- Montage ist
Zauberkunst
- von Gusztáv
Hámos
-
- Ich kam zu dieser Erkenntnis,
während ich das Buch "Das Bewegungs-Bild (Kino 1)" von Gilles
Deleuze gelesen habe.1
-
- Es ist eine solide theoretische
Arbeit über das Kino, ja über die Kinematographie. Und
es regt an, einen außergewöhnlichen Blick auf die
Tätigkeit des Filmemachen zu werfen. Außerdem
inspiriert das Buch, über die eigene künstlerische
Position nachzudenken.
-
- "Eisenstein erinnert uns
unablässig daran, daß die Montage das Ganze des Films
ist, die Idee." 2
-
- Am Anfang meiner Arbeit mit
Film fragte ich mich: "Wie macht man Filme?"
-
- Ich dachte, am besten findet
man die Idee des Films heraus, wie die filmischen Gedanken
formuliert sind, in dem man vorgefundene Filme neu zusammen
schneidet, in dem man einen bekannten filmischen "Satz" nach Sinn-
und Bedeutungsbildung untersucht. Kurzum durch das Forschen in den
kinematographischen Grenzbereichen. Ich dachte, daß ich
durch das Modifizieren der ursprünglichen Idee die Sinn- und
Bedeutungsbildung erkennen kann.
-
- Aus dieser Überlegung
heraus ist die Arbeit "Commercials" entstanden.
-
-
- I.
-
- Commercial ist der Titel der
Arbeit, die ich 1980 gemeinsam mit Christoph Dreher fertiggestellt
habe.
- Wir fragten uns damals, mit
Bildern recycelt aus dem Universum des Fernsehens, wie wohl
Montage funktioniert.
-
- Daher heißt die Arbeit
auch:
- "40 one-Minute-Adventures in
the World of TV"
- (40 ein-Minütige-Abenteuer
aus der Welt des Fern-sehens)
-
- Dazu möchte ich folgende
Umstände festhalten:
-
- 1, "Commercial" ist eine Musik
LP von "The Residents", eine intermediale Musikband aus San
Francisco.
-
- 2, Commercials sind Produkte
der US amerikanischen Musikwerbeindustrie. Das sind
einminütige Jingles, mit denen man für Neuerscheinungen
wirbt.
-
- 3, "The Residents" nahm das
Konzept dieses Werbe-Medium der Musikindustrie und recycelte die
Idee, in dem sie 40 Einminutenstücke produziert und auf eine
LP zusammengestellt haben.
-
- Mir kam die Idee, die Platte
als Soundtrack zu nehmen um vierzig kurze Filme - auf Englisch
"Jingles" - mit Fernseh- "Ready Mades" zu schneiden. So sind die
einminütigen Musikfilme entstanden.
-
- Die Fernsehsender wurden von
uns als Archive benutzt aus denen wir Bilder abrufen konnten, die
zu unserer Montagevorstellung paßten.
-
- Christoph brachte den Vergleich
zwischen Rohstoff recycling und vorgefundenen
Fernsehmaterial:
- Als Rohstoff betrachtet ist
selbst Fernsehmüll etwas über sich selbst Hinweisendes:
ein potentielles neues Produkt.3
-
- Wir probierten die Filme,
Einstellung für Einstellung, neu zusammen zu fügen und
nach der Musik und Lyrik der Residents zu
modifizieren.
-
- Wir lernten die Absichten, der
Filmemacher kennen und stülpten unsere eigenen
Montagevorstellung denen über.
-
- In dem wir die Filme neu
montiert haben, lernten wir filmische Sätze zu
denken.
-
- "Die Montage ist eben die
Operation, die sich auf die Bewegungsbilder erstreckt, um an ihnen
das Ganze, die Idee, das heißt ein Bild von der Zeit
freizusetzen." 4
-
- II.
-
- Am Anfang fragte ich mich: "Wie
macht man Filme?"
-
- Heute bin ich ein ganzes
Stück weiter und frage mich nun: "Was macht man da, wenn man
sich die Montage eines Films vorstellt?"
-
- Was meint Eisenstein, wenn er
sagt, die Montage, das "Ganze" des Films, das ist die
Idee!
-
- Damit meint er wahrscheinlich
ein imaginäres Bild, das die Idee des Films erahnen
läßt, das wohl als Voraussetzung für ein
Filmprojekt angesehen werden muß. Insofern die Idee, also
die Montage, muß in der Tat zuerst da sein.
-
- Und Deleuze sagt noch
dazu:
-
- "In gewisser Weise muß
das Ganze sogar zuerst da sein, (...). Um so mehr, als das
Bewegungsbild, (...) häufig aus einer Abfolge feststehender
Einstellungen entsteht, die die Montage voraussetzt."
5
-
- O.K.
-
- Ein Bewegungsbild also, das
häufig aus einer Abfolge von feststehenden Einstellungen
entsteht...
-
- Was bedeutet das?
-
- Worauf lasse ich mich ein, wenn
ich einen Filmschnitt aus bereits gedrehten Einstellungen
realisieren will?
-
- Nachdem also der Kameramann die
Moment-Bilder von der vorübergleitenden Realität
aufgenommen hat, muß die Bewegung rekonstruiert und die
Illusion des bewegten Bildes hergestellt werden.
-
-
- III.
-
- Deleuze entwickelt in seinem
Buch: Das Bewegungs-Bild folgende abgefahrene
Vorstellung:
-
- "Von der vorübergleitenden
Realität nehmen wir (...) Momentbilder auf, (und weil diese
die Realität charakteristisch zum Ausdruck bringen,
genügt es uns, sie längst eines abstrakten,
gleichförmigen, unsichtbaren,) auf dem Grunde des
Erkenntnisapparats liegenden Werdens aufzureihen ... Wahrnehmung,
intellektuelle Auffassung, Sprache, sie alle verfahren so. Ob es
sich nun darum handle, das Werden zu denken oder
auszudrücken, ja, es wahrzunehmen - wir tun nichts weiter,
als einen inneren Kinematographen in Tätigkeit zu setzen."
6
-
- In der Tat eine faszinierende
Vorstellung, daß auf dem Grund des Erkenntnisapparates das
Werden liegt. Um so interessanter ist es, weil wir, um unsere
Wahrnehmung zu aktivieren, einen inneren Kinematographen in
Tätigkeit setzen, und damit die Kinematographie zum
Gegenstand unserer Erkenntnisverfahren machen.
-
- Das heißt, wir haben seit
immer schon einen inneren Kinematographen. Und vor mehr als
hundert Jahren wurden dann die Apparate erfunden, die den inneren
Kinematographen ermöglichten nach Außen zu treten und
die Kinematographie als Beruf zu realisieren.
-
- Und wo liegt der Kinematograph
in uns?
- Der innere Kinematograph liegt
im Werden!
- Alle diejenigen, die Filme
zusammenschneiden, die die Kinematographie zum Beruf machen, die
das Werden denken, kehren ihren inneren Kinematographen nach
außen.
- Bis jetzt hat man sie Cutter
oder Schnittmeister genannt. Man hat sie mit dem Schnitt, mit
etwas auseinander schneiden in Verbindung gebracht. Dabei haben
diese Leute auch eine Klebepresse, mit der sie Einstellungen
zusammenfügen und sie in Bewegung setzen und damit das Ganze,
die Idee verwirklichen!
- Deshalb schlage ich vor,
daß man sie in der Zukunft mit dem Begriff Kinematograph
bezeichnet. Menschen, die Bewegung (Kinema) schreiben
(graphieren).
-
-
- IV.
-
- Noch mal zurück zum
Werden:
-
- Wahrnehmung ist Signale
empfangen und "das Werden denken". Zum Beispiel so, daß wir
von der vorübergleitenden Realität Moment-Bilder
rausschneiden, die dann unser innerer Kinematograph auf dem Grunde
unseres Erkenntnisapparates liegenden Werden aufreiht.
-
- Der innere Kinematograph ist
ein fester Bestandteil unseres Bewußtseins. Wobei wir durch
die Erfindung der Reproduktion von Bewegungs-Bildern ein So-sehen
entwickeln.
- Das bewußte So-sehen
bereichert, beeinflußt unser So-sein, durch die in den
Filmen festgehaltenen Entwürfe des Werdens. Damit meine ich,
daß wir in unseren Filmen unter anderem auch unser Werden
simulieren. Das So-sein realisiert sich durch unseren inneren
Kinematographen, getrieben von dem Drang des Werdens.
-
- Wahrnehmung, intellektuelle
Auffassung, Sprache, sie alle verfahren so, (sagt Deleuze)
daß sie von der vorübergleitenden Realität Momente
aufnehmen, die sie dann, auf dem Grunde des Erkenntnisapparats
liegenden Werdens aufreihen. Und damit tragen sie zum Prozeß
des bewußt werden bei.
- Das heißt, daß das
Bewußtsein überhaupt mit Kinematographie zu tun
hat!
-
- Die Frage ist nun, wie
weitreichend sind die Konsequenzen der wahrnehmungstechnischen
Verwendung von kinematographischen Verfahren?
- Hat sich unsere Wahrnehmung mit
der Entwicklung von kinematographischen Techniken
weiterentwickelt?
- Was tun wir, wenn wir Filme
sehen?
- Was tun wir, wenn wir Filme
machen?
- Welche Rolle spielt
Kinematographie in unserem Leben überhaupt?
-
- V.
-
- Vorerst sollten wir uns die
Rahmenbedingungen anschauen.
- Wie sind die Momentbilder
beschaffen, die dann auf dem Grunde des Erkenntnisapparat
liegenden Werdens aufgereiht werden?
-
- "Kadrierung sei die Festlegung
eines - relativ - geschlossenen Systems, das alles umfaßt,
was im Bild vorhanden ist (...)" 7
-
- Die Vermutung liegt nahe,
daß es ohne Rahmen kein Bild gibt.
- Der Rahmen umfaßt das
Bild einerseits, andererseits schneidet er das Bild aus der
Wirklichkeit heraus.
- Durch das Ein-Rahmen werden die
ausgeschnittenen Bilder erst faßbar. Darum ist es richtig zu
sagen, daß das herausgeschnittene Bild von einem Rahmen
umfaßt werden muß, damit es ergreifbar oder begreifbar
wird.
-
- Die Kadrierung, also der
Rahmen, umfaßt das Bild.
- Auf das, was im Bild nicht
vorhanden ist, kann das Off hinweisen.
-
- Deleuze sagt noch
dazu:
- "Jede Kadrierung determiniert
ein Off" 8
-
- Nach meiner Meinung ist das Off
vielerlei und wichtiger Bestandteil der Kinematographie.
- Off ist alles, was sich
räumlich und zeitlich außerhalb des Rahmens
befindet.
- Aber Off ist auch, was zwischen
zwei Einstellungen liegt.
- Off ist das, was in der nicht
sichtbaren Zeit liegt. (Also zwischen den Bildern.)
- Off ist der Moment des
Augenwimpernzucken.
-
- Im Off liegt außerdem die
Interpretationsfreiheit des Betrachters.
-
-
- VI.
-
- Einstellung, was ist
das?
-
- Laut Deleuze
- "Die Szenenaufgliederung
(découpage) ist die Festlegung der Einstellung,
während die Einstellung Festlegung der Bewegung ist, (...)"
9
-
- Die Einstellung ist also durch
die Dauer einer Szene definiert, von einem Montage-schnitt zum
nächsten, in dem sich Bewegung in der Kadrierung abspielt.
Wenn die Kamera sich bewegt, wird die Kadrierung
verändert.
-
- Die Qualität der
Kamera-bewegung, die sich in der Kadrierung abspielt, bestimmt die
Begreifbarkeit des Bildes.
- Je heftiger man an dem Bild
innerhalb des Rahmens rüttelt, desto weniger werden diese
begreifbar.
- Obwohl der Rahmen der
Kinoleinwand noch existiert, wird dieser Rahmen
gesprengt.
- In extremen Fällen wirken
heftige Kamerabewegungen psychisch oder sogar physisch, der Art,
daß sie jegliches denken, auffassen, begreifen
unmöglich machen.
- Wenn also die Kadrierung sich
während der Einstellung verändert, stellt man ein Art
Bewegungsbild her, das emotional, bewegend oder körperlich
wirkt.
- Wenn die Einstellung fest ist,
also den Rahmen tatsächlich umfaßt und
zusammenhält, sogar zusammenfaßt, was im Bild vorhanden
ist, bekommen wir die Chance zur Kontemplation, zur Beobachtung
und damit zum er-greifen oder be-greifen des Inhalt der
Einstellung.
-
-
- VII.
-
- "Die Einstellung ist die
Bewegung, (sagt Deleuze) die unablässig für Umwandlung,
Zirkulation sorgt. (...)
- Und wenn man annimmt, daß
ein Bewußtsein diese Teilung und Vereinigung ausführt,
so wird man die Einstellung als etwas auffassen, das sich wie ein
Bewußtsein verhält." 10
-
- Unter der Teilung (der Dauer)
stelle ich mir die Selektion der Moment-Bilder vor.
Schließlich soll das Bewußtsein für die
Verfügbarkeit der Gedanken, Emotionen, Wahrnehmung,
Erinnerung sorgen.
- Wobei die Teilung, die
Selektion, für die Speicherung der einzelnen Bausteine
(sprich Moment-Bilder) zuständig ist.
-
- Die Vereinigung wiederum soll
die Rekonstruktion (der Dauer) also die Emotionen, Gedanken, usw.
ermöglichen.
-
- Im Ganzen würde es
heißen, daß die Verfügbarkeit über
Erinnerung, Gedanken, Gefühle, Wahrnehmung, durch einen
kinemato-graphischen Prozeß möglich ist und aus zwei
Stufen besteht:
-
- 1, Die Teilung der Dauer. Die
Speicherung der Bestandteile, die Moment-Bilder, kadriert,
"eingerahmt", zusammengefaßt, festgehalten -
- ohne Dauer also schwer
wahrnehmbar -
- liegen irgendwo (auf unserer
"Festplatte") im Hirn.
-
- 2, Die Rekonstruktion der
Dauer: die Moment-Bilder (aus dem "Dachspeicher" holend), auf dem
Grunde des Erkenntnisapparats liegenden Werdens auf reihend, "in
Bewegung setzen".
-
- Denn nur durch die Dauer, durch
die Bewegung, können wir etwas wahrnehmen.
-
- Die Moment-Bilder können
wir auch nach außen, auf einen externen Speicherplatz
verlegen, auf den man sie als "Einstellungen" der Erinnerungen,
Gedanken, Gefühle aufbewahrt und uns nach belieben zur
Verfügung stehen. Film ist tatsächlich so ein
Speichermedium, der die Moment-Bilder in Bewegung setzen kann und
damit Erinnerungen, Gedanken, Gefühle ins Bewußtsein
rufen kann.
-
-
- VIII.
-
- Und Deleuze behauptet,
daß
- "wenn man annimmt, daß
ein Bewußtsein diese Teilung und Vereinigung ausführt,
so wird man die Einstellung als etwas auffassen, das sich wie ein
Bewußtsein verhält. Aber das einzige kinematographische
Bewußtsein, das sind nicht etwa wir, die Zuschauer, noch der
Held, das ist die Kamera, die bald menschliche, bald unmenschliche
oder übermenschliche Kamera." 11
-
- Ist das wahr? Ist die Kamera
tatsächlich das kinematographische
Bewußtsein?
-
- Wenn die Kamera sich wie ein
kinematographisches Bewußtsein verhält, wie ist es dann
mit dem inneren Kinematographen bestellt, dessen Aufgabe es ist
die Moment-Bilder auf dem Grunde des Erkenntnisapparats liegenden
Werdens aufzureihen?
- Ist es nicht so, daß die
Kamera die Einstellung nur aufzeichnet? Sind das die
Moment-Bilder, die dann von dem inneren Kinematographen
fleißig auf dem Grund des Erkenntnisapparates aufgereiht
werden können?
-
- Ich möchte festhalten, was
ich über das Bewußtsein weiß. Das
Bewußtsein bezeichnet die Fähigkeit über mentale
Zustände, also Erinnerungen, Gedanken, Gefühle,
Wahrnehmungen zu verfügen. Wenn man sich vorstellt, daß
diese mit Hilfe von Moment-Bildern festgehalten, auf dem Grunde
des Erkenntnisapparats liegenden Werdens vom inneren
Kinematographen aufgereiht sind, dann müssen wir die
Fähigkeit zu Bewußtsein dem inneren Kinematographen
zugestehen. Demnach ist nicht die Aufzeichnung der Bilder, sondern
die Tätigkeit, also die tatsächliche Aufreihung der
Momentaufnahmen auf das Werden ausschlaggebend!
-
-
- IX.
-
- Konrad Lorenz erklärt in
seiner erkenntnistheoretischen Position "Hypothetischer
Realismus", daß sich im Verlauf der Evolution verschiedene
kognitive Funktionen entwickelten, die im menschlichen
Erkenntnisapparat zusammengefaßt wurden.12
-
- Nach meiner Meinung ist der
wesentliche Unterschied zwischen dem Fotoapparat und dem
Erkenntnisapparat, daß Film einen fotochemischen Ab-druck
des Lichts aufzeichnet, während im Hirn die Bilder, über
die Wahrnehmungsapparate vermittelt, einen biochemischen Ein-Druck
speichern. Den Ab-Druck des Lichts auf dem Film kann ich
"bewußt" verändern. (Ich werde mich schon daran
erinnern, wenn ich auf einem Foto herum manipuliert habe.)
- Der Ein-Druck in meinem Hirn
kann durch andere biochemische Faktoren, durch meine inneren
Zustände und durch die Zeit "un-bewußt" verändert
werden. (Ich kann mich nicht mehr genau daran erinnern, wie es
gewesen ist.)
-
- Der wesentliche Unterschied
ist, daß ich über die Filmbilder unverändert,
objektiv (weil der Film ein Objekt ist) verfügen kann,
während über die Erinnerungs-bilder nur subjektiv, nur
auf dem Grunde des Erkenntnisapparats liegenden Werden aufgereiht,
verfügen kann. Die Erinnerung ist subjektiv, die wird hin und
wieder vergegenwärtigt, im Erkenntnisapparat unkontrollierbar
prozessiert. Dagegen können die Filmbilder immer wieder
kontrollierbar vorgeführt werden.
-
-
- X.
-
- Wir können den gleichen
Film sehen, unsere Verfassung, Erfahrung, Zustand wird dazu
beitragen, daß wir individuell mehr oder minder
unterschiedliche Filme wahrnehmen werden.
-
- Nicht nur die Moment-Bilder,
nicht nur die Einstellung, sondern das "Ganze", die Montage
hinterlässt den entscheidenen Eindruck auf uns
Rezipienten.
- Daher ist die Chance der
Kamera, sich wie ein Bewußtsein zu verhalten, doch extrem
gering!
-
- Mit anderen Worten, ich
plädiere dafür, daß das einzige kinematographische
Bewußtsein doch dem Subjekt, dem Zuschauer zugeschrieben
wird und die Kamera soll ein Objekt bleiben, das weder menschlich,
noch unmenschlich, noch übermenschlich sein kann.
- Die Möglichkeit
Gegenstände mit humanen Eigenschaften zu versehen bleibt,
nach meiner Meinung nach, im Universum der Imagination der
Menschen. Wir sind es, die die Kamera mit
Persönlichkeitsattributen versehen. Wir sind es, die die
Bilder, die durch die Kamera aufgenommen worden sind, menschlich,
unmenschlich oder übermenschlich empfinden.
- Das bewerten der Einstellung
aber findet auf dem Grunde des Erkenntnis-Apparats liegenden
Werdens statt, und wird "gänzlich" von unserem inneren
Kinematographen bewältigt.
-
- Die Kamera kann sich nicht wie
ein Bewußtsein verhalten, sie ist nicht geeignet dazu. Der
Mensch mit der Kamera kann Bilder festhalten und sammeln. Bilder,
die sie "unverändert" speichern kann und er als
Erinnerungsstützen oder Auslöser von Emotionen oder
Auslöser von Gedanken benutzen kann. Diese Bilder können
hin und wieder projiziert, als Einstellungen betrachtet zu einer
bestimmten Dauer von dem Mensch mit der Schere zugeschnitten
werden.
- Die Einstellung kann dann von
dem Mensch mit der Klebepresse mit anderen Einstellungen
zusammen-gefügt werden. Durch die Montage kann der Eindruck
der einzelnen Einstellungen suggestiv und nachhaltig
verändert werden, so daß der Betrachter sie als
menschlich oder unmenschlich und sogar übermenschlich
empfinden kann.
-
-
- XI.
-
- Wie ich schon am Anfang sagte:
Montage ist Zauberkunst! Sie entsteht auf dem Spielfeld der
kinematographischen Illusion.
-
- "Im Begriff Illusion steckt das
ältere und heute ungebräuchliche Zeitwort "illudieren"
(von lat.: ludere spielen) Es kann zum Beispiel heißen: sein
Spiel mit jemandem treiben,..
- Eine Illusion bezeichnet im
allgemeinen Sprachgebrauch eine mit technischen Mitteln
herbeigeführte Sinnestäuschung. Illusionisten zeigen dem
Menschen anscheinend Unmögliches,..13
-
- Und dazu noch ein mal Deleuze,
danach sind wir von ihm zunächst erlöst:
-
- (...) die kinematographische
Illusion. In der Tat beruht das filmische Verfahren auf zwei
komplementären Voraussetzungen: Momentschnitte, die Bilder
genannt werden; eine Bewegung oder eine unpersönliche,
einheitliche, abstrakte, unsichtbare oder nicht wahrnehmbare Zeit,
die "im" Apparat ist und "mit" der man die Bilder vorbeiziehen
läßt." 14
-
- Ich denke, daß es um die
Illusion der Bewegung der Bilder geht. Das heißt, die Bilder
bewegen sich nicht, sondern die bestimmte Abfolge der Stillbilder
(mit einem vorgegebenen Rhythmus) erzeugen die Illusion des
bewegten Bildes. Und damit befindet sich die Kinematographie im
Universum der Illusionen, dessen Echtheit oder Wahrhaftigkeit nur
dort, also nur in der Welt der Illusionen, zu finden
ist.
-
-
- Gusztáv Hámos
16-10-2006, Berlin
-
-
- ANMERKUNGEN
-
- 1 Gilles Deleuze (1925-1995)
- zweibändiges Werk
"Cinéma" 1983 (L'image-mouvement [dt. "Das
Bewegungs-Bild"]) und 1985 (L'image-temps [dt. "Das
Zeit-Bild"]) ,Frankfurt/M. 1997
-
- 2 Gilles Deleuze Das
Bewegungs-Bild Drittes Kapitel: Montage 1, S. 49
-
- 3 Christoph Dreher
Scheiße zu Gold!, Hrsg. Veruschka Bódy und
Gábor Bódy,
- Video/Buch: AXIS, DuMont
Buchverlag Köln 1986, S. 22
-
- 4 Gilles Deleuze Das
Bewegungs-Bild Drittes Kapitel: Montage 1, S. 49
-
- 5 Ebd., S. 49
-
- 6 Gilles Deleuze, Das
Bewegungs-Bild, Erstes Kapitel: These zur Bewegung Erster
Bergson-Kommentar, S. 14
-
- 7 Gilles Deleuze, Das
Bewegungs-Bild, Zweites Kapitel: Bildfeld und Einstellung
Kadrierung und Szenenaufgliederung 1, S. 27
-
- 8 Ebd., S. 32
-
- 9 Ebd., S. 36
-
- 10 Ebd., S. 38
-
- 11 Ebd., S. 38
-
- 12 Konrad Lorenz ,
Rückseite des Spiegels. Versuch einer Naturgeschichte des
menschlichen Erkennens. Piper Verlag München,
1973
-
- 13
http://de.wikipedia.org/wiki/Illusion
-
- 14 Gilles Deleuze, Das
Bewegungs-Bild, Erstes Kapitel: These zur Bewegung, Erster
Bergson-Kommentar, S. 14