiere von Ravels Ballett "Daphnis et Chloe", das über weite Passagen im Fünfvierteltakt verläuft, konnten die Tänzer nur dadurch im Takt bleiben, daß sie laut den Namen des Impresarios auszählten: "Ser-ge Diaghi-lev, Ser-ge Dia-ghi-lev". Ein Siebener-Metrum ist noch anspruchsvoller.

Die meisten westlichen Zuhörer haben mit erweiterten Metren derartige Schwierigkeiten, daß Musikwissenschaftler diese sogar als nicht verstehbar deklariert haben. Die Welt ist aber nun mal metrisch kompliziert - unnatürlich ist eigentlich das Fehlen komplexer Metren in der westlichen Musik. Wann immer komplexe Metren in der Musik einer Kultur häufig auftauchen, lassen sie sich auch von Normalsterblichen begreifen, selbst zusammengesetzte Metren, die zum Beispiel zwischen Gruppen aus drei und vier Schlägen wechseln.

Eine noch größere Herausforderung für die Wahrnehmung stellt die Polyrhythmik dar. Polyrhythmik hieße vielleicht besser "Polymetrum", da gleichzeitig mehrere Metren gespielt werden. Es können drei Schläge in der einen Stimme verlaufen gegen zwei Schläge in einer anderen, möglich sind auch vier Schläge gegen drei oder dreizehn Schläge gegen sechs. Jede Kombination ist möglich, auch lassen sich beliebig viele Metren kombinieren. Der Beginn diese Kapitels beschreibt vier gleichzeitig auftauchende Metren bei den afrikanischen Trommeln. Abbildung 5.2 zeigt weitere Beispiele.

Bei der Polyrhythmik muß das "Oberstübchen" Extraschichten einlegen, denn sie erfordert mehr Aufmerksamkeit als die einfachen Metren der sonst üblichen Musik, in der Sechzehntel in Achtel, Achtel in Viertel und Viertel in halbe Noten aufgehen: Alles ist schön teilbar. Diese Ordnung erleichtert es dem Gehirn, kommende Töne als Halbierung oder Verdopplung des zugrundeliegenden Grundschlages vorwegzunehmen. Wenn sich in der Polyrhythmik jedoch drei und vier Töne überlagern, ergeben sich unregelmäßige Abstände zwischen den Tönen beider Metren. Es entsteht ein feines zeitliches Gewebe, das sich nur durch genaues Hinhören analysieren läßt.

Polyrhythmik kann man selbst einmal versuchen. Klopfen Sie mit Ihrer linken Hand folgendes Muster auf den Tisch: Eins-zwei, Einszwei. Dann klopfen Sie mit der rechten Hand drei Schläge, während die linke Hand weiterhin zwei Schläge klopft, wobei der erste Schlag mit beiden Händen gleichzeitig erfolgen soll. Haben Sie es hingekriegt? Wenn nicht, seien Sie nicht traurig. Es ist schrecklich schwer für das Gehirn, gleichzeitig zwei Rhythmen zu erzeugen, selbst wenn sie miteinander verbunden sind. Trotz all ihrer Fähigkeiten haben selbst afrikanische Trommler meist nur einen einzigen Rhythmus durchzuhalten, obwohl sie ihn natürlich mit den Rhythmen der anderen koordinieren müssen. Die meisten westlichen Musiker lernen die Erzeugung von Polyrhythmen niemals richtig. Wenn ihnen einer begegnet, behalten sie einfach ständig den Taktstock des Dirigenten im Auge und halten, die dagegengesetzten Metren der anderen Instrumente ignorierend, ihren eigenen Takt einfach durch.

Polyrhythmik tritt in der abendländischen Musik eher selten auf, obwohl es sie schon seit langer Zeit gibt. Man findet Spuren von ihr in der experimentellen Musik des frühen Barock, bei Mozart und Beethoven und vor allem in der Musik romantischer Komponisten wie Schumann und Brahms. In der klassischen Musik wird Polyrhythmik oft als Ornament eingesetzt, als eine Art rhythmischer Holperstein; es gibt jedoch auch lange polyrhythmische Passagen. Im Jazz kommt Polyrhythmik häufiger vor, in der westlichen Musik ansonsten jedoch nicht so oft. Sehr verbreitet ist sie jedoch in der traditionellen Musik des Mittleren Ostens, Asiens und vor allem Afrikas.

Manchmal ist Polyrhythmik subtiler. An die Stelle zweier eigenständiger rhythmischer Linien tritt lediglich die Andeutung einer zweiten. Dies ist bei Synkopen der Fall, bei denen Schläge außerhalb der normalen Zählzeit mit einem Akzent versehen werden. Solche Synkopen finden sich in jeglicher Musik und können so regelmäßig auftreten, daß das Gehirn sie bereits vorwegnimmt. Im Prinzip bilden Synkopen eine zweite rhythmische Linie, die der ersten zuwiderläuft, ein Abglanz echter Polyrhythmik. In der westlichen Musik tauchen Synkopen nirgendwo so häufig auf wie in den gebrochenen Rhythmen des Ragtime - Übersetzt heißt Ragtime "zerfetztes Zeitmaß".

Metrische Komplexität wird manchmal mit harmonischer Komplexität verglichen. Diese Parallele ist sicherlich interessant. Wie eine Skala den Tonraum unterteilt, gliedert ein Metrum die Zeit. Ein Großteil der Musik besteht aus einfachen Metren und ähnelt damit harmonisch einfallsloser Musik, die auf die Töne der diatonischen Skala reduziert ist. Rhythmisch anspruchsvollere Musik weicht durch erweiterte Metren, Synkopen oder Polyrhythmik von eintönigen Metren ab, -genau wie harmonisch anspruchsvolle Musik chromatische Skalentöne und Hierarchien tonaler Zentren benutzt. Aus diesem Blickwinkel gleicht ein komplexes Metrum der Dissonanz in der Harmonik. Die abendländische Musik hat sich eingehend mit der harmonischen Dissonanz beschäftigt, während bestimmte außereuropäische Kulturen dies mit der rhythmischen "Dissonanz" taten. Dieser Vergleich erscheint elegant und einleuchtend, ob er jedoch stimmt, steht auf einem anderen Blatt. Wir werden später nochmals darauf zurückkommen.

Phrasierung

Phrasierung ist etwas völlig anderes als das Metrum, zum Beispiel sind ihre Marker viel feiner: Während das Metrum eine regelmäßige, größtenteils vorhersagbare Abfolge von Betonungen darstellt, ändert sich die Phrasierung ständig. Am leichtesten läßt sie sich in der Musik verfolgen, die der natürlichen Phrasierung eines Liedtextes folgt. Die Phrasierung tritt daneben besonders auch in derjenigen Instrumentalmusik hervor, die sich aus der Gesangstradition entwickelt hat. Ein Barockkomponist wie Vivaldi genießt unter anderem deshalb solche Popularität auch bei denjenigen, die klassische Musik sonst nicht sehr schätzen, weil die Phrasierung seiner Musik vollkommen offensichtlich ist und das Gehirn leicht ihren Aufbau erfaßt. Bei Beethoven ist das nicht mehr so einfach, bei Wuner noch schwerer. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde die Phrasierung für sich so kompliziert wie jede Polyrhythmik afrikanischer Musik. Wie ein komplexes Metrum läßt sich auch komplexe Phrasierung nur verstehen, wenn man mit ihrer Technik und ihren Konventionen vertraut ist.

Mit zunehmender Komplexität gleicht die Phrasierung auch nicht mehr gesprochenen Sätzen. Abfolgen kurzer schneller Phrasen verbinden sich zu einer verwobenen Textur, und viele längere Phrasen fügen sich zu einer ausgedehnten, hierarchisch gegliederten Struktur, die vielleicht genauso beeindruckend und schwierig zu verfolgen ist wie ein seitenlanger Satz in einem Roman von Faulkner. Im Gegensatz zu den kleinen gleichmäßigen Abschnitten des Metrums kann eine Phrasierung jede Form und Größe annehmen. Gleicht das Metrum Ziegelsteinen, dann entspricht die Phrasierung Gußbeton.

Warum betrachten wir Phrasierung überhaupt als eine Form von Rhythmus? Weil sie genau wie das Metrum dazu dient, Musik zeitlich zu gestalten. Wenn man das Metrum einer Komposition dadurch stört, daß man beispielsweise jeden zweiten statt wie vorgegeben, jeden dritten Schlag hervorhebt, zerfällt die Komposition vor unseren Augen beziehungsweise Ohren. Weil jetzt verwandte Töne nicht mehr miteinander in Beziehung stehen, kann man der Komposition nicht mehr folgen, auch wenn sie noch immer rhythmisch in dem Sinn ist, daß es einen einfach nachvollziehbaren Grundschlag gibt. Daraus wird deutlich, daß nicht der Grundschlag des Metrums per se ein Musikstück rhythmisch macht, sondern die Art und Weise, wie er die Wahrnehmung organisiert. Genauso sicher verliert Musik ihren inneren Zusammenhang, wenn die Marker der Phrasierung falsch gesetzt sind - als ob die Umrisse einer Zeichnung über eine andere gelegt würden.

Das Prinzip der Phrasierung unterscheidet sich erheblich von dem des Metrums: Das Metrum funktioniert durch seine Vorhersehbarkeit; die Betonungen, die das Metrum festlegen, bringen das Gehirn dazu, Töne auf immer die gleiche Weise zu Gruppen zusammenzufügen.

Melodie
und Harmonik müssen diesen Zeitabschnitten angepaßt werden. Das Metrum ist in seiner Regelmäßigkeit schon fast tyrannisch, dafür aber zuverlässig. Die Phrasierung hingegen lebt größtenteils durch den inneren Zusammenhang des Klanges, den sie gestaltet. Wie ein Satz der Sprache dann beendet ist, wenn etwas Sinnvolles gesagt wurde, beinhaltet auch eine musikalische Phrase einen ganzen musikalischen Gedanken. Oft ist dieser Gedanke harmonisch geformt. Während einer melodischen Linie bewegt sich die Harmonie auf unbekanntem Territorium und kehrt dann kurzzeitig in gewohnte Gefilde zurück. Beim Hören einer solchen Auflösung gruppiert das Gehirn die vorangegangenen Töne und bereitet sich darauf vor, die darauffolgenden Fortschreitungen aufzunehmen. Schnellere Auflösungen erzeugen kürzere Phrasen, die dann zu größeren zusammengestellt werden können.

Um die Bedeutung eines sinnvollen Zusammenhangs bei Phrasierungen zu verstehen, vergegenwärtige man sich, was geschieht, wenn der Sprachrhythmus gestört ist. Anstelle des Satzes "Was bringt den Doktor ... um sein Brot? ... a) die Gesundheit, ... b) der Tod." (Eugen Roth) könnten die Wörter folgendermaßen aufgeteilt werden: "Was bringt den Doktor um ... sein Brot? a ... die Gesundheit, b ... der Tod. Es ist unmittelbar einleuchtend, was hier nicht stimmt. Wörter, die größere Gruppen bilden, werden zusammen gesprochen, damit man den Sinn schneller erfaßt. Wenn wir also vom Sprachrhythmus reden, sprechen wir (auch) von einer Einteilung des Sprachflusses in sinnvolle Gruppen. Das gleiche gilt für die Musik. Falsch phrasierte Musik löst sich ebenso unweigerlich auf wie Musik im falschen Metrum.

Phrasierung
definiert sich über andere Mechanismen als die Harmonik, beispielsweise durch den Wechsel von Instrumenten an den Grenzen von Phrasen oder durch kontrastierende Lautstärke, Struktur oder Tonbereiche. Wie das Metrum beruht aber auch die Phrasierung auf Markern, kleinen Pausen, anfänglichen Betonungen, melodischen Verzierungen - all das hilft, den Beginn einer Phrase, eines Seitengedankens oder das Ende einer vorausgegangenen Phrase zu erkennen.

Wenn ein Komponist in der Lage ist, Phrasierungen gekonnt einzusetzen, und Musiker diese auch entsprechend wiedergeben, wird Musikalität hergestellt. Das Gehirn nimmt eine zeitliche Abfolge unterscheidbarer musikalischer Abschnitte wahr. Durch Kontrastierung der Umrisse und Größen dieser musikalischen Objekte und durch deren Position in Zeit und Tonraum kann ein Komponist eine abstrakte Szene entwerfen wie ein Maler auf der Leinwand.

Solche Tonlandschaften sind für diejenigen, die nicht über die nötigen Kenntnisse verfügen, allerdings kaum erkennbar. Das Gehirn muß mit harmonischen Regeln vertraut sein, um die Grenzen von Phrasierungen zu erkennen, und - vielleicht am wichtigsten - das Kurzzeitgedächtnis muß in der Lage sein, die Hinweise in komplexer Musik solange zu speichen, bis alle relevanten Bestandteile der Szene aufgenommen wurden. Das Gehirn kann keinen zweiten Blick auf vergangene Töne werfen. Das Gedächtnis ist die Leinwand für die Musik.
Mit zunehmender Größe entwickeln sich diese musikalischen Landschaften zu musikalischen Formen. Der Begriff der "Form" wird häufig im Zusammenhang mit festen Regeln für die Struktur von Musik gebraucht. Die AABA-Form beispielsweise kommt recht häufig in der klassischen und populären Musik zum Einsatz. Ein Thema von einigen Takten wird im Teil A vorgestellt, dann im zweiten Teil A wiederholt und weiterentwickelt, im dritten Teil mit einem zweiten Thema B kontrastiert und schließlich die aus beiden Themen resultierende Spannung im letzten Teil aufgelöst. Einige Regeln schreiben bestimmte Akkordwechsel nach einer genau festgelegten Anzahl von Takten vor, das gilt vor allem für den Blues mit seinen drei Gruppen aus jeweils vier Takten, die einem vorgeschriebenen harmonischen Verlaufsmuster folgen. Solche "Rezepte" für die Struktur stellen für einen Komponisten eine Art Gerüst dar, mit dessen Hilfe er die Strenge dieser Komposition meistern kann. Viele der größten Musikstücke der Geschichte wurden nach solchen Spezifikationen geschrieben, aber auch eine Flut von Kitsch der Art "Malen nach Zahlen".

Der Begriff "Form" bezieht sich ebenfalls auf ausgedehnte Phrasierungen. Ist das Metrum sehr komplex gestaltet, wird die Grenze der Wahrnehmbarkeit schnell erreicht. Ein vielschichtiger metrischer Ablauf, der sich über eine ganze Minute hinzieht, überschreitet das Fassungsvermögen des Kurzzeitgedächtnisses bei weitem, denn unser Gehirn hat für das Erinnern von Intensitätsabstufungen einfach kein Talent. Musikalische Phrasen dagegen werden durch Aspekte der Musik gebildet, an die sich unser Gehim gut erinnert: zum Beispiel vollständige Melodien oder harmonische Verläufe. Dadurch lassen sich Phrasierungen zu Landschaften ausdehnen, die einen ganzen Satz in einer Symphonie umspannen. Um eine solche Landschaft erfassen zu können, bedarf es eines guten musikalischen Gedächtnisses, und um sie zu erschaffen, eines wahrlich außergewöhnlichen Geistes.

Von allen kognitiven Leistungen haben diejenigen das größte Ansehen, die vielschichtige Hierarchien aufstellen. Sind dies naturwissenschaftliche Hypothesen, erklären sie die Welt umfassender als weniger vielschichtige. Handelt es sich um geisteswissenschaftliche Theorien, suchen sie nach den letzten Ursachen, und Kunstwerke zeigen uns Sichtweisen, die über das hinausgehen, was wir mit unseren Augen sehen können. In der Musik ist es die Phrasierung, die zeitlich am weitesten reicht, um tiefere Beziehungen herzustellen. Deshalb ist es mehr die Phrasierung und ihre Form als die metrische Komplexität, die als Höhepunkt einer Komposition gerühmt werden.

Trotzdem bedarf eine Musik, die den Rhythmus der Phrasierung hervorhebt, genauso des metrischen Rhythmus. Der Wert des Metrums bei der Gruppierung kurzer Abfolgen von Tönen ist für fast jede Art von Musik unschätzbar, was unter anderem daran liegt, daß die Dauer einzelner Töne - wie auch ihre Tonhöhe - selten völlig perfekt gespielt werden können. Musikinstrumente sind dafür einfach zu ungenau. Das Metrum stellt jedoch Kategorien für die Tondauern auf und deshalb hören wir jeden Ton in angenehmer Ebenmäßigkeit. Gerade so, wie wir jede Tonhöhe um Fis herum auch als Fis wahrnehmen, wird jede Tondauer, die sich im Bereich einer Viertelnote bewegt, auch als solche wahrgenommen. Diese Kategorisierungen bilden die Bausteine für die größeren rhythmischen Strukturen der Phrasierung.

Um das Zusammenspiel von Metrum und Phrasierung besser zu verstehen, kehren wir wieder zu unserem Beispiel des "Pink Panther" zurück. Die Melodie besitzt einen ausgelassenen Schwung. Es fällt richtig schwer, ruhig zu bleiben, wenn man sie nachsingt. Es ist jedoch gar nicht so einfach, den zugrundeliegenden Schlag nachzuklopfen. Die rhythmische Faszination liegt jedoch viel eher in der Phrasierung als im Metrum. Abbildung 5.3 zeigt rhythmische Verbindungen innerhalb dieser Melodie.

Die ersten vier Takte bilden eine einzelne Phrase. Sie beruht auf einer melodischen Kontur, die, wie wir im Kapitel 3 bereits gesehen haben, im wesentlichen den Aufstieg und Abfall einer e-moll-Tonleiter beschreibt. Diese Phrase stellt eine vollständige, hochorganisierte Wahmehmungseinheit dar, die durch unterschiedliche Faktoren gebildet wird. Sie wird durch einen Melodiebogen definiert, der auf demselben tiefsten Ton beginnt und endet. Darüber hinaus wird sie definiert durch einen harmonischen Übergang von e-Moll zu einer Dissonanz von starker Spannung im dritten Takt und einer Auflösung wieder nach e-Moll. Weiterhin wird sie durch die Dynamik definiert, mit der ein Jazzorchester die Lautstärke anhebt, um die Dissonanz zu betonen und am Ende der Phrase wieder leiser wird. Außerdem wird sie durch die interne Struktur der Phrase definiert, bei der kleinere Phrasen in größere eingebettet sind. Sehen Sie sich nochmals die Gliederung von Phrasen und Unterphrasen in Abbildung 5.1 an: Die kleinsten Verständniseinheiten sind die Tonpaare in den ersten zwei Takten. Das Gehirn kann diese Töne kaum getrennt voneinander wahmehmen, sie werden als Einheit gehört. Diese Einheiten schließen sich zu größeren Unterphrasen zusammen, die im wesentlichen durch die melodische Kontur definiert sind und zu der großen, aufwärtsstrebenden Subphrase kombiniert werden, die zur langen Dissonanz im dritten Takt hinführt. Dieser Ton ist stark betont und könnte in einem anderen Zusammenhang das Ende der einen beziehungsweise den Anfang einer anderen Phrase markieren. Ihre relative Dissonanz erzeugt jedoch eine Spannung, die nach Auflösung verlangt. Die Musik hält gewissermaßen den Atem an, und die Phrase ist erst dann zu Ende, wenn sie wieder ausgeatmet hat. Dies geschieht mit der kleinen Unterphrase aus fünf Tönen, die wieder zum tonalen Zentrum E zurückführt.

Bemerkenswerterweise beinhaltet diese Schlußphrase, in der Gruppen von drei Tönen mit einer Klammer zusammengehalten werden, eine Art Polyrhythmus. Die Klammern bedeuten, daß drei Töne auf einem Schlag gespielt werden müssen anstatt der üblichen zwei Töne. Daß der Zuhörer zwei Töne erwartet, aber tatsächlich drei hört, erzeugt eine Art impliziten Polyrhythmus. Durch diese rhythmische Nuance scheint die Phrase in der Wahrnehmung des Hörers ganz plötzlich zu verschwinden, als ob der heranschleichende Panther auf einmal wieder im Gebüsch verschwunden wäre.

Dieser Polyrhythmus beschäftigt das Gehirn bei jedem Schlag und intensiviert damit die Wahrnehmungsleistung des Gehirns. An anderer Stelle, besonders im ersten Takt, sind die Phrasen kürzer und mehr von einander abgetrennt - das Gehirn muß sich weniger anstrengen. Solche Variationen im Informationsfluß erzeugen ihre eigene Spannung und Auflösung - eine andere Form rhythmischer Betonung als die bloße Variation der Lautstärke, die typischerweise das Metrum definiert.

Komponisten erzielen ein Maximum an Wirkung, indem sie die Spannungsteile, die durch die verschiedenen musikalischen Aspekte geschaffen werden, miteinander verweben. In unserem Beispiel wächst die Spannung im zweiten Takt an und kulminiert in der plötzlich auftauchenden Dissonanz im dritten Takt, eine Dissonanz, die noch zusätzlich Kraft durch ihre Position als effektiver Gipfel der melodischen Kontur gewinnt. Alle drei Kräfte sind in denselben Tönen vereinigt und vermitteln dadurch eine nahtlose musikalische Erfahrung. Der Hörer merkt gar nicht, daß er von mehreren Richtungen gleichzeitig attackiert wird.

Wie Abbildung 5.3 auch deutlich zeigt, hat die Metrik unseres Themas nur wenig mit dem sonst in der populären Musik üblichen "Bumm-Bumm" zu tun. Mancini, der klassisch ausgebildet wurde, unterwirft hier das Metrum der Phrasierung. Die akzentuierten Töne der ersten beiden Takte stimmen zwar mit dem Grundschlag überein, doch wird nicht jeder Schlag betont und die Wiederholung reicht nicht aus, um eine Antizipation des Metrums zu erzeugen.

Statt dessen unterhöhlt Mancini den metrischen Schlag im dritten und vierten Takt, weicht ihm aus und vermeidet so Akzentuierungen. Nach der Betonung der lange gehaltenen Dissonanz zu Beginn des dritten Taktes dehnt er sie über den kritischen mittleren Schlag dieses Taktes aus, der damit unbetont bleibt. Erst danach erfolgt der Abstieg der melodischen Linie durch die fünf Töne der letzten Unterphrase. Interessanterweise endet die Melodie noch vor dem vierten Takt wieder auf dem E und läßt diesen wichtigen Schlag aus.

Durch diese Kunstgriffe hindert Mancini den Hörer daran, seine ausgefeilte viertaktige Phrase allzu schnell in ebenmäßige metrische Untereinheiten zu zerlegen. Wenn seine Unterphrasen mit dem zugrundeliegenden Schlag zusammentreffen wie in den ersten beiden Takten, betont Mancini das Metrum. Wenn sie nicht zusammentreffen, umgeht er das Metrum. In beiden Fällen richtet sich sein Augenmerk auf die Erweiterung der Phrasierung hin zum Aufbau großangelegter musikalischer Objekte und damit auch großangelegter musikalischer Wahmehmung.

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