Michel Foucault: Was ist ein Autor?[1] (1969)
[É] Der Begriff Autor ist der Angelpunkt fŸr die Individualisierung in der Geistes-, Ideen- und Literaturgeschichte, auch in der Philosophie- und Wissenschaftsgeschichte. Selbst wenn man heute die Geschichte eines Begriffs, einer literarischen Gattung oder eines bestimmten Philosophietyps nachzeichnet, glaube ich, betrachtet man diese Einheiten wohl als relativ schwache, zweitrangige und Ÿberlagerte Ordnungsprinzipien verglichen mit der ersten, soliden und grundlegenden Einheit: Autor und Werk. [É]
Die Formulierung des Themas, von dem ich ausgehen mšchte, Ÿbernehme ich von Beckett[2]: ãWen kŸmmertÕs, wer spricht, hat jemand gesagt, wen kŸmmertÕs, wer spricht.Ò In dieser GleichgŸltigkeit mu§ man wohl eines der ethischen Grundprinzipien heutigen Schreibens erkennen. [É] ZunŠchst lЧt sich sagen, da§ sich das Schreiben heute vom Thema Ausdruck befreit hat: es ist auf sich selbst bezogen, und doch wird es nicht fŸr eine Form von Innerlichkeit gehalten; es identifiziert sich mit seiner eigenen entfalteten €u§erlichkeit. Dies besagt, da§ das Schreiben ein Zeichenspiel ist, das sich weniger nach seinem bedeuteten Inhalt als nach dem Wesen des Bedeutenden richtet; dies besagt aber ebenso, da§ man mit dieser SchreibregularitŠt immer wieder von seinen Grenzen her experimentiert; immer Ÿbertritt und kehrt es diese RegularitŠt um, die es anerkennt und mit der es spielt. Das Schreiben entwickelt sich wie ein Spiel, das zwangslŠufig seine Regeln Ÿberschreitet und so nach au§en tritt. Im Schreiben geht es nicht um die Bekundung oder um die Lobpreisung des Schreibens als Geste, es handelt sich nicht darum, einen Stoff im Sprechen festzumachen; in Frage steht die …ffnung eines Raumes, in dem das schreibende Subjekt immer wieder verschwindet.
Das zweite Thema ist noch vertrauter; es ist die Verwandtschaft des Schreibens mit dem Tod. Diese Verbindung kehrt ein jahrtausendealtes Thema um; die ErzŠhlung oder das Epos der Griechen war dazu bestimmt, die Unsterblichkeit des Helden zu verewigen, und wenn der Held zustimmte, jung zu sterben, so geschah dies, damit sein geweihtes und durch den Tod erhšhtes Leben in die Unsterblichkeit eingehen konnte; die ErzŠhlung lšste den hingenommenen Tod ein. [É] Dieses Thema: ErzŠhlen und Schreiben, um den Tod abzuwenden, hat in unserer Kultur eine Metamorphose erfahren; das Schreiben ist heute an das Opfer gebunden, selbst an das Opfer des Lebens; an das freiwillige Auslšschen, das in den BŸchern nicht dargestellt werden soll, da es im Leben des Schriftstellers selbst sich vollzieht. Das Werk, das die Aufgabe hatte, unsterblich zu machen, hat das Recht erhalten, zu tšten, seinen Autor umzubringen. Denken Sie an Flaubert, Proust, Kafka.[3] Aber das ist noch etwas anderes: die Beziehung des Schreibens zum Tod Šu§ert sich auch in der Verwischung der individuellen ZŸge des schreibenden Subjekts. Mit Hilfe all der Hindernisse, die das schreibende Subjekt zwischen sich und dem errichtet, was es schreibt, lenkt es alle Zeichen von seiner eigenen IndividualitŠt ab; das Kennzeichen des Schriftstellers ist nur noch die Einmaligkeit seiner Abwesenheit; er mu§ die Rolle des Toten im Schreib-Spiel Ÿbernehmen. All das ist bekannt; und schon seit geraumer Zeit haben Kritik und Philosophie von diesem Verschwinden oder diesem Tod des Autors Kenntnis genommen.
Ich bin jedoch nicht sicher, ob man auch rigoros alle notwendigen Konsequenzen aus dieser Fragestellung gezogen und ob man das Ereignis in seiner Tragweite ganz erkannt hat. Genauer gesagt, es scheint mir, da§ eine Reihe von Begriffen, die heute das Privileg des Autors ersetzen sollen, es eigentlich blockieren und das umgehen, was im Grunde ausgerŠumt sein sollte. [É]
ZunŠchst der Begriff Werk. Man sagt ja (und das ist eine weitere sehr bekannte These), da§ das Besondere der Kritik nicht darin bestehe, die Beziehungen zwischen Werk und Autor aufzudecken oder mit Hilfe der Texte, Denken oder Erfahrung zu rekonstruieren; die Kritik soll vielmehr das Werk in seiner Struktur analysieren, in seinem Bau, in seiner inneren Form und im Wechselspiel seiner inneren Beziehungen. Nun mu§ man aber gleich eine Frage stellen: ãWas ist ein Werk?Ò was ist das fŸr eine komische Einheit, die man mit dem Namen Werk bezeichnet? aus welchen Elementen besteht es? ist ein Werk nicht das, was der geschrieben hat, der Autor ist? Man sieht Schwierigkeiten auftauchen. Wenn nicht ein Individuum Autor wŠre, kšnnte man dann sagen, da§ das, was es geschrieben oder gesagt hat, das, was es in seinen Papieren hinterlassen hat, das, was man aus seinen €u§erungen anfŸhren kann, ãWerkÒ genannt werden kšnnte? WŠre also Sade kein Autor, was wŠren dann seine Papiere?[4] Papierrollen, auf denen er wŠhrend seiner GefŠngnistage endlos seine Wahnvorstellungen entrollte.
Aber nehmen wir an, da§ man es mit einem Autor zu tun hat: ist alles, was er geschrieben hat, alles, was er hinterlassen hat, Teil seines Werks? Ein zugleich theoretisches und technisches Problem. Wenn man zum Beispiel an die Veršffentlichung der Werke Nietzsches[5] geht, wo soll man Halt machen? Man soll alles veršffentlichen, ganz sicher, aber was hei§t denn dieses ãallesÒ? Alles, was Nietzsche selbst veršffentlicht hat, einverstanden. Seine WerkentwŸrfe? zweifellos. Aphorismusprojekte? ja. Aber wenn man in einem Notizbuch voller Aphorismen einen Bezug, einen Hinweis auf ein Rendez-vous oder eine Adresse oder eine WŠschereirechnung findet: Werk oder nicht Werk? Aber warum nicht? Und so weiter ad infinitum. Wie kann man aus den Millionen Spuren, die jemand nach seinem Tod hinterlЧt, ein Werk bestimmen? Die Werktheorie existiert nicht und denen, die naiv beginnen, ein Werk herauszugeben, fehlt eine solche Theorie, so da§ ihre empirische Arbeit deshalb sehr rasch ins Stocken gerŠt. [É] Man sieht, wie es um den Werkbegriff herum vor Fragen wimmelt. Deshalb ist es nicht genug, wenn man sagt: verzichten wir auf den Autor, untersuchen wir nur das Werk in sich selbst. Das Wort ãWerkÒ und die Einheit, die es bezeichnet, sind wahrscheinlich genauso problematisch wie die IndividualitŠt des Autors. [É]
[Es gibt] GrŸnde, die mit dem âideologischenÕ Status des Autors zusammenhŠngen. Die Frage lautet dann: Wie kann man die gro§e Bedrohung, die gro§e Gefahr verringern, die Fiktion fŸr unsere Welt darstellt. Die Antwort lautet: Man kann sie mit dem Autor verringern. Der Autor erlaubt eine Limitierung der krebsartigen und gefŠhrlichen Vermehrung der Bedeutungen in einer Welt, in der man nicht nur mit seinen Ressourcen und ReichtŸmern sparsam ist, sondern auch mit seinen Diskursen und ihren Bedeutungen. Deshalb mŸssen wir die traditionelle Vorstellung vom Autor vollstŠndig umkehren. Wir sind es gewohnt [É] zu sagen, da§ der Autor der geniale Schšpfer eines Werks ist, in dem er mit unendlichem Reichtum und unendlicher Gro§zŸgigkeit eine unerschšpfliche Welt von Bedeutungen niedergelegt hat. Wir sind es gewohnt zu denken, da§ der Autor so anders ist als alle anderen Menschen und so transzendent bezŸglich aller Sprachen, da§, sobald er spricht, Bedeutung beginnt, sich zu vermehren, sich unendlich zu vermehren.
Genau das Gegenteil ist wahr: Der Autor ist nicht die unendliche Quelle an Bedeutungen, die ein Werk fŸllen; der Autor geht den Werken nicht voran, er ist ein bestimmtes Funktionsprinzip, mit dem, in unserer Kultur, man einschrŠnkt, ausschlie§t und auswŠhlt; kurz gesagt, mit dem man die freie Zirkulation, die freie Handhabung, die freie Komposition, Dekomposition und Rekomposition von Fiktion behindert. Wenn wir daran gewšhnt sind, den Autor als Genie, als unendliche Bedeutungsflut darzustellen, dann geschieht dies in Wahrheit eigentlich deshalb, weil wir ihn in genau der entgegengesetzten Weise funktionieren lassen. Man kann sagen, da§ der Autor ein ideologisches Produkt ist, da wir ihn als das Gegenteil seiner historisch realen Funktion darstellen. (Wenn eine historisch gegebene Funktion in einer Figur dargestellt wird, die sie auf den Kopf stellt, dann handelt es sich um eine ideologische Hervorbringung.) Der Autor ist demnach die ideologische Figur, mit der man die Art und Weise kennzeichnet, in der wir die Vermehrung von Bedeutung fŸrchten.
Indem ich das sage, scheine ich eine Form der Kultur zu fordern, in der Fiktion nicht durch die Figur des Autors eingeschrŠnkt wird. Es wŠre allerdings reiner Romantizismus, sich eine Kultur vorzustellen, in der das Fiktive in einem absolut freien Zustand operieren kšnnte, in der Fiktion jedermann zur VerfŸgung stehen wŸrde und sich entwickeln kšnnte, ohne so etwas wie eine notwendige oder einschrŠnkende Figur zu durchlaufen. Obwohl der Autor seit dem 18. Jahrhundert die Rolle eines Regulators des Fiktiven gespielt hat, eine Rolle, die ziemlich charakteristisch fŸr unsere Epoche der industriellen und bŸrgerlichen Gesellschaft, des Individualismus und des Privateigentums ist, scheint es dennoch, angesichts der historischen VerŠnderungen, die stattfinden, nicht notwendig zu sein, da§ die Autorfunktion konstant in Form, KomplexitŠt oder sogar Existenzweise bleibt. Ich glaube, da§, wŠhrend sich unsere Gesellschaft Šndert, in eben dem Moment, in dem sie dabei ist, sich zu Šndern, die Autorfunktion verschwinden wird, und zwar in einer solchen Weise, da§ Fiktion und ihre polysemen[6] Texte wiederum nach einem anderen Modus funktionieren werden, aber immer noch innerhalb eines Systems von EinschrŠnkungen – eines, das nicht lŠnger der Autor ist, sondern eines, das noch festgelegt werden mu§ oder vielleicht erfahren.
[1] Michel Foucault: Was ist ein Autor? †bersetzt von Fotis Jannidis. In: Texte zur Theorie der Autorschaft. Herausgegeben und kommentiert von Fotis Jannidis [u. a.], S. 198-232, Stuttgart 2000. Der Text ist in seiner vorliegenden Gestalt von Sebastian Fendrich redigiert und mit Anmerkungen versehen worden. – Der franzšsische Philosoph Michel Foucault (1926-1984) ist der BegrŸnder der sogenannten Diskursanalyse, die als methodisches Verfahren eine weiterfŸhrende Anwendung des strukturalistischen Ansatzes auf den TŠtigkeitsbereich der Textanalyse bedeutet. Demnach soll die Rekonstruktion von Autorintentionen oder anderen Bedeutungsinstanzen einer ideologiekritisch motivierten Untersuchung weichen, auf welche Weise bestimmte Themen in verschiedenen sprachlichen Kommunikationsbereichen behandelt bzw. ausgeschlossen werden.
[2]
Samuel Beckett (1906-1989) – irischer Schriftsteller, der neben dem
Franzosen Eugne Ionesco (1912-1994) als BegrŸnder und Hauptvertreter des
absurden Theaters gilt. Sein berŸhmtes StŸck En attendant Godot (dt.: Warten auf Godot) gehšrt nach wie vor zum festen Repertoire
zeitgenšssischer SchauspielbŸhnen.
[3]
Gemeint sind freilich der franzšsische Romancier Gustave Flaubert (1821-1880)
mit seinem bekanntesten Roman Madame Bovary,
der franzšsische ErzŠhler Marcel Proust (1871-1922) mit seinem epischen
Hauptwerk A la recherche du temps perdu (dt.: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit) und der …sterreicher Franz Kafka (1883-1924). Es ist
ein Topos der Dekadenz-Literatur, dass das schšpferische Wirken verfeinerter
€stheten mit dem Schwinden ihrer vitalen KrŠfte erkauft wird.
[4] Marquis de Sade (1740-1814) – franzšsischer Skandalschriftsteller und Freigeist, der sich in seinen Romanen Les 120 journŽes de Sodome (dt.: Die 120 Tage von Sodom) und La nouvelle Justine ou les malheurs de la vertu (dt.: Die neue Justine oder das UnglŸck der Tugend) in ermŸdender Breite der expliziten Darstellung durchaus ungewšhnlicher und fragwŸrdiger Sexualpraktiken widmet. Insgesamt verbringt Sade 31 Jahre seines Lebens in GefŠngnissen, ArmenhŠusern, Irrenanstalten und unter Hausarrest.
[5] Friedrich Nietzsche (1844-1900) – deutscher Philosoph, der in radikaler Absetzung von der neuzeitlichen Metaphysik dem spŠten 19. Jahrhundert die Diagnose eines umfassenden Nihilismus stellt.
[6]
polysem (gr.) – vieldeutig